Erzähltheoretische Besonderheiten in "Die Stadt der Träumenden Bücher" von Walter Moers


Hausarbeit, 2016

19 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Moers vs. Mythenmetz – Autorschaft und Stimme in Die Stadt der Träumenden Bücher
2.1 Die Herausgeberfiktion – Moers als Übersetzer und Illustrator
2.2 „Seid gegrüßt, meine waghalsigen Freunde“ – die Stimme

3. Zwischen Erlebnisbericht und künstlerischer Freiheit – unzuverlässiges Erzählen in Die Stadt der Träumenden Bücher

4. Weitere Besonderheiten in Die Stadt der Träumenden Bücher und ihre Wirkung
4.1 „Da kann keiner aufhören zu lesen!“ – der dramatische Modus
4.2 Buchhaim bis Schattenkönig – die Bedeutung der Namen
4.3 Visuelle Gestaltung des Buches

5. Schlussbetrachtung

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Walter Moers hat in seinen bisher sechs Zamonien-Romanen, zu denen auch Die Stadt der Träumenden Bücher (2004) gehört, eine faszinierende fiktive Welt erschaffen, die sich durch einen besonderen Detailreichtum und außerordentliche Originalität auszeichnet. Dabei sind sie beim Lesepublikum beliebt und wurden von Literaturkritikern in der Presse sehr positiv bewertet. Trotz vielfältiger Verweise auf literarische Klassiker und einer großen Zahl formaler und stilistischer Gestaltungsmittel, hat sich die geisteswissenschaftliche Forschung bisher nur wenig mit Moers‘ Werk auseinandergesetzt. Zu den wenigen Ausnahmen gehören Katja Pawlawik mit ihrem Fachbuch Von Atlantis bis Zamonien, von Menippos bis Moers, auf das in der vorliegenden Arbeit an einigen Stellen Bezug genommen wird und verschiedene Veröffentlichungen von Gerrit Lembke.

Die vorliegende Arbeit versucht eine Analyse des Romans anhand ausgewählter erzähltheoretischer Kategorien bzw. solcher, die Auswirkungen auf die Erzählung haben. Dabei soll insbesondere der Frage nachgegangen werden, welche Merkmale als charakteristisch für Die Stadt der Träumenden Bücher angesehen werden können. Der speziellen Erzähltechnik Moers‘ soll im Rahmen dieser Untersuchung Rechnung getragen werden, indem nicht ein spezifisches Merkmal herausgegriffen und alleinstehend analysiert und interpretiert wird, sondern der Versuch unternommen wird, gerade die Heterogenität wiederzugeben. Dabei kann aufgrund des begrenzten Umfangs freilich dennoch nur ein Ausschnitt der verwendeten Gestaltungsmittel betrachtet werden. Die untersuchten Aspekte sind dabei nicht ausschließlich narrative Elemente, sollen aber insbesondere hinsichtlich ihrer Wirkungen für die Narration analysiert und interpretiert werden.

Dazu wird in Abschnitt 2 die besondere Stellung des Autors analysiert, die einerseits durch eine Autor- bzw. Herausgeberfiktion, andererseits durch eine Abschwächung der Trennung von Autor und Erzähler gekennzeichnet ist. Im Anschluss wird ebendiese spezielle Rolle des Erzählers im übergeordneten Konzept der Stimme noch näher betrachtet. In Abschnitt 3 wird der Frage nachgegangen, inwiefern der Roman Formen unzuverlässigen Erzählens beinhaltet und welche Auswirkungen dies für die Erzählung haben könnte. Abschnitt 4 beschäftigt sich schließlich mit drei verschiedenen Charakteristika des Romans, von denen nur der dramatische Modus eine erzähltheoretische Analysekategorie darstellt, während die Namensgebung und die visuelle Gestaltung eher indirekt auf die Narration wirken.

