Medienethik unter dem Aspekt der angewandten Ethik am Beispiel der Flüchtlingskrise der Jahre 2015/2016

Hatten wir eine „Willkommenskultur“ oder war es ein Narrativ der Medien?


Hausarbeit (Hauptseminar), 2018

18 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Abstract

2. Ethik und Moral

3. Angewandte Ethik im Verhältnis zur Allgemeinen Ethik

4. Einordnung der Medienethik unter dem Begriff der Allgemeinen Ethik

5.Grundbegriffe der Kommunikationsund Medienethik
5.1 Werte
5.2 Verantwortung
5.3 Macht
5.4 Diskursethik im journalistischem Kontext
5.5 Kommunikation im Sinne der ethischen Teilhabegerechtigkeit
5.6 Menschenrechte, Menschenwürde

8. Journalistische Darstellungsformen in der Berichterstattung
8.1 Der Begriff des Narratives
8.2 Erzähltheorie

9. Willkommenskultur in Deutschland aus politischer Sicht

10. Willkommenskultur in Deutschland aus ethischer Sicht

11. Gesamtfazit

12 Literaturverzeichnis

1. Abstract

Ausgehend von der Eingangsfrage, ob die globalen Zusammenhänge im Rahmen der Flüchtlingskrise medienmäßig so marginalisiert wurden, dass das Narrativ der Willkommenskultur eine Bedeutung erlangte, die nicht den tatsächlichen Realitäten entsprach, wird der Frage nachgegangen, welche ethischen Aspekte ggf. keine Beachtung in den Medien fanden. Zitat: „ […] ist es aus medienethischer Perspektive von zentraler Bedeutung, das normative Leitlinien und Kriterien entwickelt werden, die ethische Standards festlegen, die Möglichkeiten von Medienselbstkontrollinstanzen ausloten und Qualitätsaspekte formulieren“? (Filipovic)

Im ersten Teil dieser Arbeit wird eine Einordnung der Medienethik unter dem Begriff der Allgemeinen Ethik vorgenommen, mit dem erweiterten Fokus auf der Diskursethik im journalistischen Kontext und der ethischen Teilhabegerechtigkeit der Gesellschaft, mit den dazu gehörigen Begrifflichkeiten aus der Sozialwissenschaft. Zitat: „ […] ist es aus medienethischer Perspektive von zentraler Bedeutung, das normative Leitlinien und Kriterien entwickelt werden, die ethische Standards festlegen, die Möglichkeiten von Medienselbstkontrollinstanzen ausloten und Qualitätsaspekte formulieren“? (Filipovic) Hierbei geht es darum, die Vielfalt der Begrifflichkeiten anhand einiger Beispiele zu verdeutlichen und gleichzeitig aufzuzeigen, welche Bedeutungsmuster dahinter zu verstehen sind. Darüber hinaus übernehmen Massenmedien die Aufgabe, gesellschaftliche Themenstellungen im öffentlichen Raum zu übersetzen, es wird hinterfragt, in welchem Kontext diese zu verstehen sind und welche meinungsbildenden Folgen die Medien für die Gesellschaft haben, mit der weiterführenden Frage, ob eine (soziologische) Integration in der Gesellschaft durch Massenmedien möglich ist. Um die jeweiligen Inhalte gegenüber den Rezipienten darzustellen, greifen Journalisten auf Narrative und die dazugehörige Erzähltheorie zurück. Es wird untersucht, welche Bedeutungsmuster und Inhalte sich in der journalistischen Berichterstattung dahinter verbergen. Im weiteren Verlauf wird der Begriff der Willkommenskultur in Deutschland unter politisch/gesellschaftlichen Aspekten und ethischen Gesichtspunkten in seiner jeweiligen semantischen Konnotation hinterfragt. Bezogen auf die Eingangsfrage sowie den aufgezeigten vielfältigen politischen und ethischen Randbedingungen werden die sich daraus ergebenden Sachverhalte im Schlussteil noch einmal zusammengefasst.

