Im 19. Jahrhundert strebten junge Männer scharenweise von der province in die Hauptstadt Paris in der Hoffnung, dort sowohl in der Liebe als auch wirtschaftlich das Glück zu finden und in der Gesellschaft aufzusteigen. Dies Schema wurde häufig auch zum Motiv der Literatur, wie bspw. auch in Honoré de Balzacs Le Père Goriot, in dem Eugène de Rastignac, ein mittelloser Student nach Paris kommt und durch Ehrgeiz und Skrupellosigkeit gesellschaftlich aufsteigt. Auch Frédéric Moreau geht aus seinem provinziellen Heimatort Nogent-sur-Seine nach Paris, um sich dort in der Politik, Literatur und Liebe selbst zu verwirklichen. Jedoch versäumt er die ihm sich bietenden Möglichkeiten, um irrealen, idealen Zielen nachzueifern. Eine Karriere als Anwalt und Politiker verfolgt er nur halbherzig, und auch als er sich in die verheiratete Madame Marie Arnoux verliebt, ergreift er keine der Gelegenheiten und widmet sich stattdessen anderen Frauen. So bleibt sowohl die politische Karriere erfolglos als auch die romantisch beginnende Liebe unerfüllt. Als er am Ende des Romans mit seinem Jugendfreund Deslaurier an sein Leben erinnert, fällt ihm lediglich ein – ebenfalls – gescheiterter Bordellbesuch mit seinem Freund ein, der ihnen rückblickend als das Beste erscheint, was ihnen widerfahren ist.
Keller bezeichnet Gustave Flaubert als „Begründer des weltläufigen Gesellschafts- und Desillusionsromans.“ Seine entschiedene Abneigung gegen die Moderne und ihre Gesellschaft sei zwar „reaktionär und doch wieder modern“ gewesen und er sei damit ein Erfinder „moderner literarischer Techniken.“ Die Liebesgeschichte von Madame Arnoux und Frédéric Moreau gleicht laut Geisenhanslüke einer „programmatischen Verabschiedung romantischer Subjektivität.“ Denn das, was Flaubert der époque sentimentale und den Romantikern vorwirft, ist die Verwechselung und Imitation romantischer Leseerfahrungen im Lebensweltlichen und die Wahrnehmung der Romantik als „leicht applizierbare Lebenshilfe, der sich jedweder (naive) Schriftsteller wie Leser bedienen kann.“
Die Desillusionierung der romantischen Liebe vollzieht sich in zwei Phasen. Die erste Phase der Illusionsbildung und letztlich der Bruch mit allen romantischen Vorstellungen in der zweiten Phase werden in dieser Hausarbeit untersucht. Das Augenmerk liegt hierbei auf der unerfüllten Liebesgeschichte zwischen Frédéric Moreau und Madame Marie Arnoux, die den „Mittelpunkt der in der Éducation sentimentale dargestellten Verwirrung des Herzens“ bildet.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Frédérics Illusionsbildung
2.1 Frédérics literarische Vorbilder
2.2 « Ce fut comme une apparition »
3. Frédérics Desillusionierung
3.1 Rolle von Rosanette und Madame Dambreuse
3.2 « Et ce fut tout »
4. Zusammenfassung
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht das Scheitern romantischer Liebesideale in Gustave Flauberts Roman Éducation sentimentale. Dabei wird analysiert, wie der Protagonist Frédéric Moreau durch literarisch geprägte Erwartungen einer Illusionsbildung unterliegt, die durch die Realität und eine zunehmende „Absterbung der Gefühle“ konsequent desillusioniert wird.
- Analyse der literarischen Einflüsse auf die Liebeskonzeption des Protagonisten
- Untersuchung der Idealisierung von Madame Arnoux als Marienikone
- Die komplementäre Funktion von Rosanette und Madame Dambreuse für den Desillusionsprozess
- Der Gegensatz zwischen der ersten Begegnung und dem Ende der Romanbeziehung
- Die literaturwissenschaftliche Einordnung des Werkes als Desillusionsroman
Auszug aus dem Buch
2.2 « Ce fut comme une apparition »
Wie einleitend beschrieben, nimmt der Protagonist Frédéric Moreau Marie Arnoux als religiöse Ikone wahr. Es ist augenfällig, dass Madame Arnoux’ Vorname „Marie“ als französische Form von Maria nicht zufällig gewählt wurde und die offenkundige Parallele zur Mutter Gottes aufweist.
Das Portrait entsteht durch eigentlich banale Einzelbilder, die sich im bürgerlich-realistischen Rahmen bewegen. Flaubert benutzt bei seinen Beschreibungen Motive der mittelalterlichen Symbolik, in der Frédéric für den Leser die Haltung des huldigenden und anbetenden Stifters einnimmt. Um dies zu exemplifizieren: Das Motiv der strickenden Frau entspricht in subtiler Form der idealen, traditionellen Frau, die ihren Haushalt engagiert führt und ihre Familie umsorgt. Maria mit der Spindel symbolisiert die wartende Maria vor der Verkündung. Dass Marie mit der Tochter Marthe, die zwar als « petite fille déjà grande » (L’Éducation sentimentale: 26) eigentlich nicht mehr dem Alter entspricht, wenn man auf dem Schoß der Mutter Platz nimmt, erwähnt wird, steht trotzdem für die „Jungfrau mit Kind.“ Die „heilige Familie“ wird durch den Vater, Monsieur Arnoux, vervollständigt. Der Harfenspieler im Hintergrund steht für etwas Überirdisches und Engelsgleiches und symbolisiert Madame Arnoux inmitten musizierender Engel. Diese Inthronisierung von Madame Arnoux zu Mutter Gottes vollzieht sich über eine Anregung der Imagination des Lesers. Direkt ausgesprochen werden aber die Phantasien Frédérics, die Frédéric aus seinen literarischen Erfahrungen und die Marie Arnoux für Frédéric anmutig und begehrenswert erscheinen lassen: « Elle resemblait aux femmes des livres romantiques. » (L’Éducation sentimentale: 31)
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Diese Einleitung führt in die Epoche und das literarische Umfeld des Romans ein und formuliert die Forschungsfrage bezüglich der Desillusionierung romantischer Liebe bei Frédéric Moreau.
2. Frédérics Illusionsbildung: In diesem Kapitel wird untersucht, wie der Protagonist durch seine romantischen Leseerfahrungen unrealistische Liebesvorstellungen entwickelt und Marie Arnoux idealisiert.
2.1 Frédérics literarische Vorbilder: Hier wird analysiert, wie die Lektüre romantischer Werke Frédéric zu klischeehaften Hoffnungen und einer Identitätsbildung nach literarischen Vorbildern verleitet.
2.2 « Ce fut comme une apparition »: Dieses Kapitel zeigt auf, wie Frédéric durch religiös konnotierte Metaphorik Marie Arnoux in seiner Wahrnehmung zu einer ikonenhaften, heiligen Figur stilisiert.
3. Frédérics Desillusionierung: Es wird dargestellt, wie die Realität die romantischen Träume des Protagonisten durchkreuzt und sein Liebesideal schrittweise zerstört.
3.1 Rolle von Rosanette und Madame Dambreuse: Hier wird die Funktion der beiden Frauenfiguren als komplementäre Gegenbilder zu Madame Arnoux erläutert, die zur Ernüchterung des Protagonisten beitragen.
3.2 « Et ce fut tout »: Dieses Kapitel thematisiert die abschließende Begegnung zwischen Frédéric und Madame Arnoux, die durch das Schockerlebnis des Alterns die Vergänglichkeit und das Ende der romantischen Illusion besiegelt.
4. Zusammenfassung: Abschließend werden die Ergebnisse zusammengefasst und das Scheitern Frédérics als Folge einer „Trägheit des Herzens“ und des Zusammentreffens mit dem Mittelmäßigen interpretiert.
Schlüsselwörter
Gustave Flaubert, Éducation sentimentale, Desillusionierung, romantische Liebe, Illusionsbildung, Frédéric Moreau, Madame Arnoux, Bildungsroman, Liebesideal, Moderne, 19. Jahrhundert, Literarische Technik, Gefühlskultur, Kontingenz, Scheitern.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit beschäftigt sich mit der Entzauberung romantischer Liebeskonzepte im Roman Éducation sentimentale von Gustave Flaubert, wobei der Fokus auf der psychologischen Entwicklung des Protagonisten Frédéric Moreau liegt.
Welche zentralen Themenfelder werden bearbeitet?
Zentral sind die Themen der Illusionsbildung durch literarische Vorbilder, die Idealisierung von Frauenfiguren, der Einfluss des gesellschaftlichen Umfelds und die darauffolgende Desillusionierung des Helden.
Was ist die primäre Forschungsfrage?
Die Untersuchung fragt danach, wie Flaubert das Scheitern romantischer Lebens- und Liebesentwürfe inszeniert und welche Faktoren – von der Idealbildung bis zur Konfrontation mit der Realität – zu dieser Desillusionierung führen.
Welche wissenschaftliche Methode kommt zum Einsatz?
Es handelt sich um eine literaturwissenschaftliche Analyse, die den Primärtext unter Rückgriff auf fachwissenschaftliche Sekundärliteratur untersucht und stilistische sowie inhaltliche Aspekte des Romans analysiert.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Im Hauptteil werden die Phasen der Illusionsbildung (unter Einbezug literarischer Einflüsse und religiöser Symbolik) sowie die Phasen der Desillusionierung durch verschiedene Frauenfiguren und das abschließende Treffen zwischen Frédéric und Madame Arnoux detailliert dargelegt.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit lässt sich durch Begriffe wie Desillusionierung, romantische Liebe, Bildungsroman, Frédéric Moreau und die poetische Inszenierung des Scheiterns beschreiben.
Warum wird Frédéric Moreau als „beschämter“ Held charakterisiert?
Der Protagonist wird als beschämt bezeichnet, da sein Lebenslauf am Ende weniger von großen Erfolgen als vielmehr von einer „Trägheit des Herzens“ und einer tiefgreifenden Entscheidungsschwäche geprägt ist.
Welche Bedeutung hat das „Et ce fut tout“ am Ende des Romans?
Dieser Satz bildet das direkte, ernüchternde Gegenstück zur ersten „Erscheinung“ von Madame Arnoux und markiert den endgültigen Zusammenbruch der romantischen Illusion durch die sichtbare Vergänglichkeit.
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- Senta Steinmeier (Author), 2015, Die Desillusionierung der romantischen Liebe in Gustave Flauberts "Éducation sentimentale", Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/424181