Fahrendes Volk und Landschädliche Leute im Mittelalter: Definition und Rechtsstellung


Referat (Ausarbeitung), 2005

10 Seiten, Note: 1-2


Leseprobe

Gliederung

1. Die Debatte um die landschädlichen oder auch schädlichen Leute – Bezüge zum fahrenden Volk ja oder nein?
a. Literaturlage

2. Die soziale Perspektive
a. Wer oder was ist das fahrende Volk im Mittelalter?
b. Ist der Fahrende ein Außenseiter, wie in vielen Publikationen erklärt?

3. Die juristische Perspektive
a. Wie ist die Freiheit der Fahrenden zu bewerten?
b. Wie spielt sie in das geltende Recht hinein?

4. Wer sind die so genannten landschädlichen Leute und was ist ihr juristischer Status?

5. Auf welcher Basis fand dieser Wandel im Rechtssystem statt, der sich auf die landschädlichen Leute zuzuspitzen schien?
a. Rügegericht / Rügeverfahren

6. Literaturverzeichnis

7. Thesen für das Seminarpapier

1. Die Debatte um die landschädlichen oder auch schädlichen Leute – Bezüge zum fahrenden Volk ja oder nein?

In einer Straßburger Stadtordnung aus dem Jahr 1405 werden fahrende Leute definiert als Herolde, Trompeter, Pfeifer, Orgelspieler, Geiger, Sprecher und Sänger. In anderen Quellen ist ebenfalls die Rede von Bärentreibern, fahrenden Schülern, Klerikern und Possenreißern. Auch Angehörige armer Handwerke zählte man hierzu, Schuh- und Kesselflicker, Leineweber, Bader, Bauarbeiter. Einen vollständigen Katalog aller fahrenden Leute scheint unmöglich, auch weil der Alltag des Mittelalters heutzutage oftmals vergessen und nicht überliefert ist.[i]

Die Bezeichnung von Personen im juristischen Bereich als landschädliche Leute kann verstanden werden als Warnung bzw. als Klassifikation, die Betroffenen seien allgemein dem Land schädlich und eine Gefahr für das mittelalterliche Leben. Mit der Gruppe des so genannten fahrenden Volkes haben sie in der Regel gemeinsam, dass sie ohne festen Wohnsitz leben, also ständig auf Achse sind. Wichtig hier ist zu beachten, dass beide Gruppen heterogen sind – gewisse Eigenheiten einen sie, zahlreiche Unterscheide trennen sie nach innen wie nach außen.

a. Literaturlage

Eine Forschungsdebatte zur juristischen Stellung der Landschädlichen Leute entwickelte sich seit Erscheinen von Otto von Zallingers „Das Verfahren gegen die landschädlichen Leute in Süddeutschland. Ein Beitrag zur mittelalterlich-deutschen Strafrechts-Geschichte“ (Innsbruck 1895). Nachfolgende Beiträge, die sich hierauf beziehen, zum Beispiel von den Rechtshistorikern Mayer, Knapp und Hirsch (vgl. Einträge im Literaturverzeichnis) verlieren sich stark in Detailfragen. In der neueren Forschung finden sich kaum Hinweise auf eine Definition der Landschädlichen, oftmals wird diese Bezeichnung selbstverständlich und nicht erläutert gebraucht.

Bezogen auf den Titel von Zallinger (s. o.) äußert sich Knapp, dass Landschädliche eben nicht Gewohnheitsverbrecher waren, sondern dass jeder todeswürdige Missetäter als solcher verschrien war. Hirsch meint, Zallinger habe mit Friedensordnungen und Landrechten aus dem 13. Jahrhundert gearbeitet, Knapp dagegen mit Stadtrechten und ländlichen Urkunden des 14. Jahrhundert, so dass zu vermuten wäre, dass beide Historiker verschiedene Stadien einer Entwicklung aufzeigen, dass eine Verallgemeinerung des Verfahrens gegen die schädlichen Leute statt gefunden habe – somit eine Gleichstellung der Begriffe todeswürdig und schädlich und unehrlich.

2. Die soziale Perspektive

a. Wer oder was ist das fahrende Volk im Mittelalter?

