Im folgenden Verlauf möchte ich genauer auf diesen Urzustand eingehen und mich vor allem mit der methodischen und inhaltlichen Funktion des „Urzustandes“ in John Rawls' „Gerechtigkeit als Fairness“ beschäftigen.
John Rawls ist wohl einer der bedeutendsten Philosophen des 20. Jahrhunderts. Er gilt als wesentlicher Vertreter der liberalen politischen Philosophie und ihm wird das Verdienst zugeschrieben, an der aktuellen (Wieder-)Belebung politischer Philosophie maßgeblich beteiligt gewesen zu sein. In seinem Werk „The Theory of Justice“ oder zu Deutsch „Gerechtigkeit als Fairness“ bestimmt er die Rolle der Gerechtigkeit als erste Tugend sozialer Institutionen. Er definiert in diesem Werk Gerechtigkeitsgrundsätze, die die Grundstruktur der Gesellschaft festlegen sollen, d. h. die Zuweisung von Rechten und Pflichten und die Verteilung der Güter. Rawls stellt sich dazu die Frage: Für welche Grundsätze würden sich freie und vernünftige Menschen in einer fairen und gleichen Ausgangssituation in ihrem eigenen Interesse entscheiden?
Diese faire und gleiche Ausgangssituation bezeichnet Rawls als „Urzustand“ und beschreibt ihn ausführlich und detailliert. Durch diesen Urzustand sollen Rawls Gerechtigkeitsprinzipien legitimiert und deren Entstehung verständlich gemacht werden. Deswegen ist er ein essentieller Teil von John Rawls Gerechtigkeitstheorie und verdient eine genauere Betrachtung. Im folgenden Verlauf möchte ich genauer auf diesen Urzustand eingehen und mich vor allem mit der methodischen und inhaltlichen Funktion des „Urzustandes“ in John Rawls' „Gerechtigkeit als Fairness“ beschäftigen.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung:
2. Hauptteil:
2.1 Warum ist der Urzustand so wichtig für Rawls Gerechtigkeitstheorie?
2.2 Die methodische Funktion des Urzustandes
2.3 Die inhaltliche Funktion des Urzustandes
2.4 Kritik und Folgerungen
3. Schluss
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht die methodische und inhaltliche Funktion des „Urzustandes“ in John Rawls’ Werk „Gerechtigkeit als Fairness“, um dessen Bedeutung für die Legitimation von Gerechtigkeitsprinzipien in einer liberalen Gesellschaftsordnung zu beleuchten.
- Die theoretische Relevanz des Urzustandes bei John Rawls.
- Die methodische Konstruktion des Urzustandes und der Schleier des Nichtwissens.
- Die inhaltliche Herleitung der zwei Gerechtigkeitsprinzipien.
- Kritische Auseinandersetzung mit der Theorie durch Positionen von Ottfried Höffe und Hans Georg von Manz.
Auszug aus dem Buch
2.2 Die methodische Funktion des Urzustandes
Methodisch löst Rawls dieses Problem, indem er eine faire und gleiche Verhandlungssituation konstruiert, die seine Gerechtigkeitsprizipien legitimieren soll. Diese Verhandlungssituation ist der Urzustand, welcher als Modell, das nicht historisch sondern hypothetisch ist, verstanden werden soll. Durch dieses Modell gelangt man zu fairen Gerechtigkeitsprinzipien, oder wie Hans Georg von Manz es treffender formuliert:
Mittels ihrer sollen Prinzipien gefunden werden, die unabhängig von allen faktisch-historischen und damit kontingenten Gegebenheiten gerecht sind. Daher müssen die Randbedingungen dieser ursprünglichen und hypothetischen Situation in der Art angegeben werden, dass die Wahl der Prinzipien einer gerechten und d.h. für Rawls fairen Vorschrift folgt und notwendig ... zu gerechten Prinzipien führt.“ (Manz, 1992: 19)
Somit besteht die Funktion des Urzustands darin, Prinzipien für eine Gesellschaftsordnung zu finden, in der Freiheiten und Rechte der Einzelnen miteinander in Einklang gebracht werden können. Zu diesen Grundrechten bzw. Freiheiten, welche auch Primärgüter genannt werden, gehören „liberty and opportunity, income and wealth and the bases of self-respect.“ (Manz, 1992: 20)
Im Urzustand herrschen faire Bedingungen unter denen sich die Subjekte, auch Repräsentanten genannt, auf Gerechtigkeitsprinzipien einigen sollen. Es existieren sowohl objektive als auch subjektive Anwendungsbedingungen der Gerechtigkeit. Zu den objektiven Anwendungsbedingungen gehören die mäßige Güterknappheit und die Notwendigkeit zur Kooperation. Die subjektiven Anwendungsbedingungen besagen, dass die Bürger, die von den Subjekten im Urzustand repräsentiert werden, trotz aller Vernunft verschiedene unvereinbare Globaltheorien bzw. Anschauungen des Guten vertreten. Dies ist auch unter der Bezeichnung „vernünftiger Pluralismus“ bekannt.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Diese Einleitung führt in das Werk von John Rawls ein und stellt die Relevanz des Urzustands als zentrales Element für die Legitimation von Gerechtigkeitsprinzipien dar.
