"Das Spektakel des Anderen" von Stuart Hall und die Flüchtlingsdebatte. Strategien zur Bekämpfung von Stereotypen


Hausarbeit, 2016

18 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die Wichtigkeit von Differenz

3. Die Entstehung rassischer Differenz
3.1 Der Waren-Rassismus
3.2 Die Plantagen-Sklaverei in den USA

4. Die Inszenierung der Differenz

5. Die Macht der Repräsentationen
5.1 Stereotypisierung
5.2 Orientalismus
5.3 Macht und Wissen über Flüchtlinge in den deutschen Medien

6. Die Veränderung von Stereotypen

7. Fazit

8. Quellenverzeichnis

Literatur

Abbildungen

9. Abbildungsverzeichnis

1. Einleitung

Angesichts der derzeitigen Flüchtlingssituation erlangt Stuart Halls Text „Das Spektakel des Anderen“ eine besonders große Aktualität. Denn mit den Flüchtlingen gelangen bestimmte Bilder und Vorstellungen nach Europa, die Ängste schüren und Stereotype wach rufen. Diese Bilder werden unter anderem geformt durch Begegnungen, koloniale Erfahrungen, aber auch durch Repräsentationen in den Medien, in Literatur, Kultur und in politischen Diskursen.

Die Belästigung und Vergewaltigung von mehr als 500 Frauen in der Silvesternacht 2015 in Köln und Hamburg, wofür hauptsächlich männliche Flüchtlinge verantwortlich gemacht wurden, ließ gängige Repräsentationen aufkeimen. So seien muslimische Männer aus dem arabischen Raum kriminell und hätten eine andere Vorstellung von Sexualität. Frauen besäßen in ihren Herkunftsländern einen Objektstatus und das Kopftuch der Muslima kennzeichne diese Unterdrückung der Frau. Solche Repräsentationen von Muslimen und männlichen Flüchtlingen werden besonders in der Medienberichterstattung deutlich. Anlässlich der sich seit 2015 zuspitzenden Flüchtlingssituation stellt sich daher die Frage, wie deutsche Leitmedien Flüchtlinge repräsentieren.

Stuart Hall zeigt in seinem Text „Das Spektakel des Anderen“ auf, woher solche Differenzen kommen warum sie eine Rolle spielen und wie sie dargestellt werden. Insbesondere geht er darauf ein, wie aus Differenz Macht entsteht. Zuletzt beschreibt er mögliche Strategien zur Bekämpfung von Stereotypen. Hall behandelt in seinem Text die rassische Differenz zwischen schwarzen und weißen Menschen. Das Thema dürfte aufgrund seiner Biographie als gebürtiger schwarzer Jamaikaner in Großbritannien eine besondere Relevanz gehabt haben. So setzte sich Hall mit seinen soziologischen Analysen gegen Rassismus jeder Art ein und führte Pluralität als ein Merkmal unserer Weltgesellschaft an, zu welcher Migration gehört. (vgl. Winter 2014: 331f.)

Folgende Arbeit basiert auf einem Referat zum Text „Das Spektakel des Anderen“ von Stuart Hall mit dem Ziel, dessen Aktualität aufzuzeigen. Dafür werden wichtige Aspekte am Beispiel aktueller Bilder und Debatten dargelegt. Ansonsten wird sich an Halls Text gehalten. Zunächst werden vier theoretische Ansätze zur Begründung von Differenz beschrieben. Das dritte Kapitel erklärt die Entstehung der Differenz anhand des Waren-Kolonialismus und der Plantagen-Sklaverei. Es folgt ein geschichtlicher Rückblick zu den Stereotypen im amerikanischen Kino. Anschließend werden die Machtstrukturen von Stereotypen und dem Orientalismus aufgezeigt. Als aktuelles Beispiel dient die Darstellung von Flüchtlingen in den deutschen Medien. Anhand von Magazincover und Titelbilder werden die vorliegenden Repräsentationen und Machtstrukturen herausgearbeitet. Anschließend werden Strategien zur Bekämpfung solcher Bilder und Stereotype nach Hall beschrieben, bevor ein Fazit gezogen wird.

