Ein Vergleich des Antisemitismus Simone Simoninis und Adolf Hitlers anhand von "Il Cimitero di Praga" und "Mein Kampf"

"...eliminare un popolo intero..."


Hausarbeit (Hauptseminar), 2016
43 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. EINLEITUNG

2. HAUPTTEIL
2.1. Charaktereigenschaften und äußerliche Merkmale der Juden
2.2 Judentum und Religion
2.2.1 Juden als Feinde des Christentums
2.2.2 Juden als Rasse
2.3. Juden als „Staat im Staate“
2.4. Juden und Kapitalismus
2.5. Juden als Verschwörer mit dem Ziel der Weltherrschaft
2.6. Juden und Kommunismus
2.7. Juden und ihr Einfluss auf Kultur und Medien
2.8. Konsequenzen für den Umgang mit Juden

3. FAZIT

4. BIBLIOGRAPHIE

1. EINLEITUNG

„Die Juden sind unser Unglück!“

So formulierte es Heinrich von Treitschke 1879 in seinen „Preußischen Jahrbüchern“. Nicht ohne Grund fand dieses Zitat achtundvierzig Jahre später seinen Weg auf jede Titelseite des nationalsozialistischen Hetzblatts „Der Stürmer“.

Im selben Jahr, in dem die antisemitischen Passagen im Werk des damals bekanntesten deutschen Historikers eine nationale Debatte ins Rollen brachten, prägte der ähnlich gesinnte Journalist Wilhelm Marr jenen Begriff, unter dem noch heute weithin alle Formen der Judenfeindlichkeit zusammengefasst werden: „Antisemitismus“. Der Schöpfer dieses Wortes ging wie viele seiner Zeitgenossen von der erwiesenermaßen falschen Annahme aus, dass es so etwas wie eine „semitische Rasse“ gebe, welche wiederum anderen Rassen unterlegen sei.

Doch nicht nur in Deutschland bekommt die Bewegung immer weiter Zulauf; es gärt im sich immer schneller drehenden Europa des 19. Jahrhunderts. Die Judenemanzipation, in deren Folge Berufsverbote und der Judeneid abgeschafft wurden, die Ghettos verschwanden und Juden die volle Staatsbürgerschaft erhielten, trifft auf immer breiteren Widerstand. Die vielfach rapide Verbesserung ihrer materiellen Situation stößt auf Misstrauen und Neid. Besonders in Frankreich, Österreich kommt es ebenfalls zu antisemitischen Kundgebungen und Ausschreitungen, im zaristischen Russland sogar zu Pogromen.

Dabei reichen die Wurzeln des Antisemitismus noch deutlich weiter zurück: Bereits in der Antike sehen sich die Juden im Konflikt mit den sie beherrschenden Großreichen von Ägypten bis Rom dem Vorwurf der Illoyalität ausgesetzt, da sie deren Gottkönigtum als monotheistische Religion nicht akzeptieren können. Zerstörungen, Verfolgungen und Verbote sind die Folge.

Für die kommenden zweitausend Jahre sollten sich diese Maßnahmen in verschiedenen Ausprägungen wiederholen, die Motive indes erweitern sich. Für die Ermordung Jesu Christi gibt man allen Juden die „Kollektivschuld“, was sie in den Augen vieler Christen diskreditiert. Der „Judas“ als Sinnbild des von Falschheit durchzogenen, verräterischen Juden wird später seinen Weg in die Köpfe der Christen finden. Auch lässt die Nichtanerkennung Jesu als „Messias“ sie aus christlicher Perspektive vom wahren Glauben abfallen.

Diese theologische Herleitung des Judenhasses wird Antijudaismus genannt.

Mit der Erhebung des Christentums zur Staatsreligion im Römischen Reich des 4. Jahrhunderts gelingt es, die theologische Ab - und soziale Ausgrenzung in eine diskriminierende Gesetzgebung gegen das Judentum zu überführen. Über das Verbot der Ehe zwischen Christen und Juden bis hin zu spätmittelalterlichen Einpferchung in spezielle Wohnbezirke schreitet die Segregation der beiden Glaubensrichtungen in allen Lebensbereichen immer weiter voran.

