Sprach- und Kommunikationsentwicklung bei Menschen mit Autismus-Spektrum-Störung


Hausarbeit (Hauptseminar), 2011

30 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

INHALTSVERZEICHNIS

A. Einleitende Worte zum Thema Sprachund Kommunikationsstörungen bei Menschen mit Autismus

B. Was ist Autismus?

C. Beeinträchtigungen in der Kommunikation
I. Die normale Sprachund Kommunikationsentwicklung
II. Sprachund Kommunikationsentwicklung autistischen Kindern

D. Ursachen der Kommunikationsstörungen

E. Abschließende Betrachtung

Literaturverzeichnis

ANHANG:
1. DIE TRIADE DER AUTISTISCHEN BEEINTRÄCHTIGUNGEN NACH WING UND GOULD (1979) V
2. BILDHAFTE DARSTELLUNG EINIGER SYMPTOME DER AUTISTISCHEN STÖRUNG
3. DIE NORMALE SPRACHENTWICKLUNG UND DIE SPRACHENTWICKLUNG VON AUTISTISCHEN KINDERN IN EINER VERGLEICHENDEN DARSTELLUNG
4. LÄNGSSCHNITT DES MENSCHLICHEN GEHIRNS MIT DEN LIMBISCHEN ZENTREN
5. „DER TURM VON HANOI“ - METHODE ZUR PRÜFUNG DER EXEKUTIVEN FUNKTIONEN
6. „MOSAIK-TEST“ - METHODE ZUR PRÜFUNG DER ZENTRALEN KOHÄRENZ
7. „FALSE-BELIEF-AUFGABE“ - METHODE ZUR PRÜFUNG DER THEORY OF MIND
8. MULTIKAUSALES SCHEMA ZUR ENTSTEHUNG VON AUTISTISCHEN STÖRUNGEN NACH ELISABETH EICHEL (1996)

SIGLENVERZEICHNIS

LITERATURVERZEICHNIS

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

DIE TRIADE DER AUTISTISCHEN BEEINTRÄCHTIGUNGEN NACH WING UND GOULD (1979)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung: Die ‚Triade der Beeinträchtigungen‘ nach Wing und Gould (Dodd 2007, S. 44).

BILDHAFTE DARSTELLUNG EINIGER SYMPTOME BEI EINER AUTISTISCHEN STÖRUNG

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Die Bilder entstammen der Internetadresse: http://w3.autismus.de/pages/startseite/wasist-autismus.php (07.03.2011).

DIE NORMALE SPRACHENTWICKLUNG UND DIE SPRACHENTWICKLUNG VON AUTISTISCHEN KINDERN IN EINER VERGLEICHENDEN DARSTELLUNG

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

LÄNGSSCHNITT DES MENSCHLICHEN GEHIRNS MIT DEN LIMBISCHEN ZENTREN

Abbildung: Längsschnitt durch das menschliche Gehirn mit den wichtigsten limbischen Zentren.

Gerhard Roth: http://www.lisskompendium.de/hirnforschung/rothverstand+gefuehle.htm (17.03.2011)

Die limbischen Zentren sind Orte der Entstehung von positiven (Nucleus accumbens, ventrales tegmentales Areal), und negativen Gefühlen (Amygdala), der Gedächtnisorganisation (Hippocampus), der Aufmerksamkeitsund Bewusstseinssteuerung (basales Vorderhirn, Locus coeruleus, Thalamus) und der vegetativen Funktionen (Hypothalamus).

„DER TURM VON HANOI“ - METHODE ZUR PRÜFUNG DER EXEKUTIVEN FUNKTIONEN

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung: Der „Turm von Hanoi“ mit Auflösung.

Universität Ulm: http://www.mathematik.uniulm.de/sai/ss03/prog/Aufgaben/blatt04/img5.png (17.03.2011).

Instruktion: Der Turm muss in derselben Reihenfolge in der Mitte wieder aufgebaut werden. Es darf immer nur eine Scheibe auf einmal bewegt werden. Eine größere Scheibe darf dabei nicht auf eine kleinere gelegt werden.

MOSAIK-TEST - METHODE ZUR PRÜFUNG DER ZENTRALEN KOHÄRENZ

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung: Mosaik-Test.

Planet-F84.5-Blog: http://2.bp.blogspot.com/__IRFp-

pjRow/TNmJTJTgeWI/AAAAAAAAAFI/Xq3ZjiuoMkA/s1600/Mosaiktest%252C+gute+beobachtungsgabe.jpg

(17.03.2011)

Instruktion: Kinder erhalten die einzelnen Mosaikbausteine und sollen es nach dem oberen Modell zu einem Mosaik zusammenlegen.

