Darstellung des Judentums in Leopold von Sacher-Masochs kleiner Prosa

Welche Rolle spielte es in Leopold von Sacher-Masochs literarischem und gesellschaftlichem Schaffen?


Bachelorarbeit, 2018

23 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einführung – Zu den Ursprüngen der Auseinandersetzung Leopold von Sacher-Masochs mit dem galizischen Judentum
1.1 Hintergründe für die Beschäftigung mit dem Judentum

2. Sacher-Masochs Erzählungen Polnische Judengeschichten und Jüdisches Leben im Kontext der deutsch-jüdischen Ghettoliteratur

3. Das Ghetto und die Ghettoliteratur - Begriffsdefinitionen und Merkmale eines „Textgenres“

4. Zwischen Haskala und Chassidismus – Vergleich zwischen Leopold von Sacher-Masochs und Karl Emil Franzos' literarischer Rezeption des chassidischen/orthodoxen Judentums

5. Die Taufe als Prüfstein der Liebe – Das Problem der interkonfessionellen Ehe und die gesellschaftliche Wirkung in Sacher-Masochs Erzählungen

6. Zur Thematisierung des Judentums und jüdischer Belange in Leopold von Sacher-Masochs Zeitschrift Auf der Höhe

7. Der Oberhessische Verein für Volksbildung (OVV) und seine Parteinahme für die jüdische Bevölkerung

8. Fazit

9. Literaturverzeichnis

Monographien und Werkausgaben:

Beiträge aus Sammelbänden:

Beiträge aus Lexika:

Beiträge aus Periodika:

Sonstige Quellen:

Er war zeitlebens überzeugter Philosemit, hat für die Juden gestritten [...] Hat für sie gekämpft, obwohl er viel darum befehdet wurde, als Christ, und ich kann wohl sagen, als einziger Christ seiner Zeit. [1]

1. Einführung – Zu den Ursprüngen der Auseinandersetzung Leopold von Sacher-Masochs mit dem galizischen Judentum

Dass sich Leopold von Sacher-Masoch, der neben dem Marquis de Sade als „Vater einer Perversion“[2] ungewollte Berühmtheit erlangte und stets auf sein damit verbundenes Werk V e nus im Pelz reduziert wird,[3] Zeit seines Lebens als bekennender Philosemit und Autor zahlreicher populärer Erzählungen[4] über das Judentum hervortat, ist erst in der jüngsten Zeit zum Gegenstand der literaturwissenschaftlichen Forschung geworden.[5]

Auf Grundlage dieser Thematik soll die vorliegende Arbeit der Frage nachgehen, welche Rolle das galizische Judentum, in Sacher-Masochs prosaischem Werk gespielt hat und auf welche Weise es Erwähnung in seiner Prosa fand. Dazu soll zunächst anhand der Biographie Leopold von Sacher-Masochs aufgezeigt werden, wie es zur Berührung mit der Lebenswelt der osteuropäischen Juden kam und welche weiteren persönlichen Beweggründe Sacher-Masochs eine Rolle gespielt haben könnten. Im anschließenden Hauptteil dieser Arbeit wird die literarische Verarbeitung, die seine jüdischen Erzählungen prägt, anhand von drei zentralen Punkten analysiert werden: dem Kontext der Ghettoliteratur als Genreform von Sacher-Masochs literarischen Werken über die jüdische Bevölkerung, den Motiven des orthodoxen und des chassidischen Judentums sowie dem Motiv der Taufe im Zusammenhang von interreligiösen Ehen.