2. Moers vs. Mythenmetz – Autorschaft und Stimme in Die Stadt der Träumenden Bücher

2.1 Die Herausgeberfiktion – Moers als Übersetzer und Illustrator

Noch vor Beginn der eigentlichen Lektüre von Die Stadt der Träumenden Bücher[1] wird man als LeserIn mit dem Hinweis konfrontiert, Walter Moers, der auf dem Einband als Autor angegeben ist, sei eigentlich der Übersetzer und Illustrator des Werks, während der Verfasser selbst ein gewisser Hildegunst von Mythenmetz sei. Letzterer ist ein Bewohner des fantastischen Kontinents Zamonien, genauer gesagt ein Lindwurm. Lindwürmer sind dinosaurierähnliche Wesen, die eine besondere sprachliche Begabung haben und für ihr literarisches Können berühmt sind. Dass Mythenmetz als Autor des Romans dargestellt wird, ist für die LeserInnen möglicherweise doppelt überraschend: Zum einen veranlasst sie die widersprüchliche Autorenangabe vielleicht dazu, zurückzublättern und zu überprüfen, welcher Autor auf dem Einband angegeben ist.[2] Zum anderen könnte eine gewisse Verwunderung darüber bestehen, dass eine Figur, die in Zamonien lebt und noch dazu ein dinosaurierähnliches Wesen ist, also eindeutig fiktiv, der angebliche Autor des Buches sein soll. Gleichzeitig nimmt Mythenmetz, wie noch zu zeigen ist, auch die Rolle des Ich-Erzählers ein. Die klare Trennung von angeblichem Autor und Erzähler, die in der Erzähltheorie weitverbreitet ist,[3] wird hier von Moers gewissermaßen aufgeweicht, während die Trennung von tatsächlichem Autor und Erzähler stark betont wird.

Bereits an dieser Stelle, noch vor Beginn des ersten Kapitels, lässt sich also ein Spiel mit der Fiktionalität des Textes erkennen, das einerseits von einer Vermischung aus Realität und Fiktion, andererseits aber gerade auch von einer klaren Markierung der Fiktionalität geprägt ist. Während die angebliche Autorschaft Mythenmetz‘ die fiktive Figur scheinbar in der Realität verortet, muss den LeserInnen durch den sprechenden Namen und den Hinweis auf Zamonien nämlich auch klar werden, dass es sich hier eben um eine literarische Inszenierung handelt.[4] Diese wird dadurch verstärkt, dass Moers als Editor nicht nur durch relativ häufige Fußnoten kommentierend in den Text eingreift, sondern auch ein „Nachwort des Übersetzers“ das Buch abschließt.

Fußnoten als Instrument der Herausgeberfiktion

Pawlik, die eine Genre-Zuordnung der gesamten bisher veröffentlichten Romane der Zamonien-Reihe versucht, hat sich mit den kommentierenden Fußnoten des angeblichen Herausgebers Moers eingehend beschäftigt. Sie kommt zu dem Schluss, dass die teils sehr ausschweifenden Noten die Linearität der Narration aufheben und so – für Fantasy-Literatur untypisch – ein Eintauchen in die fiktive Welt erschweren. So würden beispielsweise die Fußnoten, die sich mit Übersetzungsschwierigkeiten hinsichtlich des von Mythenmetz verwendeten Ausdrucks „knolfen“ beschäftigen,[5] die Aufmerksamkeit vom Haupttext weglenken und die Fiktionalität des Textes betonen.[6] Dieser Eindruck wird auch bei der Betrachtung weiterer Fußnoten verstärkt, etwa wenn bei der Anmerkung zur Lindwurmfeste, der Heimat Mythenmetz‘ und Ausgangspunkt des in Die Stadt der Träumenden Bücher geschilderten Abenteuers auf Ensel und Krete bzw. Rumo und die Wunder im Dunkeln und damit zwei weitere Zamonien-Romane Moers‘ verwiesen wird oder dieselbe Fußnote mit dem Hinweis schließt, dass die ausschweifenden Erklärungen und Verweise für die weitere Lektüre des Buches gar nicht von Belang sind.[7] Besonders auffällig ist die Dichotomie zwischen dem fiktiven Herausgeber Moers und dem fiktiven Autoren Mythenmetz in der zweiten Fußnote zum Begriff „knolfen“:

