Geschlechterstereotype in der Frühpädagogik

Inwiefern kann ein erhöhter Erzieheranteil in Kindertagesstätten zur Erweiterung traditioneller Geschlechterrollen und somit zum Abbau von Geschlechtsstereotypen beitragen?


Hausarbeit, 2016
18 Seiten, Note: 13

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung.

2. Der theoretische Rahmen: Geschlechterstereotype

3. Traditionelle Geschlechterrollen in der Frühpädagogik

4 Das Potenzial zur Erweiterung traditioneller Geschlechterbilder

5. Die Gefahr der Reproduktion von Geschlechterstereotypen

6. Handlungsempfehlungen aus der Wissenschaft: Genderkompetenz und Ausgewogenheit der Geschlechter

7. Kritik an Handlungsempfehlungen des BMFSFJ

8... Zusammenfassung und Ausblick

Quellen...

1. Einleitung

ln den letzten Jahren ist die Forderung nach mehr Männern in der Sozialarbeit von Wissenschaft, Politik und Praxis immer lauter geworden. Dafür werden sehr unterschiedliche Begründungen angeführt, und diese in der Wissenschaft äußerst kontrovers diskutiert.

Vorherrschend sind gleichstellungs- und arbeitsmarktpolitische sowie sozialisationstheoretische Argumentationen. Befürworter eines erhöhten Männeranteils argumentieren, die Parität der Geschlechter in der Erziehung sei ein wünschenswerter Schritt zur Gleichstellung, neue Arbeitsmarktbereiche müssten auf Grund der sinkenden männlichen Erwerbsbeteiligung für Männer zugänglich gemacht werden oder der Mann bringe ein ״männliches Element“ in die Erziehung ein. (vgl. u. A. Schröder 2011; Rose 2012: 10ff). Diese Argumente sind umstritten und bedürften jeweils einer eigenen vertiefende Analyse.

Thema dieser Arbeit ist ein weiteres interessantes Argument, welches in der Debatte etwas im Hintergrund steht: Durch einen erhöhten Männeranteil im Sozial- und Bildungsbereich können Rollenbilder erweitert und Geschlechtsstereotype abgebaut werden. Dieses Argument wird unter anderem vom Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ) vorgetragen. Inwiefern dieses Argument stichhaltig ist, wird im Verlauf der Arbeit gezeigt.

Als ich im Sommer letzten Jahres längere Zeit in einem Kindergarten und in einer Kita verbrachte, konnte ich miterleben, wie sich Kinder enorm früh Geschlechterstereotype aneignen und untereinander reproduzieren und wie in dieser Phase die Weichen entweder für ein enges oder für ein weites Verständnis von Geschlechterbildern gelegt werden können. Daraufhin wurde mir es zu einem persönlichen Anliegen, mich mit dem Thema Geschlechterstereotype in der Frühpädagogikauch wissenschaftlich zu beschäftigen. Ich laß von dem Modellprogramm ״MEHR Männer in Kitas“ vom BMFSFJ von 2010, was meine Neugier weiter weckte. Dieses Programm wird hier, neben vielen anderen Aspekten, auch Erwähnung finden.

Die Erweiterung und Lockerung von Rollenbildern aufgrund eines erhöhten Männeranteiles wird von Kritikern oft als unmöglich und von Befürwortern häufig als einfach und unkompliziert dargestellt, (vgl. Rose 2012 vs. Cremers; Krabel 2010). Einfach ist es nicht. Ein erhöhter Männeranteil trägt viel Chancen und Potenziale in sich; bei der Durchführung gibt es allerdings einiges zu beachten, um diese Potenziale zu entfalten.

Um den Bereich der Sozial- und Bildungsarbeit angemessen einzugrenzen, liegt der Anwendungsfokus der Arbeit auf Kindertagesstätten und frühkindlicher Bildung. Vor diesem Hintergrund lautet die Leitfrage:

״Inwiefern kann ein erhöhter Erzieheranteil in Kindertagesstätten zur Erweiterung traditioneller Geschlechterrollen und somit zum Abbau von Geschlechtsstereotypen beitragen?“

Die Arbeit ist folgendermaßen strukturiert: Sie beginnt mit einem theoretischen Rahmen zu Geschlechterstereotypen und möglichen wissenschaftlichen Ansätzen zu deren Abbau. Spezifischere Beschreibungen von Geschlechterrollen in der Frühpädagogik stehen im Anschluss. Es folgt einerseits die Darstellung der vielen Potenziale, die durch einen erhöhten Erzieheranteil gegeben sind, woraufhin im nächsten Schritt die Gefahr der Reproduktion von stereotypen diskutiert wird.