Diese drei Analysebereiche sollen wiederum als Grundlage des literarischen Vergleichs mit Karl Emil Franzos' Darstellung des orthodoxen Judentums Osteuropas und dem Motiv der interreligiösen Ehe als Problematik des multikonfessionellen Vielvölkerstaats Galizien dienen. Der Schlussteil der Arbeit widmet sich der Untersuchung der politisch-literarischen Arbeit Sacher-Masochs während einer Zeit des aufkeimenden Antisemitismus in Deutschland und Österreich. Dabei wird nicht nur den Beiträgen nachgegangen werden, die in der Zeitschrift Auf der Höhe zum Thema Judentum erschienen sind, sondern auch den gesellschaftlichen Ambitionen als Gegenmaßnahme zur verstärkten Diskriminierung und Diskreditierung der jüdischen Bevölkerung in Deutschland, die durch den von Sacher-Masoch gegründeten Oberhessischen Verein für Volksbildung realisiert wurden.

1.1 Hintergründe für die Beschäftigung mit dem Judentum

Auch wenn Sacher-Masochs biographischer Hintergrund sicherlich nur einen von zahlreichen Beweggründen darstellt,[6] sich nicht nur auf literarischem Wege in seinen Erzählungen mit dem Judentum auseinanderzusetzen, sondern auch auf gesellschaftlichem Feld für jüdische Belange Partei zu ergreifen,[7] sollen hierbei dennoch die frühe Begegnung mit der jüdischen Bevölkerung Galiziens und eine mögliche eigene Identifikation mit der Rolle des Außenseitertums der Juden als zentrale Motive in den Mittelpunkt gestellt werden.

Der am 27. Januar 1836 im galizischen Lemberg geborene Autor entstammte einer katholischen Aristokratenfamilie böhmischen und ungarischen Ursprungs,[8] deren Familienmitglieder in der österreichischen K.u.K.-Monarchie hohe Ämter bekleideten.[9] Der Großvater mütterlicherseits, Franz von Masoch, der als Arzt auch in den Ghettobezirken Galiziens tätig war und dabei oft von Leopold begleitet wurde,[10] wird häufig als zentrale Figur für Sacher-Masochs großes Interesse am Judentum genannt.[11] Die Zuneigung, die die jüdische Bevölkerung Franz von Masoch und damit auch seinem Enkel bezeigte, sollte sich prägend auf das Gesamtwerk Sacher-Masochs auswirken und ihm gute Kenntnisse der jüdischen Gepflogenheiten einbringen.[12] Neben dieser frühen Kindheitserfahrung, wird in der literaturwissenschaftlichen Forschung eine psychoanalytische Komponente hinzugefügt, nämlich die der Ausbildung einer Paria-Identität[13], der Identifikation mit der gesellschaftlichen Außenseiterrolle, aufgrund von Sacher-Masochs eigenem Zwang, sich in die Opferrolle zu versetzen bzw. versetzen zu lassen.[14] Die damit verbundene literarische Hinwendung zum Sujet der ausgegrenzten Juden und anderer unterdrückter Minderheiten, die sein nicht erotisches Werk ausmacht, soll dabei als latente Wiederholung des gleichbleibenden „masochistischen“ Motivs der Unterwerfung gedeutet werden können.[15] Gleichwohl sollte bei dieser These bedacht werden, dass in Galizien als dem Herkunftsland Sacher-Masochs, in dem er 12 Jahre seines Lebens verbrachte,[16],Randständige‘ und ,Außenseiter‘, d.h. nicht nur Juden, sondern auch Ruthenen/Ukrainer und andere Nationalitäten und Religionen, mit denen er sich stets solidarisierte, die normale Bevölkerungszusammensetzung bildeten. Demnach kann nur aus dem Blick des westeuropäischen Betrachters, zumal im Zuge der nationalistisch gesinnten politischen Strömungen der damaligen Zeit, von gesellschaftlich „Randständigen“ gesprochen werden.[17] Damit wäre Sacher-Masochs „typisch masochistisches“ Verhalten nichts anderes als die Umdeutung und Pathologisierung einer kosmopolitischen Gesinnung innerhalb eines Umfelds, in dem jedwede Form der Fremdartigkeit an den Rand der Gesellschaft getrieben wird.