2. Ethik und Moral

Der Begriff der Ethik (griech: ethos = Gewohnheit, Gesittung, Charakter) befasst sich mit dem sittlichen Wollen und dem sich daraus ergebenden Handeln und ist demzufolge eine Disziplin der praktischen Philosophie. Die Normative Ethik beschäftigt sich mit der Entwicklung und den Grundlagen von moralischen Vorstellungen, die eine moralische Handlung ermöglichen, diese müssen in der Folge einsichtig und begründbar sein. Die Deskriptive Ethik untersucht und beschreibt die gesellschaftlichen Grundlagen von moralischen Wertvorstellungen, die in einer Gesellschaft bestehen. Sie kann weiterhin unterschieden werden in die Individualethik in Bezug auf das einzelne Subjekt und dessen Handlungen, und die Sozialethik in Bezug auf jede Art von gesellschaftlichen Gruppen und damit den sozialen Strukturen. Der Ausgangspunkt der Ethik leitet sich aus moralischen Überzeugungen ab. Die Moral (lateinisch moralis, Gewohnheit, Sitte, Brauch) wird als ein Handlungsmuster bestimmter Konventionen, Regeln, Werte oder Prinzipien von Individuen (prudentielle Perspektive) oder den Institutionen (Institutionsethik) verstanden, die für wünschenswert oder im negativen Sinne für nicht wünschenswert bzw. verboten angesehen werden. Moralische Regeln und Urteile unterliegen der humanen Frage als Ganzes und sind damit als entscheidender Orientierungspunkt im täglichen Zusammenleben zu sehen. Bei Moral geht es um Normen, die „der Einsicht entspringen, dass sie die bestmögliche Form des menschlichen Zusammenlebens garantieren.“ (Fenner 2008, S.6).

3. Angewandte Ethik im Verhältnis zur Allgemeinen Ethik

Der Begriff Angewandte Ethik wird in der wissenschaftlichen Literatur als anwendungsorientierte und problemorientierte Ethik verstanden. Nach Thurnherr ist die Angewandte Ethik „[…] eine „philosophische Disziplin“, die eine „systematische Anwendung normativethischer Prinzipien auf Handlungsräume, Berufsfelder und Sachgebiete [aufzeigt, d. Vf.].“ (Thurnherr) Es betrifft demzufolge die Politik, die unterschiedlichsten Gesellschaftsgruppen und die Wirtschaft mit den dazugehörigen Berufen in ihren jeweils sehr spezifischen Ausprägungen. Um die Auswirkungen auf die unterschiedlichen Handlungsträger wissenschaftlich zu hinterfragen, können unterschiedliche Theorien und Methoden angewendet werden. Bei der deontologischen Betrachtung (Das Gesollte) geht es darum, im Sinne der Pflichtenund Prinzipienethik zu beurteilen, ob eine Handlung einem moralischen Prinzip folgt, ohne dessen Folge zu berücksichtigen. Bei der teleologischen Betrachtung im Sinne von Ziel und Zweck wird eine ethische Beurteilung bei der Betrachtung eines Einzelfalles im Sinne eines Ziels und deren Folgen in Augenschein genommen. Der Utilitarismus (Präferenzutilitarismus) dagegen sagt aus, dass es um Interessensabwägungen (was ist für mich besser oder schlechter?) geht. Dabei wird in der Angewandten Ethik das Topdown und das Bottomup-Modell unterschieden. Im Topdown-Modell sind die Prinzipien der normativen Ethik in Form von allgemeinen Prinzipien oder Beurteilungskriterien für spezifische Handlungsbereiche (z.B. Wirtschaftsethik, Medizinethik, Medienethik) aus den entsprechenden Universellen (deduzierten) Handlungsanweisungen abgeleitet. Mit der Folge, dass ethische Theorien, daraus abgeleitete Prinzipien und daraus abgeleitete moralische Einzelurteile für konkrete Handlungsoptionen entstehen (als Beispiel Kants Kategorisches Imperativ) Im Bottomup-Modell dagegen geht es darum, Probleme in konkreten Situationen zu lösen. Dabei gilt die Grundformel, dass allgemeine Prinzipien oder Beurteilungskriterien aus der Erfahrung vergleichbarer Fälle hergeleitet (induziert) werden. Dabei gibt es sowohl am Bottomup-Modell wie auch am Top-Down-Modell verschiedene wissenschaftliche Kritikpunkte, sowohl an den Ausgangsüberlegungen wie an den Schlussfolgerungen, auf die ich nicht näher eingehe.