* A. d. Ü.: Anscheinend können außer Lindwürmern auch Gnome mit den Zähnen knolfen, denn ich gehe mal davon aus, daß Mythenmetz sagen wollte, daß sie Geräusche der Anerkennung von sich gaben. Wie er beurteilen konnte, daß sie dies mit den Zähnen bewerkstelligen, obwohl sie sich in Deckung befanden, entzieht sich meiner Kenntnis. Wir wollen das mal als dichterische Freiheit durchgehen lassen.[8]

Moers zieht nicht nur die Verlässlichkeit seiner Übersetzung in Zweifel, indem er seine früher geäußerte Einschätzung, nur Lindwürmer könnten knolfen, revidiert und eine Formulierung benutzt, die auf seine weiterhin vorhandene Unsicherheit hinweist, sondern stellt auch die Zuverlässigkeit des Ich-Erzählers in Frage[9] und verweist gleichzeitig auf den literarischen Charakter der Schilderungen.

„Nachwort des Übersetzers“

Am Schluss des Buches kommt der fiktive Editor Moers auch außerhalb der Fußnoten zu Wort und erklärt, dass es sich bei Die Stadt der Träumenden Bücher nur um ein Fragment des wesentlich umfangreicheren Werks Mythenmetz‘[10] handele. Die Herausgeberfiktion wird also auch über die Handlung hinaus beibehalten und bewirkt damit, ähnlich wie die Erwähnung des angeblichen Autors Mythenmetz auf der Titelseite, eine Vermischung von Realität und Fiktion. Gleichzeitig bleibt unklar, wie weit Moers in das Werk Mythenmetz‘ tatsächlich eingegriffen hat.

2.2 „Seid gegrüßt, meine waghalsigen Freunde“ – die Stimme

Nachdem sich der vorhergehende Abschnitt mit der Rolle des Autors beschäftigt hat, soll sich der folgende mit der des Erzählers befassen, der ja, wie erwähnt, als eigenständige Instanz mit klarer Abgrenzung zum empirischen Autor Moers aufgefasst wird. Inwiefern eine solche Trennung zwischen Erzähler und angeblichem Autor Mythenmetz sinnvoll erscheint, soll hierbei untersucht werden. Die Kategorie der Stimme umfasst nicht nur die Erzählperspektive, sondern auch Zeitpunkt und Ort des Erzählens, die Stellung des Erzählers zum Erzählten und das Verhältnis zwischen Erzähler und Adressat.[11] Da Erzählungen in der Erzählung nur eine untergeordnete Rolle im vorliegenden Roman spielen, soll auf den Aspekt Ort des Erzählens, der sich mit der Ebene des Erzählens beschäftigt, allerdings nicht näher eingegangen werden.

Person des Erzählers

Während der empirische Autor Moers sich auf die Position des Herausgebers zurückzieht, wird die klare Trennung von Autor und Erzähler in Die Stadt der Träumenden Bücher eingeschränkt, indem der Ich-Erzähler aus der Perspektive des Autors Hildegunst von Mythenmetz erzählt. Dabei stimmen nicht nur der Name, die Zugehörigkeit zur Spezies der Lindwürmer und die Charaktereigenschaften überein. In den bereits erwähnten Fußnoten und Paratexten wird auch der Eindruck vermittelt, es handele sich hier grundsätzlich um einen Erlebnisbericht, der allerdings an einigen Stellen ausgeschmückt zu sein scheint.[12] Die klassische Trennung von Autor und Erzähler wird also aufgehoben, während es zu einer neuen Dichotomie zwischen Autor/Erzähler und Herausgeber kommt. Martínez/Scheffel weisen in diesem Zusammenhang darauf hin, dass eine Einheit von Autor und Erzähler als Kriterium für einen faktualen Text benutzt werden könne.[13] Insofern könnte dadurch, dass Mythenmetz sowohl als Autor als auch als Erzähler in Erscheinung tritt, auch eine Verstärkung der Illusion, es handele sich um einen Erlebnis- oder Abenteuerbericht, beabsichtigt sein.