2. Sacher-Masochs Erzählungen Polnische Judengeschichten und Jüdisches Leben im Kontext der deutsch-jüdischen Ghettoliteratur

[18] In dem genuin jüdischen Metier der literarischen Auseinandersetzung mit dem Leben der Bewohner des Ghettos in Galizien in Form der Ghettoliteratur, sticht Leopold von Sacher-Masoch als einer der wenigen nicht-jüdischen Autoren hervor.[19] Als einem Außenstehenden ist seine Kenntnis der religiösen Riten und kulturellen Praktiken der jüdischen Bevölkerung allerdings umso bemerkenswerter,[20] die in seinen Erzählungen in detaillierter Weise beschrieben werden.[21] Die Werte, die Sacher-Masoch mit dem osteuropäischen Judentum verband, wie etwa Bildung, Familiensinn oder Großzügigkeit in Anbetracht (humanitärer) Notlagen[22] werden in den meisten seiner Erzählungen sowohl in den Polnischen Judengeschichten als auch in Jüdisches Leben betont. Im Mittelpunkt seiner Erzählungen stehen dabei zumeist jüdische Heldenfiguren, die aus den engen Verhältnissen der Ghettoexistenz ausbrechen oder aber die Verhältnisse ihrer Glaubensgenossen verbessern wollen. Somit sind sie in ihrer Intension als Erzählliteratur der jüdischen Aufklärungsbewegung zu lesen.[23]

3. Das Ghetto und die Ghettoliteratur - Begriffsdefinitionen und Merkmale eines „Textgenres“

[24] Der Begriff des Ghettos bezeichnet von seiner ursprünglichen Semantik her spezielle, von der christlichen Mehrheitsbevölkerung separierte Wohnbezirke innerhalb der Städte, in denen es der jüdischen Bevölkerung gestattet war, sich anzusiedeln.[25] Über den Ursprung dieses Begriffes herrscht innerhalb der Forschung noch immer eine rege Diskussion.[26] Während neben dem italienischen borghetto als schlichte Bezeichnung für den Stadt- oder Ortsteil, auch das deutsche Wort Gitter sowie das hebräische גט[27] mit ihren trennenden Konnotationen als mögliche Namensgeber fungiert haben könnten aus, dass sich die etymologische Herkunft von der Lokalisation des ehemaligen jüdischen Viertels von Venedig herleitet, auf dessen Gelände sich zuvor eine Gießerei, im venezianischen Dialekt getto genannt, befunden hatte.[29] Die von diesem Begriff abgeleitete Ghettoliteratur, ein ab den 1830er Jahren[30] sowohl bei jüdischen als auch nicht-jüdischen Lesern äußerst populäres Genre der deutschsprachigen Unterhaltungsliteratur[31], thematisierte die abgeschlossene jüdische Lebenswelt, ihre (religiösen) Riten und ihr Brauchtum. Vor dem Hintergrund der Emanzipationsbewegung der jüdischen Bevölkerung, die insbesondere in Deutschland durch Moses Mendelsohn einen berühmten Vertreter fand[32], 31F sollte dem von der christlichen Mehrheitsgesellschaft forcierten Assimilierungsprozess[33] unter anderem auf literarischem Wege entgegengewirkt werden.[34] Das zu diesem Zeitpunkt besonders beliebte Medium des Periodikums wurde dabei benutzt, um nicht nur der Ghettoliteratur eine breite Leserschaft zu verschaffen, sondern auch, um die Interessen der jüdischen Bevölkerung in den Fokus zu stellen.[35]

4. Zwischen Haskala und Chassidismus – Vergleich zwischen Leopold von Sacher-Masochs und Karl Emil Franzos' literarischer Rezeption des chassidischen/orthodoxen Judentums