Der zunächst vor allem unter Kirchenleuten verbreitete Antijudaismus sickert mit der Entwicklung der Volksfrömmigkeit immer weiter in die Köpfe der Menschen ein und gewinnt allmählich an Eigendynamik. Pogrome erschüttern das jüdische Mittelalter.
In Mainz 1096 fallen Hundert dem Wahn der Kreuzzüge zum Opfer. Die überlebenden Zwangsgetauften töten sich meist selbst. 1349 trifft es die Gemeinde in Speyer, weil man den Juden die Schuld am Ausbruch der Pest gibt. Die Legende von den Juden als „Brunnenvergiftern“ und die Methode, sie als Sündenböcke einzusetzen, wann immer es opportun erscheint, sollte sich noch lange halten. Sei es, weil man den wahren Schuldigen nicht kennt, sei es, um von dem eigenem Versagen abzulenken,

Im selben Jahr wird in Straßburg die gesamte jüdische Bevölkerung der Stadt ausgerottet, auch um sich von den Schulden zu befreien, die man bei den jüdischen Gläubigern hatte. Im Gegensatz zum Zinsverbot der katholischen Kirche konnten Juden sehr wohl Entgelt verlangen, was ihnen den Ruf als verhasste „Wucherer“ einbrachte. Ihnen zugeschriebene Attribute wie „Habgier“, „Materialismus“ oder „Betrügerei“ sind unmittelbar damit verbunden.

Ein weiteres einschneidendes Ereignis waren Anfangsjahre der spanischen Inquisition. Mit dem „Alhambra-Edikt“ von 1492 stellt man sie vor die Wahl: Taufe oder Exil. Die Taufe, so scheint es, wird hier als Lösung des Problems wahrgenommen. Zugleich aber strengte man Prozesse gegen die Conversos, die jüdischen Konvertiten, an, da Zweifel an der Glaubhaftigkeit ihrer Bekehrung laut wurden.

Dieser Zweifel an der Möglichkeit einer „echten“ Konversion sollte sich, nach einer Phase relativer Toleranz während des Humanismus, im 19. Jahrhundert wieder weiter verfestigen. Vor allem durch das Aufkommen des Sozialdarwinismus und die Verbreitung der pseudowissenschaftlichen rassistischen Theorien der Neuzeit wurde der Judenhass allmählich auf eine neue Grundlage gestellt. Antisemitische Denker wie Gobineau, Drumont oder Chamberlain beförderten dies. Die Wahrnehmung der Juden als (minderwertige) Rasse bedeutete indes, dass ein ernsthafter Übertritt zum Christentum praktisch unmöglich wurde. Daraus kann aber für jemanden, der dem Judentum feindlich gegenübersteht, nur die Annahme abzuleiten sein, dass man diesen „Fremdkörper“ aus der Gesellschaft entfernen muss, sei es durch Isolation, Deportation oder in letzter Konsequenz auch Destruktion – wie sie spätestens in der antisemitischen Politik des deutschen Reiches zur Zeit des Nationalsozialismus von 1933 bis 1945 ihre traurige Umsetzung fand.

Dass der Hass gegenüber den Juden keine bloße Erscheinung des 20. Jahrhunderts war, sollte damit hinlänglich umrissen sein. Aber in welchem Ausmaß schuf vor allem das 19. Jahrhundert den fruchtbaren Nährboden, auf dem das antisemitische Gedankengut später sprießen konnte, und wie stark orientierten sich insbesondere die nationalsozialistischen Denker und Politiker an dieser Zeit?

Das deutet Umberto Eco in seinem Roman „Il Cimitero di Praga“ auf mannigfaltige Weise an. Schon der Protagonist des Buches, der fiktive antisemitische Fälscher Simone Simonini, greift dabei in großem Maßstab und ganz bewusst auf die Bestätigung bereits vorhandener Vorurteile zurück.

Auch der wohl berüchtigste Antisemit der Weltgeschichte, der nationalsozialistische Diktator Adolf Hitler, nutzte die alten Stereotype schon in seinem Werk „Mein Kampf“, um seiner Philosophie einen glaubhafteren Anstrich zu verleihen. Bei der vergleichenden Lektüre der beiden obengenannten Bücher kommt man nicht umhin, Parallelen zwischen den Bildern zu erkennen, die der fiktive und der reale Antisemit von den Juden zeichnen. Wie stark diese Parallelen wirklich sind, wird im Folgenden analysiert.

In der vorliegenden Arbeit soll untersucht werden, ob der Judenhass Simoninis die geistige Grundlage für den Antisemitismus Adolf Hitlers abbildet.

