Reform und Modernisierung: Versuch einer Begriffsklärung


Hausarbeit (Hauptseminar), 2005

28 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Gliederung

1. Einführung

2. Klärung des Wortursprungs und der Bedeutung
2.1 Reform
2.2 Modernisierung

3. Die Begriffe Reform und Modernisierung in der politikwissenschaftlichen Debatte
3.1 Reform
3.1.1 Politikwissenschaftliche Nachschlagewerke
3.1.2 Reform als politisches Prinzip: Christian von Krockow
3.2 Modernisierung
3.2.1 Politikwissenschaftliche Nachschlagewerke
3.2.2 Modernisierung: Ulrich Beck und Wolfgang Zapf

4. Zusammenfassung: Gemeinsamkeiten und Unterschiede

5. abschließende Bemerkungen

Literatur

Anhang
- Referatspräsentation vom 6. November 2004
- Handout zum Referat

1. Einführung

“Was meinen Sie: Verbinden die meisten Leute heutzutage mit dem Begriff ‘Reform’ eher etwas Gutes oder eher etwas Schlechtes?“ So befragte das Mannheimer Institut für praxisorientierte Sozialforschung (ipos) im April 2004 im Auftrag des Bundesverbandes Deutscher Banken gut 1500 wahlberechtigte Bundesbürger.[1] 80 Prozent der Befragten verbanden mit Reformen eher etwas Schlechtes und nur 14 Prozent sahen etwas Positives in dem Begriff. Laut der aktuellen Ausgabe des allgemeinen Nachschlagewerks Brockhaus ist eine Reform unter anderem die „Verbesserung des Bestehenden“[2], vor 200 Jahren sah man das in Adelungs Grammatisch-kritischen Wörterbuch nicht anders: „ Reformiren – durch Abstellung der Mißbräuche und Irrthümer verbessern[3].

Der Ruf der Reform scheint also in den letzten Jahren deutlich ramponiert worden zu sein – dem Begriff haftet nicht mehr viel von der Aura der Bismarckschen Sozialreformen an oder der positiven Assoziationen der Reformen, die zur Entwicklung der sog. „sozialen Marktwirtschaft“ seit den Wirtschaftswunderjahren führten. Mittlerweile heftet beinahe jeder Politiker seinen Ideen und Vorschlägen das Etikett Reform an und hofft darauf, es möge etwas Glanz von der guten alten Reformidee auf seinen Kompromiss herabfallen. ‚Leider’ hat der Wähler seit einiger Zeit diesen Trick anscheinend durchschaut und verbindet mit Reformen nur noch das Verwalten von Missständen und stellt sich gleichzeitig auf eine Verringerung seiner Erwartungen und Ansprüche ein. Dazu konstatiert der Wirtschaftsweise Peter Bofinger in seinem neuesten Buch: „Und da wir täglich mit diesem Reform-Mantra berieselt werden, haben wir uns im Grunde mit diesem Schicksal schon abgefunden: Die guten Zeiten sind vorbei, ohne schmerzhafte Reformen werden wir nicht über die Runden kommen.“[4]

Im gleichen Kontext taucht immer häufiger in der gleichen Verwendung das Wort Modernisierung auf: es wird wahlweise von der Gesundheitsreform oder der Modernisierung des Gesundheitssystems gesprochen, mal herrscht ein Reformstau, dann wieder ein Modernisierungsdefizit, die Reform der sozialen Sicherungssysteme kommt ab und an als Modernisierung des Sozialstaates daher. Im DUDEN steht unter dem Stichwort modernisieren: „modisch machen; auf einen neueren [technischen] Stand bringen“.[5] Der Brockhaus fasst den Begriff weiter und notiert Modernisierung als „Bezeichnung zur Beschreibung der zielgerichteten Veränderung einer Gesellschaft, gesellschaftstheoretisch besonders mit dem Fortschrittsbegriff verbunden“, als Beispiel wird u.a. der Wandel von der Agrar- zur Industriegesellschaft als Modernisierung beschrieben.[6] Der Begriff wird hier also in einen sehr umfassenden Zusammenhang gestellt setzt sich dadurch ab zum eher enger auf den jeweiligen Sachverhalt bezogenen Reformbegriff.