Bei der Definition der Gruppen bildet sich ein Problem der Klassifikation mit heutigen Begriffen heraus. Zu hinterfragen ist also ausdrücklich, ob und inwiefern das fahrende Volk und auch die landschädlichen Leute als Randständige, als Außenseiter oder als Randgruppen zu bezeichnen sind. Wer gehörte also zu diesen Gruppen und wie unterscheiden sich die Zugehörigen untereinander? Sind sie Opfer der alten Vorurteile in der modernen Geschichtswissenschaft? Der Verruf als unehrliche Personen durch kirchliche Autoren und andere jener Zeit wurden – laut Ernst Schubert – in der Forschung bis heute überschätzt. Daraus eine soziale Klassifikation abzuleiten, alle Fahrenden seien Mitglieder einer Randgruppe – seien Außenseiter— ist zu voreilig. Dass fahrende wie landschädliche Leute als Mitglieder einer Randgruppe angesehen werden (wobei bereits der Begriff der Randgruppe von der Idee her der Moderne entstammt) erklärt sich zumindest mit den beiden Kriterien der Armut und Schutzlosigkeit. Ernst Schubert kritisiert, man habe anhand ihrer Stellung in der sozialen Hierarchie Rückschlüsse gezogen auf die gesellschaftliche Bedeutung dieser Menschen.[ii]

In den Quellen sind fahrende Leute in der Regel als varnde diet oder varnde liute betitelt, die Bezeichnung ist also authentisch. Daneben existiert ebenfalls ein interessanter Quellenbegriff, jener der gernde diet oder gerne liute. Bei diesen handelt es sich um jene Fahrenden, die Anspruch anzeigen auf Würdigung ihrer Kunstfertigkeiten. Sie bilden nach heutigem Verständnis eine selbstbewusste Oberschicht der Fahrenden. Andere, z.B. Bettler, erflehen lediglich Almosen als Zeichen christlicher Nächstenliebe und leisten nichts dafür. Somit besteht also ein fließender Übergang zwischen Gast und Schmarotzer.

Achtung und Missachtung hingen nicht unwesentlich von der Kleidung, also vom Äußeren ab – Kleider waren ein wesentlicher Teil der persönlichen Habe und dürfen unter heutigen Eindrücken nicht unterschätzt werden. Durch ihre Kleidung sind die Fahrenden schon äußerlich erkennbar.

b. Ist der Fahrende ein Außenseiter, wie in vielen Publikationen erklärt?

Auch wer im Mittelalter die Fahrenden als zwielichtiges Völkchen ablehnte, dem war trotzdem bewusst, dass sie als Gesamtheit nützlich waren und gebraucht wurden. Nicht repräsentativ für das Mittelalter ist das Denken, dass die Fahrenden moralisch verwerfliche Gestalten gewesen seien. Ihnen oblagen verschiedene gesellschaftliche Aufgaben: Sie befriedigten das Bedürfnis nach Unterhaltung der Menschen, fungierten als Nachrichtenübermittler und Boten, halfen im Alltag als Kesselflicker, reparierten und heilten Krankheiten. Zudem – wie in dem populären Märchen vom Hamelner Rattenfänger – sorgten sie für Ordnung, wenn Mäuse- und Rattenpopulationen Überhand nahmen. Das fahrende Volk hat keine homogene soziale Gruppe gebildet im Mittelalter – Obacht also bei der Lektüre neuzeitlicher Quellen, die die Fahrenden zunehmend als Müßiggänger und Gesindel abtun, da in der Frühen Neuzeit die pauschale Verurteilung in den Quellen zunimmt.

3. Die juristische Perspektive

a. Wie ist die Freiheit der Fahrenden zu bewerten?