Ziel der Untersuchung ist es, herauszufinden, ob die sich in Simonini widerspiegelnden judenfeindlichen Ansichten des 19. Jahrhunderts Hitlers antisemitische Weltanschauung entscheidend mitgeprägt haben. Selbstverständlich kommen in „Il Cimitero di Praga“ auch viele andere Antisemiten zu Wort, die Hitlers Weltbild in einigen Punkten sehr nahestanden. Um dem begrenzten Umfang dieser Arbeit Rechnung zu tragen, werden allerdings nur Äußerungen Simoninis analysiert sowie die derjenigen Personen, deren Einfluss auf sein Weltbild explizit erwähnt wird.

Fraglich ist, ob Simonini sämtliche Thesen der von ihm angefertigten Protokolle auch selbst glaubt. Da der Text jedoch reichlich Grund zur Annahme bietet, dass diese aus seinen Überzeugungen entstanden und er die Fähigkeit besitzt, sich von seinen eigenen Schriften überzeugen zu lassen, werden auch diese untersucht.

Das Augenmerk liegt dabei auf den beiden Werken, welche die antisemitischen Gesinnungen von Simonini und Hitler am authentischsten wiedergeben können: „Il Cimitero di Praga“ von Umberto Eco und „Mein Kampf“ von Adolf Hitler.

2. HAUPTTEIL

2.1. Charaktereigenschaften und äußerliche Merkmale der Juden

Zunächst ist es angebracht, das äußerliche und innerliche Bild des Juden bei Simonini und Hitler eingehender zu betrachten, bevor man sein vorgebliches Handeln untersucht, wird dieses doch durch die ihm inhärenten Eigenschaften determiniert. Oder, wie Hitler es formuliert: „Sein Streben liegt zutiefst begründet in der Art seines Wesens“[1]. Darin liegt auch die antisemitische Annahme begründet, die Ziele des jüdischen Handelns hätten sich über die Jahrtausende nicht verändert und würden von allen Juden über Raum und Zeit hinweg geteilt. Sie würden von einer „inneren Zusammengehörigkeit“[2] getragen, wie Hitler konstatiert.

Diese Homogenität wird auf einem subtileren Niveau auch durch seine Begriffswahl sichtbar: Hitler spricht mit Vorliebe von „dem Juden“ in der Einzahl und als Einheit. Bei Simonini finden sich vergleichbare Muster; hier liest man „tutti i giudei“[3]. Auch an allen nun folgenden Beispielen kann man beobachten, wie äußerliche und innerliche Eigenschaften der Juden pauschalisiert werden.

Simonini beginnt sehr früh, auf Seite 11, die Grundlagen seines Judenhasses darzulegen, und es ist durchaus aufschlussreich, bereits diese erste Textstelle einer Analyse zu unterziehen:

Chi odio? Gli ebrei, mi verrebbe da dire, ma il fatto che stia cedendo così servilmente alle istigazioni di quel dottore austriaco (o tedesco) dice che non ho nulla contro i maledetti ebrei.

Degli ebrei so solo ciò che mi ha insegnato il nonno: Sono il popolo ateo per eccellenza, mi istruiva. Partono dal concetto che il bene deve realizzarsi qui, e non oltre la tomba. Quindi operano solo per la conquista di questo mondo.

Gli anni della mia fanciullezza sono stati intristiti dal loro fantasma. Il nonno mi descriveva quegli occhi che ti spiano, così falsi da farti illividire, quei sorrisi viscidi, quelle labbra da iena rialzate sui denti, quegli sguardi pesanti, infetti, abbrutiti, quelle pieghe tra naso e labbra sempre inquiete, scavate dall'odio, quel loro naso come il beccaccio di un uccello australe...

E l'occhio, ah, l'occhio... Ruota febbrile nella pupilla dal colore di pane abbrustolito e rivela malattie del fegato, corrotto dalle secrezioni prodotte da un odio di diciotto secoli, si piega su mille piccole rughe che si accentuano con l'età, e già a vent'anni il giudeo sembra avvizzito come un vecchio. Quando sorride, le palpebre gonfie gli si socchiudono al punto da lasciare appena una linea impercettibile, segno di astuzia, dicono alcuni, di lussuria, precisava il nonno... E quando ero abbastanza cresciuto da capire, mi ricordava che l'ebreo, oltre che vanitoso come uno spagnolo, ignorante come un croato, cupido come un levantino, ingrato come un maltese, insolente come uno zingaro, ingrato come un maltese, insolente come uno zingaro, sporco come un inglese, untuoso come un calmucco, imperioso come un prussiano e maldicente come un astigiano, è adultero per foia irrefrenabile - dipende dalla circoncisione, che li rende più erettili, con una sproporzione mostruosa tra il nanismo della corporatura e la stazza cavernosa di quella loro escrescenza semimutilata.