„FALSE-BELIEF-AUFGABE“ - METHODE ZUR PRÜFUNG DER THEORY OF MIND

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung: Falsebelief-Aufgabe. Albert Newen: http://www.wissenschaft-

online.de/sixcms/media.php/912/thumbnails/False-Believe-Test_SCHEFFLER.JPG.780328.JPG (17.03.2011)

Instruktion: Kinder erhalten die in der Abbildung dargestellte Geschichte und sollen anschließend vorhersagen, wo Sally den Ball suchen wird. Für Kinder bis zu vier Jahren und für Menschen mit Autismus ist diese Aufgabe nicht lösbar.

MULTIKAUSALES SCHEMA ZUR ENTSTEHUNG VON AUTISTISCHEN STÖRUNGEN NACH ELISABETH EICHEL (1996)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Eichel, E. (1996): Gestützte Kommunikation bei Menschen mit autistischer Störung. S. 34.

SIGLENVERZEICHNIS

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

A. Einleitende Worte zum Thema Sprachund Kommunikationsstörungen

bei Menschen mit Autismus

“Als ich zwei Jahre alt war […] verloren die Menschen um mich herum ihr Aussehen. Ihre Augen lösten sich in Luft auf. Nebel verschleierte ihre Gesichter. Die Stimmen verdunsteten. Mit der Zeit verwandelten sich die Menschen um mich herum in flatterhafte Schatten, die auf mich wirkten, als wären sie aus dem All in meine Welt herabgeschneit. […] Die pfützenhaften Gesichter dieser Wesen dampften wie nach einem Regen und ihren Mündern entwich Lärm, aus dem ich weder Klang noch Bedeutung heraushören konnte. In mir kehrte Stille ein. Ich verlor den Drang, meine Welt mit anderen zu teilen“ (Brauns 2004, S. 15).

Neuere Untersuchungen belegen, dass unter 1.000 Kindern sechs bis sieben an einer Art des Autismus leiden.[1] Goßlau zufolge, sind von dieser Störung in Deutschland sogar mehr Kinder betroffen als von Blindheit (vgl. Goßlau 2002, S. 13). Das häufige Aufkommen der autistischen Störung macht es zu einem äußerst relevanten Thema für die gesamte deutsche Bevölkerung. Doch obwohl so viele Menschen mittelbar und unmittelbar davon betroffen sind, herrschen heutzutage immer noch unzählige falsche Vorstellungen über die Art und Ausprägung des Autismus. Viele Personen denken bei dem Begriff unweigerlich an den Film ‚Rain Man‘, in dem der Mensch mit Autismus als ein beeinträchtigter Mensch mit speziellen und besonderen Fähigkeiten dargestellt wird, die ihn von anderen abheben. Dabei handelt es sich um eine der seltensten Erscheinungsformen des Autismus, genannt ‚Savon‘. Es könnten noch viele weitere unzutreffende Annahmen aufgezeigt werden, die den Autismus in verfälschter Weise wiedergeben würden. Darauf soll an dieser Stelle verzichtet werden. Jedoch scheint eine nähere Beschäftigung mit diesem Thema sinnvoll.

Die bestehenden Missverständnisse, die um das Thema Autismus kreisen, liegen darin begründet, dass es tatsächlich äußerst schwierig ist, die autistische Störung darzustellen und zu erklären. Denn den typischen Autismus gibt es nicht. Vielmehr tritt die Störung bei jedem Menschen anders auf. Parallelen können nur in ähnlichen Erscheinungsformen und analogen Schweregraden gezogen werden. Die Forschungsliteratur liefert jedoch beispielhafte Schemata zur Darstellung der verschiedenen autistischen Störungen, an die sich auch die vorliegende Arbeit orientiert.