[36] Obwohl er zu den Unterstützern der Haskala, der sogenannten jüdischen Aufklärung,[37] gehörte, lässt sich die Faszination, die Sacher-Masoch speziell für die orthodoxen und sektiererischen Zweige des Judentums[38] hegte, nicht leugnen. Besonders seine Erzählung[39] Die jüdischen Sekten in Galizien ist ein Beispiel seiner guten Kenntnisse über das Leben und die mystisch-religiösen Besonderheiten der Chassidim[40] und der Karäer[41] im damaligen Galizien sowie eine Hommage an deren religiöse Lebensweise mit der Sacher-Masoch die Eigenschaften nennt, die das Judentum für ihn ausmachen, wie etwa Bescheidenheit und Treue.[42] Im ersten Teil der Erzählung, der die chassidischen Juden thematisiert, wird der Besuch des „Wunderrabbis von Sadogora“ im von Armut geprägten Shtetl dargestellt und es wird offensichtlich, dass Sacher-Masoch auch eigene Erfahrungen in seine fiktive Darstellung eingeflochten hat.[43]

[...]


[1] Das von dem Großneffen Leopold von Sacher-Masochs, Alexander von Sacher-Masoch, zurückgehende Zitat stammt aus: Sacher-Masoch. Aus seinem Leben [1928]. In: Leopold von Sacher- Masoch. Der Judenraphael. Geschichten aus Galizien. Hg. von Adolf Opel. Wien [u.a.]: Böhlau 1989, S.7.

[2] Michael Farin: Vorwort. In: Leopold von Sacher-Masoch. Materialien zu Leben und Werk. Hg. von Michael Farin. Bonn: Bouvier 1987 (Abhandlungen zur Kunst-, Musik- und Literaturwissenschaft, 359). S. 272-331. S. 18.

[3] Welches nur eines von mehreren Werken aus Sacher-Masochs nie komplementierten Novellenzyklus Das Vermächtnis Kains darstellt.

[4] „Sacher-Masoch hatte sich seit Ende der 1850er Jahre als Autor einschlägiger Liebesgeschichten sowie mit „Geschichten aus Galizien“ bereits einen Namen gemacht, als er sich Mitte der 70er Jahre verstärkt jüdischen Themen zuwandte.“ In: Glasenapp, Gabriele von: Aus der Judengasse. Zur Entstehung und Ausprägung deutschsprachiger Ghettoliteratur im 19. Jahrundert. Tübingen: Niemeyer 1996 (Conditio Judaica, 11), S. 235. Adam J. Freudenheim verweist darauf, dass mit Eine Galizische Geschichte 1846 bereits im Jahre 1858 die erste Erzählung Sacher-Masochs erschien, die das Judentum thematisierte. In: Adam J. Freudenheim: Sympathetic portrayals of jews in nineteenth- century German literature. Cambridge [u.a.]: Harvard College Library 1996 (Harvard Judaica Collection, 1), S. 25.

[5] Dieser Tatsache zum Trotz richtet sich der literaturwissenschaftliche Fokus auch weiterhin auf die Untersuchung und Analyse von Sacher-Masochs „pornographischer“ Prosa bzw. der Symbiose zwischen diesem Sujet und seinem weiteren literarischen Schaffen, in steter Verbindung mit einer Analyse der sexualpathologischen Motivation des Autors. Vgl.: Ebd., S. 236. Dass dies seine Berechtigung hat, soll angesichts der zahlreichen „masochistischen“ Motive und stereotyp sadistisch- herrschsüchtigen Protagonistinnen, die auch seine Ghettoerzählungen bevölkern, nicht in Abrede gestellt werden. Es verzerrt allerdings den Blick für all jene Erzählungen, in denen das Thema der Erotik (vollständig) ausgespart wird und führt somit zur undifferenzierten Betrachtungsweise des Gesamtwerkes von Sacher-Masoch. (Vgl. dazu auch: Ebd., S. 236f.)

