Die Desillusionierung der romantischen Liebe in Gustave Flauberts "Éducation sentimentale"


Seminararbeit, 2015

15 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Frédérics Illusionsbildung
2.1 Frédérics literarische Vorbilder
2.2 « Ce fut comme une apparition »

3. Frédérics Desillusionierung
3.1 Rolle von Rosanette und Madame Dambreuse
3.2 « Et ce fut tout »

4. Zusammenfassung

Bibliographie

1. Einleitung

Im 19. Jahrhundert strebten junge französische Männer scharenweise von der province in die Hauptstadt Paris, in der Hoffnung, dort sowohl in der Liebe als auch wirtschaftlich das Glück zu finden und in der Gesellschaft aufzusteigen. Dies Schema wurde häufig auch zum Motiv der Literatur, wie beispielweise auch in Honoré de Balzacs Le Père Goriot, in dem Eugène de Rastignac, ein junger, mittelloser Student nach Paris kommt und durch Ehrgeiz und Skrupellosigkeit gesellschaftlich aufsteigt.

Auch Frédéric Moreau, der Protagonist aus Gustave Flauberts Éducation sentimentale[1], geht aus seinem provinziellen Heimatort Nogentsur-Seine nach Paris, um sich dort in der Politik, Literatur und Liebe selbst zu verwirklichen. Jedoch versäumt er die ihm sich bietenden Möglichkeiten, um irrealen, idealen Zielen nachzueifern. Eine Karriere als Anwalt und Politiker verfolgt er nur halbherzig, und auch als er sich in die verheiratete Madame Marie Arnoux verliebt, ergreift er keine der Gelegenheiten und widmet sich stattdessen anderen Frauen. So bleibt sowohl die politische Karriere erfolglos als auch die romantisch beginnende Liebe unerfüllt. Als er am Ende des Romans mit seinem Jugendfreund Deslaurier an sein Leben erinnert, fällt ihm lediglich ein – ebenfalls – gescheiterter Bordellbesuch mit seinem Freund ein, der ihnen rückblickend als das Beste erscheint, was ihnen widerfahren ist.

Thomas Keller bezeichnet Gustave Flaubert als „Begründer des weltläufigen Gesellschaftsund Desillusionsromans.“ Seine entschiedene Abneigung gegen die Moderne und ihre Gesellschaft sei zwar „reaktionär und doch wieder modern“ gewesen und er sei damit ein Erfinder „moderner literarischer Techniken.“[2] In der modernen Literatur werden gängige Plotschemata ausgehebelt, und die Liebe erweißt sich zunehmend als unsicher und widersprüchlich.[3] Die Vorstellung einer romantischen Bildungsgeschichte und Erregungen feiner Empfindsamkeit beim Leser werden in diesem Roman enttäuscht und enden schließlich in der „Austreibung der Gefühle.“[4] Die Liebesgeschichte von Madame Arnoux und Frédéric Moreau gleicht laut Geisenhanslüke einer „programmatischen Verabschiedung romantischer Subjektivität.“[5] Denn das, was Flaubert der époque sentimentale und den Romantikern vorwirft, ist die Verwechselung und Imitation romantischer Leseerfahrungen im Lebensweltlichen und die Wahrnehmung der Romantik als „leicht applizierbare Lebenshilfe, der sich jedweder (naive) Schriftsteller wie Leser bedienen kann.“[6]

In der Literaturwissenschaft wurde dieses desillusionierte Liebeskonzept vielfach aufgegriffen. So befasst sich Carsten Rohde in einer Abhandlung mit der „Kontingenz der Herzen.“ Gustave Flaubert erzähle in der Éducation sentimentale von der „Desillusionierung einer ganzen Generation.“[7] Dieter Horning vergleicht in seiner Monographie „Aspekte des französischen Desillusionsromans“ verschiedene Romane des 19. Jahrhunderts.[8] Dem Gegensatz von Ehrlichkeit und Verstellung in Werken der Weltliteratur widmet sich Achim Geisenhanslüke einer Monographie.[9]

Gustave Flauberts Desillusionierung der romantischen Liebe vollzieht sich in zwei Phasen. Die erste Phase der Illusionsbildung und letztlich der Bruch mit allen romantischen Vorstellungen in der zweiten Phase werden in dieser Hausarbeit untersucht. Das Augenmerk liegt hierbei auf der unerfüllten Liebesgeschichte zwischen Frédéric Moreau und Madame Marie Arnoux, die den „Mittelpunkt der in der Éducation sentimentale dargestellten Verwirrung des Herzens“[10] bildet.