Die oben angeführten, einleitenden Worte eines Betroffenen geben Einblicke in die ‚andere‘ Wahrnehmung und die kommunikativen Beeinträchtigungen eines Menschen mit Autismus. Hieran knüpft die vorliegende Arbeit an und versucht die sprachlichen und kommunikativen Fähigkeiten weiter herauszuarbeiten. Um die vielschichtigen Züge der Sprachund Kommunikationskompetenzen bei Menschen mit Autismus zu erfassen, muss zunächst Autismus definiert und die Erscheinungsformen aufgezeigt werden. Der Fokus wird dabei auf die autistische Störung, auch bekannt als frühkindlicher Autismus oder Kanner-Syndrom, gelegt. Denn im Gegensatz zum Asperger-Syndrom, treten bei dieser Erscheinungsform auch konkrete Sprachstörungen auf. Da die Einbeziehung weiterer Komorbiditäten (z.B. geistige Behinderung) für die vorliegende Arbeit zu weit reichen würde, wird dieser Aspekt weitestgehend außer Acht gelassen.

Zur Verdeutlichung der Sprachund Kommunikationsstörungen werden des Weiteren die allgemeine Sprachentwicklung und deren Voraussetzungen beleuchtet. Dieses Verfahren soll einleitend dazu dienen, die Sprachentwicklungsstörungen und die spezifischen verbalen und nonverbalen Kommunikationsprobleme bei Menschen mit Autismus herauszuarbeiten und zu erläutern. Da die Lautsprache das signifikanteste zwischenmenschliche Verständigungsmittel unserer Zeit darstellt, wird der Schwerpunkt auf die akustische Kommunikation gelegt. Um die Zusammenhänge zwischen den sprachlichen, kommunikativen und verhaltensbezogenen Beeinträchtigungen bei Menschen mit Autismus herauszuarbeiten, werden anschließend mögliche Ursachen der Kommunikationsstörungen betrachtet. In einer Abschließenden Betrachtung wird letztlich auf die Auswirkungen gestörter Kommunikation auf den Menschen eingegangen. Dabei soll insbesondere die Relevanz der Förderung kommunikativer Kompetenzen bei Menschen mit Autismus hervorgehoben werden.

B. Was ist Autismus?

Der Terminus Autismus setzt sich zusammen aus dem Griechischen ‚autos‘ (übers. ‚selbst‘) und der lateinischen Endung ‚-ismus‘ (übers. -heit) und bedeutet Selbstbezogenheit. Den Begriff prägte erstmals Eugen Bleuler 1911, der mit der Bezeichnung schizophrene Persönlichkeitsstörungen, wie extreme Selbstbezogenheit und Insich-Gekehrtheit charakterisierte. Seit Bleuler entstanden viele Ansätze, die das Erscheinungsbild des Autismus genauer zu beschreiben und zu erklären versuchen. Bis heute gibt es aber keine einheitliche Definition von Autismus. Den typischen Autismus gibt es nicht, da sich Menschen mit Autismus aufgrund mannigfacher Ausdrucksformen, Kompetenzen, Bedürfnissen, Neigungen und ihrem Verhalten voneinander unterscheiden.

Allgemein gilt Autismus jedoch als tiefgreifende und anhaltende Entwicklungsstörung, die drei wesentliche Entwicklungsbereiche schwer beeinträchtigt: die Kommunikation (Verstehen und Anwendung verbaler und nonverbaler Kommunikationsmittel), die soziale Interaktion (z.B. mit anderen Teilen, Warten, bis man an die Reihe kommt, gemeinsames Spielen) und stereotype Verhaltensweisen, Interessen und Aktivitäten (z.B. Mangel an Phantasie, geringes Abstraktionsvermögen, eingeschränkte Spielfähigkeit, konkretes Denken, starkes Bedürfnis nach Konstanz) (vgl. Saß et.al 2003, S. 102). Wissenschaftler sprechen beim Autismus daher von einer sog. ‚Beeinträchtigungstriade‘[2], die diese essentiellen Fähigkeiten des Menschen behindern.

Obwohl diese drei Beeinträchtigungsbereiche charakteristisch für das Erscheinungsbild des Autismus sind, können die jeweiligen Symptome individuell ausgeprägt sein (vgl. ebd.). Sie können in einer Vielzahl von Kombinationen auftreten, deren Spektrum von leicht bis schwer reichen kann:

„Manche Autisten verleben still, in sich gekehrt, ihre Tage, andere toben herum, weil ihnen die Welt durch den Kopf rennt. Manche Autisten lernen es nie, sich richtig zu bedanken, anderen kommen diese Floskeln so trefflich über die Lippen dass der Eindruck entsteht, sie verstünden, was ihnen da herausrutscht. Manche Autisten lachen gerne und plappern viel, andere sind eher sachlich und einsilbig. Manche Autisten verzweifeln an trübsinnigen Gedanken, andere haben ihre Zelte auf der heiteren Seite des Lebens aufgeschlagen“(Brauns 2004, S.9).