4. Einordnung der Medienethik unter dem Begriff der Allgemeinen Ethik

„Ethik bezeichnet das kennzeichnende Element im Sinne eines Erkenntnisinteresses, einer Methode oder einer Fragerichtung der Kommunikationsund Medienethik: Sie gibt sich nicht mit einer Beschreibung von moralischen Regeln innerhalb des politischgesellschaftlich-öffentlichen Diskurse zufrieden, sondern wagt die Beurteilung, gibt Gründe an und fällt Sollensurteile.“ (Filipovic 2015) Moral und Ethik reflektieren eine Praxis (die des guten und richtigen Handelns), aber sie geht über eine soziologische Beobachtung hinaus, weil sie „unter der erkenntnisleitenden Maxime des Urteils über das Sollen denkt. Unter diesen Aspekten stellt sie für die Medienschaffenden, sowohl auf Seiten der Journalisten_innen und der Medienhäuser im privatrechtlichen wie im öffentlichrechtlichem Raum die Richtschnur der täglichen Arbeit dar. Angewandte Medienethik hat sich unter der Grundstruktur der Argumentation unter den Aspekten von a) der Formulierung konkreter Entscheidungen, b) der Ebene allgemeiner Abstraktionen und c) einer Pluralität von mehr oder weniger umfassenden und grundlegenden ethischen Konzeptionen und Einstellungen, herausgebildet.(Leiner) Nach Filipovic „[…] ist es aus medienethischer Perspektive von zentraler Bedeutung, das normative Leitlinien und Kriterien entwickelt werden, die ethische Standards festlegen, die Möglichkeiten von Medienselbstkontrollinstanzen ausloten und Qualitätsaspekte formulieren“. (Filipovic et al. 2012, S.10) Aus diesen Aussagen wird deutlich, dass die sechzehn definierten Ethikregeln des Deutschen Presserats (Deutscher Presserat) die Arbeitsgrundlage eines jeden Journalisten_innen darstellen und somit einer seiner Handwerkszeuge. Dieses heißt aber auch gleichzeitig, dass die öffentliche Kommunikation durch diese ethischen Grundlagen sinnvollerweise geprägt sein sollte. „Von entscheidendem Interesse dafür, dass Ethik oder Verantwortung in den Praktiken der Macht in Medien oder Journalismus eine Rolle spielen, sind zwei Aspekte. 1. der Wille der Beteiligten, Ethik oder Verantwortung überhaupt als Elemente des Handelns anzuerkennen und 2. die Einsicht, dass Ethik und Verantwortung den Gang von Ereignissen beeinflussen können .“ (Altmeppen S. 192) Wobei man aber die persönliche Abhängigkeit des einzelnen Journalisten/der einzelnen Journalistin von den Medienunternehmen nicht unterschätzen sollte, da auch diese, zumindest im privatrechtlichem Bereich, die ökonomischen Auswirkungen ihrer Berichterstattung zu beachten haben und somit unter Umständen einem „moralischen Dilemma“ unterliegen könnten. Wo aber nun liegt die Reichweite von Medienethik für den einzelnen Journalisten/die einzelne Journalistin? Die Reichweite beinhaltet zum einen die berufsbezogene Ebene. Diese beinhaltet normative Ansprüche an berufsbezogenes Handeln. Diese berufsbezogene Ebene kann im Zweifelsfalle im Konflikt zur Organisationsebene stehen. Zum anderen betrifft es die personale Ebene, diese bildet die ethische Verantwortung in Form der Individualethik ab.

