La femme entre le ciel et l’enfer. Ambivalente Weiblichkeitsbilder in Charles Baudelaires "Les Fleurs du Mal"


Hausarbeit (Hauptseminar), 2017

16 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Die Décadence
2.1 Décadence -Begriff und Motivik
2.2 Die Darstellung der Frau in der Literatur der Décadence

3 Die verschiedenen Weiblichkeitsbilder in Les Fleurs du Mal
3.1 Der exotische Frauentyp
3.2 Die Prostituierte
3.3 Der engelhafte und der satanische Frauentyp

4 Schlussbetrachtung

5 Bibliographie

1 Einleitung

La femme au corps du divin, promettant le bonheur, Par le haut se termine en monstre bicéphale!

- Charles Baudelaire

Dieses Verszitat Charles Baudelaires thematisiert deutlich die Wechselhaftigkeit des Charakters der Frau. Die daraus resultierende Ambivalenz des Weiblichkeitsbildes ist signifikant für eine Vielzahl der Gedichte seines dichterischen Hauptwerkes Les Fleurs du Mal. Die Gedichtsammlung wurde im Jahre 1857 veröffentlicht, doch reicht die Entstehungszeit einzelner Gedichte bis zum Beginn der 1840er Jahre zurück. Die Publikation stieß bereits nach kurzer Zeit auf heftige öffentliche Kontroversen und Baudelaire musste sich vor einem Pariser Gericht dem Vorwurf der Pornographie stellen.1 Neben einer Geldstrafe wurde er auch dazu verurteilt, sechs kritische Gedichte aus der Gedichtsammlung zu streichen. Diese sind jedoch später - auch um der Zensur in Frankreich zu entgehen - in Belgien unter dem Namen Les Épaves erschienen. Die verbotenen Gedichte und fünfundzwanzig weitere Versdichtungen sind in der endgültigen Fassung der Fleurs du Mal, die 1868 nach Baudelaires Tod publiziert wurde, wiederaufgenommen worden.2 Die Gedichtsammlung selbst setzt sich aus verschiedenen Zyklen (Spleen et Idéal, Tableaux Parisiens, Le Vin, Fleurs du Mal, Révolte und La Mort) zusammen. Gedichte über Frauen findet man in jedem dieser einzelnen Zyklen, doch insbesondere in Spléen et Idéal. Dieser wird im weiteren Verlauf auch im Mittelpunkt stehen.

In der vorliegenden Arbeit sollen die ambivalenten Weiblichkeitsbilder anhand verschiedener, repräsentativer Gedichte Charles Baudelaires näher beleuchtet werden. Im Zuge dessen wird auch sein Verhältnis zu Frauen näher betrachtet. Es soll zudem die Frage geklärt werden, welcher Frauentypus für ihn das Vollkommene und Ideale darstellt. Dazu wird zunächst die Motivik der Décadence

- bei der es sich um eine Seitenströmung der europäischen Literatur der zweiten

Hälfte des 19. Jahrhunderts handelt - veranschaulicht. Auch die Auseinandersetzung mit dem Weiblichkeitsbild der Décadence ist im Zusammenhang mit der Darstellung der Frauen in den Fleurs du Mal von großer Relevanz. Im Hinblick darauf werden im dritten Kapitel die wesentlichen Frauenbilder Baudelaires Gedichte vorgestellt und analysiert. Nacheinander werden so die Exotin, die Prostituierte und die Frau als engelhafte sowie satanische Gestalt untersucht. Die Schlussbetrachtung fasst schließlich die wesentlichen Ergebnisse dieser Arbeit zusammen.