Io, gli ebrei, me li sono sognati ogni notte, per anni e anni.

Per fortuna non no ho mai incontrati, tranne la puttanella del ghetto di Torino, quand'ero ragazzo (ma non ho scambiato più di due parole), e il dottore austriaco (o tedesco, fa lo stesso). [4]

Eine Reihe von Erkenntnissen lässt sich daraus ableiten. Beginnend mit dem Verweis auf das Fehlen persönlicher Erfahrungen im letzten Absatz, verbunden mit „Gli anni della mia fanciullezza sono stati intristiti dal loro fantasma“ wird deutlich, dass die Juden für ihn kein greifbarer Feind waren, sondern ein abstraktes Konstrukt, in das er seine Ängste projizieren konnte. Simonini kennt zu diesem Zeitpunkt selber noch keine Juden persönlich und er wird sie auch später kaum kennenlernen. Sein Antisemitismus ist zunächst schlicht die Fortsetzung des Judenhasses seines Großvaters; „Degli ebrei so solo ciò che mi ha insegnato il nonno“.[5] Es ist davon auszugehen, dass die nachfolgende Beschreibung eine prägende Rolle für ihn gespielt hat. Eine vergleichbare Figur könnte für Hitler der auch in „Mein Kampf“ wiederholt genannte antisemitische Bürgermeister Wiens, Dr. Karl Lueger dargestellt haben, wenn auch nicht in einer derart umfassenden Art und Weise.

„Der Jude“ ist für Simonini ein anonymes Monster, welches durch die Gruselgeschichten über Mordechai Form bekommt und das in ihm eine Angst auslöst, die er sein ganzes Leben lang behalten wird. Nicht zufällig werden die Juden im zitierten Abschnitt mit Worten wie „mostruosa“ beschrieben.

In seinen Protokollen ist später von Rabbinern als „foresta di fantasmi rattrappiti“[6] die Rede. Es sind Bilder wie diese, die die Transzendenz der jüdischen Gefahr für den Leser (nicht) greifbar machen sollen. Gleichzeitig aber zeigt sich aber an der wiederholten Verwendung, dass auch Simonini selbst diesen Blick auf die Juden verinnerlicht hat.

Die „occhi che ti spiano“, die „lauernden Augen“, geben dem Juden einen raubtierhaften Zug, der durch die ihnen zugeschriebene „labbra di iena“ noch einmal verstärkt wird. Man soll somit gewarnt sein vor der „jüdischen“ Gier und der Bedrohung, Furcht wird provoziert. Außerdem ist in dem „spiano“ auch schon das vermeintlich typisch-jüdische Kalkulieren enthalten. Die Verwendung von Tieren als Vergleichsobjekte mit Juden ist ein wiederkehrendes Motiv sowohl Hitlers als auch Simoninis: Es gelingt so, Anschaulichkeit mit einer subtilen Anonymisierung und „Entmenschlichung“ der Juden zu verbinden. So auch in der Beschreibung der „jüdischen“ Nase mit „come il beccaccio di un uccello australe“, was Assoziationen von Exotik und Fremdartigkeit weckt.