5.Grundbegriffe der Kommunikationsund Medienethik

5.1 Werte

Innerhalb der Soziologie und Moralpsychologie ist der Wertebegriff im Gegensatz zur philosophischen Ethik ein neutrales Element. „Allgemein wird das als Wert angesehen, was nach individueller und kollektiver Einschätzung als erstrebenswert, gut bereichernd, beglückend und fördernd gilt.“ (Beirer 1995, S. 80). Werte sind Ziele für individuelle und soziale Beziehungen, um die man sich individuell oder gesellschaftlich bemüht. Sie unterstellen ein implizites Akzeptieren als Orientierung innerhalb der Gesellschaft, unterliegen aber gleichzeitig einem kulturellen Wandel (z. B. aktuell die #MeToo Debatte). Es geht hierbei um Gesinnungen, Überzeugungen und Einstellungen und die daraus resultierenden Handlungen. Werte werden in der Sozialisierung im frühkindlichen Alter durch die Erziehung der Eltern sowie durch das jeweilige soziale Umfeld vorgelebt und für das eigene Verhalten im Wesentlichen adaptiert. Das Verhältnis von Werten und Normen zeichnet sich dadurch aus, dass Normen die konkreten Verhaltensregeln darstellen. Werte begründen demnach das Moralische, Normen grenzen diese ggf. durch Sanktionen ab. Das Recht und die dazugehörigen Institutionen können Werte konkretisieren. Dazu gehören verfassungsmäßige Ausführungen (u. a. die Menschenwürde, Meinungsund Pressefreiheit). Sie stellen den Grundpfeiler des konstitutionellen Rechts der gemeinsamen Werte dar. Werte entstehen durch Konsensbildung im öffentlichen Diskurs.

5.2 Verantwortung

Der Begriff der Verantwortung ist einer der essenziellen Begriffe innerhalb der Angewandten Ethik. In der Angewandten Ethik geht es um den Zusammenhang zwischen Handlungen und Handlungsfolgen und die daraus entwickelten konkreten Konsequenzen im Tun oder Unterlassen einer Handlung, die ein zweckgerichtetes Verhalten in der jeweiligen Situation auslöst. Mit der Anzahl der zur Auswahl stehenden Handlungsmöglichkeiten wächst auch die Handlungsfreiheit und damit in der Folge, der Zugang zur Entscheidung. Diese Handlungsentscheidungen können auch Nebenfolgen haben, die in vorhersehbare und unvorhersehbare Folgen zu unterscheiden sind. Mit der Verantwortung von Handlungen übernehmen wir gleichzeitig die Erklärungsund Rechtfertigungsgründe. „Das Subjekt braucht um überhaupt handeln zu können, notwendigerweise den Glauben an die Richtigkeit des eigenen Tuns.“ (Kohler 1988, S. 171) Es bedeutet, dass wir für unser Tun und Handeln einstehen. Nach Funiok (Funiok) gibt es sechs Dimensionen/Bezugsebenen der ethischen Verantwortung 1. Wer trägt Verantwortung? (Handlungsträger) 2. Was ist zu verantworten? (Handlung) 3. Wofür trägt er Verantwortung? (Folgen) 4. Wem gegenüber trägt er Verantwortung? (Betroffene) 5. Wovor muss er sich verantworten? (Instanz, z. B. Gewissen, Öffentlichkeit) 6. Weswegen muss man sich verantworten? (Werte, Normen, Kriterien). Dabei ist die Handlung sowohl als Einzelhandlung wie auch in größeren Handlungsketten zu betrachten. In institutioneller Hinsicht sind Handlungsketten daraufhin zu hinterfragen, wer in welcher Form für den vorgegebenen Rahmen (z. B. im Journalismus in welcher Form und Ausprägung über ein Ereignis berichtet wird) die Verantwortung mit allen Implikationen trägt. In der Konsequenz, dass die Verantwortung am Ende des Prozesses auch immer ein Nachempfinden der konkreten Folgen des Handelns auf andere Subjekte sein muss.