Es stellt sich die Frage, ob man sich aus Marketinggründen dazu entschieden hat, den negativ besetzten Reformbegriff durch ein neues, unter Umständen positiver besetztes Wort wie Modernisierung langsam aber sicher auszutauschen – in der Werbebranche wird in diesem Zusammenhang von der Bedeutung des ‚wording’ gesprochen: Unternehmen lassen es sich viel Geld kosten, um herauszufinden, ob bestimmte Produktnamen positive oder negative Assoziationen beim Kunden wecken. Allerdings hat auch der Begriff der Modernisierung mit ‚Imageproblemen’ zu kämpfen – so ist auf der Webseite der Tarifgemeinschaft Deutscher Länder im Zusammenhang mit der Forderung nach einer Reform des Tarifrechts von „Neugestaltung“ die Rede: „Der Begriff "Neugestaltung" wurde gewählt, um einen positiven Inhalt der Veränderungen zu verdeutlichen. Die Begriffe "Reform" und "Modernisierung" erschienen vor allem aus Sicht der Arbeitnehmervertretungen nicht geeignet.“[7]

Diese Hausarbeit will die Frage der Begriffsklärung versuchen zu lösen, dazu wird ausgehend vom Ursprung der beiden Begriffe die etymologische und historische Entwicklung skizziert. Beide Begriffe werden anschließend im politikwissenschaftlichen Kontext behandelt, hierfür wurden insbesondere Christian Graf von Krockow für den Begriff Reform sowie Ulrich Beck und Wolfgang Zapf für den Begriff der Modernisierung herausgegriffen. Abschließend sollen die wesentlichen Unterschiede beider Begriffe zusammenfassend dargestellt und eine Unterscheidung sowie eigene Definition versucht werden.

2. Klärung des Wortursprungs und der Bedeutung

2.1 Reform

2.1.1 Etymologische Bedeutung

Laut Kluges Etymologischen Wörterbuch der Deutschen Sprache taucht das Wort reformieren erstmals im 14. Jahrhundert auf und ist entlehnt aus dem lateinischen formare, das „gestalten, bilden“ bedeutet. Abstrakta des Wortes sind dann Reform und Reformation.[8] Im Standardnachschlagewerk der Deutschen Sprache, dem DUDEN, ist unter dem Stichwort Reform folgendes zu lesen:

Re|form, die; -, -en <lat.> (Umgestaltung; Verbesserung des Bestehenden; Neuordnung).[9]

Der DUDEN fügt also der reinen Wortbedeutung des (Um)Gestalten und (Um)Bilden noch eine klar positive Bedeutung des Wortes an: Verbesserung des Bestehenden.

Adelungs Grammatisch-kritisches Wörterbuch von 1801 geht etwas ausführlicher auf die ursprüngliche Verwendung des Wortes reformieren im Zusammenhang mit Luthers Reformation im 16. Jahrhundert ein:

Reformiren , verb. reg. act. aus dem Lat. reformare, durch Abstellung der Mißbräuche und Irrthümer verbessern. Ein Kloster reformiren. Luther und seine Gehülfen reformirten so wohl den Lehrbegriff, als die Kirchenverfassung. In engerer Bedeutung nennen sich unter den Evangelischen die Nachfolger Calvins und seiner Gehülfen, welche noch mehrere, von Luthern und seinen Freunden in der Kirche beybehaltene Irrthümer und Mißbräuche abstelleten, Reformirte, oder die reformirte Kirche.[10]

Auch hier wird durch den Bedeutungszusammenhang mit „Missbräuche und Irrtümer abstellen“ eine deutlich positive Assoziation an den Begriff gebunden.