2. Die Wichtigkeit von Differenz

Um zu erklären, warum Differenz eine Rolle spielt, greift Stuart Hall auf vier theoretische Ansätze aus verschiedenen Disziplinen zurück. Der erste Ansatz stammt aus der Linguistik und orientiert sich an Ferdinand de Saussure. Er argumentiert damit, dass es ohne Differenz keine Bedeutung geben kann. Denn wir wissen erst was schwarz bedeutet, wenn wir schwarz in Kontrast zu weiß setzen. Erst das Gegenteil macht Bedeutung klar. Hall nennt als Beispiel, dass wir erst wissen, was Britisch-sein bedeutet, wenn wir wissen, was die Briten von anderen Nationen abgrenzt. Britisch zu sein heißt demnach: nicht-französisch, nicht-deutsch, nicht-amerikanisch usw. Mit der Einteilung der Welt in Gegensätze, besteht jedoch die Gefahr, die Variationen, die dazwischen liegen, außer Acht zu lassen. So werden beispielsweise verschiedene Grautöne, die zwischen Schwarz und Weiß liegen, ignoriert. (Hall 2004: 116f.) Damit sind binäre Gegensätze wie schwarz-weiß, schön-hässlich, männlich-weiblich „ziemlich rohe und reduktionistische Mittel, um Bedeutung herzustellen.“ (Hall 2004: 117) Hall führt dazu Jaques Derrida an, dass immer eine Seite der binären Gegensätze die dominantere ist, wodurch ein Machtsystem entsteht. Auf dieses Machtsystem wird in Kapitel fünf näher eingegangen. (Hall 2004: 117f.)

Auch der zweite Ansatz kommt aus der Linguistik. Der Unterschied zu Vorherigem liegt aber darin, dass Sprache nicht als objektives System betrachtet wird, sondern er geht davon aus, dass Bedeutung erst durch den Austausch von Sprache entsteht. Dies geschieht nach Mikhail Bakhtin im Dialog mit dem Gegenüber, sprich dem ‚Anderen‘. Bedeutung wird von einer Person geschaffen, aber sie kann von der anderen verändert werden, indem diese sich die gesprochenen Worte aneignet und sie für sich nutzt. Assoziationen können so durchbrochen und Worte neu besetzt werden. Das Zusammenspiel der Sprecher und die daraus resultierende Differenz, evoziert dann eine Bedeutung. Das heißt jedoch auch, dass Bedeutung nie vollständig gesteuert werden kann und nie vollständig festgelegt ist. Außerdem kann Bedeutung nicht nachvollzogen werden, ohne zu wissen, was die Sprecher voneinander halten oder ein Sprecher von seinen anderen Dialogpartnern. (Hall 2004: 118)

Beim nächsten Ansatz handelt es sich um eine anthropologische Erklärung nach Mary Douglas, Emile Durkheim und Claude Lévi-Strauss. Er geht davon aus, dass eine Gesellschaft Dingen eine Bedeutung zuweist, indem sie die Dinge in ein Kategoriensystem einordnet. Je nach Position in diesem symbolischen System, werden unterschiedliche Bedeutungen zugeschrieben. Auf diese Weise werden Differenzen geschaffen, welche die Basis für die kulturelle Ordnung sind. Binäre Gegensätze sind also notwendig, um eine symbolische Ordnung herzustellen. Passt etwas nicht in das klassifikatorische System oder taucht in einer falschen Kategorie auf, so wird die symbolische Ordnung gestört. Hall nennt hier als Beispiel gemischtrassige Menschen, deren Hautfarbe weder schwarz noch weiß ist. Sie werden deshalb ausgegrenzt und stigmatisiert. In beständigen Kulturen hat alles seinen festgelegten Platz, wodurch symbolische Grenzen aufrechterhalten bleiben. Wird eine Grenze überschritten, so wird versucht, die Ordnung wiederherzustellen. (Hall 2004: 119f.)