Zeitpunkt des Erzählens

Bezogen auf das zeitliche Verhältnis zwischen dem Erzählen und dem Erzählten lassen sich die drei Grundkategorien späteres, gleichzeitiges und früheres Erzählen unterscheiden.[14] In Die Stadt der Träumenden Bücher sind zwei zeitliche Ebenen zu erkennen: Die ersten zwei Kapitel, der erste Abschnitt des dritten und der letzte Abschnitt des letzten Kapitels sind im Präsens verfasst, während der überwiegende Teil des Textes im Präteritum geschrieben ist.[15] Es handelt sich also um späteres Erzählen, was dem Ich-Erzähler erlaubt, auf später geschilderte, aber zum Zeitpunkt des Erzählens ja schon vergangene Ereignisse hinzuweisen und diese einzuordnen.[16] Zusammen mit den Fußnoten wird dadurch eine nicht-lineare Lektüre gefördert. Es gibt aber auch Gelegenheit, den Ort der Handlung genauer vorzustellen, bevor die eigentliche Handlung beginnt, wie dies im zweiten Kapitel mit der sagenumwobenen Stadt Buchhaim geschieht, die sich insbesondere durch ihre Vielzahl an Buch-Antiquariaten und eine starke Ausrichtung auf Bücher auch in anderen Belangen auszeichnet.

Durch den Umstand, dass der Anfang und der Schluss des Romans jeweils im Präsens geschrieben sind, entsteht eine gewisse Rahmung, die durch den ersten („Hier fängt die Geschichte an.“[17] ) und letzten Satz („Denn hier hört die Geschichte auf.“[18] ) verstärkt, wenn nicht sogar übertrieben betont wird. Die Wirkung des Rahmens ließe sich demnach je nach Deutung als Hommage oder Parodie des klassischen Rahmens einer Narration interpretieren.

Stellung des Erzählers zum Erzählten

Hildegunst von Mythenmetz ist gleichzeitig erzählendes und erlebtes Ich. So heißt es im ersten Kapitel: „[Die Geschichte] erzählt, wie ich in den Besitz des Blutigen Buches kam und das Orm erwarb.“[19] Der Erzähler ist nicht nur Teil des Geschehens, sondern gleichzeitig auch die Hauptfigur der Geschichte. Es handelt sich hier also um einen homo- und zugleich autodiegetischen Erzähler.

Unklar bleibt, wie viel Zeit zwischen Mythenmetz‘ Erlebnissen in der Unterwelt von Buchhaim und der Zerstörung der Stadt einerseits und dem im Präsens geschilderten Erzählakt andererseits liegt. Das Abenteuer ist aber jedenfalls sehr bedeutend für die Entwicklung der Figur Mythenmetz: Er ist mit seinen 77 Jahren für einen Lindwurm sehr jung, sein Dichtpate und Mentor stirbt, er verlässt zum ersten Mal die Lindwurmfeste und erlangt am Ende das Orm, eine Kraft, die besondere Kreativität hervorbringt. Daher lässt sich konstatieren, dass das erzählende Ich und das erlebte Ich eher dissonant sind, was auch durch die oben erwähnten Hinweise und Kommentare des erzählenden Ichs, die das Erlebte nachträglich einordnen, bestätigt zu werden scheint. Zusammen mit der Rahmenstruktur ergibt sich dadurch der Eindruck, dass eines Erzählers, der im Nachhinein von eigenen Erlebnissen in der Vergangenheit berichtet.