2.1.2 Allgemeine Nachschlagewerke

Die allgemeinen Nachschlagewerke gehen weniger auf die Wortherkunft ein als auf die Bedeutung des Wortes Reform. In der Ausgabe von 1906 fasst sich das Kleine Konversationslexikon von Brockhaus sehr kurz und notiert unter dem Stichwort Reform:

Refórm (neulat.), die bessernde Umänderung bestehender Einrichtungen auf gesetzlichem Wege.[11]

Ergänzend dazu ist an gleicher Stelle zu erfahren, dass „Reformer“ aus dem Englischen stammend diejenigen umschreibt, „welche Staat und Gesellschaft durch Reform ruhig und stetig fortzubilden suchen.“[12] Als Reformers, so findet man es in Meyers Konversationslexikon aus dem Jahr 1909, wurden die Anhänger der englischen Reformpartei bezeichnet.[13] Das Verb reformieren wird ergänzend neben umgestalten und verbessern als „von Mißbräuchen reinigend“[14] erklärt.

Die aktuelle Brockhaus-Enzyklopädie ergänzt die historischen Nachschlagewerke noch in ein wesentlichen Teilen:

Reform , die: [frz., zu lat. Reformare >umgestalten<, >neu gestalten<]

planmäßige Umgestaltung, Verbesserung, Neuordnung des Bestehenden, besonders (als Gegenbegriff zur Revolution) die gezielte, die Legalität wahrende Umgestaltung polit. und gesellschaftl. Einrichtungen (u.a. Verfassungs-, Verwaltungs-, Rechts-, Wirtschafts-, Währungs-, Finanz-, Steuer-, Schul- oder Bildungs-R.) Staatliche R.-politik hat i.d.R. das Ziel, ein bestehendes polit. System an veränderte pol. oder gesellschaftl. Gegebenheiten anzupassen.[15]

Als wichtige Anfügungen an die 100 Jahre alten Nachschlagwerke sind vor allem die Herausstellung als Gegenbegriff zur Revolution und die Anpassung des politischen Systems an veränderte gesellschaftliche Gegebenheiten zu nennen. Interessanterweise ist im aktuellen Brockhaus nichts von den positiven Eigenschaften der Reform vermerkt, die in den alten Ausgaben noch herausgestellt wurden und die die etymologischen Nachschlagewerke ebenfalls anführen.

2.1.3 Historische Einordnung

Im Folgenden sollen sehr kurz ein paar aus der Geschichte herausragende Reformprozesse angesprochen werden, um den historischen Kontext des Begriffes der Reform anzudeuten.

Im Zusammenhang mit reformieren ist hier natürlich zunächst die Erwähnung der Reformation als Bewegung des Christentums in Deutschland und Europa Anfang des 16. Jahrhunderts zu nennen, in deren Verlauf es zur Entstehung der reformierten und lutherischen Kirche sowie einiger Freikirchen kam. Gemeinsame Grundlage war die Rückbesinnung auf die Bibel und die Abkehr von bestimmten Auswüchsen der katholischen Kirche wie dem Ablasshandel – eine Spaltung der katholischen Kirche war zunächst nicht die Absicht der Reformatoren, ihnen ging es mit ihrer re-Formation ("Wieder-Formierung") darum, die ursprüngliche christliche Lehre innerhalb der Kirche wiederherzustellen. Die Grundlagen der Reformation waren im Gegensatz zu späteren Interpretationen nicht in erster Linie die politischen und sozialen Missstände der Kirche. Diese waren jedoch der Nährboden für die neuen theologischen Gedanken der Reformatoren. Luther versuchte zuallererst ein theologisches Problem zu lösen. Einige protestantischen Reichsfürsten sahen in der Reformation allerdings auch die Chance, einige ihrer politischen Probleme mit Kaiser und Papst zu lösen. Die neuen Gedanken gaben den Reichsfürsten eine theologische Begründung, die von Rom auferlegte Abgabenlast reduzieren zu können. Das Entstehen der protestantischen Landeskirchen stärkte ebenfalls die Autonomie der Fürstentümer. Durch die später ausbrechenden Glaubenskriege, die erst mit dem Augsburger Religionsfrieden 1555 ein Ende fanden, wird letztendlich auch der revolutionäre Charakter der Reformation, der damals die Gesellschaft erfasste, deutlich und unterstreicht den schmalen Grat zwischen Reform und Revolution.[16]

Die Preußischen Reformen oder auch die nach ihren Umsetzern benannten Stein- und Hardenbergschen Reformen waren eine Reaktion auf die Niederlage Preußens in der Schlacht bei Jena und Auerstedt.