„Così falsi da farti illividire“ und „quei sorrisi viscidi“ erzeugen ein erstes Bewusstsein für die angebliche jüdische Heuchelei. Letzteres soll zugleich Ekel erregen, ebenso Begriffe wie „febbrile“ und „malattie“. Selbst wenn die Juden sich nichts direkt zuschulden kommen lassen, suggerieren sie, sollte man sich von ihnen fernhalten. Die Beschreibung als „avvizzito“ soll die Juden noch widerlicher erscheinen lassen und impliziert, dass das Alter ihrer Religion sich auch auf jeden einzelnen Anhänger auswirkt. „Corrotto dalle secrezioni prodotte da un odio di diciotto secoli“ knüpft ebenfalls daran an und erzeugt das Bild einer Kontinuität, die es aussehen lässt, als hätte es über die Jahrtausende nur einen Juden gegeben und dieser sei durch seine Taten für sein Gesicht verantwortlich. Auch Simonini stellt also eine Verbindung zwischen Judentum und dem Charakter und Aussehen der Juden her. „Jüdische“ Charaktereigenschaften sind in sowohl Simoninis als auch in Hitlers Weltbild wiederum untrennbar mit den äußeren Merkmalen verbunden. Diese Annahme ist typisch für die rassistischen Theorien des ausgehenden 19. Jahrhunderts, die sich auch im Kolonialismus niedergeschlagen haben und einen weiteren Höhepunkt zur Zeit des Nationalsozialismus erreichten. Kaum zu übersehen ist das bei Hitler vor allem daran, dass er von „körperliche[r] Unsauberkeit“ rasch auf „moralische Schmutzflecken“[7] umschwenkt. Dabei soll hier insbesondere das Wort „Schmutzflecken“ über dem Leser bereits bekannten und von Hitler nochmals aufgegriffenen Vorurteile gegenüber den niedrigen Hygienestandards der jüdischen Bevölkerung einen erleichterten Übergang zu vergleichbaren moralischen Standards bilden. Der Analogieschluss endet jedoch hier noch nicht: Handlungen und Institutionen, die durch Juden begründet sind, seien, so Hitler, „schmutzig und unwahr wie er selber“[8]. Nicht nur bei Hitler, auch in der ersten Beschreibung der Juden in „Il Cimitero di Praga“ ist bereits starke Biologisierung zu bemerken. Mit dem vermeintlichen „nanismo“ der Juden wird zum Beispiel nicht nur ihre Abnormität nochmals herausgestellt, man darf die geringen Körpermaße auch auf die fehlende Größe in ihrem Charakter beziehen. Da Simonini diese Methode benutzt, darf man davon ausgehen, dass er seine Sprache bewusst dahingehend anwendet und man die Beschreibung „sempre inquiete“ daher auch im übertragenen Sinne verstehen muss: Damit wird auf den mittelalterlichen Mythos vom „ewigen Juden“ rekurriert, den auch Hitler aufgreift[9] und dessen Namen „Ahasver“ er als Synonym für alle Juden verwendet.[10] „Der ewige Jude“ war zudem Titel von einem der wichtigsten Propagandafilme des dritten Reichs, auf den Hitler auch persönlich Einfluss nahm.

Ahasver, der der Legende nach maßgeblich zur Kreuzigung Jesu beigetragen hat, wurde von diesem verflucht, für alle Zeiten auf der Erde umherzuwandern. Aus diesem Grunde lassen sich auch die später im Buch folgenden „razza maledetta“[11] und „figlio del dannato“[12] als Anspielungen auf den Mythos betrachten, der von Simoninis Lieblingsautoren Dumas und Sue ebenfalls aufgegriffen worden ist.

Zudem verdeutlicht „sempre inquiete“ die Unmöglichkeit eines echten sich-Niederlassens und der damit verbundenen Assimilation in einen christlichen Staat. Schließlich impliziert es, dass die Juden niemals ruhen werden, zumindest nicht, bis sie ihr abschließendes Ziel erreicht haben. Jegliche Überzeugungsversuche sind also sinnlos, was auch Hitler nach eigenem Bekunden in seinen Wiener Jahren feststellen durfte: „Niemals aber war ein Jude von seiner Anschauung zu befreien“.[13]

Den jüdischen Penis bezeichnet Simonini als „ecrescenza semimutilata“, womit er bereits zum wiederholten Mal die Beschneidung anprangert und deren Folgen dramatisiert. Gerade weil die Juden so lüstern sein sollen, dürfen sie nicht auch erotisch sein, sondern müssen die Christen abstoßen. Dabei ist ein sich wiederholendes Muster das erste Mal zu erkennen: Traditionen, Mythen und echte wie angebliche Eigenheiten der Juden werden beständig so gedeutet, dass etwas Negatives daraus hervorgeht: So greift Simonini auch die Legende vom Golem auf und der Fakt, dass es eine jüdische Diaspora in aller Welt gibt, wird bei ihm zu einem Zeichen dafür, dass die Juden die ganze Welt beherrschen wollen: „...si è disperso per tutta la terra, vuol dire che tutta la terra gli deve apppartenere.“[14]. Auch Hitler verfährt nach diesem Prinzip: Die eigene Sprache der Juden beispielsweise lässt sie ihre wahre Intention verbergen[15] und die Ernährungsweise der Juden soll zu ihrem angeblichen Gestank führen.