In Kapitel 2 wird die anfängliche Illusionsbildung einer romantischen Liebe beim ersten Aufeinandertreffen von Frédéric und Marie Arnoux dargestellt. Hierfür wird auf Frédérics Vorbilder aus der Literatur eingegangen (Kapitel 2.1) und im Anschluss dargestellt, wie er die junge Frau idealisiert als Marienikone wahrnimmt (Kapitel 2.2). Daraufhin wird der Gegenpart zur Illusion dargestellt: die Desillusion. Hierbei zeige ich zunächst auf, welche Rolle Madame Arnoux’ Gegenspielerinnen Rosanette und Madame Dambreuse für die Desillusionierung spielen (Kapitel 3.1). Anschließend wird das letzte Treffen von Frédéric und Madame Arnoux thematisiert. Es bildet das desillusionierende Gegenbild zu der „idealisierenden“ Begegnung auf dem Flussdampfer (Kapitel 3.2). Zuletzt werde ich die Ergebnisse zusammenfassen und aufzeigen, wie Flaubert den desillusionierenden Bruch in der romantisch beginnenden Liebe inszeniert (Kapitel 4).

2. Illusionsbildung

Die première rencontre vom Marie Arnoux und Frédéric auf dem Flussdampfer Villede-Montereau, eine erste Schlüsselszene des Romans, bezeichnet Harneit als „die folgenreichste Szene.“[11] Die junge Frau ist mit dem wohlhabenden Kunsthändler Jacques Arnoux verheiratet. Frédéric fühlt sich von Madame Arnoux’ Äußerem augenblicklich angezogen. Trotz ihrer Ehe hat auch Marie Arnoux Interesse an dem jungen Protagonisten Frédéric, wie sie später zugibt.[12] Dieser Romananfang stellt einem traditionellen und gebräuchlichen Handlungsablauf in Aussicht, in dessen Handlungsverlauf die Standesgrenzen überwunden werden und das gegensätzliche, sich begehrende Paar zueinanderfindet.[13]

Dietrich Scholler beschreibt, dass die Begegnung von Madame Arnoux und Frédéric auf der Villede-Montereau von einer Plötzlichkeit geprägt ist[14], was Geisenhanslüke als ein „Gefühl des Überfallen-Werdens“[15] schildert. Scheinbar aus dem Nichts taucht Marie Arnoux in Frédérics Blickfeld auf und er kann nicht anders, als unbewusst, involontairement, die Schultern zu heben, um sie, die „Erscheinung“, zu grüßen. Stilistisch wird der coup de foudre und die Begeisterung Frédérics durch fut, die Passé simple-Form von être, und die Semantik der Substantive apparition und éblouissement erzeugt, die ebenso das Überirdische von Madame Arnoux unterstreichen:[16]

« Ce fut comme une apparition: Elle était assise au milieu du banc, toute seule; ou du moins il ne distingua personne, dans l’éblouissement qui lui envoyèrent ses yeux. En même temps, qu’il passait, elle leva la tête; il fléchit involontairement les épaules; et, quand il se fut mes plus loin, du même côté, il la regarda » (L’Éducation sentimentale: 25)

Auffällig ist hier, dass die unbekannte Schönheit nicht aus der Perspektive des auktorialen Erzählers, sondern aus der selektiven und sehr verschärften Perspektive von Frédéric wahrgenommen wird. Über diese focalisation interne erfährt der Leser mehr über Frédérics versunkene Stimmung und seine grande passion für Marie Arnoux:[17]

« Jamais il n’avait vu cette splendeur de sa peau brune, la séduction de sa taille, ni cette finesse des doigts que la lumière traversait. […] Quels étaient son nom, sa demeure, sa vie, son passé ? » (L’Éducation sentimentale: 26)

Die Beschreibungen von Maries schwarzen Augen, ihrer braune Haut und der zierlichen Taille, die bei Frédéric andalusischkreolische Assoziationen wecken, lassen Madame Arnoux nicht nur als tugendhafte Mutter und Gattin erscheinen, sondern machen sie auch zu einem anziehenden Lustobjekt für den jungen Mann.[18] Frédéric spekuliert weiter, als er erfährt, dass Madame Arnoux ein farbiges Kindermädchen hat, ob Marie eine exotische Herkunft haben könnte: « Il la supposait d’origine andalouse, créole peut-être; elle avait ramené des îles cette négresse avec elle. » (L’Éducation sentimentale: 26)

Ins Auge fallend ist bei dieser ersten Begegnung die asymmetrische Beziehung zwischen Marie Arnoux und Frédéric. Madame Arnoux ist das Wahrnehmungsobjekt und Frédéric das Anschauungssubjekt. Diese Rollenverteilung ändert sich auch nicht, als Frédéric ihren Schal aufhebt. Zwar wird ein échange angedeutet, doch der beschränkt sich auf eine simple Höflichkeitsfloskel: « Je vous remercie, Monsieur. » (L’Éducation sentimentale: 27) Obwohl die beiden hier noch nicht weiter in Kontakt treten und es nicht zu einem franchissement kommt, werden an dieser Stelle die Voraussetzungen für eine sich entwickelnde, romantische Liebesgeschichte geschaffen: er, der junge Mann aus der französischen Provinz und sie die – scheinbar – exotische Schönheit des Pariser Bürgertums.[19]