2 Die Décadence

2.1 Décadence -Begriff und Motivik

Der Begriff Décadence bildete sich im Laufe des 15. Jahrhunderts aus dem Mittellateinischen decadentia (von lat. decadere „herabfallen“) heraus und beschreibt, auch hinsichtlich des Untergangs des römischen Reiches, zunächst den politischen, gesellschaftlichen, kulturellen und sittlichen Zerfall.3 Erst zu Beginn des 19. Jahrhunderts erfolgte die Übertragung des Terminus auf die Literatur, jedoch viel mehr „im Sinne von Niveau- und Qualitätsmangel“4.5 Es war schließlich Charles Baudelaire, der die entscheidende Wendung brachte und in Notes nouvelles sur Edgar Poe 6 ein neues Selbstbewusstsein der Décadence verkündete. Das bis dahin negativ konnotierte Wort erfuhr eine Aufwertung und entwickelte sich gar zu einem literarischen Modewort jener Zeit.7 Baudelaire sah die Décadence dennoch nicht als Strömung einer bereits bestehenden Bewegung, sondern als „Antithese zum bestehenden Fortschrittsglauben“8. Sie markierte somit etwas komplett Neuartiges.9 Neben Gérard de Nerval, Théophile Gautier und Gustave Flaubert, gilt Charles Baudelaire als früher Vertreter dieser literarischen Décadence, die den Grundgedanken widerspiegelt, dass alles dem Verfall und Untergang bestimmt ist. Insbesondere der menschliche Verfall, demnach die Auseinandersetzung mit dem unausweichlichen Tod, wird in den Werken der Décadence -Literatur thematisiert.10 Der Décadent sieht den Verfall, sei es den Tod, die moderne Großstadt mit seiner Massengesellschaft oder den technischen Fortschritt, ambivalent. Auf der einen Seite ergötzt er sich daran, auf der anderen Seite plagt ihn der Verfall und das eigene

Dasein und er versucht, beidem zu entfliehen.11 Durch die Schöpfung künstlicher Paradiese, die oftmals Exotisches aufweisen, kann der Décadent der Primitivität des Alltags entfliehen und seine Sehnsucht nach neuen Empfindungen befriedigen. Er versucht durch die Wirklichkeitsflucht sein Ideal zu erreichen. Schafft der Décadent dies nicht, verfällt er unweigerlich dem Ennui, folglich „dem Gefühl der sinnlosen Existenz“12.13 Ein weiteres Mittel der Wirklichkeitsflucht ist der Rausch, diesbezüglich auch die Thematik der dekadenten Erotik, welche im Folgenden hinsichtlich der Darstellung der Frau in der Décadence -Literatur veranschaulicht werden soll.

2.2 Die Darstellung der Frau in der Literatur der Décadence

Um die Rolle der Frau in der Literatur der Décadence nachzuvollziehen, muss zunächst einmal der Aspekt der Sexualität selbst erläutert werden. Der Décadent vertritt den Standpunkt, dass die Sinnenfreunde nicht zum Zwecke der Fortpflanzung dient, er lehnt diesen Aspekt sogar strikt ab.14 Zudem „bleibt [die Sexualität] nicht auf einen Partner beschränkt, sondern ist ein unverbindliches Spiel, in dem Moral oder Skrupel keine Rolle spielen“15. Entgegen den bürgerlichen Normen spielt sich die Sexualität hier also nicht nur innerhalb der Institution Ehe ab. Für den berauschenden Genuss der Sinnenfreude werden gesellschaftliche Prinzipien und bindende Verpflichtungen ausgeblendet.16 Diese Ablehnung von bürgerlichen Normen wirkt sich auf die Rolle der Frau in der Décadence -Literatur aus, welche hier eine ambivalente Darstellung erfährt. Auf der einen Seite verkörpern sie ein dominiertes Lustobjekt, das in der Sexualität keine gleichberechtigte Rolle spielt, sondern nur für den Rauschzustand benötigt wird. Auf der anderen Seite können Frauen auch selbst den Mann dominieren und dabei gnadenlos und grausam sein. Die sogenannte femme fatale, die in der Literatur der Décadence vielfach behandelt wird, kann jeden, der sich auf sie einlässt, ins Verderben stürzen. Dies bewirkt Ekstase und Angst zur selben Zeit. Der Reiz der Bedrohung ist dabei omnipräsent, doch betört gerade das den Décadent, da er somit immer darauf hingewiesen wird, dass die Wirklichkeit hinfällig und der Tod unausweichlich ist.17 Hinsichtlich der Leidenschaft zur dominanten Erotik sind auch Prostituierte von großer Bedeutung. Von der Gesellschaft geächtet und somit etwas Verbotenes und Unsittliches darstellend, üben sie auf den Décadent einen ungemeinen Reiz aus. Prostituierte verkörpern geradezu den Verfall, den die literarische Décadence thematisiert. Ferner ist die Beziehung zu ihnen nicht dauerhaft. Sie sind bezahlte und somit nicht gleichberechtigte Objekte, was für den Décadent ein Lustgewinn bedeutet.18