Diese unterschiedlichen Ausprägungen von Autismus fasst der Begriff Autismus-Spektrum- Störung zusammen.[3] Der Oberbegriff Autismus-Spektrum-Störung umfasst die autistische Störung (frühkindlicher Autismus bzw. Kanner-Syndrom), den atypischen Autismus und die am häufigsten auftretende Erscheinungsform, das Asperger-Syndrom (vgl. Dodd 2007, S. 8). Um einen Einblick in die verschiedenen Erscheinungsformen und die prägnanten Verhaltensund Fähigkeitsmuster zu bekommen, werden sie kurz stichpunktartig erläutert. Festzuhalten ist abermals, dass die angeführten Symptome zwar typisch für den Autismus sind, sie können jedoch von Individuum zu Individuum variieren.[4]

1. Die autistische St ö rung: manifestiert sich vor dem 3. Lebensjahr sowohl bei Jungen als

auch bei Mädchen, im Verhältnis von 3,7:1. Die Symptome werden in allen Bereichen der Beeinträchtigungstriade sichtbar: große Defizite in der Sprachentwicklung, sowie schwere Störung der nonverbalen Kommunikation, z.B. Vermeiden von Blickund Körperkontakt; überwiegend unterdurchschnittliche Entwicklung der Kognition; eingeschränkte Interessen, daher auch sich wiederholendes atypisches Verhaltensmuster; gegenständliches denken; keine Beziehung zu Gleichaltrigen Kindern; Mangel an sozioemotionaler Gegenseitigkeit; keine entwicklungsmäßigen Rollenspiele, Verharren auf Gewohnheiten (vgl. Saß et.al. 2003, S. 58).

2. Das Asperger-Syndrom: manifestiert sich überwiegend bei Jungen nach dem 3. Lebensjahr

(das Verhältnis beträgt 8:1); in erster Linie gestörte soziale Kompetenzen z.B. Unfähigkeit des Beziehungsaufbaus und Empathie, sowie die eingeschränkte Fähigkeit, Signale wie Körpersprache einzusetzen und zu deuten; eingeschränkter Blickkontakt; normale Sprach-

und Kognitionsentwicklung; motorische Ungeschicklichkeiten, Überempfindlichkeit gegenüber bestimmten Sinnesreizen; ungewöhnlich ausgeprägte und spezielle Interessen, aber auch stereotype Verhaltensmuster (vgl. Herpertz-Dahlmann et al. 2003, S.377 f.). 3. Der atypische Autismus: atypisches Erkrankungsalter oder normabweichende Symptomatik, d.h. erfüllt nicht alle Kriterien der autistischen Störung (vgl. ebd.).

Wie oben erläutert, wird im Folgenden der Fokus auf die Sprachund Kommunikationsstörungen bei Menschen mit autistischer Störung gelegt. Falls nicht anders vermerkt, ist mit allen künftigen Autismus-Bezeichnungen die autistische Störung ohne weitere Komorbiditäten (z.B. geistige Behinderung) gemeint.

C. Beeinträchtigungen in der Kommunikation

Um Beeinträchtigungen der kommunikativen Kompetenzentwicklung bei Menschen mit Autismus aufzeigen zu können, ist es zunächst wichtig den Begriff und die Bedeutung von Kommunikation zu erläutern. Kommunikation leitet sich vom Lateinischen ‚communicare‘ ab und bedeutet ‚sich mitteilen‘ oder ‚sich verständigen‘.[5] Allgemein gilt Kommunikation als lebensnotwendige Befähigung des Menschen, die es ihm ermöglicht mit anderen Personen in Kontakt zu treten, zu interagieren und Beziehungen aufzubauen. Denn „[a]lle Menschen haben den Wunsch nach Austausch und brauchen andere Menschen zur Befriedigung dieses Bedürfnisses, zur Selbstverwirklichung und persönlichen Entfaltung im Kontakt zu anderen“ (Eichel 1996, S. 39).

Derzeit gibt es viele unterschiedliche Ansichten darüber, was genau unter Kommunikation zu verstehen ist und welche Fähigkeiten der Begriff einschließt. Diese verschiedenen Definitionen reichen von engen bis sehr weiten Auslegungen. Sehr weit gefasst wird der Begriff bei Watzlawick et al., die jedem Verhalten in einer zwischenmenschlichen Situation einen Kommunikationswert zugestehen (vgl. Watzlawick et al. 2007, S. 23). Kommunikation ist demnach als wechselseitiger Austausch von Informationen zu verstehen, wobei die Kommunikationspartner abwechselnd die Rolle des Senders und des Empfängers einnehmen.

