Programmatische Differenzen in der Allianz der Liberalen und Demokraten für Europa. Eine Netzwerkanalyse der Wahlprogramme auf Basis der Manifesto Project Database

Inwiefern ist es inhaltlich gerechtfertigt Europäische Parteien zu Parteienfamilien zusammenzuschließen?


Seminararbeit, 2018
20 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einführung

2. Theoretischer Hintergrund zu Europäischen Parteienfamilien

3. Daten und Methodik
3.1. Fallauswahl und Datensatz
3.2. Ähnlichkeitsindex und Netzwerkanalyse

4. Ergebnisse der Netzwerkanalyse

5. Diskussion

6. Ausblick

Literaturverzeichnis

Anhang

Liste der 26 untersuchten Parteien

1. Einführung

Die vorliegende Arbeit beschäftigt sich mit Europäischen Parteienfamilien und der inhaltlichen Ähnlichkeit von Wahlprogrammen der Mitgliedsparteien der Allianz der Liberalen und Demokraten für Europa (im Folgenden nur ALDE-Partei) bei Primärwahlen in den Herkunftsländern. Einige Parteien in Europa schließen sich nach ihrer thematischen Ausrichtung zu transnationalen Vereinigungen zusammen – den sogenannten Parteienfamilien. Im Europäischen Parlament schließen sich die Parteien nach diesen Parteienfamilien sogar zu Fraktionen zusammen.

Die wissenschaftliche Relevanz des Themas ergibt sich daraus, dass europäische Parteienfamilien und im Besonderen die liberale Parteienfamilie bisher nur selten untersucht wurden. Aus diesem Grund wird die inhaltliche Übereinstimmung von Wahlprogrammen dieser Parteien betrachtet. Ziel der Arbeit ist es, einen ersten Eindruck über die inhaltlichen Gemeinsamkeiten und Differenzen einer realen Parteienfamilie zu bekommen. Durch das explorative Vorgehen steht am Ende dieser Arbeit ein offenes Ergebnis, dass zu weiteren Arbeiten mit dieser Thematik anregt.

Die zentralen Ergebnisse zeigen, dass sich bei einem Großteil der analysierten Parteien der ALDE-Partei inhaltliche Übereinstimmungen finden. Es gibt nur wenige Parteien, die sich in ihrer inhaltlichen Ausrichtung deutlich vom Großteil der anderen Parteien unterscheiden. Dennoch sind diese Ergebnisse nicht ohne Einschränkungen zu bewerten. Das liefert dementsprechend Probleme für die Interpretation der Ergebnisse in Bezug auf die Forschungsfrage:

Inwiefern ist es inhaltlich gerechtfertigt Europäische Parteien zu Parteienfamilien zusammenzuschließen?

Zunächst folgt eine Darstellung des wissenschaftlichen Diskurses und des Forschungsstandes zu Parteienfamilien. Diese erfolgt sowohl anhand von klassischen Theorien zu Parteien und Parteienfamilien, als auch anhand von neuen Entwicklungen in der Parteienfamilienforschung. Das dient der Formulierung einer These, die die Forschungsfrage beantworten soll. Daraufhin folgt eine ausführliche Beschreibung des Vorgehens in der Netzwerkanalyse. Die Ergebnisse der Netzwerkanalyse werden in der abschließenden Diskussion in Beziehung zum theoretischen Hintergrund gesetzt, um eine erste Einschätzung zu These und Forschungsfrage zu geben.

2. Theoretischer Hintergrund zu Europäischen Parteienfamilien

Grundlage zum Verständnis der Entstehung von Parteienfamilien bildet die Entstehung einzelner Parteien. Höhne (2012) unterscheidet zwischen zwei verschiedenen theoretischen Ansätzen zur Erklärung von Parteientstehung. Er unterscheidet zwischen makrosoziologischen und institutionellen Theorien. Unter makrosoziologischen fasst er auch die Cleavage Theorie von Lipset und Rokkan (1967). Ein klassischer Erklärungsansatz zur Parteientstehung auf Basis gesellschaftlicher Konfliktlinien, an denen sich Parteien herausbilden (Höhne 2012, S. 13). Institutionelle Parteientstehungstheorien sehen Parteien als Produkt eines evolutionären Prozesses – der Parlamentarisierung (Höhne 2012, S. 13–14). Durch die Parlamentarisierung soll es schon vor den gesellschaftlichen Großkonflikten zur Parteipolitisierung gekommen sein. Da die Cleavage Theorie in bisherigen Arbeiten zu Parteienfamilien häufig der Ausgangspunkt war, wird darauf nun detaillierter eingegangen.