Was bei der Lockerung der festen Rollenbilder, und der damit verbundenen Hoffnung auf Abbau von verletzenden Stigmatisierungen zu beachten ist, d.h. auch wie der Reproduktion der stereotypen entgegengewirkt werden kann, wird daraufhin mit Handlungsempfehlungen aus der Wissenschaft beantwortet, an die eine Kritik an den offiziellen politischen Handlungsempfehlungen des BMFSFJ 2010 angeschlossen wird. Den Abschluss bilden eine Zusammenfassung der wichtigsten Argumentationen und ein Ausblick mit Überlegungen zu Diversityansätzen in der Kita.

2. Der theoretische Rahmen: Geschlechterstereotype

Geschlechterstereotype definiert Eckes (1997: 57) als ״ [...]kognitive Strukturen, die sozial geteiltes Wissen über die Charakteristika von Frauen und Männern enthalten und sie in Kategorien einordnen.“

Weiter definiert er Geschlechterstereotype als kulturell geteilte Erwartungen bezüglich des Verhaltens von Frauen und Männern. Es bestünden in der Gesellschaft Muster von Verhaltensweisen der Frauen und Männer, die als angemessen oder unangemessen betrachtet werden, (vgl. ebd.: 58)

Geschlechterrollen sind also Verhaltenserwartungen oder - Vorschriften für das jeweilige Geschlecht, welche in der Gesellschaft übliche oder anerkannte Verhaltensweisen beinhalten.

Im Gegensatz zu nationalen stereotypen oder Altersstereotypen sind für die Geschlechterstereotype kennzeichnend, dass sie deskriptive und präskriptive Anteile beinhalten. Deskriptive Anteile beziehen sich auf traditionelle Sichtweisen, wie Männer und Frauen ״sind“. Männer ״sind‘ demnach beispielsweise rational, zielstrebig, Frauen emotional und verständnisvoll. Auf Verletzungen dieser Vorstellungen folgt typischerweise Überraschung. Präskriptive Anteile beziehen sich auf traditionelle Annahmen, wie Frauen und Männer ״sein sollen“. Frauen ״sollen“ demnach emotional, Männer ״sollen“ zielstrebig sein. Auf Verletzungen dieser stereotype folgen typischerweise Ablehnung oder Irritation, (vgl. Eckes 2004: 171).

Geschlechterstereotype sind wie alle stereotype durch eine starke Reduzierung von Vielfalt und von Verallgemeinerungen gekennzeichnet. Aus stereotypen werden Stereotypisierungen, wenn eine Anwendung stereotypgestützten Wissens auf konkrete Personen erfolgt (vgl. Eckes 2004: 172). Diejenigen Individuen, die von Vorstellungen darüber, wie sie sich verhalten sollen und was sie zu interessieren hat, abweichen, können als unnormal stigmatisiert und abgewertet werden.

Kreisky (2004) führt an, dass Männern und Frauen, Jungen und Mädchen stets Charaktereigenschaften und Fähigkeiten aufgrund ihrer Anatomie zugeschrieben, bzw. abgesprochen wurden, (vgl. Kreisky 2004). u. a. durch eine Entkopplung von Natur, Charakter und letztlich Schicksal könne man Geschlechterstereotypisierung beeinflussen und Zuschreibungen aufbrechen. Es gelte anzuerkennen, dass ein großer Teil unserer Geschlechtsidentität sozial konstruiert ist, die sozial-kulturelle Umwelt also, wie die Eltern, die Peergroup, die Erzieher einen großen Einfluss darauf haben, was es bedeutet ein Junge oder ein Mädchen zu sein. Dadurch kann der Prozess des ״doing gender“ reflektiert und Stigmatisierungen entgegengewirkt werden, (vgl. Kreisky 2004).

Um Grenzen zwischen den Geschlechtern und somit auch Geschlechterstereotype abzubauen, kann neben der Reflexion von Gender versucht werden, die Geschlechter grenzenüberwindende Erfahrungen machen zu lassen und ihnen Perspektiven jenseits geschlechtlicher Einengung zu eröffnen.