Der Sprache kommt dabei eine besondere Bedeutung zu, da die Auseinandersetzung mit der Umwelt in erster Linie mit ihrer Hilfe passiert. Darüber hinaus liegen in der Sprache unzählige Fähigkeiten, die dem Menschen in vielfältiger Weise dienen:

„Die Sprache verfügt über instrumentelle (Wunscherfüllung), regulative (Verhaltenssteuerung), interaktionistische (Herstellung und Aufrechterhaltung sozialer Beziehungen), heuristische (Erfassung abstrakter Zusammenhänge), imaginative (Phantasie) und informative Funktionen“(Eichel 1996, S. 38).

Der Informationsaustausch geschieht jedoch nicht nur durch konkrete sprachliche Äußerungen. Berücksichtigt werden müssen

„alle paralinguistischen Phänomene (wie z.B. Tonfall, Schnelligkeit oder Langsamkeit der Sprache, Pausen, Lachen und Seufzen), Körperhaltung, Ausdrucksbewegungen (Körpersprache) usw. […] - kurz, Verhalten jeder Art“. (ebd., S. 51).

Diese sog. nichtsprachlichen Kommunikationsmittel sind insofern wichtig, als sie sprachliche Äußerungen ergänzen oder gar ersetzten können. Ihre Hauptfunktion ist die Regulierung der SenderEmpfänger-Beziehung.

Eine erfolgreiche Kommunikation besteht dann, wenn der Sender seine Botschaft klar und deutlich äußert, sodass der Empfänger die Nachricht entschlüsseln kann. Das bedeutet, dass die Kommunikationspartner sowohl expressive als auch rezeptive Kommunikationsfähigkeiten aufweisen müssen. Letzteres impliziert „eine intakte Wahrnehmung [und] die Fähigkeit, sich zu anderen Menschen in Beziehung zu setzten“ (Sievers 1982, S. 133). Per Definitionem weisen Menschen mit Autismus starke kommunikative Beeinträchtigungen auf, die sowohl Defizite der expressiven wie rezeptiven Sprachfähigkeit und den verbalen wie nonverbalen Ausdruck von Verhalten einschließen (vgl. Dodd 2007, S.44). Daher haben sie Schwierigkeiten

„die Absichten, inneren Zustände und die Bedeutung zu verstehen, die den sozialen, kommunikativen und affektiven Verhaltensweisen anderer zugrunde liegen; daher ist ihre Fähigkeit, an sozialen kommunikativen Interaktionen teilzunehmen, grundlegend beeinträchtigt“(Quill zitiert nach Doll, ebd. S. 69).

Anzunehmen ist, dass sich die kommunikativen und sozialen Beeinträchtigungen auch in der Sprachentwicklung wiederspiegeln. Schließlich ist die „Sprache als kommunikative Hauptfunktion stark an Emotion, Kontaktfähigkeit und der Übernahme des sprachlichen Milieus abhängig“ (Wurst 1973, S. 124). Bei Menschen mit Autismus ist daher eine Sprachentwicklungsstörung zu vermuten, deren Folgen sich auch im späteren Alter bemerkbar machen.[6] Um dieser These auf den Grund zu gehen, werden im Folgenden die normale Sprachund Kommunikationsentwicklung und deren Voraussetzungen umrissen. Daran schließt eine Betrachtung der Sprachund Kommunikationsentwicklung bei autistischen Kindern an. Die genannten Begriffsbestimmungen sollen dafür als Grundlage dienen, weil sie sowohl sprachliche als auch nichtsprachliche Kommunikationsbzw. Mitteilungsformen einschließen und somit einen größeren Einblick in die Kommunikationsentwicklung und ihre Fähigkeit von Menschen mit Autismus erlauben.