Lipsets und Rokkans Arbeit aus dem Jahr 1967 dient der Erklärung der Entwicklung von Parteiensystemen in Westeuropa. Dafür betrachten sie gesamtgesellschaftliche Entwicklungen. Lipset und Rokkan machen vier Großkonflikte in Europa aus. Die Reformation, die Französische Revolution, die Industrielle Revolution und die Russische Revolution. Daraus entstanden die Konfliktlinien Zentrum vs. Peripherie, Staat vs. Kirche, Land vs. Stadt und Kapital vs. Arbeit (Lipset und Rokkan 1967, S. 47–48). Die größte Schwäche des Ansatzes ist, dass diese Konflikte hauptsächlich im europäischen Kontext stattfanden. So kritisieren Mair und Mudde (1998, S. 213-214), dass sich die Parteienfamilienforschung ebenfalls hauptsächlich auf Westeuropa beschränke. Zusätzlich zeige sich die Entwicklung, dass gesellschaftliche Konfliktlinien in einer globalisierten Welt zunehmend pluralisierter Interessen und Problemlagen an Erklärungskraft verlieren (Höhne 2012, S. 17). Das wirkt sich auch auf die Erklärung der Entstehung neuer Parteien aus. So könne der Cleavage Ansatz neuere Entwicklungen in Parteiensystemen nur unzureichend erklären (Mittag und Steuwer 2010, S. 34). Da sich ein Großteil der bisherigen Forschung auf die Cleavage Theorie zur Einordnung von Parteienfamilien bezogen hat (Blumenberg und Kulick 2012, S. 35), soll nicht nur dieser Ansatz betrachtet werden.

In der Theorie ist die Parteienfamilie „keine Klassifikation, die ihre Untersuchungsobjekte anhand der Ausprägungen eines Merkmals einteilt, sondern eine Typologie, die mehrere Merkmale gleichzeitig in einem komplexen Modell betrachtet“ (Höhne 2012, S. 12). Diese Definition erschwert die eindeutige Einordnung von Parteienfamilien, da nicht klar ist, wie viele und welche Merkmale für die Einordnung ausschlaggebend sind. Das führt dazu, dass es in der Realität nur wenige Modelle von Parteienfamilien gibt. Die Europäischen Parteienfamilien stellen eine dieser wenigen realen Ausgestaltungen von Parteienfamilien dar. Europäische Parteienfamilien haben sich aus parlamentarischen Kommunikationsplattformen entwickelt und stellen mittlerweile feste Parteienverbunde dar (Höhne 2012, S. 20). Die Fraktionen im Europäischen Parlament haben sich von Beginn an nach politischen Weltanschauungen und nicht nach Nationen gebildet, weshalb eine Untersuchung der tatsächlichen inhaltlichen Übereinstimmung der Parteien interessant erscheint (Mittag 2009, S. 42). Dennoch sind Europäische Parteienfamilien von strukturellen Problemen betroffen. So wird das supranationale Handeln von nationalen Parteien nur als zusätzliches Handeln und nicht als Ersatz für nationales Handeln verstanden (Seidelmann 2009, S. 51). Die Untersuchung der Europawahlprogramme zur Europawahl 2009 hat ergeben, dass sich die Parteienfamilien aufgrund der inhaltlichen Heterogenität auf Allgemeinsätze und Minimalkompromisse einigen müssen (Hrbek 2009, S. 198). Mit zunehmender Relevanz der Europäischen Parteien als Realmodell von Parteienfamilien geht letztendlich auch zunehmendes Forschungsinteresse einher.

Des Weiteren macht Höhne (2012) auf drei weitere Probleme des theoretischen Konzepts der Parteienfamilien aufmerksam. Er konstatiert einen Verlust von Trennschärfe, Umfassungsvermögen und Bedeutungsgehalt des theoretischen Ansatzes (Höhne 2012, S. 23–25). Hier ist vor allem der Verlust der Trennschärfe hervorzuheben. Zum einen lassen sich Parteienfamilien nicht mehr klar voneinander abgrenzen (Höhne 2012, S. 23). Zum anderen entwickeln sich Parteienfamilien zu politischen Zweckgemeinschaften und nehmen aus politischem Kalkül Parteien auf, deren Inhalte im Widerspruch zu den Inhalten anderer Parteien stehen (Sondermann 2006, S. 363; Mair und Mudde 1998, S. 217).

