Im Rahmen der Soziologie der Stadtplanung überträgt die vorliegende Hausarbeit den Grundgedanken individueller und überindividueller, auf Existenzangst basierender, Seuchenprävention auf spezifische, stadtplanerische Prozesse und
analysiert diese anhand der Fragestellung, inwieweit Krankheit und Tod sich ursächlich auf ihr Entstehen ausgewirkt haben.
Stellvertretend für andere Zentren der Industrialisierung, wird am Beispiel des viktorianischen Londons die Interaktion von Krankheit und Gesellschaft dargestellt.
Ziel ist es, den Einfluss potentiell tödlicher Infektionen auf ausgewählte Großbauprojekte herauszukristallisieren. Dabei geht es ausdrücklich nicht um die Frage, wie Stadtassanierung sich letztlich auf die Sterblichkeitsmuster Londons auswirkte, sondern darum, ob Krankheit, oder vielmehr die Angst davor, eine gezielte stadtplanerische Krisenintervention bedingt haben.
Seuchen sind so alt, wie die Menschheit. Sie sind Teil des Lebens und beeinflussen von jeher menschliches Tun und Handeln. Schutzmechanismen als Reaktionen auf auftretende Epidemien fallen in menschlichen Populationen ähnlich aus und basieren auf einem gemeinsamen Antrieb - Angst.
Angst, als Grundgefühl der Bedrohung von Leib und Leben, resultiert in spezifischen Handlungen. Die Furcht vor Vernichtung des eigenen Körpers – sei es als direkte oder indirekte Folge von Ansteckung - ist handlungsleitend. Evolutionsbiologisch begründbar, bemüht sie Anstrengungen zur Aufrechterhaltung der körperlichen Unversehrtheit.
Urbane Zentren, als Konzentrationspunkte von Mensch und Raum, sind aufgrund ihrer Lebensbedingungen bevorzugte Brutstätte pathogener Keime und scheinen umso stärkere Krankheitsausbrüche zu provozieren, je geringer Hygiene, Prophylaxe und Abwehr innerhalb der Möglichkeiten einer städtischen Gesellschaft ausgebildet werden können.
Im Rahmen der Soziologie der Stadtplanung überträgt die vorliegende Hausarbeit den Grundgedanken individueller und überindividueller, auf Existenzangst basierender, Seuchenprävention auf spezifische, stadtplanerische Prozesse und analysiert diese anhand der Fragestellung, inwieweit Krankheit und Tod sich ursächlich auf ihr Entstehen ausgewirkt haben.
Stellvertretend für andere Zentren der Industrialisierung, wird am Beispiel des viktorianischen Londons die Interaktion von Krankheit und Gesellschaft dargestellt...
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Forschungsstand
3. Hygiene im viktorianischen London
3.1 Industrialisierung, Verstädterung, Krankheit
3.2 Wohnungsnot und Elendsquartiere
3.3 Die sanitäre Situation
3.4 Seuchen
4. Hygiene und Seuchenprävention in der Stadtplanung
4.1 Von der Choleraphobie zur Kanalisation
4.2 Soziale Kontrolle durch öffentliche Hygieneanstalten
4.3 Wohnungsbau für ein sittliches Leben
5. Zusammenfassung
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht, inwieweit das Aufkommen von Epidemien im viktorianischen London als Katalysator für stadtplanerische Reformen und Kriseninterventionen fungierte, getrieben durch kollektive Ängste vor Krankheit und sozialem Zerfall.
- Interaktion zwischen rapide fortschreitender Industrialisierung und städtischer Übersterblichkeit.
- Einfluss der Miasmenlehre auf die Entwicklung der Londoner Kanalisation.
- Soziale Kontrolle als präventives Element bei der Errichtung von Hygieneanstalten.
- Die Rolle bürgerlicher Philanthropie bei der Gestaltung von Arbeiterwohnstätten.
- Verbindung von moralischen Werten und hygienischen Standards im 19. Jahrhundert.
Auszug aus dem Buch
3.3 Die sanitäre Situation
Nicht nur auf Lebenserwerb und Wohnraum wirkt sich das Steigen der Einwohnerzahlen negativ aus. Unter dem Druck der Bevölkerungsexplosion bricht in nur wenigen Jahren das fragile Londoner Abwassersystem zusammen. Eine Reihe sich beeinflussender Faktoren zeichnet hierfür verantwortlich.
Frischwasser stammt aus Brunnen, öffentlichen Pumpen oder Fließgewässern. Abwässer, Exkremente und Hausabfälle werden - wie seit Jahrhunderten üblich – in Sickergruben aufgefangen. In den 1840ern zählt London knapp 200.000 dieser hauseigenen Auffangbecken (vgl. Halliday 2009, S.40), die sich häufig im Kellergeschoß, oftmals auch in Gärten oder Hinterhöfen befinden. Ohne einheitliche Bauvorschriften weisen viele Gruben technische Mängel auf und drainieren flüssige Stoffe ungefiltert ins Grundwasser oder überschwemmen – aus Kostengründen ungeleert – Erdgeschosse und Straßen.
Nightsoilmen, gebührenpflichtige Grubenentleerer, entsorgen die Exkremente und verkaufen diese an Bauern im Umland oder an die Salpeterindustrie. Mit Ausweitung des Stadtgebietes und Zunahme der Einwohnerzahl wird der Abtransport jedoch schwieriger und teurer. Die Einfuhr von Guano, das ab 1847 der extensiven Landwirtschaft als preiswerter Dünger dient, bringt dem Exkrementehandel zudem beträchtliche Umsatzeinbußen.