5.3 Macht

Macht entsteht durch soziale Prozesse. Sie betrifft Einzelpersonen, Gruppen und Institutionen. Sie wird durch Interaktionen der jeweils Beteiligten ausgelöst. Die „Macht“ des Wortes gilt auch und gerade im Bereich des Journalismus. Die Quellen der Macht beinhalten die dazugehörigen Ressourcen, sowohl personell wie ökonomisch, sie sind gleichzeitig Machtquelle und Machtmittel. Die Durchsetzung von Macht bzw. Machtausübung ist in diesem Kontext zu suchen. Macht kann vor allem verstanden werden als Bedingungsund Bedeutungsrahmen, der die Umsetzung der [...] Verhaltensbereitschaften im konkretes Handeln, d.h. den konkreten sozialen Austausch im Sinne eines Austausches oder einer gegenseitigen Übertragung von Kontrolle über Ressourcen und Ereignisse verständlich bzw. verstehbar macht.“ (Küpper/Felsch 2000, S. 21) Im Bereich des Journalismus liegt die Ethik der Macht darin begründet, dass diese von allen Beteiligten anerkannt wird und sich im journalistischen Alltag wiederfindet. Funktionell findet sich dieses u. a. in den Leitlinien des Deutschen Presserates zum Ethikkodex wieder. Im medialen Raum sind es die Interdependenzen zwischen den JournalistInnen und den dazugehörigen Medienanstalten, sowohl auf privatrechtlicher ökonomischer Basis wie auch im Bereich der öffentlichrechtlichen Institutionen, die einen weiteren Machtbereich darstellen. Als ein weiterer Machtfaktor sind die Institutionen jeglicher gesellschaftlichen Art zu sehen, die ihre spezifischen Interessen gegenüber der Öffentlichkeit zu ihrem ökonomischen, politischen oder die Meinungsführerschaft zu einem aus ihrer Sicht wichtigen Thema machen wollen. Wobei im politischen Raum der Begriff des Lobbyismus zum Tragen kommt. An dieser Stelle werden die angesprochenen JournalistInnen im Hintergrund der jeweiligen Medien informell als „Gatekeeper“ betrachtet. In der Form, dass er/sie eine wichtige Person in der Entscheidungsfindung ist, was wie und in welcher Form publiziert wird. Es liegt nun in der ethischen Verantwortung der betreffenden Person, wie im Rahmen der journalistischen Arbeit reagiert wird. Macht im Sinne des Journalismus sind die dazugehörigen Quellen und Mittel. Mit Machtausübung sollen immer Handlungsoptionen vergrößert und Unsicherheitszonen verringert werden (Röttger 2000, S. 158). Wobei die Mittel speziell im investigativen Journalismus - als exemplarische Beispiele seien hier Edward Snowden oder auch Wikileaks genannt - von staatlicher Seite als „kriminelle Akte“ eingestuft werden können. Der Übergang zwischen formeller Recherche und „Datendiebstahl“ können am Ende, je nach Sichtweise der Beteiligten, extrem unterschiedlich sein. Medienethisch sind sie im weitesten Sinne mit Begrifflichkeiten wie Glaubwürdigkeit, Reputation, Verantwortung (wie in den hier genannten Fällen gegen wen auch immer) zu belegen. Als Resümee über Macht kann man frei nach Filipovic festhalten, dass Macht und Ethik und die dazugehörige Verantwortung in einem dauerhaften Beziehungszusammenhang stehen, der aber häufig konfliktär ist, dieses aber nur sehr selten öffentlich thematisiert wird.