2. Hauptteil: Der Hauptteil analysiert detailliert die theoretische Bedeutung, die methodische Konstruktion (inklusive Schleier des Nichtwissens) und die inhaltliche Ableitung der Gerechtigkeitsprinzipien innerhalb des Urzustands.
2.1 Warum ist der Urzustand so wichtig für Rawls Gerechtigkeitstheorie?: Hier wird erläutert, wie der Urzustand als notwendiges Instrument dient, um faire Kooperationsbedingungen trotz individueller Unterschiede und Vorurteile zu schaffen.
2.2 Die methodische Funktion des Urzustandes: Dieses Kapitel beschreibt den Urzustand als hypothetisches Modell und erklärt die Rolle der Maximin-Regel sowie des Schleiers des Nichtwissens zur Sicherung der Unparteilichkeit.
2.3 Die inhaltliche Funktion des Urzustandes: Hier werden die resultierenden Gerechtigkeitsprinzipien (Gleichheitsprinzip und Differenzprinzip) im Detail aufgeführt und ihre Priorisierung begründet.
2.4 Kritik und Folgerungen: Dieses Kapitel reflektiert kritische Einwände von Denkern wie Höffe bezüglich Primärgütern und der Annahme der Kooperationsbereitschaft im Urzustand.
3. Schluss: Der Schluss fasst zusammen, dass Rawls trotz kleinerer Mängel ein revolutionäres und logisch schlüssiges Modell geschaffen hat, das als Basis für soziale Gerechtigkeit dient.
Schlüsselwörter
John Rawls, Urzustand, Gerechtigkeit als Fairness, Schleier des Nichtwissens, Gerechtigkeitsprinzipien, Politische Philosophie, Primärgüter, Maximin-Regel, Liberalismus, Gesellschaftsvertrag, Sozialethik, Vernünftiger Pluralismus, Institutionenethik.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit der zentralen Rolle des „Urzustandes“ als methodisches und inhaltliches Instrument innerhalb von John Rawls’ Gerechtigkeitstheorie.
Was sind die zentralen Themenfelder der Analyse?
Die zentralen Themen umfassen die Konstruktion des Urzustands, die Funktion des Schleiers des Nichtwissens und die Begründung der zwei Hauptprinzipien der Gerechtigkeit.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Ziel der Arbeit ist es zu ergründen, auf welche Weise der Urzustand Gerechtigkeitsprinzipien legitimiert und verständlich macht.
Welche wissenschaftliche Methode verwendet die Autorin?
Die Arbeit basiert auf einer philosophiegeschichtlichen Analyse von Rawls’ Originaltext unter Einbeziehung von Sekundärliteratur zur kritischen Einordnung.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Bedeutung des Urzustands, seine methodische Funktion, die inhaltliche Ausgestaltung der Prinzipien sowie eine kritische Auseinandersetzung mit der Theorie.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Zu den wichtigsten Begriffen gehören John Rawls, Gerechtigkeit als Fairness, Urzustand, Schleier des Nichtwissens und Differenzprinzip.
Wie unterscheidet sich Rawls’ Ansatz von einem klassischen Vertragsschluss?
Der Urzustand bei Rawls ist keine historische Versammlung, sondern ein hypothetisches Gedankenexperiment, das auf rationaler Berechnung und Unparteilichkeit basiert.
Warum wird der „Schleier des Nichtwissens“ als essenziell erachtet?
Er blendet individuelle Merkmale aus, um ein unparteiisches Urteil zu ermöglichen, das nicht durch soziale Stellung oder persönliche Verhandlungsvorteile verzerrt ist.
Wie wird das Differenzprinzip im Urzustand begründet?
Es wird über die Maximin-Regel begründet, da sich rationale Individuen im Urzustand gegen die schlechtestmögliche Lage absichern wollen.
Welche Kritikpunkte werden in der Arbeit angeführt?
Die Arbeit thematisiert unter anderem die Kritik von Ottfried Höffe zur Einstufung materieller Güter als Primärgüter sowie das Problem der fehlenden Kooperationsbegründung.
- Citation du texte
- Anne-Karen Fischer (Auteur), 2009, Die methodische und inhaltliche Funktion des "Urzustandes" in John Rawls "Gerechtigkeit als Fairness", Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/424093