[6] Wie von Glasenapp richtig betont, existieren für die literarische Beschäftigung mit dem Thema Judentum auf Basis der Ghettoerzählung eine Vielzahl von möglichen, sich gegenseitig nicht ausschließenden Motivationen, die zur Hinwendung Sacher-Masochs zu diesem „Genre“ geführt haben könnten. So stellt von Glasenapp fest: „Die Ursache dafür, sich in diese Funktion „als Mittler zwischen zwei verschiedene Kulturkreise“ zu begeben, sind heute nicht mehr eindeutig festzustellen. Es gab wahrscheinlich ein ganzes Bündel an Motiven, die Sacher-Masochs Entscheidung zugrunde lagen: der auch in Österreich zunehmende Antisemitismus seit Mitte der 1870er Jahre, der große Erfolg der Ghettogeschichten von Karl Emil Franzos, aber auch das Vorbild anderer galizischer Ghettoautoren, deren Werk Sacher-Masoch nachweislich kannte.“ In: Glasenapp, Judengasse, S. 235.

[7] Insbesondere durch seine Zeitschrift Auf der Höhe und der Angebote des Oberhessischen Vereins für Volksbildung, auf die im Verlauf dieser Arbeit ausführlicher eingegangen wird.

[8] Vgl.:Maria Klanska: Das Verhältnis zwischen Juden und Nichtjuden in den polnischen Judengeschichten von Leopold von Sacher-Masoch. In: Konfrontation und Koexistenz. Zur Geschichte des deutschen Judentums. Hg. von Renate Heuer und Ralph-Rainer Wuthenow: Frankfurt [u.a.]: Campus 1996 (Campus Judaica, 7), S. 141.

[9] So war Sacher-Masochs Vater Polizeidirektor von Lemberg, der genannte Großvater mütterlicherseits Medizinprofessor der Lemberger Universität. In: Ernst Fischer (Hg.): Hauptwerke der österreichischen Literatur. Einzeldarstellungen und Interpretationen. München: Kindler 1997, S.146, auch: Klanska: Das Verhältnis zwischen Juden und Nichtjuden, S. 141.

[10] In: Sacher-Masoch. Aus seinem Leben [1928], S. 7.

[11] In: Ebd., so auch in: Klanska: Das Verhältnis zwischen Juden und Nichtjuden, S. zu versetzen bzw. versetzen zu lassen 2. Die häufig kolportierte Annahme Sacher-Masoch hätte eine jüdische Großmutter gehabt lässt sich hingegen nicht belegen. Vgl. : Irving Massey: Philo-Semitism in Nineteenth-century German literature.

[12] Sacher-Masoch. Aus seinem Leben [1928], S. 7f.

[13] Der Begriff des Parias bezeichnete in seiner ursprünglichen (westeuropäischen) Bedeutung die unterste Gesellschaftskaste in Indien. Mit dem 1823 uraufgeführten Stück Der Paria von Michael Beer erlangte dieser Begriff größere Popularität in seiner Benennung eines gesellschaftlich Ausgestoßenen. Erst durch das Werk Max Webers Das Antike Judentum und die Bezugnahme auf Webers Implikationen durch Hannah Arendt, spezifizierte die Begriffskonnotation die gesellschaftliche Außenseiterrolle der jüdischen Bevölkerung. In: Liliana Weissberg: Der Jude als Paria. Stationen in der Geschichte einer Idee im Diskurs der Assimilation. In: Was war deutsches Judentum? 1870-1933. Hg. von Christina von Braun. Berlin: De Gruyter, 2015., S. 120ff.