I. Die normale Sprachund Kommunikationsentwicklung

Kinder lernen in den ersten Lebensjahren ihre Muttersprache so gut, dass sie i.d.R. im Alter von sechs Jahren grammatikalisch und lautsprachlich korrekt kommunizieren können. In diesem Alter beherrschen sie einen relativ großen Wortschatz und können sich situationsangemessen mit ihren Kommunikationspartnern verständigen. Damit sich die Kommunikationsfähigkeit demgemäß entfalten kann, müssen bestimmte physiologische, psychosoziale und kognitive Voraussetzungen erfüllt werden:

1. Physiologische Voraussetzungen: Der Erwerb der Sprachund Kommunikationsfähigkeit

hängt wesentlich von der Intaktheit der Hirnstrukturen und damit auch des peripheren und zentralen Nervensystems ab. Denn hier wird die ankommende Sprache aufgenommen und verarbeitet und die aktive Sprachproduktion initiiert. Daneben müssen die Funktionsfähigkeit der Sinnesorgane, insbesondere das Sehen (für das Sprachverständnis) und das Gehör (Entwicklung von Lautmustern und dadurch Sprachsystembildung), gewährleistet sein (vgl. Kremens-Korsch 1989, S. 19ff.).

2. Psychosoziale Voraussetzungen: Damit sich Sprache entwickeln kann, muss das Kind in

einer sprechenden Umgebung (häufig die Familie) aufwachsen. Es muss eine sprachträchtige und gefühlvolle Atmosphäre gegeben sein, in der das Kind zur sozialen Interaktion angeregt wird. Das steigert die Motivation für den Spracherwerb und fördert infolgedessen die Sozialisation (vgl. ebd., S. 22ff.).

3. Kognitive Voraussetzungen: Damit sensorische Reize angemessen verarbeitet werden können, muss ein gewisses Minimum an geistiger Verarbeitungsfähigkeit gegeben sein. Zu den Fähigkeiten gehören Konzentrationsvermögen, Gedächtniskapazität, Merkfähigkeit, Fähigkeit zur Nachahmung und der Antrieb. Erst diese Kompetenzkombination bildet die psycholinguistische Grundlage für die Sprachentwicklung. Kognitive Entwicklung und Spracherwerb stehen dabei in wechselseitiger Verbindung, da das Kind erst in der aktiven Auseinandersetzung mit seiner Umwelt sein intellektuelles Potenzial entfalten kann (vgl. ebd., S. 26).

Sind diese Voraussetzungen gegeben, durchläuft das Kind mehrere Phasen in denen sich die Sprache entwickelt. Da im Rahmen dieser Arbeit die einzelnen Aspekte der Sprachentwicklung nicht ins Detail ausgeführt werden können, werden nur die wichtigsten Sprachentwicklungsstufen beleuchtet.[7] Das erste Lebensjahr wird als vorsprachliche Phase angesehen, in der der Spracherwerb sowohl in expressiver als auch in rezeptiver Hinsicht vorbereitet wird. Es handelt sich hierbei um eine sehr bedeutende Sprachentwicklungsstufe, die die Grundlage zur symbolischen Kommunikation bildet (vgl. ebd., S. 27).[8]

Von Geburt an produziert der Säugling Laute, mit denen er kommuniziert und seine Bedürfnisse äußert. Es handelt sich überwiegend um Schreiund Weinlaute, mit denen er seiner Umwelt Bedürfnisse wie Hunger signalisiert. Ungefähr ab der 10. Lebenswoche treten weitere Laute hinzu wie Quietschen, Gurren, Grunzen, Seufzen oder Lachen (phonetische Entwicklung). Durch die wiederholte bedürfnisbefriedigende Reaktion seiner sozialen Umwelt auf die Laute, misst der Säugling seinen Lauten einen Wert zu und lernt sie gezielt für seine Bedürfnisbefriedigungen einzusetzen (vgl. Wurst 1973, S. 33 f.). Dieser ersten sog. Schreiphase folgt ab ca. dem 4. Lebensmonat der rhythmischen Lautproduktion. In dieser Sprachentwicklungsstufe bindet der Säugling Vokale an Konsonanten und bringt dadurch sog. Lalllaute hervor (phonologische Entwicklung). Bis zum 9. Lebensmonat befindet sich das Kind in einer Phase des nachahmenden Lallens, in der es versucht Lautgebilde seiner sozialen Umwelt zu imitieren.[9] Indem der Säugling lallend auf die Lautgebilde seiner Umwelt reagiert, entsteht eine Art Dialog zwischen dem Kind und dem Kommunikationspartner (meist Mutter oder Vater). Man spricht in diesem Zusammenhang oft von Sprachentwicklung mittels sozialer Interaktion (vgl. Kremens-Korsch 1989, S. 29 f.).