Bald darauf führt Simonini Victor Hugo und seine Idee des „fetor judaica“[16] als Geheimcode der Juden als Beweis für seine Theorien an: Die Juden würden sich am Geruch erkennen – wie hinter allen Aktivitäten steckt auch hier ein großer Plan. Der folgende Vergleich mit Pädophilen ist bewusst gewählt. Er soll wiederum Ekel erregen vor Widernatürlichkeit der Juden und die Angst um Kinder schüren. Auch Hitler lässt sich über einen speziellen Gestank der Juden aus: „Mir wurde beim Geruche dieser Kaftanträger später manchmal übel“[17]. Des Weiteren nennt er sie „krummbeinig“[18]. Insgesamt spielt das jüdische Erscheinungsbild in „Mein Kampf“ jedoch eher eine untergeordnete Rolle.

Simonini bemängelt auch ihre fehlende körperliche Arbeitserfahrung und die damit verbundene physische Gebrechlichkeit: „I giudei erano fragili e deboli di costituzione“[19]. Dem setzt er die Griechen entgegen, „si pensi al valore che invece i greci davano alle competizioni fisiche“[20], ähnlich wie es Hitler mit dem Arier tut.

Dieser sieht den ersten Punkt schon als gegeben an und zieht bereits die Konsequenzen; die Juden hätten keinen Respekt vor körperlicher Arbeit.[21] Außerdem setze „der Jude“, so Hitler, „...an die Stelle des ewigen Vorrechts von Kraft und Stärke die Masse der Zahl und ihr totes Gewicht“[22]. Diese Anonymisierung ist ein weiterer beständiger Vorwurf an Juden, der bei Simonini beispielsweise durch die Annahme, dass Juden Bilder scheuten, getragen wird.

Auch wenn die äußerliche Erscheinung oder der Charakter eines Juden nicht in ihr vorgefertigtes Weltbild passen, nehmen die untersuchten Antisemiten Umdeutungen vor, um dieses weiter aufrecht zu erhalten. Besonders gut zu sehen ist dieses Verhaltensmuster an Simonini, wenn er Brafmanns fehlenden Geiz auf die Tatsache zurückführt, dass dieser seine Spesen von der russischen Regierung bezahlt bekommt oder in Bezug auf ihn bemerkt: „Si vede che la conversione trasforma anche i tratti del viso oltre a quelli dell'anima.“[23]. Hier wird die eingangs erläuterte Verbindung von Aussehen auf Charakter von Eco ad absurdum geführt, indem er Simonini vermuten lässt, ein Glaubensübertritt müsse sich sukzessive auch auf beiden Ebenen auswirken.

Nirgendwo jedoch macht Eco die Geschlossenheit dieses Weltbilds so deutlich wie an der Begegnung Simoninis mit dem jüdischen Arzt Froïde. So wird das annehmbare Französisch seines Gegenübers so interpretiert, dass Juden als Nomaden nun einmal schnell die Sprache des Gastlandes lernen müssten; das dankbare Lächeln macht ihn in Simoninis Augen zum Schleimer; Die Behauptung, dass er dieselbe Freude an gutem Essen empfände, kann nicht stimmen – ergo ist er ein Lügner, wie alle Juden. Sein Verkehren in guten Kreisen zeigt nur, was er als Jude für ein Karrierist, Heuchler, Parvenü ist; die aufrechte Liebe zu seiner Verlobten zeugt von seiner Lüsternheit; die angebliche Prüderie ist im Gegenteil nur die Unterdrückung seiner enormen Triebhaftigkeit.[24] Die große Offenheit, die er Simonini entgegenbringt, ist für diesen eher ein ständiges Lamentieren. Als sich Simonini schlussendlich eingestehen muss, das Froïde „facondo e spiritoso“[25] ist, bleibt ihm nichts anderes, als an ihm als Juden zu zweifeln.

Ein weiteres wichtiges Motiv ist das des hinterlistigen, verlogenen Juden. Für Hitler ist die Erhaltung der Art bei Juden nur durch seine „listige Verschlagenheit“[26] möglich. Diese „bodenlose Verlogenheit“[27], legen sie zu keiner Zeit ab, erst kurz vor ihrem Sieg zeigen sie ihr wahres Gesicht. Ein Gedanke, der bei der Auseinandersetzung mit dem Zionismus noch an Relevanz gewinnen wird.