Verhältnis zwischen Erzähler und Adressat

Da Erzählungen „eine imaginäre Kommunikationssituation entwerfen“,[20] nimmt man neben dem Erzähler, dessen Person und Stellung zum Erzählten bereits analysiert worden sind, auch immer AdressatInnen an. Im ersten Kapitel von Die Stadt der Träumenden Bücher wendet sich der Erzähler direkt mit einer Warnung an diese:

Es ist keine Geschichte für Leute mit dünner Haut und schwachen Nerven – welchen ich auch gleich empfehlen möchte, dieses Buch wieder zurück auf den Stapel zu legen und sich in die Kinderbuch-Abteilung zu verkrümeln.[21]

Die Leserschaft, die trotzdem weiterliest, wird dagegen als „meine waghalsigen Freunde“[22] angesprochen, was sich so in verschiedenen Variationen im ganzen Buch wiederfindet.[23] Am Ende der Handlung steigert sich dies sogar zu „meine geliebten Schwestern und Brüder, ihr tapfersten aller Freunde, die ihr mich bis hierher so furchtlos begleitet habt.“[24] Dadurch entsteht einerseits eine fiktive Erzählrunde, zu der der angeblich kleine Teil der LeserInnen zählt, die weiterlesen. Die AdressatInnen werden gleichzeitig aber auch gewissermaßen in die Handlung hineingezogen und brauchen wie der Protagonist Mut und Tapferkeit, um diese Erzählung zu überstehen. Zudem wird eine besondere, freundschaftliche Verbindung zwischen Erzähler und Adressat inszeniert, die durch das gemeinsame (im Falle von Mythenmetz: erneute) Durchleben der Ereignisse entstehen soll.

Der Umstand, dass Mythenmetz gleichzeitig als Autor und Ich-Erzähler auftritt, lässt also die Illusion entstehen, es handele sich bei Die Stadt der Träumenden Bücher um einen Erlebnisbericht, wobei nicht klar ist, inwieweit man die Aussagen des Erzählers als im Rahmen des Werkes wahr annehmen kann. Die Erzählperspektive schafft dabei den Eindruck der Unmittelbarkeit, der durch die direkte Anrede der LeserInnen und die Inszenierung des Leseaktes als mutige, ja waghalsige Handlung unterstrichen wird. Auch das Spiel mit Realität und Fiktion durch die Autor- bzw. Herausgeberfiktion kann grundsätzlich so interpretiert werden. Allerdings wird das Eintauchen in die fiktive Welt durch Fußnoten und Kommentare des Erzählers und eine dadurch geförderte nicht-lineare Lektüre auch erschwert.

3. Zwischen Erlebnisbericht und künstlerischer Freiheit – unzuverlässiges Erzählen in Die Stadt der Träumenden Bücher

Wie vorstehend erwähnt, wird in Die Stadt der Träumenden Bücher der Eindruck, es handele sich beim Text um einen Erlebnisbericht, erweckt, etwa indem die Vorlage im „Nachwort des Übersetzers“ als Reiseerinnerungen eines sentimentalen Dinosauriers angegeben wird und eine Einheit von angeblichem Autor und Erzähler vorliegt, wobei betont wird, dass es sich um eigene Erlebnisse handelt.[25] Andererseits gibt der fiktive Herausgeber Moers an, er habe nur die ersten zwei Kapitel von Mythenmetz‘ 25-bändiger Reisebeschreibung zusammengefasst. Dadurch, so Pawlik, entstünden Zweifel an der Authentizität der Schilderungen, da offensichtlich mehr weggelassen als erzählt würde. Auch weise die Erzählung nicht die formalen Merkmale eines Reiseberichts auf.[26] Außerdem unterstellt der angebliche Übersetzer und Illustrator Moers Mythenmetz in einem Kommentar die Ausschmückung seiner Erzählung im Rahmen dichterischer Freiheit und auch die Titelseite weist den Text als Roman aus. Dass es sich des Weiteren um einen homo- und autodiegetischen Erzähler handelt, der gleichzeitig als Autor des Romans inszeniert wird, kann als weiterer Hinweis darauf gesehen werden, dass nicht ausschließlich Fakten dargelegt werden – zumal Mythenmetz oft der einzige Zeuge seiner Erlebnisse ist.