5.4 Diskursethik im journalistischem Kontext

Journalismus sollte als informierender Aufklärer und Moderator in gesellschaftlichen Diskursen auftreten. „Damit verbindet sich die leitende These, dass der Informationsjournalismus, wenn er die Kommunikationsräume thematisch durchdringt, auch die abgekoppelten Gruppen erreichen und übergreifende Diskurse in Gang setzen bzw. halten kann, was den sozialen Zusammenhalt - trotz Segmentierung und Stratifizierung - wieder stärken könnte.“ (Haller 2017, S. 179 ff) Die Grundlage liegt darin begründet, dass die deliberative Demokratietheorie die Teilhabe des Bürgers am öffentlichen Diskurs in den Mittelpunkt aller Bemühungen stellt. Der Kerngedanke ist, dass durch Austausch von Informationen und Argumenten ein auf Problemlösungen gerichtetes Gespräch (medialer Diskurs) entsteht. In unserer komplexen Gesellschaft lasse sich Öffentlichkeit „am ehesten als ein Netzwerk für Kommunikation von Inhalten und Stellungsnahmen“ beschreiben. (Habermas 1992 S. 436). Auch in Bezug auf den politischen Diskurs sollte der Journalismus als „Gatekeeper“ zwischen den Politikern und den beteiligten Gesellschaftsgruppen auftreten. Von hoher Relevanz für die hier aufgezeigten (Teil-)Thesen des informativen Journalismus in Bezug auf das WWW ist, dass durch die Informationsfülle und die hohe Geschwindigkeit von News-Meldungen eine adäquate Pflicht zur qualitativen Recherche in jedem Medienhaus verbleibt, um die Gefahr der Falschmeldungen so gut wie möglich auszuschließen. Im Sinne von Habermas kann insbesondere die mediengestützte politische Kommunikation nur dann gelingen, wenn ein unabhängiges, selbst geregeltes Mediensystem (z. B. im Sinne des einzuhaltenden Pressekodexes) existiert und die Öffentlichkeit dadurch eine Rückkoppelung zwischen den politischen Eliten und ihrem eigenen Informationsbedürfnis erhält. Der Journalismus fungiert als Anwalt gesellschaftlicher Diskurse und damit als Korrektiv im Verhältnis der ungleichen Verteilung von Wissen. „Damit verbindet sich die Forderung an den politischen Journalismus „unparteiisch vorzugehen“ und die Geltungsund Legitimationsansprüche“ des Outputs der Politik kritisch zu prüfen. (Habermas 1992, S. 457).