Mair und Mudde (1998) kritisieren den Begriff der Parteienfamilien zusätzlich insofern, als dass er Ähnlichkeiten zwischen den Parteien suggeriere, die in der Realität nur selten zu finden seien (Mair und Mudde 1998, S. 211). Sie thematisieren in ihrer Arbeit vier verschiedene Möglichkeiten mit denen sich Parteienfamilien einordnen lassen. Nach Ursprung der Parteien, nach Mitgliedschaft in transnationalen Vereinigungen, nach Ideologie und nach Parteiname. All diese Einordnungsversuche sind jedoch mit Problemen verbunden. So muss festgelegt werden, wie viele Parteienfamilien es gibt. Hier muss zwischen Übersichtlichkeit und Vollständigkeit abgewogen werden. Weitere Schwierigkeiten ergeben sich durch Instabilität und zeitliche Veränderungen von Parteien und Parteiensystem, sowie durch Probleme bei der Grenzziehung zwischen nahestehenden Parteienfamilien (Mair und Mudde 1998, S. 221–222). Mit Bezug auf die Europäischen Parteienfamilien ist die Einordnung nach transnationalen Vereinigungen interessant. Hier sehen Mair und Mudde die Probleme, dass nicht alle Parteien in transnationalen Vereinigungen vertreten sind und die Klassifizierung immer davon abhängt, welche Vereinigungen man betrachtet (Mair und Mudde 1998, S. 217). Abschließend machen sie den Vorschlag Parteienfamilien sowohl nach Ursprung als auch nach Ideologie der Parteien zu klassifizieren. Nach Mair und Mudde biete sich der Ursprung an, um einen Vergleich von Parteien im Zeitverlauf durchzuführen. Die Ideologie hingegen biete sich an für einen länderübergreifenden Vergleich (Mair und Mudde 1998, S. 225). Trotz der Kritik Mairs und Muddes am Ansatz des Vergleichs von Wahlprogrammen, da Inhalte nicht in jedem Kontext dieselbe Bedeutung hätten (Mair und Mudde 1998, S. 218), ist die mögliche Einordnung von Parteienfamilien über Inhalte von Wahlprogrammen für den weiteren Verlauf der Arbeit von zentraler Bedeutung.

Ein weiterer Ansatz Parteienfamilien zu definieren findet sich bei Blumenberg und Kulick (2012). Sie machen vier historische Kategorien von europäischen Parteien aus. So lassen sich europäische Parteien den Grundströmungen von liberalen, konservativen, katholischen und sozialistischen Gruppierungen zuordnen. In der Geschichte waren die Grundgedanken von liberalen Gruppierungen zwar ähnlich, allerdings differenzierten sich die Gruppierungen in verschiedenen europäischen Ländern unterschiedlich aus (Blumenberg und Kulick 2012, S. 36). Menschen- und Bürgerrechte sowie Pluralismus und Regionalismus sind die Inhalte, die liberale Parteien seit der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts vertreten (Bangemann 1978, S. 116). Für konservative Gruppierungen war es hingegen schwieriger ihre Ziele über Landesgrenzen hinweg einheitlich darzustellen (Blumenberg und Kulick 2012, S. 37). Außerdem machten sie einen größeren inhaltlichen Wandel durch als die anderen drei Gruppierungen (Beyme 1984, S. 70). Trotz christlicher Grundwerte, kam es bei den katholischen Gruppierungen zu einer Ausdifferenzierung in fünf verschiedene Parteiarten. Von diesen stellen die christdemokratischen Massenparteien die Dominanteste dar. Ähnlich erging es den sozialistischen Gruppierungen, die zwar einen einheitlichen Grundgedanken verfolgten, sich in ihrer ideologischen Ausrichtung dennoch stark voneinander unterschieden (Blumenberg und Kulick 2012, S. 41). Bei Parteien und Parteiensystemen handelt es sich jedoch um dynamische Systeme, die sich mit der Zeit wandeln. Deshalb wurde eine neue Einteilung von Parteien notwendig, die Klaus von Beyme liefert (Beyme 2000, S. 70–71). Er unterscheidet heute 10 Arten von Parteien. Seine Einordnung lässt sich aber auf die vier Grundströmungen zurückführen. So lassen sich in seiner Einteilung 6 Arten dem Konservatismus, 2 Arten dem Katholizismus, 2 Arten dem Liberalismus und 3 Arten dem Sozialismus zuordnen.