Auch Hitler interpretiert das Handeln der Juden in sein Weltbild hinein. Falls es ihm nicht mehr möglich ist zu verschleiern, dass sie doch die Wahrheit sagen, dann tun sie das seiner Ansicht nach nur, um noch größere Lüge zu decken.[28] Durch diese geschlossene Logik macht er sich unangreifbar, eine Finesse, die er unter anderem auch den Juden vorwirft. Auch bei Simonini werden Widersprüchlichkeiten in jüdischen Plänen werden so aufgelöst, dass Juden von Natur aus Lügner sind. Er bezeichnet sie als „mentitori per natura“[29]. Diese Obsession mit der „jüdischen Lüge“ nimmt bei Hitler beinahe schon ehrfürchtige Züge an: Er spricht von ihrer „verlogene[n] dialektische[n] Gewandtheit und Geschmeidigkeit“[30] und fragt sich, „was ich mehr bestaunen sollte, ihre Zungenfertigkeit oder die Kunst der Lüge“[31]. Zitate, aus denen Hass und Bewunderung zugleich sprechen. Hitler bedient sich hier zur Legitimation seiner Ideologie fremder Quellen: Goethe wäre beispielsweise laut ihm entsetzt über Mischehen.[32] Bei Simonini hat das Methode; neben den bereits aufgeführten Schriftstellern kopiert unter anderem Joly, Gougenot und Osman Bey. Bei Simonini stehen die vom Publikum bereits gehörten Inhalte im Vordergrund, bei Hitler ist es der Name, der ihm und seinen Aussagen Autorität verleiht. So auch, wenn er sie, nach Schopenhauer, „die großen Meister der Lüge“[33] nennt.

Diese Eigenschaft der Verlogenheit mündet wiederum in darauf aufbauende Methoden: „Non dobbiamo arrestarci dinanzi alla corruzione, all'inganno e al tradimento“[34], wie die Rabbiner in den Prager Protokollen sich auftragen. Betrug, Bestechung und Verrat werden von den Juden in diesem Weltbild als legitime Mittel zur Durchsetzung der eigenen Ziele betrachtet.

Das Heuchlerisch-Verlogene, was man ihnen unterstellt, mündet auch in Opportunismus. Dass Juden Opportunisten seien, wie von Simonini immer wieder angedeutet, untermalt Hitler mit vielen konkreten Beispielen. So hätten die Juden, als der erste Weltkrieg begann, plötzlich auch „frech die nationale Erhebung“[35] mitgemimt. Die Juden hätten sich allerdings zu dieser Zeit nicht an der Front, sondern in den Kanzleien befunden, was auch ihrer Feigheit geschuldet sei.

Und schon in früheren Zeiten, als der in den Adelsstand erhobene „Hofjude“ bemerkte, dass Macht der Fürsten ins Wanken geriet, warf er sich nicht mehr dem Fürsten an den Hals, sondern stattdessen dem Volk.[36] Das ist Hitlers Entwicklung vom „Hofjuden“ zum „Volksjuden“. „Der Volksjude“ hätte hiernach das Bürgertum zur Durchsetzung seiner Rechte als „Sturmbock“ gegen Monarchie benutzt und die Arbeiterschaft wiederum als Sturmbock gegen das Bürgertum, dieses Mal um seinen Herrschaftsanspruch durchzusetzen.[37] Er vereinnahmte erst Bürgertum, dann die Arbeiterschaft und bediente sich zur Durchsetzung seiner Interessen immer jener Gefühlslagen, auf die das jeweilige Volk am meisten ansprang.[38]

Diese Evolution würde letztlich zum Sturz der Monarchie führen, mit den Juden als Rädelsführer der Revolution, da sie erneut die Zeichen der Zeit erkannten und sich auf die Seite der Gewinner stellten – wie es an Russland zu sehen war.

Auch in Simoninis Protokollen wird das zaristische Russland in die Betrachtung miteinbezogen, allerdings als möglicher Adressat der Dokumente. Um die Eliten dort zu erschrecken ergänzt er, dass Juden Volksabstimmungen wollten, weil in der Demokratie ist Bestechung einfacher durchzusetzen sei.[39] Der „jüdische“ Opportunismus verbindet sich hier mit dem Willen zur Korruption. Eine weitere unheilvolle Kombination von Charaktereigenschaften liege in dem von Simonini bei seiner Begegnung mit Brafmann erwähnten Geiz[40] und seiner Geldgier. Vor allem letztere veranlasst Hitler dazu, von Juden als „Repräsentanten […] der Plünderung, des Raubes“[41] zu sprechen. Wie sich dieses Vorurteil im Einzelnen ausdifferenziert, ist im Kapitel „Juden und Kapitalismus“ näher beschrieben.