3 Die verschiedenen Weiblichkeitsbilder in Les Fleurs du Mal

In den Fleurs du Mal setzt sich Baudelaire mit den verschiedenen Weiblichkeitsbildern der literarischen Décadence auseinander. Auch hier erfährt die Frau eine sehr ambivalente Darstellung, die Tamin als „double postulation vers la Venus céleste et vers l’Apasie vulgaire [et] une double attraction du charme angélique et de la chair satanique“19 beschreibt. Im weiteren Verlauf sollen diese gegensätzlichen Frauenbilder aus mehreren Gedichten des Werkes herausgearbeitet und analysiert werden.

3.1 Der exotische Frauentyp

Als 20-Jähriger unternahm Baudelaire eine Schiffsreise, die ihn auf die ostafrikanischen Tropeninseln führte. Die dortigen Erlebnisse und Begegnungen inspirierten ihn zu einer Reihe von Gedichten, in denen er die exotische Frau als dunkle Geliebte und bizarre Schönheit preist.20 In diesem Typus spiegelt sich die Sehnsucht nach jenen zurückliegenden Zeiten, die noch nicht mit dem Makel der Erbsünde21 gekennzeichnet sind. Dabei handelt es sich gewissermaßen „um die archetypische Reminiszenz an das verlorene Paradies“22. Die exotische Frau, die in der Epoche der Romantik zum idealen Naturwesen stilisiert wird, verbindet sich mit Baudelaires Auffassung vom primitiven und wilden Menschen einer längst vergangenen Epoche. Ihr Körper wird in den Gedichten nicht als etwas Natürliches, sondern Naturhaftes beschrieben.23 In dem titellosen Gedicht „J’aime le souvenir...“24 gedenkt Baudelaire der längst zurückliegenden Zeit und beschreibt den Körper der exotischen Frau dabei als fruchtbar und opulent („fertile en produits généreux“ V. 7), mit dunkler Hautfarbe („ses tétines brunes“ V. 10) und in seiner paradiesischen Ursprünglichkeit („natives grandeurs“ V. 16). Gleichzeitig stellt Baudelaire aber auch die Frau seiner Zeit an den Pranger, deren Körper vom Fortschrittsglauben und vom „dieu de l’Utile“ (V. 23) gezeichnet ist:

Et vous, femmes, hélas! Pâles comme des cierges, Que ronge et que nourrit la débauche, et vous, vierges, Du vice maternel traînant l’hérédité Et toutes les hideurs de la fécondité!25

Baudelaire entführt den Leser mit seinen Gedichten über die exotische Frau stets in ein fremdartiges Land. In dem Gedicht „Parfum Exotique“26 wird das lyrische Ich, wenn es in heißen Sommernächten seine Augen schließt und den Duft seiner dunklen Geliebten einatmet, immer an einen schöneren Ort erinnert und muss sehnsüchtig daran denken. An den Ort, wo es unvergessliche Stunden hatte und sich von einem unbekannten Duft verzaubert gefühlt hat:

Quand, les deux fermés, en un soir chaud d’automne, Je respire l’odeur de ton sein chaleureux, Je vois se dérouler des rivages heureux Qu’éblouissent les feux d’un soleil monotone27