Ab dem 9. Monat beginnt das Kind mehrsilbige Laute auf Doppellaute zu reduzieren. Dabei orientieren sie sich an dem Sprachmuster (Betonung und Melodie) ihrer Umgebung. Erste Wörter entstehen, indem das Kind das Gehörte wiederholt (Echolalie). Diese sog. Einwortsätze können verschiedene Funktionen haben, die durch Mimik und Gestik unterstützt werden: affektiv (Ausdruck von Freude oder Unzufriedenheit), demonstrativ (auf etwas hinweisend), kategorisierend (z.B. „hamham“ für Hunger, Essen, Durst oder Trinken). Darauf aufbauend, lernt das Kleinkind ab dem

12. Lebensmonat seinen Lautgebilden spezifische Bedeutungen zuzuweisen (semantische Entwicklung). Diese Einwortsätze sind nach Kremens-Korsch jedoch für den Kommunikationspartner nur im Kontext verständlich, „wenn sie durch Mimik, Gestik und Intonation des Kindes verdeutlicht werden“ (ebd., S. 36). Das Kleinkind konstruiert einfache Sätze. Es verwendet einzelne Wörter, um ganze Sätze und Phrasen zu bilden. Da das Kind im Laufe dieser Sprachstufe vieles von dem Gesagten zu verstehen beginnt, wächst bis zum 24. Lebensmonat sein Wortschatz stetig an, sodass es infolgedessen Zweiund Mehrwortsätze bilden kann (syntaktische Entwicklung).

Parallel zur Sprachentwicklung erwirbt das Kind zusätzlich die Fähigkeit, Bewusstseinsinhalte zu verstehen, sich in die Erwartungen und Handlungsmöglichkeiten anderer Menschen hinein zu denken und deren Verhalten vorherzusagen und zu erklären (Entwicklung einer Theory of Mind [10] ) (vgl. Herpertz-Dahlmann et al. 2003, S. 383). Dieser, für die Persönlichkeitsentfaltung und für die Sozialisation wichtige Entwicklungsschritt, offenbart sich überwiegend in (Phantasie-)Rollenund Imitationsspielen, wodurch sich auch der Wortschatz des Kindes stetig erweitert. So verwendet und versteht das Kind ab dem 3. Lebensjahr zusehends Adjektive, später auch Präpositionen und Artikel. Es beginnt vollständige Sätze zu bilden. Gegen Ende des 3. Lebensjahres ist die Sprachfä- higkeit soweit ausgebildet, dass zum Teil Flexionen verstanden und gebraucht werden können. Verben werden infolgedessen konjugiert und Substantive dekliniert (morphologische Entwicklung). Zudem beginnt das Kind Sprache als Kommunikationsmittel zu verstehen und altersgemäß zu gebrauchen (vgl. Wurst 1973, S. 48 ff.). In den weiteren Lebensjahren entwickelt sich die Sprachfähigkeit des Kindes insofern, dass im Alter von sechs Jahren die wesentlichen Merkmale des Sprachgebrauchs erworben sind (s.o. S. 5).

II. Sprachund Kommunikationsentwicklung autistischen Kindern

Der Verlauf der Sprachund Kommunikationsentwicklung bei Kindern mit Autismus ist individuell ausgeprägt und kann, je nach Kognition, äußeren und/oder erblich bedingten Einflüssen, unterschiedliche Richtungen einschlagen. Dennoch ergeben sich einige zentrale Auffälligkeiten in der Sprachund Kommunikationsentwicklung bei der Mehrzahl autistischer Kinder. Diese werden im Folgenden vorgestellt.

Bei vielen Kindern mit Autismus zeigt sich bereits früh, dass ihre Sprachentwicklung gestört ist. So ist die vorsprachliche Phase in den meisten Fällen gekennzeichnet von einem ungewöhnlichen Schreiverhalten, das entweder in außergewöhnlicher Art und Weise und abnormer Häufigkeit auftreten oder gar ausbleiben kann. Schreilaute, die normalerweise von Säuglingen gebraucht werden um Bedürfnisse auszudrücken, werden nur willkürlich und ohne auffordernde Bedeutung eingesetzt. Das hat zur Folge, dass Eltern die Signale ihres Kindes missverstehen können und dementsprechend falsch auf sie reagieren (vgl. Kremens-Korsch 1989, S. 80).