5.5 Kommunikation im Sinne der ethischen Teilhabegerechtigkeit

Der Ursprung des Begriffs „Kommunikation“ liegt im altgriechischen Wort für Gemeinschaft, das die Teilnahme an einer öffentlichen Sache bezeichnet, und ist eng mit der Bezeichnung Verständigung und Mitteilung verbunden. Es handelt sich hierbei um die Fähigkeit des Individuums, seine Gefühle, Ideen, Gedanken und Wahrnehmungen gegenüber anderen auszudrücken und darüber persönliche Beziehungen aufzubauen. Wobei sich dieses durch Sprache, Gestik und Mimik äußert. Im soziologischen Sinne ist der bilaterale Kommunikationsfluss die Grundlage jeglicher Kommunikation. Wobei die Informationen als Zeichen zwischen dem Kommunikator und dem aufnehmenden Rezipienten betrachtet werden. Es ist ein gemeinsamer Zeichenvorrat zwischen den Beteiligten notwendig (Codierung vs. Entcodierung). Je größer die Kommunikationsgruppen sind, umso komplexer können die vermittelten Informationen sowohl für die Gruppe wie für den Einzelnen sein. Kommunikationsnetzwerke sind hierbei als Einschlussoder Ausschlusskriterium zu verstehen. Der soziale Status des Einzelnen kann dabei eine wichtige Rolle spielen. Die Neutralisierung von Kommunikationshemmnissen kann durch ungehinderten vertikalen, horizontalen und partizipativen Pluralismus gewährleistet werden. Wobei es den Gruppen bzw. den einzelnen Gruppenmitgliedern überlassen bleibt, in welcher Form sie einen Ausschluss einzelner Teilnehmer vornehmen. Massenkommunikation verkörpert demnach sowohl unmittelbar zwischen den Beteiligten wie auch medial eine spezielle Art von Informationsflüssen. Die hier genannten Ausführungen können auch im Kontext der Begrifflichkeit der „Deliberation“ verstanden werden, unter dem Aspekt, dass die Mitwirkung der Gesellschaft als partizipatives Element für den Prozess der demokratischen Meinungsfindung gesehen wird. Im Sinne von gefühlter Ausgeschlossenheit von gesellschaftlichen Milieus in der öffentlichen Kommunikation hat die Meinungsforscherin Elisabeth Noelle-Neumann in den 1970er Jahren unter der Theorie der öffentlichen Meinung das Konzept der „Schweigespirale“ erarbeitet, ein Konzept, das eine spezifische Dynamik in der öffentlichen Meinungsbildung erklärt. Dabei wird unterstellt, dass das jeweilige Subjekt zu einem gesellschaftlichen Thema eine gefühlte Minderheitenmeinung vertritt und aus Angst vor dem Verlust von Anerkennung und Respekt in seinem sozialen Milieu seine Meinung nicht mehr kundtut (Reaktanz), um eine gesellschaftliche Isolation zu vermeiden. Mit der Folge, dass der ethische Grundsatz der Teilhabegerechtigkeit, hier der Kommunikation, nicht mehr zum Tragen kommen kann.

5.6 Menschenrechte, Menschenwürde

„Das Verhältnis, das sowohl zwischen Personen als auch in der Beziehung jeder Person zu ihrem Leben besteht, bezeichnen wir als die Würde des Menschen. […] Würde [ist, Vf.] dasjenige [.], was alle Menschen miteinander verbindet und von allen nichtmenschlichen Wesen unterscheidet.“ (Schweidler, S.75). Würde ist demnach kein Status, kein Verdienst. Träger der Menschenwürde ist jeder Mensch, da sein Gegenüber ihm diese Würde nicht absprechen kann. Nur Personen können bewusst rational und begründet handeln. Jede Person verantwortet somit ihr Handeln gegenüber einer anderen Person. Person ist demnach jeder, der sich in sich selbst vorfindet, sobald er Denkund Handlungsfähigkeit erlangt. Diese Erhaltung der Lebensform beinhaltet die Würde des Menschen. Die Würde des Menschen verbietet es, das Leben gegenüber anderen Menschen oder Gütern abzuwägen. Die dazugehörige Ethik besteht daher in der Verteidigung des Prinzips der Universalität der Menschenwürde, d. h. der Unteilbarkeit menschlicher Verantwortung.

[...]


Ende der Leseprobe aus 18 Seiten

Details

Titel
Medienethik unter dem Aspekt der angewandten Ethik am Beispiel der Flüchtlingskrise der Jahre 2015/2016
Untertitel
Hatten wir eine „Willkommenskultur“ oder war es ein Narrativ der Medien?
Hochschule
Westfälische Wilhelms-Universität Münster
Note
1,3
Autor
Jahr
2018
Seiten
18
Katalognummer
V424054
ISBN (eBook)
9783668695290
ISBN (Buch)
9783668695306
Dateigröße
551 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Medienethik, Narrativ Flüchtlingskrise, Willkommenskultur
Arbeit zitieren
Udo Goldstein (Autor), 2018, Medienethik unter dem Aspekt der angewandten Ethik am Beispiel der Flüchtlingskrise der Jahre 2015/2016, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/424054

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