1775 und 1778 werden Patente auf Wasserklosetts angemeldet. Die Erfindung erfreut sich vor allem beim Bürgertum wachsender Beliebtheit und wird auf der Weltausstellung 1851 einem breiten Publikum vorgestellt. Was für Hygiene und Geruchsempfinden in den eigenen vier Wänden von Vorteil ist, erweist sich aufgrund des eingeschränkten Fassungsvermögens von Sickergruben und verwitterter Abwasserkanäle für das Entsorgungssystem als Nachteil.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Diese Einleitung führt in die Forschungsfrage ein, wie Existenzängste infolge von Epidemien stadtplanerische Prozesse im viktorianischen London beeinflussten.
2. Forschungsstand: Hier wird ein Überblick über die bestehende wissenschaftliche Literatur zu den Themen Wohnungsbau, Epidemiologie und Sozialgeschichte des viktorianischen Londons gegeben.
3. Hygiene im viktorianischen London: Dieses Kapitel analysiert die gesundheitlichen Auswirkungen von Industrialisierung und Überbevölkerung sowie die spezifische hygienische Situation der Stadt.
3.1 Industrialisierung, Verstädterung, Krankheit: Untersuchung der sozioökonomischen Faktoren, die den Pauperismus begünstigten und zu einer großstädtischen Übersterblichkeit führten.
3.2 Wohnungsnot und Elendsquartiere: Darstellung der drastischen Wohnungsnot und der daraus resultierenden Entstehung von Slumarchitektur in der wachsenden Metropole.
3.3 Die sanitäre Situation: Erörterung des Kollapses des Abwassersystems und der Problematik der Fäkalienentsorgung durch Sickergruben.
3.4 Seuchen: Klassifizierung der im 19. Jahrhundert grassierenden Krankheiten und ihre Korrelation mit hygienischen Missständen und Lebensbedingungen.
4. Hygiene und Seuchenprävention in der Stadtplanung: Analyse der stadtplanerischen Reaktionen auf Gesundheitsrisiken und die damit verbundene soziale Kontrolle.
4.1 Von der Choleraphobie zur Kanalisation: Untersuchung der sanitären Reformbewegungen unter Chadwick und der Auswirkungen der Miasmenlehre auf Großbauprojekte.
4.2 Soziale Kontrolle durch öffentliche Hygieneanstalten: Analyse der Verknüpfung von medizinischer Versorgung, Disziplinierung und dem Bau öffentlicher Bäder und Krankenhäuser.
4.3 Wohnungsbau für ein sittliches Leben: Darstellung, wie philanthropische Wohnprojekte bürgerliche Moralvorstellungen mit sanitären Standards zu verbinden suchten.
5. Zusammenfassung: Abschlussbetrachtung der Ergebnisse zur Rolle von Ängsten als treibende Kraft für städtische Modernisierungsmaßnahmen.
Schlüsselwörter
Viktorianisches London, Stadtplanung, Seuchenprävention, Miasmenlehre, Cholera, Kanalisation, Pauperismus, Sanitärreform, Philanthropie, Soziale Kontrolle, Wohnungsnot, Industrialisierung, Epidemien, Hygiene, Arbeiterklasse
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit beleuchtet das Verhältnis zwischen der Angst vor Seuchen und der Entwicklung moderner stadtplanerischer Maßnahmen im London des 19. Jahrhunderts.
Was sind die zentralen Themenfelder der Analyse?
Die zentralen Themen sind der Zusammenhang von Urbanisierung und Krankheit, die sanitäre Infrastruktur, öffentliche Hygieneanstalten und die philanthropische Wohnungsbaupolitik.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsarbeit?
Das Ziel ist aufzuzeigen, ob und inwieweit die Furcht vor Infektionskrankheiten gezielte stadtplanerische Kriseninterventionen im viktorianischen London bedingt hat.
Welche wissenschaftliche Methode wird in der Untersuchung verwendet?
Die Verfasserin kombiniert historische Dokumentation mit einer soziologischen Interpretation von stadtplanerischen Aktivitäten während der Geburtsstunde der Metropole.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Untersuchung hygienischer Zustände, die Analyse von Kanalisationsprojekten, Hygieneanstalten und philanthropisch geprägten Wohnbauprojekten.
Welche Begriffe charakterisieren die Arbeit am besten?
Begriffe wie Viktorianisches London, Seuchenprävention, Sanitärreform, Miasmenlehre und soziale Kontrolle beschreiben den inhaltlichen Kern der Arbeit.
Warum wurde die Miasmenlehre so wichtig für die Stadtplanung?
Da man glaubte, Krankheiten würden durch faulige Gerüche übertragen, wurde der Kampf gegen Gerüche (und damit gegen Schmutz) zur treibenden politischen Kraft für den Bau der Kanalisation.
Welche Rolle spielte die Philanthropie im Wohnungsbau?
Philanthropische Akteure sahen im Bau von Arbeiterunterkünften eine Möglichkeit, hygienische Zustände zu verbessern und gleichzeitig die Arbeiterklasse durch ein christlich-bürgerliches Regelwerk moralisch zu disziplinieren.
Wie reagierte die Stadt auf die Cholera?
Die Cholera löste eine klassenübergreifende "Choleraphobie" aus, die schließlich den politischen Druck so weit erhöhte, dass umfangreiche infrastrukturelle Investitionen, wie die Kanalisierung Londons, ermöglicht wurden.
- Citation du texte
- Kate Seifert (Auteur), 2014, Stadtplanung als Seuchenprävention im viktorianischen London, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/421233