Auch in der Lallphase zeigen einige autistische Kinder ein qualitativ verändertes Sprachund Interaktionsverhalten. „Sie lallen meist nur wenig und/oder in idiosynkratischer Weise[11] und zeigen oft keine Lächelreaktionen oder Achtmonatsangst“ (Eichel 1996, S. 41). Zudem fällt es ihnen schwer Blickkontakt herzustellen und ihre Aufmerksamkeit zu lenken. Autistische Kinder richten ihre Aufmerksamkeit meist überfokussiert auf Details und können deswegen soziale Reize (z.B. Situationen) nicht erfassen. Daher senden sie oft missverständliche Signale an ihre Kommunikationspartner oder reagieren unangemessen auf sie. Infolgedessen neigen autistische Kinder in dieser Phase dazu eine passive Haltung einzunehmen und zeigen nur wenig Interesse an ihrer sozialen Umwelt. Sprachund Kommunikationsentwicklung mittels sozialer Interaktion[12] findet somit kaum statt. Dementsprechend erfolgt keine oder nur selten eine Lautnachahmung. Aus diesem Grund passiert die darauffolgende Sprachentwicklungsphase bei manchen Kindern nicht, verzögert oder verändert. Kremens-Korsch verweist darauf, dass einige autistische Kinder,

„die sich bisher sprachlich unauffällig entwickelten, plötzlich in der zweiten Hälfte des zweiten Lebensjahres in ihrer Sprachentwicklung stagnieren, bereits beherrschte erste Wörter wieder verlieren und teilweise in eine mehrere Jahre andauernde Periode des Schweigens versinken“(Kremens-Korsch 1989, S. 82).

Das erklärt den Umstand, dass mehr als 50 % der Betroffenen gar keine oder erst sehr spät eine aktive Lautsprache entwickeln.

[...]


[1] Vgl. http://w3.autismus.de/pages/startseite/wasist-autismus.php.

[2] Abbildung der Beeinträchtigungstriade nach Wing und Gould (1979) siehe Anhang V.

[3] Der Begriff Autismus-Spektrum lässt sich ebenfalls auf Wing & Gould zurückführen. Vgl. Dodd 2007, S. 2 und S. 7

f.

[4] Bildhafte Darstellung einiger Symptome der autistischen Störungen, siehe Anhang VI.

[5] http://www.dudensuche.de/suche/abstract.php?shortname=fx&artikel_id=89849&verweis=1 (14.03.2011).

[6] Unter Sprachentwicklungsstörungen werden Beeinträchtigungen der normalen Sprachentwicklungen verstanden. Davon betroffen sind sowohl die Aussprache als auch das Sprachsystem, worunter insbesondere die Wortbedeutung und die gesetzmäßige Verknüpfung und Anwendung fallen (Wurst 1973, S. 99).

[7] Tabellarische Darstellung der einzelnen Entwicklungsstufen in einer vergleichenden Darstellung, siehe Anhang VII.

[8] Die folgenden temporären Angaben zu den unterschiedlichen Sprachentwicklungsstufen können je nach Autor variieren.

[9] Z.B. Das Kind zeigt auf einen Gegenstand, die Mutter benennt es und das Kind versucht es nachzusprechen.

[10] Definition von Theory of Mind: „Mit dem Begriff ‚Theory of Mind‘ ist die Fähigkeit gemeint, psychische Zustände (Gefühle und Gedanken) anderen Personen und sich selbst zuzuschreiben, also die Fähigkeit, die eigenen Gedanken, Gefühle, Wünsche, Absichten und Vorstellungen und diejenigen anderer zu erkennen, zu verstehen und vorherzusagen“ (Remschmidt und Kamp-Becker 2006, S. 46).

[11] Idiosynkratische Laute werden in einer fremdartigen Art und Weise erzeugt, sodass sie nicht nachvollziehbar und kaum interpretierbar sind. Vgl. Kremens-Korsch 1989, S. 81 f.

[12] Gemeint ist: Aktion Æ Reaktion Æ (Re-)Aktion etc.

Ende der Leseprobe aus 30 Seiten

Details

Titel
Sprach- und Kommunikationsentwicklung bei Menschen mit Autismus-Spektrum-Störung
Hochschule
Universität Rostock
Veranstaltung
Sprachstörungen bei Lern- und Verhaltensauffälligkeiten
Note
1,0
Autor
Jahr
2011
Seiten
30
Katalognummer
V423947
ISBN (eBook)
9783668694750
ISBN (Buch)
9783668694767
Dateigröße
1529 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
sprach-, kommunikationsentwicklung, menschen, autismus-spektrum-störung
Arbeit zitieren
Florina Jurca (Autor), 2011, Sprach- und Kommunikationsentwicklung bei Menschen mit Autismus-Spektrum-Störung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/423947

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