Genau dies versuchte das 2010 bundesweit durchgeführte Modellprogramm ״MEHR Männer in Kitas“, welches im 7. Kapitel noch ausführlicher Erwähnung findet. Da der Erzieheranteil in Deutschland sehr gering ist (ca. 3 %), hieß es, Männer sollen bei der Entscheidung unterstützt werden, den Erzieherberuf zu wählen. Weiterhin hieß es, durch das Modellprogramm können traditionelle Geschlechterbilder in der Kita erweitert werden, (vgl. BMFSFJ 2010). Inwiefern das möglich ist, wird im Verlauf der Arbeit diskutiert.

3. Traditionelle Geschlechterrollen in der Frühpädagogik

Das essentialisierende Vorurteil, Frauen könnten durch ihre Nähe zum Kind aufgrund von Schwangerschaft und Stillfähigkeit auch gleichzeitig besser mit (Klein)Kindern umgehen, hat lange Zeit die ausschließliche Existenz von Frauen in der Frühpädagogik und in der Heimerziehung gerechtfertigt, (vgl. Brandes 2012: 262).

Die gesellschaftliche Einstellung gegenüber Vätern als auch die Einstellung von Vätern gegenüber ihren Kindern hat sich in Deutschland in den letzten 20 bis 30 Jahren gewandelt. Immer vorherrschender wird das Bild vom modernen Vater, der sich aktiv um die Kindererziehung bemüht. Unterstützt wird diese Einstellung durch entwicklungspsychologische Untersuchungen (u. A. Lamb 1997a), die belegen, dass die Fähigkeit zur Versorgung, Betreuung und Erziehung von Kindern nicht geschlechtsspezifisch ist, sondern Erziehung von beiden Elternteilen gleichermaßen ״on the job“ gelernt werden kann. (vgl. Brandes 2010: 263). In der Erziehung außer Haus, d.h. in der beruflichen Frühpädagogik, sind Männer aber nach wie vor unterrepräsentiert.

4. Das Potenzial zur Erweiterung traditioneller Geschlechterbilder

Wie könnten Geschlechtsstereotypen durch einen erhöhten Männeranteil abgebaut werden und wen könnte dies in der Kindertagesstätte betreffen? Im Folgenden werden die Potenziale und Chancen zur Lockerung, zum Abbau und zur Erweiterung traditioneller Geschlechterstereotype in einer Kita für den Erzieher selbst, für die Kita-Kinder und für das Kita-Team näher erläutert.

Erzieher

Die Akzeptanz von mehr Erziehern in der Kita kann gegen geschlechtsstereotype Einengung und begrenzte Verwirklichkeitschancen wirken. Den Erziehern können ״Perspektiven jenseits traditioneller und einengender Männlichkeits- und Lebensentwürfe“ (BMFSFJ 2010: 9) hin zu einem erweiterten Berufsspektrum nach ihren eigenen Fähigkeiten und Interessen eröffnet werden. Einen Job, den sie als facettenreich, spaßmachend und persönlich sinnerfüllend erleben könnten, sollte ihnen nicht vorenthalten und durch gesellschaftliche Akzeptanz zugänglich gemacht werden, (vgl. BMFSFJ 2010: 14).

Bei Kitaleitungen, Trägerverantwortlichen und Eltern werden männliche Erzieher bisher in hohem Maße akzeptiert und als bereichernd angesehen, (vgl. BMFSFJ 2010: 1). Anzustreben wäre aber eine gesamtgesellschaftliche Akzeptanz und Anerkennung des Berufes Erzieher- auch von anderen Männern, welche nicht im Erziehungsbereich arbeiten.

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Details

Titel
Geschlechterstereotype in der Frühpädagogik
Untertitel
Inwiefern kann ein erhöhter Erzieheranteil in Kindertagesstätten zur Erweiterung traditioneller Geschlechterrollen und somit zum Abbau von Geschlechtsstereotypen beitragen?
Hochschule
Philipps-Universität Marburg
Note
13
Autor
Jahr
2016
Seiten
18
Katalognummer
V420480
ISBN (eBook)
9783668684348
ISBN (Buch)
9783668684355
Dateigröße
583 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
geschlechterstereotype, frühpädagogik, inwiefern, erzieheranteil, kindertagesstätten, erweiterung, geschlechterrollen, abbau, geschlechtsstereotypen
Arbeit zitieren
Master of Arts in Friedens- und Konfliktforschung Felicitas Menges (Autor), 2016, Geschlechterstereotype in der Frühpädagogik, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/420480

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