[14] Diese Deutung nach Gilles Deleuze, auf die auch Hans Otto Horch in seinem Aufsatz Bezug nimmt, hat natürlich wiederum tendenziell das pornographische Werk Sacher-Masochs im Blick. In Bezug auf die Thematisierung der Juden stellt Horch fest: „Wenn Sacher-Masoch recht hat mit der Forderung, man müsse im Roman von der ,Figur' zum ,Problem' fortschreiten, von der phantasmatischen Zwangsvorstellung zur theoretischen Struktur des zugrundeliegenden Problems […], dann ließen sich – im Sinne der Deleuzeschen These – die Judengeschichten in besonderer Weise als Exempla masochistischer Phantasien lesen.“ In: Hans Otto Horch: Der Außenseiter als „Judenraphael.“ Zu den Judengeschichten Leopolds von Sacher-Masoch. In: Hans Otto Horch: Der Außenseiter als „Judenraphael.“ Zu den Judengeschichten Leopolds von Sacher-Masoch. In: Conditio Judaica. Judentum, Antisemitismus und deutschsprachige Literatur vom 18. Jahrhundert bis zum Ersten Weltkrieg. Hg. von Hans Otto Horch und Horst Denkler. Tübingen: Niemeyer 1989 (Zweiter Teil), S. 266.

[15] Ebd., S. 267f.

[16] Klanska: Das Verhältnis zwischen Juden und Nichtjuden, S. 142.

[17] Noch dazu widerspricht die These der Wiederholung des masochistischen Motivs in Sacher-Masoch Ghettoliteratur die Gegenwehr gegenüber Missständen, die durchaus in einigen seiner Erzählungen angesprochen werden.

[18] Die deutsch-jüdische Ghettoliteratur unterscheidet sich dabei von der „ostjüdischen“ Ghettoliteratur, die zum Ausgang des 19. Jahrhunderts entstand und in jiddischer oder hebräischer Sprache die Shtetl-thematik oder zionistische Themen behandelt. In: Jost Hermand: Vorbemerkung. In: Geschichten aus dem Ghetto. Hg. von Jost Hermand. Frankfurt a.M.: Athenäum 1987, S. 19.

[19] Neben Leopold von Sacher-Masoch setzten sich auch die nicht-jüdischen Autoren Alfred Steuer und Eliza Orzeszkowa in ihren Erzählungen mit dem galizischen Judentum auseinander. Vgl.: Glasenapp, Aus der Judengasse, S. 219.

[20] Ein Grund für die Kenntnisse im Bereich der jüdischen Lebenswelt waren nicht nur die eigenen Erfahrungen in Galizien des ausgehenden 19. Jahrhunderts, sondern auch die intensive Beschäftigung mit Ghettoerzählungen von Karl Emil Franzos, Leopold Herzberg-Fränkel, Isaak Mieses u.a. Vgl.: Glasenapp: Judengasse, S. 246f.

[21] Dies betont auch Adam J. Freudenheim in seiner Analyse des Werks Sacher-Masochs: […] He reveals a deep sense of Jewish history, and emphasizes the importance of religion and Jewish values for sustaining these communities [der orthodoxen und chassidischen Juden]. He shows a deep appreciation for those who study the Talmud and live traditional Jewish lives. […] In most of the stories, it is not definite that the narrator is not Jewish; he could very well be a member of the Jewish community. The major exception to this is the parenthetical translation Sacher-Masoch often provides of specific Yiddish and Hebrew terms which appear in some stories, though these could also be a Jewish writer's attempt to make his own culture more accessible to non-Jewish readers.“ In: Adam J. Freudenheim: Sympathetic portrayals of jews in nineteenth-century German literature, S. 25f.. Freudenheim übersieht dabei, dass es auch in der jüdisch-osteuropäischen Literatur üblich war, der „aufgeklärten“ deutsch-jüdischen Leserschaft neben dem hebräischen bzw. jiddischen Begriff eine Begriffserklärung beizufügen, da das Verständnis der traditionellen Bezeichnungen bei den assimilierten Juden nicht mehr vorausgesetzt werden konnte. Vgl.: Saß, Anne-Christin: Vorwort. In: Fischl Schneersohn. Grenadierstraße. Hg. von Anne-Christin Saß. Göttingen: Wallstein 2012 (Charlottengrad und Scheunenviertel, 4), S. 15.

[22] Vgl.: Klanska: Das Verhältnis zwischen Juden und Nichtjuden, S. 143.

[23] siehe Anm. 37.