Der vierte Ansatz geht von Sigmund Freuds Psychoanalyse aus und versucht die Rolle von Differenz für die Entwicklung des Selbst zu erklären. Freud verdeutlicht, dass das ‚Andere‘, sprich das andere Geschlecht der Eltern, essentiell für Kinder ist, um sich ihrer sexuellen Identität bewusst zu werden. Er nennt diese Phase den Ödipuskomplex, welcher später von Psychoanalytikern kritisiert und erweitert wurde. Allen Theorien gemeinsam ist jedoch die Rolle, die das ‚Andere‘ einnimmt. (Hall 2004: 120f.) Denn die subjektive Entwicklung hängt von „symbolische[n] und unbewusste[n] Beziehungen“ (Hall 2004: 121) zu dem ‚Anderen‘ ab. Diese Tatsache führt aber dazu, dass das Selbst niemals vollständig ist, weil wir ständig im Dialog mit dem ‚Anderen‘ sind.

Hall weist darauf hin, dass alle vier Analysemethoden Hand in Hand gehen und nicht getrennt voneinander betrachtet werden können, weil sie verschiedene Ebenen festhalten. (Hall 2004: 121f.)

3. Die Entstehung rassischer Differenz

Von den allgemeinen Analysemethoden von Differenz, geht Stuart Hall in seinem Text zur rassischen Differenz über. Er nennt drei Phasen, die ausschlaggebend für die typische Repräsentation von Schwarzen in der westlichen Kultur waren: Die Erste beginnt im 16. Jahrhundert, als Händler von Europa den westafrikanischen Königtümern begegneten, woraus später die Sklaverei hervorging. Die Machtausübung imperialer europäischer Staaten durch Kolonisation kennzeichnet die zweite Phase. Die dritte Phase sind die Migrationsströme von Entwicklungsländern nach Europa und Nordamerika nach dem zweiten Weltkrieg. An den Beispielen des Waren-Rassismus und der Plantagen-Sklaverei in den USA zeigt Hall auf, welche Repräsentationspraktiken rassischer Differenz in der westlichen Welt zirkulierten. (Hall 2004: 122f.) Diese werden im Folgenden widergegeben und erläutert.

3.1 Der Waren-Rassismus

Mit der Kolonisation Afrikas kamen zahlreiche kulturelle Repräsentationen nach Europa, unter anderem durch Werbeanzeigen Ende des 19. Jahrhunderts in Großbritannien. Der binäre Gegensatz der Unterentwicklung der afrikanischen Bevölkerung und der Zivilisation des Weißen wurde in Zeichnungen, Fotografien, Abenteuerromanen, Reiseliteratur, Berichten und Tagebüchern beschrieben. Die entstehende Massenpresse brachte Bilder der dortigen Warenproduktion auch in die Arbeiterklassen, welche mit dem Empire verknüpft wurden und Rohstoffe wurden in die Häuser transportiert. Umgekehrt kamen Bilder und Waren des zivilisierten, häuslichen Lebens in die Kolonien. Der Fortschritt der Zivilisation in den Kolonien und imperiale Helden wurden unter anderem auf Produkte wie Streichholzschachteln, Seifenschachteln, Keksdosen, Zigarettenschachteln, Brettspiele und Notenplätter gedruckt. Besonders Seife wurde in den Werbeanzeigen zum Symbol der rassischen Differenz. Denn sie hat die Kraft zu reinigen: Die Schwarzen sozusagen ‚weiß zu waschen‘ – sprich zu zivilisieren und den weißen Körper rein vom Schmutz der Kolonien zu halten. (Hall 2004: 123ff.) Hall zeigt als Beispiel die Werbeanzeige von Pears‘ Soap (Hall 2004: 126), auf der ein badendes schwarzes Kind zu sehen ist, das von einem weißen Kind mit Seife gewaschen wird. Nach dem Bad ist das schwarze Kind vom Hals abwärts weiß. Es ist also durch die Seife bzw. durch die Kolonisation der Weißen, zivilisiert und sauber.