Der 18jährige Frédéric nimmt Madame Arnoux, die ein paar Jahre älter als er ist, nach den ersten Eindrücken auf drei verschiedene Weisen wahr: Zum einen sieht er in ihr eine zeitgenössische Frau, fühlt sich von ihrem exotischen Äußeren angezogen und projiziert gleichzeitig ein zeitloses, tugendhaftes Marienbild auf sie. Diese Wahrnehmung ist von Frédérics literarischen Erfahrungen geprägt.[20]

[...]


[1] Flaubert, Gustave (2013): L’ Éducation sentimentale [1869]. Paris: Gallimard; ist die in der Hausarbeit verwendete Ausgabe des Romans.

[2] Keller, Thomas (2003): „Mathilde und Madame Arnoux. Der unmögliche Vollzug der Liebe bei Stifter und Flaubert“. In: Karl-Heinz Götze, Ingrid Haag (Hg.) : A propos d'amour. Le discours amoureux et le discours sur l'amour, Cahiers d'Etudes Germaniques 45. Aixen-Provence, S. 255f.

[3] Rohde, Carsten (2011): Kontingenz der Herzen. Figuration der Liebe n der Literatur des 19. Jahrhunderts (Flaubert, Tolstoi, Fontane). Heidelberg: Winter, S. 27.

[4] Geisenhanslüke, Achim (2006): Masken des Selbst. Aufrichtigkeit und Verstellung in der europäischen Literatur. Darmstadt: WGB, S. 176.

[5] Ebd.

[6] Nehr, Harald (2007): Das sentimentalistische Objekt. Die Kritik der Romantik in Flauberts Éducation sentimentale. Heidelberg: Winter, S. 52f.

[7] Rohde 2011, S. 180.

[8] Horning, Dieter (1981): Aspekte des französischen Desillusionsromans. Wien, Köln, Graz: Böhlau; Horning behandelt in diesem Überblick neben der Éducation sentimentale von Flaubert ebenfalls Stendals Le Rouge et le Noir, Sainte-Beuves Volupté, Mussets Confession d’un enfant du siècle, Balzacs Illusion perdues und Fromentins Dominique.

[9] Geisenhanslüke 2006.

[10] Nehr 2007: S. 233.

[11] Harneit, Erika (1990): „Flauberts Éducation sentimentale und der Traum vom Orient“. In: Bernhard König, Jutta Lietz, Rudolf Harneit, Ulrich Schulz-Buschhaus (Hg.): Gestaltung – Umgestaltung: Beiträge zur Geschichte der romanischen Literaturen. Tübingen: Gunter Narr Verlag, S. 55.

[12] « Elle l’avait aperçu dans la cour, et s’était cachée. – Pourquoi ? Alors d’une voix tremblante, et avec de longs intervalles entre ses mots: – J’avais peur ! Oui… peur de vous (…) de moi ! » (L’Éducation sentimentale: 548).

[13] Vgl. Scholler, Dietrich (1996): „’Ce qu’on appelle le coup de foudre est vrai pour toutes les passions.’ Die première rencontre in Flauberts Bouvard et Pécuchet“. In: Andreas Gelz, Markus Krist, Rolf Lohse, Richard Waltereit (Hg.): Liebe und Logos. Beiträge zum 11-. Nachwuchskolloquium der Romanistik (Berlin/Postdam, 8.-11. 6. 1995). Bonn: Romanistischer Verlag, S. 254.

[14] Vgl. ebd.: S. 253f.

[15] Geisenhanslüke 2006: S. 178.

[16] Vgl. Scholler 1996: S. 253.

[17] Vgl. Harneit 1990: S. 55f.; Scholler 1990: S. 253f.

[18] Vgl. Keller 2003: S. 274.

[19] Vgl. Scholler 1990: S. 254.

[20] Vgl. Harneit 1990: S. 56.

Ende der Leseprobe aus 15 Seiten

Details

Titel
Die Desillusionierung der romantischen Liebe in Gustave Flauberts "Éducation sentimentale"
Hochschule
Universität zu Köln
Note
1,0
Autor
Jahr
2015
Seiten
15
Katalognummer
V424181
ISBN (eBook)
9783668694880
ISBN (Buch)
9783668694897
Dateigröße
577 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
desillusionierung, liebe, gustave, flauberts
Arbeit zitieren
Senta Steinmeier (Autor), 2015, Die Desillusionierung der romantischen Liebe in Gustave Flauberts "Éducation sentimentale", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/424181

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