Gedichte wie „Parfum Exotique“ und „La Chevelure“ helfen dem Dichter bei seiner Wirklichkeitsflucht und dem nagenden Ennui, in dem er sich in exotischen Träumereien verliert.28 In letzterem Gedicht geht es um das Haar und den Duft einer exotischen Frau, die beim lyrischen Ich wieder einmal Erinnerungen an eine vollkommene, exotische Welt erzeugen:

O toison, moutonnant jusque sur l’encolure ! O boucles ! O parfum chargé de nonchaloir ! Extase ! Pour peupler ce soir l’alcôve obscure Des souvenirs dormant dans cette chevelure […]29

[...]


1 Vgl. http://literaturkritik.de/id/15612 (letzter Zugriff: 18.04.2017).

2 Vgl. F. Donner (2002): „Volupté, sois toujours ma reine!“Polymorphe Frauenbilder in CharlesBaudelaires‚Fleurs du Mal’. Osnabrück, S. 9.

3 Vgl. A. Wild (2002): Poetologie und Décadence in der Lyrik Baudelaires, Verlaines, Trakls undRilkes. Würzburg, S. 27.

4 Ebenda, S. 28.

5 Vgl. ebenda.

6 C. Baudelaire (1975): „Notes nouvelles sur Edgar Poe”, in : Œuvres complètes, Bd. 2, Paris, S. 319f.

7 Vgl. A. Wild (2002), S. 29.

8 Vgl. F. Donner (2002), S. 16.

9 Vgl. ebenda, S. 16.

10 Vgl. A. Wild (2002), S. 44.

11 Vgl. A. Wild (2002), S. 44.

12 Ebenda, S. 45.

13 Vgl. ebenda, S. 46.

14 Vgl. F. Donner (2002), S. 17.

15 A. Wild (2002), S. 47.

16 Vgl. ebenda.

17 Vgl. A. Wild (2002), S. 48.

18 Vgl. ebenda.

19 T. Bassim (1974): La femme dans l’œuvre de Baudelaire. Neuchâtel, S. 46.

20 Vgl. http://literaturkritik.de/id/15612 (letzter Zugriff: 18.04.2017).

21 Die Erbsünde steht in der christlichen Theologie für einen Unheilszustand, der durch den Sündenfall Adams und Evas herbeigeführt worden sei und an dem seither jeder Mensch als Nachfahre dieser Stammeltern teilhabe. Vgl. http://www.duden.de/rechtschreibung/Erbsuende (letzter Zugriff: 18.04.2017).

22 F. Donner (2002), S. 40.

23 Vgl. F. Daniel (1965): Die Frau bei Baudelaire. Erlangen, Nürnberg, S. 77. 5

24 C. Baudelaire (1990): Die Blumen des Bösen. Der Spleen von Paris. Französisch und Deutsch, mit einem Kommentar von Manfred Starke. Leipzig, S. 20.

25 C. Baudelaire (1990), S. 20, V. 25ff.

26 Ebenda, S. 45.

27 Ebenda, V. 1ff.

28 Vgl. A. Wild (2002), S. 46.

29 C. Baudelaire (1990), S. 47, V. 1ff.

Ende der Leseprobe aus 16 Seiten

Details

Titel
La femme entre le ciel et l’enfer. Ambivalente Weiblichkeitsbilder in Charles Baudelaires "Les Fleurs du Mal"
Hochschule
Christian-Albrechts-Universität Kiel
Note
1,7
Autor
Jahr
2017
Seiten
16
Katalognummer
V424490
ISBN (eBook)
9783668698543
ISBN (Buch)
9783668698550
Dateigröße
428 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
ambivalente, weiblichkeitsbilder, charles, baudelaires, fleurs
Arbeit zitieren
Lara Marxen (Autor), 2017, La femme entre le ciel et l’enfer. Ambivalente Weiblichkeitsbilder in Charles Baudelaires "Les Fleurs du Mal", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/424490

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