Freiheit sollte in diesem mittelalterlichen Kontext mit Privileg oder Vorrecht gleich gesetzt werden (ein Beispiel: Leibeigene sahen es als ihre Freiheit an, ihre Nutzflächen weiter vererben zu dürfen.) Wirklich frei waren dagegen die Fahrenden Leute in dem Sinne, dass sie rechtlos (in eingeschränktem Sinne bzw. scheinbar, wie ich noch erläutern werde), ungebunden und bettelarm durch die Lande zogen – kurzum: sie galten als vogelfrei, durften also (dargelegt zum Beispiel in der Gesetzessammlung des Lex Frisionum) von jedem anderen straffrei getötet, verletzt oder ausgeraubt werden. Zu sehen ist hier: sie waren ständig bedroht – auch durch ihre Freiheit – von Schutzlosigkeit und Gefährdung durch Unrecht.[iii]

b. Wie spielt sie in das geltende Recht hinein?

Vorab sei darauf hingewiesen, dass ein Gesetz im Mittelalter immer nur bedingt ein Abbild der gesellschaftlichen Realität ist, das normierende Gesetz setzt sich selten in der Allgemeinheit durch. 1299 spricht das Passauer Stadtrecht dem varund volkh den Rechtsschutz ab – es gilt als unehrlich und rechtlos und darf ungestraft gescholten und geschlagen werden. Spielleute haben also keinen Anspruch auf Wergeld (d. i. die Bußzahlung bei Verletzung eines Freien). Sie erhalten lediglich eine Scheinbuße, den Schatten eines Mannes, und dürfen den Schatten des Schädigers an der Wand gegen den Hals schlagen. Es handelt sich hier also um eine Scheinbuße. Diese soll im Prinzip das Recht des Spielmannes darstellen – er unterliegt einem so genannten Minderrecht, ist also theoretisch nicht rechtslos. Diese Scheinbußen zielen weniger auf eine Verspottung der Spielleute, sondern fungieren als zeremonielle Handlungen. Niedergeschrieben ist dies beispielsweise im Goslarer Stadtrecht von 1299: der ioculator (Spaßmacher) sei zwar von niedrigstem Ansehen, aber nicht rechtlos. Im Wiener Stadtrecht der Jahre 1221 und 1244 ist sogar zu lesen, dass die vom Spielmann zugefügte Beleidigung erst nachgewiesen werden muss, bevor derjenige straffrei ausgeht, der ihn zur Strafe verprügelt hat.

Übrigens: Das Verfahren gegen landschädliche Leute ist nie auf Spielleute allgemein ausgedehnt worden. Auch wenn Fahrende als infamis, als Unehrliche, verschrien waren, ordnete man sie nicht den Verbrechern und üblen Gesellen zu. Nicht zu vergessen ist natürlich, dass es auch unter den Spielleuten und den fahrenden Leuten allgemein Diebe, Räuber und Bigamisten gab. Da Diebstahl und Doppelehen aber durchaus öfter vorkamen, ist dies keine Erklärung für die Infamierung.

[...]


[i] Dieses Kapitel basiert großteils auf Sellert 1978.

[ii] Dieses Kapitel basiert großteils auf Schubert 1995.

[iii] Dieses Kapitel basiert großteils auf Hirsch 1958, Knapp 1924.

Ende der Leseprobe aus 10 Seiten

Details

Titel
Fahrendes Volk und Landschädliche Leute im Mittelalter: Definition und Rechtsstellung
Hochschule
Universität Osnabrück
Note
1-2
Autor
Jahr
2005
Seiten
10
Katalognummer
V42168
ISBN (eBook)
9783638402651
Dateigröße
521 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Die Begriffe des (land-)schädlichen und des fahrenden Volkes sind nicht deckungsgleich. Während erstere eine juristisch/personell umrissene Gruppe darstellen, bilden letztere eine soziologisch definierte Gruppe, die in sich heterogen ist. Ob die einen nun mit den anderen deckungsgleich waren, nicht oder nur zum Teil, ist für ihre rechtliche Stellung nebensächlich. Anhand dieser Personengruppen wird deren soziale und juristische Stellung im Mittelalter aufgezeigt.
Schlagworte
Fahrendes, Volk, Landschädliche, Leute, Mittelalter, Definition, Rechtsstellung
Arbeit zitieren
Kristine Greßhöner (Autor:in), 2005, Fahrendes Volk und Landschädliche Leute im Mittelalter: Definition und Rechtsstellung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/42168

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