[24] Dass die verschiedenen Ausprägungen, die unter dem Namen Ghettoliteratur zusammengefasst sind nicht als „Gattung“ bezeichnet, sondern mit dem Begriff „Genre“ belegt werden muss, machen Gabriele von Glasenapp und Hans Otto Horch deutlich: „[...] handelt es sich doch hier um ein Genre, das formal vor allem durch seinen hybriden Charakter gekennzeichnet ist. So unterschiedliche Formen wie Roman und Erzählung, Novelle und Skizze, Sage und Legende, aber auch, freilich sehr selten, Drama und Lyrik lassen sich unter dem Begriff subsumieren. Der literaturwissenschaftliche Begriff der „Gattung“ ist insofern für die Vielzahl dieser Einzelformen der Ghettoliteratur nicht zutreffend. […] Es bietet sich statt dessen für das Phänomen der Ghettoliteratur der weniger normierende Begriff des „Genres“ an […].“ In: Gabriele von Glasenapp; Hans Otto Horch: Ghettoliteratur. Eine Dokumentation zur deutsch-jüdischen Literaturgeschichte des 19. und frühen 20. Jahrhunderts-Teil II. Autoren und Werke der Ghettoliteratur. Tübingen: Niemeyer 2005 (Conditito Judaica, 55), S. 1105f.

[25] „Bis zum Ende des 19. Jahrhunderts, in manchen Ländern sogar noch bis in unser Jahrhundert hinein, hatte das Wort „Ghetto“ nur eine Bedeutung. Mit ihm bezeichnete man jene eng umgrenzten Wohnquartiere, in denen einzig und allein die Juden, das heißt, die Vertreter jenes Volkes zusammengepfercht wurden, denen seit der „Ermordung“ Jesu sowie der Vertreibung aus dem Land ihrer Väter der Makel einer von Gott und den Menschen verfluchten Bevölkerungsschicht anhaftete.“ In: Jost Hermand: Geschichten aus dem Ghetto, S. 7.

[26] Riccardo Calimani: Die Geschichte des Ghettos von Venedig 1516 – 2016, S. 160.

[27] Get als Bezeichnung für den Scheidebrief. Vgl: Ebd.

[28] Vgl.: Ebd.

[29] Ebd., S. 158-160.

[30] Vgl.: Glasenapp: Judengasse, S. 33.

[31] Vgl.: Ebd., S. 26f.

[32] Johann Maier: Judentum. Studium Religionen. Vandenhoeck & Ruprecht: Göttingen 2007 (UTB 2886), S. 151.

[33] Als Erläuterung der erzwungenen „Sprachlosigkeit“ und dem Protest, den die Ghettoliteratur dagegen darstellte konstatiert von Glasenapp: „Die zu Beginn des 19. Jahrhunderts noch existierende, teilweise sogar strikt geforderte Verknüpfung von bürgerlicher Gleichstellung der Juden mit vorangehender oder zumindest gleichzeitig stattfindender Assimilation an ihre nichtjüdische Umwelt zwang auch die jüdischen Schriftsteller der ersten Generation, nicht nur den eigenen Erlebnishintergrund zu verleugnen, sondern Stoffe und Ausdrucksformen ihrer Werke der nichtjüdischen Umwelt zu entnehmen. Konsequent vermieden sie daher jede jüdische Thematik […]“ In: Glasenapp: Judengasse, S. 33.

[34] Vgl.: Ebd.

[35] Vgl.: Ebd., S. 33f.

[36] Der Textvergleich zwischen Leopold von Sacher-Masoch und Karl Emil Franzos ist aufgrund des Umfangs dieser Arbeit lediglich auf die exemplarische Darstellung des orthodoxen bzw. chassidischen Judentums innerhalb ihrer Beschreibungen in Die jüdischen Sekten in Galizen und Cheder reduziert, womit die persönliche Beziehung der Autoren zum Judentum veranschaulicht werden soll. Demzufolge kann hierbei nicht die gesamte Bandbreite der Darstellung des orthodoxen Judentums bei Sacher-Masoch abgebildet werden.