Im Gegensatz zu Moers‘ erstem Zamonien-Roman Die 13½ Leben des Käpt’n Blaubär (1999), in dem mit dem Erzähler als unzuverlässiger Instanz geradezu kokettiert wird, sind es hier also eher Hinweise in den Paratexten oder logische Schlussfolgerungen, die die Zuverlässigkeit des Erzählers indirekt in Frage stellen. Der Unterschied zwischen „reliable“ und „unreliable narrator“ wurde von Wayne C. Booth folgendermaßen definiert: „I have called a narrator reliable when he speaks for or acts in accordance with the norms of the work (which is to say, the implied author’s norms), unreliable when he does not.“[27] Da sich bei fiktionalen Texten der Wahrheitsgehalt nicht anhand der Realität überprüfen lässt, ist das entscheidende Kriterium also, dass ein zuverlässiger Erzähler in Einklang mit den Normen des Werks handelt. Wie oben geschildert, bestehen im Fall von Mythenmetz dahingehend zumindest Zweifel. Eine endgültige Entscheidung hinsichtlich des Wahrheitsgehalts lasse sich, so Pawlik, aber nicht treffen.[28]

[...]


[1] Die vorliegende Arbeit verweist auf Moers, Walter: Die Stadt der Träumenden Bücher. 31. Aufl. München, 2015. Dabei wird im Folgenden die Sigle STB für das Werk benutzt.

[2] Zur Thematik der nicht-linearen Lektüre, die beispielsweise durch das Einfügen von Fußnoten hervorgerufen wird, soll später noch detaillierter eingegangen werden.

[3] Vgl. B, S. 71.

[4] Diese wird übrigens nicht nur in Die Stadt der Träumenden Bücher betrieben, sondern auch in anderen Romanen der Zamonien-Reihe, wie etwa in der Fortsetzung Das Labyrinth der Träumenden Bücher.

[5] Vgl. STB, S. 75, Anm. [1], S. 209, Anm. [1].

[6] Vgl. A, S. 126f.

[7] Vgl. STB, S. 12, Anm. [1]

[8] STB, S. 209, Anm. [1]

[9] Das mögliche Auftreten eines unzuverlässigen Erzählers wird im Abschnitt 2.2 näher analysiert.

[10] Allein das Buch Reiseerfahrungen eines sentimentalen Dinosauriers bestehe demnach aus 25 Bänden.

[11] Vgl. B, S. 71ff.

[12] Vgl. Abschnitt 2.1.

[13] Vgl, B, S. 87.

[14] [14] Vgl. B, S. 72.

[15] Wobei Einschübe, in denen sich Mythenmetz direkt an die AdressatInnen wendet, hier Ausnahmen bilden, da diese konsequenterweise wiederum im Präsens geschrieben sind.

[16] Vgl. STB, S. 9.

[17] STB, S. 9.

[18] STB, S.476.

[19] STB, S. 9.

[20] B, S. 88.

[21] STB, S. 9.

[22] STB, S.9.

[23] So z. B. „meine wagemutigen Weggefährten“ (STB, S. 11) und „meine treuen Freunde“ (STB, S. 161).

[24] STB, S. 476.

[25] Vgl. „Nachwort des Übersetzers“ in STB, S. 478f. und Abschnitt 2.2 der vorliegenden Arbeit.

[26] Vgl. A, S. 227-229.

[27] C, S. 158f.

[28] A, S. 229.

Ende der Leseprobe aus 19 Seiten

Details

Titel
Erzähltheoretische Besonderheiten in "Die Stadt der Träumenden Bücher" von Walter Moers
Hochschule
Freie Universität Berlin  (Institut für Deutsche und Niederländische Philologie)
Veranstaltung
Erzähltheorie
Note
1,0
Autor
Jahr
2016
Seiten
19
Katalognummer
V423856
ISBN (eBook)
9783668692343
ISBN (Buch)
9783668692350
Dateigröße
516 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Erzähltheorie, Narration, Moers, Mythenmetz, Autor, Stimme, Herausgeberfiktion, dramatischer Modus, Namen, Visuelle Gestaltung
Arbeit zitieren
Steven Dunn (Autor), 2016, Erzähltheoretische Besonderheiten in "Die Stadt der Träumenden Bücher" von Walter Moers, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/423856

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Erzähltheoretische Besonderheiten in "Die Stadt der Träumenden Bücher" von Walter Moers



Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden