Psychopathie. Ideengeschichtliche Entwicklung des Begriffs und die moderne Konzeption


Studienarbeit, 2018

13 Seiten, Note: 1,0

Elena Stegemeyer-Senst (Autor)


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abstract

1 Einleitung

2 Der Weg zum modernen Verständnis des Begriffs
2.1 Geschichtliches
2.2 Robert D. Hare und der aktuelle Psychopathie-Begriff

3 Zentrale Formen des modernen Konzeptes der Psychopathie
3.1 Das Konzept der erfolgreichen Psychopathie
3.2 Psychopathische Persönlichkeitsfacetten im Top-Management

4 Resümee

5 Literaturverzeichnis

Abstract

Psychopathie im modernen Sinne ist eine besondere Form der Persönlichkeitsstörung, die durch abweichende interpersonale und emotionale Eigenschaften wie Affektflachheit, Mangel an Schuldgefühl und Reue, Impulsivität oder antisoziales Verhalten gekennzeichnet ist (Krippl, Fromberger, Stolpmann, Karim, & Müller, 2007).

Der Begriff erfuhr im Laufe der Geschichte mehrere Bedeutungsmetamorphosen. Ursprünglich als allgemeine Bezeichnung im Sinne von „an der Seele leidend“, die zunächst alle psychopathologischen Phänomene umfasste, wurde der Begriff mit der Zeit an die heutige Bedeutung der Persönlichkeitsstörung angepasst (Boetsch, 2008). Die ideengeschichtliche Entwicklung des Begriffs verlief parallel zu der Entwicklung der Gesellschaft, mit allen Höhen und Tiefen. Wegen der sehr negativen Konnotationen wurde der Begriff lange nicht im deutschen Sprachraum verwendet (Krippl et al., 2007).

Heutzutage erlebt der Psychopathie-Begriff eine Renaissance – unter Verwendung des Anglizismus Psychopathy wird das dahinterliegende, aus den USA und Kanada stammende, Konzept im forensischen Kontext verwendet.

1 Einleitung

Die vorliegende Arbeit beschäftigt sich mit dem Begriff der Psychopathie und mit den dahinterliegenden Konzepten. Unter dem Begriff der Psychopathie bezeichnete man eine angeborene oder im Laufe des Lebens erworbene Abnormität der Persönlichkeit, die sich durch das Fehlen von Empathie, Missachtung der moralischen Regeln, Affektstörungen und Verantwortungslosigkeit äußert (Peters in: Boetsch, 2008).

Der Begriff der Psychopathie ist in psychiatrischen Fachkreisen nicht unumstritten (Friedmann, 2015, p. 124). Davon zeugt die häufige Verwendung des Anglizismus Psychopathy in der deutschen Forschungsliteratur (f.e. Müller, 2009). Auch das dahinterliegende Konzept scheint nicht genau definiert zu sein. Häufig als Synonym zum Konzept der asozialen Persönlichkeitsstörung verwendet (Dulz, Briken, Kernberg, & Rauchfleisch, 2016), beinhaltet beispielsweise das Psychopathie-Konzept von Robert D. Hare, das erfolgreich in der Forensik zur Diagnostik und Prognoseabschätzung eingesetzt wird, mehr diagnostische Kriterien und könnte daher als Oberbegriff der asozialen Persönlichkeitsstörung gelten (Ripper, 2012).

Es gibt deutsche Autoren, die von einer Renaissance des Begriffs der Psychopathie sprechen (Ripper, 2012). Diese Vorstellung ist einleuchtend, wenn man die Entwicklung des Terminus und der dahinterstehenden Bedeutung seit der Antike bis in die heutige Zeit beobachtet. Ursprünglich als Inbegriff eines aufsässigen, normwidrigen Verhaltens (Theophrastus, 2000), über angeborene Delinquenz im Sinne der Degenerationslehre (Lombroso, 1876) und der anlagebedingten „psychopathischen Minderwertigkeit“ im Nationalsozialismus (Wilmanns & Hohendorf, 2012), bis hin zum Schimpfwort in der heutigen Zeit – der Begriff der Psychopathie war jahrzehntelang wegen seiner stigmatisierenden, abwertenden Bedeutung nur schwer als neutraler medizinischer Begriff einsetzbar.

Das Forschungsvorhaben dieser Arbeit wird es sein, die ideengeschichtliche Entwicklung des Begriffs zu untersuchen, um die moderne Auffassung des Konzepts der Psychopathie besser zu verstehen.

Nach der Beschreibung der historischen Begebenheiten der Entwicklung der Psychopathie-Konzepte im europäischen und angloamerikanischen Raum, wird das Augenmerk auf die aktuelle Auffassung des Konzepts gerichtet.

Des Weiteren wird auf einige gesellschaftliche Aspekte des modernen Begriffs der Psychopathie eingegangen und untersucht, welchen gesellschaftlichen Gruppen die Betroffenen angehören. Dabei werden einige zentrale Formen des Konzeptes dargestellt und reflektiert.

Schließlich wird das Konzept der sozial adaptierten Psychopathie vorgestellt – eine aus dem angloamerikanischen Raum stammende und mittlerweile nicht nur in Wissenschaftskreisen populär gewordene Vorstellung, dass in Politik, Finanzwelt und vielen anderen Machtbereichen Personen zu finden sind, die zwar nach modernen diagnostischen Kriterien psychopathisch, jedoch nicht offen kriminell und, wegen des fehlenden Leidensdrucks, nicht in psychiatrischer Behandlung sind. Diese Menschen sollen in der Lage sein, aufgrund ihrer Persönlichkeitsstruktur einen großen persönlichen und wirtschaftlichen Schaden anrichten zu können (Hare, 2005). Diese Sichtweise soll in dieser Arbeit wissenschaftlich verifiziert werden.

2 Der Weg zum modernen Verständnis des Begriffs

Zu allen Zeiten gab es Personen, die wegen ihres gesellschaftsfeindlichen und normwidrigen Verhaltens die Gemüter ihrer Mitmenschen erregt haben. Aristoteles-Schüler Theophrast (372 – um 287 v.Chr.) erwähnt beispielsweise in seiner Schrift Charaktere Merkmale eines skrupellosen Charakters, die viel Übereinstimmung mit heutigen Symptomen einer antisozialen Persönlichkeitsstörung haben:

Skrupellosigkeit ist ein Fixiertsein auf schändliche Taten und Worte, der Skrupellose aber ist einer, der leichtfertig schwört, einen üblen Ruf hat.[…] Er spielt gern den Gastwirt, den Puffbesitzer und den Steuereintreiber und pflegt kein schändliches Gewerbe von sich zu weisen, vielmehr sich als Ausrufer, Koch und Glücksspieler zu betätigen. Seine Mutter lässt er hungern, [lässt] sich beim Diebstahl erwischen, und im Gefängnis wohnt er länger als im eigenen Haus (Theophrast um 240 v.Ch.; zitiert nach Dulz et al., 2016, p. 3).

Zu einem medizinischen Problem wurde psychische Devianz mit der zunehmenden Liberalisierung der Gesellschaft seit dem Ende des 18. Jahrhunderts.

2.1 Geschichtliches

Gegen Ende des 18. Jahrhunderts kam es in der ganzen Welt zu politischen und gesellschaftlichen Veränderungen. Die amerikanische Unabhängigkeitserklärung von 1776 und die Französische Revolution von 1789, aber auch der Beginn der Industrialisierung, schufen neue soziale und politische Ordnungen. Menschen mussten sich an neue Ideen und Vorstellungen anpassen. Dieser Prozess verlief nicht immer glatt. Der amerikanische Psychiater Benjamin Rush (1746 – 1813) sah viele Bürger mit der viel zu schnellen Liberalisierung seelisch überfordert:

The extensive influence which these opinions had upon the understandings, passions, and morals of many of the citizens of the United States, constituted a form of insanity, which I shall take the liberty of distinguishing by the name of anarchia. (Rush 1812; zitiert nach Boetsch, 2008, p. 11)

Möglicherweise waren Änderungen der psychiatrischen Vorstellungen und die Entstehung neuer psychiatrischer Konzepte, die sich durch eine Abweichung des Verhaltens von moralischen und sozialen Normen definierten, eine Reaktion auf die ins Wanken gekommene gesellschaftliche Ordnung (Boetsch, 2008, p. 11).

Als erster Psychiater berichtete der Franzose Philipp Pinel (1745 – 1826) von manie sans delire – Willens- und Moralstörungen, die beim unbeeinträchtigten Verstand auftraten. Damit widersprach er der herrschenden Lehrmeinung, die besagte, dass eine Geisteskrankheit nur mit einer Verstandesstörung einhergehen kann. Sein Schüler Jean Etienne Dominique Esquiriol (1772 – 1840) entwickelte das Konzept einer manie sans delire weiter und sprach von Monomanien. Dieser Begriff beinhaltete unter anderem solche Störungsbilder wie Kleptomanie und Pyromanie (Hoff & Camenisch, 2015) .

Einen starken Einfluss auf die Entwicklung der Psychopathie–Konzepte in Deutschland hatte die Degenerationslehre der Franzosen Benedict Morel (1809 – 1873) und Valentin Magnan (1835 – 1916). Psychische Erkrankungen verstanden sie als eine über Generationen hinweg bestehende Entartung. Die Degenerationslehre spiegelte sich einige Jahre später in der Eugenik und in der Lehre vom „geborenen Verbrecher“ des Italieners Lombroso wider und trug zu der abwertenden und stigmatisierenden Tendenz bei, die ihren Höhepunkt in der Zeit des Nationalsozialismus fand (Hoff & Camenisch, 2015) (Lombroso, 1876) .

Der deutsche Psychiater Emil Kraepelin (1856 – 1926) und der Schweizer Psychiater Eugen Bleuler (1897 – 1940) trugen zu der Entkopplung des Psychopathie-Begriffs von antisozialen Verhaltensweisen und der Verallgemeinerung des Begriffs auf die Charakterformen, die man heute unter dem Überbegriff der Persönlichkeitsstörungen versteht, bei (Stompe, 2009) .

Kurt Schneider (1887 – 1967) ging noch einen Schritt weiter und erweiterte das Spektrum psychopathischer Persönlichkeiten um Typen, die nicht mehr mit Delinquenz assoziiert werden konnten (Stompe, 2009) . Er unterschied elf Typen psychopathischer Persönlichkeiten, deren diagnostische Kriterien mit denen der antisozialen, narzisstischen und hysterionischen Persönlichkeitsstörungen übereinstimmen, wie diese in modernen Klassifikationssystemen ICD-10 und DSM-5 charakterisiert sind.

Nach dem 2.Weltkrieg wurde das Konzept der Psychopathie weitgehend durch das Konzept der Persönlichkeitsstörungen ersetzt. Erst mit dem Einzug des Psychopathie-Konzeptes von Robert D. Hare in die forensische Psychiatrie bekam der Begriff der Psychopathie seine Wertigkeit zurück (Boetsch, 2008, p. 85) .

2.2 Robert D. Hare und der aktuelle Psychopathie-Begriff

Den entscheidenden Einfluss auf das heutige Verständnis des Psychopathie-Begriffs hatte die Monografie The Mask of Sanity des amerikanischen Psychiaters Harvey Cleckley. In diesem 1941 veröffentlichten Werk stellte er 16 Kriterien für die Diagnose einer Psychopathie auf (Cleckley, 1955). Cleckley betonte einige Persönlichkeitseigenschaften, die Psychopathen von „normalen“ Straftätern unterschieden, beispielsweise das Fehlen eines zielgerichteten Planes sowie fehlende Loyalität gegenüber der kriminellen Gruppe, der man angehört (Stompe, 2009). Die Existenz dieser Eigenschaften bestätigt die Auffassung Schneiders, dass psychopathische Persönlichkeitseigenschaften nicht immer mit Delinquenz assoziiert werden dürfen. Demnach ist Psychopathie für Cleckley eine Krankheit, die sich zwar durch antisoziale Verhaltensweisen auszeichnet, für die es aber keine adäquate Motivation gibt.

Auf der Grundlage von Cleckleys Kategorien und eigener intensiver Forschung mit Gefängnisinsassen entwickelte der kanadische Psychologe Robert D. Hare (*1934) in den 1970er-Jahren ein Diagnostik- und Prognoseinstrument zur Erfassung des Psychopathie-Konstrukts – die Psychopathy-Checklist (PCL) (Ripper, 2012). Hare kritisierte den Fokus der diagnostischen Kriterien damaliger Zeit auf kriminelle Verstöße gegen die sozialen Normen stark und forderte diagnostische Charakteristiken, die zwischen verschiedenen Persönlichkeitsmerkmalen differenzierten (Dulz et al., 2016). Die Weiterentwicklung des PCL, Psychopathy-Checklist-Revisited (PCL-R), besteht aus zwanzig Persönlichkeitsmerkmalen und wird weltweit zur Gefährlichkeitsbeurteilung von Straftätern eingesetzt. Diverse Studien bestätigen die Tatsache, dass Straftäter, die Psychopathie-Kriterien nach PCL-R erfüllen, häufiger, schneller und mit gravierenderen Delikten rückfällig werden (Ripper, 2012).

Der von Hare verwendete Begriff der Psychopathie und das dahinterliegende Konzept ist, im Gegensatz zum klassischen Verständnis des Begriffs der Psychopathie, keine klassische psychiatrische Diagnose und erscheint deshalb nicht in den diagnostischen Klassifikationssystemen. Nach Hare ist die Psychopathie keine Diagnose, sondern ein klinisches Konzept. Eine Person, die Kriterien für die Psychopathie nach PCL-R erfüllt, muss nicht zwangsläufig eine nach ICD-10 diagnostizierte Persönlichkeitsstörung haben. Demnach können die Psychopathie – Betroffenen vielen unterschiedlichen Personengruppen angehören: mit forensischem und nicht-forensischem Setting, in der Gesellschaft integriert oder einer Randgruppe zugehörig, sich in psychiatrischer Behandlung befindend oder gar ohne Leidensdruck. Dazu im Folgenden ein kurzer Exkurs über gesellschaftliche Aspekte des modernen Begriffs der Psychopathie.

3 Zentrale Formen des modernen Konzeptes der Psychopathie

Im Zusammenhang mit Psychopathie denkt man sofort an Gewalt und die Neigung zu kriminellem Verhalten, was keineswegs abwegig ist. Dabei gibt es auch Menschen mit hohem Psychopathie-Score, die noch nie straffällig geworden sind. Die Psychopathie-Skala von Robert Hare ist auf inhaftierte Straftäter ausgerichtet – Jugendkriminalität, Verstoß gegen Bewährungsauflagen und Polykriminalität sind die wichtigsten Kriterien für die Identifikation der psychopathischen Persönlichkeiten. Auf nicht-inhaftierte Personen mit psychopathischen Charakterzügen treffen eher interpersonelle und affektive Kernmerkmale des Psychopathie-Konzepts zu: manipulatives Verhalten, grandiose Selbstüberzeugung, Erlebnishunger, Impulsivität. Diese Kriterien könnten beispielsweise auf den fiktiven Charakter des Francis J. Underwood aus der Netflix-Serie House of Cards zutreffen. Möglicherweise kann die Politik eine Nische sein, in der psychopathische Charakterzüge ausgelebt werden können (Palmen, Derksen, & Kolthoff, 2017).

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Details

Titel
Psychopathie. Ideengeschichtliche Entwicklung des Begriffs und die moderne Konzeption
Hochschule
MSB Medical School Berlin - Hochschule für Gesundheit und Medizin  (Fakultät Gesundheit)
Veranstaltung
Interdisziplinäre Betrachtung des Lebenslaufs: EAM, medizinisch-theraupeutische Grundlagen.
Note
1,0
Autor
Jahr
2018
Seiten
13
Katalognummer
V424282
ISBN (eBook)
9783668700826
ISBN (Buch)
9783668700833
Dateigröße
2274 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Psychopathie, psychopathy, successful psychopaths, House of Cards, Francis J. Underwood, The Mask of Sanity, Robert D.Hare, PCL-R, top management
Arbeit zitieren
Elena Stegemeyer-Senst (Autor), 2018, Psychopathie. Ideengeschichtliche Entwicklung des Begriffs und die moderne Konzeption, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/424282

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