[37] Eine vor allem auf Moses Mendelsohn zurückgehende Form des politischen Protests der jüdisch- aschkenasischen Bevölkerung Westeuropas, Maskilim genannt, die für die vollständige Anerkennung der Bürgerrechte aller Juden eintrat und gegen die Ausgrenzung und Ghettoisierung von Juden kämpfte. Vgl.: Norman Solomon: Judentum. Eine kurze Einführung. Reclam: Stuttgart 1999, S. 62f.; auch: Johann Maier: Judentum, S. 151.

[38] Die Form des orthodoxen Judentums muss von dem des chassidischen (obwohl auch eine Form des orthodoxen Judentums) und dem des karäischen Zweiges strikt getrennt werden, da diese wiederum eine sektenähnliche Ausbildung innerhalb des Judentums bilden und in essentiellen Dingen wie der Messiasverehrung oder der Anerkennung des Talmuds, von der traditionellen jüdischen Religion abweichen.

[39] Die Bezeichnung „Erzählung“ ist im Grunde nicht geeignet, die vielen Gattungen einzufangen, die in dieser kurzen Prosa behandelt werden. Vielmehr handelt es sich um eine religionswissenschaftliche Darlegung, gepaart mit Erfahrungsberichten, historiographischen Einschüben und Ghettogeschichten.

[40] Eine mystisch-religiöse Strömung des aschkenasichen Judentums, die sich kurz vor Mitte des 18.Jahrhunderts unter dem Mystiker Israel Baal-schem in dem heutigen Gebiet der Ukraine und Polens herausbildete. Vgl.: Gershom Scholem: Die jüdische Mystik in ihren Hauptströmungen. Berlin: Suhrkamp 11. Auflage 2015 (Suhrkamp Taschenbuch Wissenschaft, 330). S. 356. Dazu auch Anm.47 und Anm. 48.

[41] Auf die Karäer, die in der zweiten Hälfte seiner Erzählung thematisiert werden, kann aufgrund der Länge dieser Arbeit nicht näher eingegangen werden.

[42] Seine Präferenz für den Zweig der Karäer gegenüber der chassidischen Ausprägung des Judentums wird allerdings schnell deutlich, da mehrheitlich diesen jene „jüdischen“ Eigenschaften zugeschrieben werden. So betont auch von Glasenapp die Tendenz in den Werken von Eliza Orzeszkowa und Leopold von Scher-Masoch, die Karäer in ein sehr positives Licht zu setzen, was sie mit der Annahme der beiden Autoren begründet, dass die Karäer aufgrund der Ablehnung des Talmuds und der Hinwendung zur Thoraauslegung als besonders reformorientiert angesehen wurden. Vgl.: Glasenapp, Judengasse, S. 248.

[43] Vor allem die Parallele zum Arztberuf des Großvaters, durch den Sacher-Masoch das jüdische Leben als Kind kennenlernte, und die Bezugnahme auf die philosemitisch eingestellte Familie geben Anlass zu der Annahme, dass der Autor hier aus eigenen Erinnerungen geschöpft hat.

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Details

Titel
Darstellung des Judentums in Leopold von Sacher-Masochs kleiner Prosa
Untertitel
Welche Rolle spielte es in Leopold von Sacher-Masochs literarischem und gesellschaftlichem Schaffen?
Hochschule
Freie Universität Berlin  (Philosophie und Geisteswissenschaften)
Note
1,7
Autor
Jahr
2018
Seiten
23
Katalognummer
V420572
ISBN (eBook)
9783668690585
ISBN (Buch)
9783668690592
Dateigröße
1416 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Judentum, Leopold von Sacher-Masoch, Religion
Arbeit zitieren
Bianca Weihrauch (Autor), 2018, Darstellung des Judentums in Leopold von Sacher-Masochs kleiner Prosa, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/420572

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