Einleitung
In den siebziger und achtziger Jahren des vorigen Jahrhunderts entwickelten die chilenischen Neurobiologen Humberto R. Maturana und Francisco J. Varela eine biologisch-konstruktivistische Theorie des Erkennens. Sie vertraten dabei die These, dass die Realität in einem objektiven Sinne nicht existent ist, sondern allein ein Produkt unserer Art der Sinneswahrnehmung darstellt. Ausgangspunkt dieser Überlegungen war ihre Beschreibung von Lebensformen als komplexe Systeme, welche die Eigenschaft der Autopoiese aufweisen. Der terminus tecnicus der „Autopoiese“ wurde von Maturana 1972 eingeführt; er setzt sich aus den beiden griechischen Begriffen ,,autos" (dt. selbst) und ,,poiein" (dt. produzieren/erschaffen) zusammen und benennt die Hauptwesenmerkmale lebender Systeme: ihre Selbstgestaltung bzw. Selbstherstellung.
Das Autopoiese-Konzept ist heute zu einem weit verbreiteten Schlagwort in unterschiedlichen Disziplinen geworden, so wurde es u.a. von Zeleny in die Geisteswissenschaften und von Probst in die Psychologie eingeführt. Vor allem jedoch durch die euphorische Aufnahme im (vor allem radikalen) Konstruktivismus erfuhr es eine weite Verbreitung. Der Radikale Konstruktivismus versucht dabei seine erkenntnistheoretischen Thesen mit der Theorie der Autopoiese zu begründen; die These der informationellen Geschlossenscheit lebender Systeme bildet dabei nach Dettmann die Schnittstelle zwischen der biologischen Theorie der Autopoiese und der erkenntnistheoretischen Theorie des Radikalen Konstruktivismus (Dettmann 1999: 5). Der radikale Konstruktivismus untersucht vor allem die Frage, wie unsere Vorstellung von Realität zustande kommt (Dettmann 1999: 1f). Seine Grundannahme ist, dass jedes Subjekt ständig seine eigene Realität individuell neu konstruiert und Realität so überhaupt fiktiv ist. Das Subjekt wird dabei als in seiner eigenen, abgeschlossenen Welt verortet angesehen, Erkenntnis über die objektive Welt kann in dieser Sichtweise aus objektiven Gründen nur subjektiven Charakter haben. Der radikale Konstruktivismus versucht so, die Relativität allen Erkennens mit den Möglichkeiten moderner Naturwissenschaft zu begründen. Diese Grundlagen einer biologischen, konstruktivistischen Systemtheorie nahm auch der deutsche Soziologe Niklas Luhmann zur Kenntnis, die ihm als Anregung und Ideengeber für seine soziologische Systemtheorie dienten....
Inhaltsverzeichnis
0 Einleitung
1 Die Theorie der Autopoiese von Maturana
1.1 Die Selbstreferentialität
1.2 Der Beobachter
1.3 Der Wirklichkeitsbegriff
2 Die soziologische Systemtheorie nach Luhmann
2.1 Systemdifferenzierung
2.2 Das Konzept der Autopoiese
2.3 Der Code
2.4 Wirklichkeit
3 Systemtheorie und Literatur
3.1 Der Roman Don Quijote als autopoietisches Textsystem
3.2 Die Selbstreferentialität im Don Quijote
4 Schlussüberlegungen
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht die Übertragbarkeit systemtheoretischer Konzepte – insbesondere der Autopoiese nach Maturana und Luhmann – auf die Literaturwissenschaft und analysiert exemplarisch anhand des Romans „Don Quijote de la Mancha“, inwiefern literarische Texte als autopoietische Systeme begriffen werden können.
- Grundlagen der biologisch-konstruktivistischen Theorie der Autopoiese bei Maturana.
- Einführung in Niklas Luhmanns soziologische Systemtheorie und Funktionssysteme.
- Die Problematik der Anwendung systemtheoretischer Begriffe auf schriftliche Kommunikation.
- Systemtheoretische Analyse des Romans „Don Quijote de la Mancha“.
Auszug aus dem Buch
3.1 Der Roman Don Quijote als autopoietisches Textsystem
Im folgenden soll versucht werden anhand des Romans „Don Quijote de la Mancha“ darzulegen, inwieweit ein konkreter literarischer Text als die Konstruktion eines autopoietischen Systems im Sinne Luhmanns aufgefasst werden kann.