3.2 Die Plantagen-Sklaverei in den USA

Auch durch die Plantagen-Sklaverei in den USA kamen zahlreiche Repräsentationen rassischer Differenz auf, die sich in einer Rassenideologie manifestierten. So wurden Schwarze dafür kritisiert, es nicht geschafft zu haben, zivilisiert zu leben. Afrika stand für Wildnis, Natur, Ritual und Brauchtum. Dabei wurde die Kultur schwarzer Menschen mit Natur gleichgesetzt. Binäre Gegensätze kennzeichneten die Differenzen zwischen Schwarz und Weiß: Der Weiße stand für Kultur, Zivilisation, Intellekt, Vernunft, Selbstbeherrschung, Wissen, formelle Institutionen. Der Schwarze für Natur, Wildnis, instinktives Handeln, Emotion, ungezähmtes Leben, Brauch und Ritual. Die weiße Rasse galt außerdem als rein, wodurch Mischehen als ‚verschmutzt‘ tituliert wurden. Zudem wurden die anatomischen Unterschiede, wie etwa die Schädelform als ausschlaggebend für die ‚Andersheit‘ betrachtet. Weiße Sklavenhändler sahen alle den Schwarzen zugeschriebenen Charaktereigenschaften als naturgegeben und damit unveränderlich. Sie legitimierten diese Naturalisierung auf Grundlage der Wissenschaft und Ethnologie. (Hall 2004: 126ff.)

4. Die Inszenierung der Differenz

Nach dem amerikanischen Bürgerkrieg kam es zwar zum Ende der Versklavung schwarzer Menschen, jedoch wurde sie von rassischer Segregation abgelöst. Damit waren aber die alten Stereotype nicht beseitigt; auch im 20. Jahrhundert lebten sie weiter. Um dies aufzuzeigen, greift Stuart Hall auf Beispiele aus dem amerikanischen Kino und eine Studie von Donald Bogles zurück. Bogles arbeitete in seiner Studie von 1973 fünf Stereotype anhand der Geschichte ‚Onkel Toms Hütte ‘ heraus, die noch weiterhin bestehen: Dazu gehören die gutmütigen, untergebenen und versklavten Toms; die verrückten und faulen Coons; die gemischtrassige, sexy Mulattin; die Hausbediensteten Mammies und die gewalttätigen, aufbegehrenden, potenten Bad Bucks. Der Film The Birth of a Nation (1915) war der erste, der diese Stereotype aufgriff, indem er die Nation darstellt, die von der schwarzen Rasse gerettet werden muss. (Hall 2004: 134ff.)

Schwarze Schauspieler erhielten in den 1930er Jahren hauptsächlich die Rollen von Spaßmachern und Hausbediensteten. Hall nennt unter anderem Stephin Fetchit als Beispiel, der in dutzenden Filmen für seine Stammelei, sein witziges Grinsen und seine schlurfende Gangart bekannt war. Die 1940er Jahre standen für die schwarzen Musicals und Entertainer.

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Ende der Leseprobe aus 18 Seiten

Details

Titel
"Das Spektakel des Anderen" von Stuart Hall und die Flüchtlingsdebatte. Strategien zur Bekämpfung von Stereotypen
Hochschule
Alpen-Adria-Universität Klagenfurt  (Medien- und Kommunikationswissenschaften)
Veranstaltung
Aktuelle Entwicklungen der Kulturtheorie
Note
1,0
Autor
Jahr
2016
Seiten
18
Katalognummer
V424396
ISBN (eBook)
9783668697768
ISBN (Buch)
9783668697775
Dateigröße
994 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Kulturtheorie, Stuart Hall, Spektakel des Anderen, Orientalismus, Macht, Wissen, Flüchtlinge, Medien, Rassismus, Stereotypisierung, Sklaverei
Arbeit zitieren
Raphaela Kaiser (Autor), 2016, "Das Spektakel des Anderen" von Stuart Hall und die Flüchtlingsdebatte. Strategien zur Bekämpfung von Stereotypen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/424396

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