In Preußen herrschte eine tiefe Kluft zwischen aufstrebendem Bürgertum und der ständischen Feudalobrigkeit sowie zwischen dem üblichem Gewohnheitsrecht und aufklärerischem Gedankengut. Auch begründeten einige Reformer die Änderungen mit dem Willen zur Vorbeugung einer Revolution oder eines Aufstandes (vgl. auch Brockhaus (s.o.), wo die Bedeutung der Reform als Gegenbegriff zur Revolution notiert ist).

Die Ziele der Reformen waren:

- Die Überwindung der feudalen Gesellschafts- und Herrschaftsformen in Preußen, um das Interesse der bisher entmündigten Untertanen am preußischen Staat und an der deutschen Nation zu wecken. Die Menschen sollten sich vom Untertan zum Bürger entwickeln
- Die Neuformung des preußischen Staates: Das Fundament sollte eine auf Freiheit und Gleichheit gegründete bürgerliche Gesellschaft sein
- Die Gesellschaft sollte sich vom Absolutismus zum Liberalismus entwickeln
- Die nationale Einigung Deutschlands
- Vermeidung einer Revolution in Preußen.

Vorrangig wurden die Reformen als Instrument zur Befreiung Preußens aus napoleonischer Fremdherrschaft gesehen. Sie beinhalteten folgende Schwerpunkte:

[...]


[1] vgl. Bundesverband Deutscher Banken (2004), S. 5

[2] Brockhaus, Stichwort „Reform“

[3] Adelung-GKW, Stichwort „Reform“

[4] Bofinger (2005), S. 16

[5] DUDEN, Stichwort „modernisieren“

[6] Brockhaus, Stichwort „modernisieren“

[7] Tarifgemeinschaft Deutscher Länder: Neugestaltung des Tarifrechts. URL: http://www.tdl.bayern.de/tarifrecht/?item=900 (Download: 16. März 2005)

[8] Kluge-EWD, Stichwort „reformieren“

[9] DUDEN, Stichwort „Reform“

[10] Adelung-GKW, Stichwort „Reformiren“

[11] Brockhaus-KKL5, Stichwort „Reform“

[12] vgl. Brockhaus-KKL5, Stichwort „Reform“

[13] vgl. Meyer, Stichwort „Reformers“

[14] vgl. Brockhaus-KKL5, Stichwort „Reform“

[15] Brockhaus, Stichwort „Reform“

[16] vgl. Wikipedia-Online-Enzyklopädie: Reformation. URL: http://de.wikipedia.org/wiki/Reformation (Download: 16. März 2005)

Ende der Leseprobe aus 28 Seiten

Details

Titel
Reform und Modernisierung: Versuch einer Begriffsklärung
Hochschule
Universität Trier  (Politikwissenschaften)
Veranstaltung
Staatsmodernisierung
Note
2,0
Autor
Jahr
2005
Seiten
28
Katalognummer
V42224
ISBN (eBook)
9783638403115
Dateigröße
573 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Diese Hausarbeit will die Frage der Begriffsklärung lösen, dazu wird ausgehend vom Ursprung der beiden Begriffe die etymologische und historische Entwicklung skizziert. Beide Begriffe werden anschließend im politikwissenschaftlichen Kontext behandelt, hierfür wurden insbesondere Christian Graf VON KROCKOW für den Begriff Reform sowie Ulrich BECK und Wolfgang ZAPF für den Begriff der Modernisierung herausgegriffen. Abschließend werden die wesentlichen Unterschiede beider Begriffe zusammengefasst
Schlagworte
Reform, Modernisierung, Versuch, Begriffsklärung, Staatsmodernisierung
Arbeit zitieren
Hilmar Schimming (Autor), 2005, Reform und Modernisierung: Versuch einer Begriffsklärung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/42224

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