[...]


[1] Hitler, Adolf, Mein Kampf, S. 751.

[2] Hitler, Adolf, Mein Kampf, S. 61.

[3] Eco, Umberto, Il Cimitero di Praga, S. 237.

[4] Eco, Umberto, Il Cimitero di Praga, S. 11 f.

[5] Der erste Teil des Zitates wird im Kapitel zu Juden und Religion näher beleuchtet.

[6] Eco, Umberto, Il Cimitero di Praga, S. 237.

[7] Hitler, Adolf, Mein Kampf, S. 61.

[8] Hitler, Adolf, Mein Kampf, S. 99.

[9] Vgl. Hitler, Adolf, Mein Kampf, S. 475.

[10] Vgl. Hitler, Adolf, Mein Kampf, S. 397.

[11] Eco, Umberto, Il Cimitero di Praga, S. 248.

[12] Eco, Umberto, Il Cimitero di Praga, S. 237.

[13] Hitler, Adolf, Mein Kampf, S. 66.

[14] Eco, Umberto, Il Cimitero di Praga, S. 244.

[15] Vgl. Eco, Umberto, Il Cimitero di Praga, S. 337.

[16] Eco, Umberto, Il Cimitero di Praga, S. 48.

[17] Hitler, Adolf, Mein Kampf, S. 61.

[18] Hitler, Adolf, Mein Kampf, S. 458.

[19] Eco, Umberto, Il Cimitero di Praga, S. 241.

[20] Eco, Umberto, Il Cimitero di Praga, S. 241.

[21] Vgl. Hitler, Adolf, Mein Kampf, S. 349.

[22] Hitler, Adolf, Mein Kampf, S. 69.

[23] Eco, Umberto, Il Cimitero di Praga, S. 231.

[24] Dass die Triebhaftigkeit ein wichtiger Zug der Juden ist, wird an der Übertragung derselben auf größere Zusammenhänge deutlich; so ist das jüdische Streben nach Weltherrschaft laut Hitler auch triebhafter Natur.

[25] Eco, Umberto, Il Cimitero di Praga, S. 54.

[26] Hitler, Adolf, Mein Kampf, S. 168.

[27] Hitler, Adolf, Mein Kampf, S. 252.

[28] Vgl. Hitler, Adolf, Mein Kampf, S. 386.

[29] Eco, Umberto, Il Cimitero di Praga, S. 496.

[30] Hitler, Adolf, Mein Kampf, S. 530.

[31] Hitler, Adolf, Mein Kampf, S. 67.

[32] Vgl. Hitler, Adolf, Mein Kampf, S. 341

[33] Hitler, Adolf, Mein Kampf., S. 235.

[34] Eco, Umberto, Il Cimitero di Praga, S. 493.

[35] Hitler, Adolf, Mein Kampf, S. 185.

[36] Vgl. Hitler, Adolf, Mein Kampf, S. 343.

[37] Hitler, Adolf, Mein Kampf, S. 350.

[38] Hitler, Adolf, Mein Kampf, S. 703 f.

[39] Eco, Umberto, Il Cimitero di Praga, S. 394.

[40] Eco, Umberto, Il Cimitero di Praga, S. 235.

[41] Hitler, Adolf, Mein Kampf, S. 750.

Ende der Leseprobe aus 43 Seiten

Details

Titel
Ein Vergleich des Antisemitismus Simone Simoninis und Adolf Hitlers anhand von "Il Cimitero di Praga" und "Mein Kampf"
Untertitel
"...eliminare un popolo intero..."
Hochschule
Universität Passau
Veranstaltung
Umberto Eco: Il Cimitero di Praga
Note
1,0
Autor
Jahr
2016
Seiten
43
Katalognummer
V423957
ISBN (eBook)
9783668721517
Dateigröße
671 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Hitler, Nationalsozialismus, Antisemitismus, Mein Kampf, Eco, Italianistik
Arbeit zitieren
Finn Giese (Autor), 2016, Ein Vergleich des Antisemitismus Simone Simoninis und Adolf Hitlers anhand von "Il Cimitero di Praga" und "Mein Kampf", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/423957

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