Repetunden. Wenn sich Statthalter bereichern


Essay, 2014
6 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

1. Was tun mit den eroberten Gebieten?

Im Zuge ihres Expansionsstrebens breitet die Stadt Rom ihre Machtsphäre ab dem 3. Jh. v. Chr. immer weiter aus, so dass Rom bald über den gesamten Mittelmeerraum herrscht. In hart erkämpften Kriegen kommen immer mehr Gebiete in römischen Besitz, die verwaltet werden müssen. Nach dem Ende des 1. römischkarthagischen Krieges 241 v. Chr. überlegen die Römer, wie sie mit den eroberten Gebieten verfahren sollen. Es ist zu der Zeit die gängige Praxis, neue Gebiete über ein Bundesgenossenvertrag an Rom zu binden, wie es beispielsweise mit der sizilianischen Stadt Messana nach dessen Eroberung 264 v. Chr. geschieht. Die Bundesgenossengebiete bleiben dabei in sich bestehen, verwalten sich ohne Intervention durch Rom selbst und müssen keine Abgaben an Rom leisten.[1]

Mit den übrigen Gebieten verfährt Rom jedoch anders: Im Jahre 227 v. Chr. werden die weiteren Stadtstaaten Siziliens zur Provinz Sizilien zusammengeschlossen, der ersten und damit ältesten Provinz Roms, auf die noch im selben Jahr Sardinien und Korsika folgen. Diese Provinzen darf man sich indes aber nicht als einheitliches Verwaltungsgebiet vorstellen, sondern vielmehr als ein „Flickenteppich“ aus Stadtstaaten, die in unterschiedlichen Abhängigkeitsverhältnissen zu Rom stehen. An die Spitze der Provinzen wird ein Statthalter gestellt, der militärische Aufgaben, die Rechtsprechung sowie Sicherheitsund Ordnungsangelegenheiten übernimmt, sich allerdings aus weiteren inneren Angelegenheiten heraushält. Weiterhin überwacht er die Tributleistungen an Rom, die die einzelnen Stadtstaaten abhängig von ihrem Status ableisten müssen.[2]

2. Statthalter – ein begehrtes Amt?

Die Verwaltung der Provinzen obliegt römischen Statthaltern. Größtenteils handelt es sich dabei um Proprätoren, die nach ihrer Prätur in Rom eine obligatorische Proprätur als Statthalter ableisten müssen. Signifikant für dieses Amt ist, dass die römischen Statthalter nicht dem in Rom üblichen Prinzip der Kollegialität folgen. Während nämlich jedes reguläre Magistrat im cursus honorum den Kollegeneinspruch oder das Veto des Volkstribunen als Gegengewicht hat, kann ein Proprätor vollkommen ohne Gegengewicht in den Provinzen handeln. Dies hört sich vielleicht erst einmal nicht so problematisch an, wenn man sich allerdings näher mit der Beamtenlaufbahn befasst, fällt sofort folgendes auf:

Keines der Ämter ist bezahlt und so müssen die Magistrate selbst für sämtliche Kosten aufkommen. Demzufolge ist die Wahrscheinlichkeit einer Verschuldung für die Beamten sehr hoch und so bietet die Provinzverwaltung eine gute Gelegenheit, sich finanziell wieder zu stabilisieren. Die Statthalter nutzen dabei ihre Aufgabe als Überwacher der Steuereinkünfte aus den Provinzen nach Rom aus, um sich selbst zu bereichern. Die Statthalterschaft als Mittel zum Geldgewinn ist bei den Beamten so beliebt, dass es kaum eine Person in diesem Amt gibt, die ihre Provinz nicht ausbeutet.[3]

3. Crimen pecuniarum repetundarum – Schutz gegen Willkür der Statthalter

Bei diesen willkürlichen Ausbeutungen der Provinzen durch die Statthalter ist der einzige Schutz für die Provinzbewohner das crimen pecuniarum repetundarum, die Anklage wegen wiederzuerstattender Gelder. Doch fangen wir bei den Ursprüngen an.

Erste Erwähnungen von Beschwerden aus den Provinzen aufgrund von Ausbeutung finden sich schon im Jahre 171 v. Chr. beim römischen Historiker Titus Livius:

„Dann wurden Legaten aus einigen Völkern aus beiden Spanien in den Senat geführt. Diejenigen, die über die Habgier und den Hochmut der römischen Beamten klagten, forderten auf Knien bittend vom Senat, dass sie als Bundesgenossen nicht des Vertrages beraubt und misshandelt werden, so wie Feinde es erleiden müssen. Da sie sich über einige empörende Sachen beschwerten, und auch deutlich wurde, dass Geld gestohlen worden ist, gab man dem Prätor Lucius Canuleius, der durch das Los Spanien bekommen hatte, den Auftrag, dass er gegen jeden, von denen die Spanier Geld forderten, fünf recuperatores aus dem Senatorenstand ernennt, und dass die Spanier die Möglichkeit erhalten, jeden Patron, den sie wollen, wählen zu dürfen. […] Zuerst nahmen sie die recuperatores gegen Marcus Titinius, der unter den Konsuln Aulus Manlius und Marcus Iunius Praetor im diesseitigen Spanien war. Zweimal wurde der Gerichtsprozess vertagt, beim dritten Mal erfolgte der Freispruch für den Angeklagten.“[4]

Aus diesem konkreten Beispiel erfährt man also, dass die ausgebeuteten Bundesgenossen ihr zugesichertes Recht mithilfe von recuperatores, also mit speziell einberufenen Richtern, einfordern konnten. Allerdings sind das ganze Verfahren und insbesondere das Urteil wenig zufriedenstellend für die Bundesgenossen. Gerade dieser Fall steht sinnbildlich dafür, dass es in der Entstehungszeit der frühen Provinzen noch keine wirkliche durchsetzbare Rechtsgrundlage bezüglich der „Repetunden“ gibt.

Dies ändert sich erst mit der lex Calpurnia im Jahre 149 v. Chr., die zusammen mit einer früheren lex Iunia erstmals eine Rechtsgrundlage schafft. Infolge dieser Gesetze entsteht ein System von quaestiones perpetuae, ständigen Gerichtshöfen mit dreißig bis sechzig Mitgliedern. Das crimen pecuniarum repetundarum wird im quaestio perpetua de repetundis mit dem Ziel verhandelt, das widerrechtlich erpresste Geld zu erstatten.[5]

[...]


[1] Vgl. Fuhrmann 2011, S. 246 sowie Jehne 2013, S. 49f.

[2] Vgl. ibid.

[3] Vgl. Fuhrmann 2011, S. 248f.

[4] Liv. 43.2.

[5] Vgl. Fuhrmann 2011, S. 248f.; Sherman-White 1949, S. 6ff.; Simon, DNP 15.2, Sp. 1379.

Ende der Leseprobe aus 6 Seiten

Details

Titel
Repetunden. Wenn sich Statthalter bereichern
Hochschule
Universität Potsdam
Note
1,3
Autor
Jahr
2014
Seiten
6
Katalognummer
V424171
ISBN (eBook)
9783668694873
Dateigröße
912 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Repetunden, Ausbeutung, Cicero, Verres, Provinz, Bundesgenossen, Sizilien, Geld, Korruption, Unterschlagung, Steuerhinterziehung, Bedrohung, Antike
Arbeit zitieren
Marwin-Domingo Gorczak (Autor), 2014, Repetunden. Wenn sich Statthalter bereichern, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/424171

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