Im Falle des Don Quijote bietet sich an, die autopoietische Organisation auf der Ebene des Grundmusters der Handlung untersuchen. In diesem Roman lässt sich ein basales Handlungsschema erkennen, auf das in nahezu jedem Kapitel zurückgegriffen wird, nämlich die Wirklichkeitsinterpretation bzw. der „Ritterwahn“ Don Quijotes. Dies wäre die grundlegende Differenz bzw. Unterscheidung, die in vielfacher Wiederholung immer wieder reproduziert wird. Aufgrund dieser Differenz entstehen unterschiedliche Verhaltensweisen einer befremdeten Umwelt (Sancho Pansa und Gesellschaft), die versucht, auf Don Quijote zu reagieren. So ließe sich der ganze Text als ein rekursives Netzwerk von Kommunikationen darstellen, welche immer wieder auf die Anfangsunterscheidung zurückgehen: Don Quijote sieht die Welt mit anderen Augen. Um mit Luhmann zu sprechen: Die Elemente bzw. Kommunikationen bilden in Interaktion miteinander ein rekursives autopoietisches System: sie reproduzieren sich durch Rückgriff auf Bekanntes ständig selbst. Der Text lässt sich so als Modell von Autopoiesis lesen. Er ist als Text ein System, das Elemente rekursiv herstellt, die aus der Ausgangskonstellation hervorgehen.
Zusammenfassung der Kapitel
0 Einleitung: Vorstellung der theoretischen Grundlagen des Radikalen Konstruktivismus und der Autopoiese sowie der Zielsetzung der Arbeit.
1 Die Theorie der Autopoiese von Maturana: Erläuterung des biologischen Autopoiese-Konzepts, der Selbstreferentialität und der Rolle des Beobachters.
2 Die soziologische Systemtheorie nach Luhmann: Übertragung der Systemtheorie auf soziale Systeme mit Fokus auf Systemdifferenzierung, Autopoiese der Kommunikation und den Code-Begriff.
3 Systemtheorie und Literatur: Diskussion der Anwendbarkeit systemtheoretischer Kategorien auf das Literatursystem und Analyse des Don Quijote als Textsystem.
4 Schlussüberlegungen: Reflexion über den Stellenwert der Systemtheorie in der Literaturwissenschaft und Fazit zur Anwendbarkeit der komplexen Begriffswelt.
Schlüsselwörter
Systemtheorie, Autopoiese, Niklas Luhmann, Humberto R. Maturana, Konstruktivismus, Selbstreferentialität, Beobachter, Literaturwissenschaft, Don Quijote, Systemdifferenzierung, Kommunikation, Soziales System, Wirklichkeitsbegriff, Funktionssysteme, Textanalyse.
Häufig gestellte Fragen
Was ist das zentrale Anliegen dieser Hausarbeit?
Die Arbeit analysiert die Übertragbarkeit der Systemtheorien von Maturana und Luhmann auf die Literaturwissenschaft, um zu prüfen, ob literarische Texte sinnvoll als autopoietische Systeme betrachtet werden können.
Welche Themenfelder werden theoretisch behandelt?
Der Fokus liegt auf dem Radikalen Konstruktivismus, dem biologischen Autopoiese-Konzept Maturanas und Luhmanns soziologischer Systemtheorie mit ihren Kernbegriffen wie Differenz, Code und System/Umwelt.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, ein theoretisches Verständnis für literarische Systeme zu entwickeln und anhand von „Don Quijote de la Mancha“ zu zeigen, wie der Text als autopoietisches Netzwerk funktioniert.
Welche wissenschaftliche Methode kommt zum Einsatz?
Die Arbeit nutzt die Literaturrecherche und die systemtheoretische Analyse, um Begriffe der Theorie auf literarische Texte anzuwenden.
Was umfasst der Hauptteil der Arbeit?
Der Hauptteil gliedert sich in eine theoretische Einführung in die Systemtheorie von Maturana und Luhmann sowie in eine konkrete Anwendung dieser Begriffe auf den Roman „Don Quijote“.
Welche Schlagworte charakterisieren den Inhalt am besten?
Die Arbeit wird maßgeblich durch Begriffe wie Systemtheorie, Autopoiese, Konstruktivismus und Selbstreferentialität bestimmt.
Wie unterscheidet Luhmann Kommunikation von Bewusstseinssystemen?
Luhmann trennt diese Systeme strikt: Bewusstseinssysteme verarbeiten Gedanken und Vorstellungen, während soziale Systeme ausschließlich durch Kommunikation prozessieren.
Warum wird Don Quijote als autopoietisches System bezeichnet?
Weil der Roman ein basales Handlungsschema (den „Ritterwahn“) besitzt, das in rekursiven Schleifen ständig wiederholt und reproduziert wird, wodurch der Text sich als abgeschlossenes System organisiert.
Welche Rolle spielt die „Intertextualität“ im Kontext der Arbeit?
Sie wird als mögliches Reformulierungsfeld für den Kommunikationsbegriff Luhmanns diskutiert, um zu erklären, wie Literatur stets auf kulturell interpretierte Realitäten und andere Texte verweist.
Was bedeutet „Objektivität in Klammern“ bei Maturana?
Dies ist eine erkenntnistheoretische Position, bei der der Anspruch auf eine objektive Realität aufgegeben wird, da Wirklichkeit ausschließlich durch die Unterscheidungsoperationen eines Beobachters konstruiert wird.
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- Fabienne Schwarz (Author), 2005, Die systemtheoretischen Theorien Maturanas und Luhmanns mit Ausblick auf die Literaturwissenschaft, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/42093