Es hat sich gezeigt, dass sich aus den unterschiedlichen Grundströmungen viele verschiedene Parteien entwickelt haben. Diese vertreten teilweise unterschiedliche Inhalte, was zu unklaren Grenzen zwischen den Parteien führt. Wie zuvor gezeigt, ist die Einordnung von Parteien in Parteienfamilien mit vielen Problemen verbunden. Besonders bei der Einordnung durch transnationale Vereinigungen und den Verlust von Trennschärfe des Parteienfamilienkonzeptes. Daraus ergibt sich für die Europäischen Parteienfamilien folgende These:

Da die Grenzen zwischen Parteienfamilien unklarer werden und es zu Problemen bei der Einordnung durch transnationale Vereinigungen kommt, sind Europäische Parteienfamilien nur institutionell, aber nicht inhaltlich, gerechtfertigt.

Die Arbeit soll eine Grundlage für Netzwerkanalysen im Bereich Europäischer Parteienfamilien darstellen. Deshalb verfolgt diese Arbeit einen explorativen Ansatz ohne konkret zu testende Hypothesen. Ziel ist es erste Annäherungen an den Untersuchungsgegenstand – inhaltliche Übereinstimmung innerhalb Europäischer Parteienfamilien – zu liefern. Im folgenden Kapitel wird das genaue Vorgehen für die Netzwerkanalyse beschrieben.

3. Daten und Methodik

3.1. Fallauswahl und Datensatz

Da liberale Parteienfamilien bisher selten Gegenstand politikwissenschaftlicher Analysen waren (Franzmann 2012, S. 155) werden in der vorliegenden Arbeit die Wahlprogramme der ALDE-Partei auf die Ähnlichkeit ihrer inhaltlichen Schwerpunktsetzung untersucht. Da es sich bei der ALDE-Partei um eine transnationale Vereinigung handelt wird die Frage nach der inhaltlichen Rechtfertigung erst möglich. Dennoch lassen sich die europäischen Parteienfamilien inhaltlich den vier politischen Grundströmungen zuordnen. So lässt sich die ALDE-Partei der liberalen Grundströmung zuordnen. Betrachtet man die zuvor erwähnten 10 Arten von Parteien, die Klaus von Beyme aus den vier politischen Grundströmungen ableitet, zeigt sich, dass bei der liberalen und katholischen Grundströmung mit zwei Arten von Parteien die geringste Ausdifferenzierung stattfand (Beyme 2000, S. 70f.). Das unterstützt die Aussage von Blumenberg und Kulick, dass liberale Parteien heute ähnliche Inhalte vertreten (Blumenberg und Kulick 2012, S. 46). Auf dieser Grundlage lassen sich für liberale Parteien am wenigsten inhaltliche Unterschiede vermuten. Von den 64 Parteien der ALDE-Partei (Stand: März 2018) werden nicht die Wahlprogramme aller Parteien miteinander verglichen. Um in der Analyse berücksichtigt zu werden muss eine Partei zwei Bedingungen erfüllen. Zum einen muss es ein analysiertes Wahlprogramm in der Manifesto Project Database geben. Zum anderen muss die Partei zum Zeitpunkt an dem dieses Wahlprogramm entstand ein Vollmitglied der ALDE-Partei gewesen sein. Betrachtet wird jeweils das aktuellste Wahlprogramm einer Partei. Dieses Vorgehen dient dazu, um einen groben zeitlichen Rahmen für den Vergleich zu schaffen und nur Wahlprogramme von tatsächlichen Mitgliedern der ALDE-Partei zu vergleichen. Dadurch bleiben insgesamt 26 Parteien für die Analyse übrig.[1]

Bei der Manifesto Project Database handelt es sich um einen Datensatz basierend auf einer quantitativen Inhaltsanalyse von Wahlprogrammen im europäischen und nordamerikanischen Raum zu Primärwahlen. Der Datensatz wird ca. halbjährlich aktualisiert und enthält Daten zu Wahlprorammen, die in einigen Fällen bis 1950 zurückreichen. Die Ergebnisse dieser Arbeit basieren auf der Version 2017b des Datensatzes. Die Variablen gliedern sich in Hauptkategorien, Unterkategorien und neue Kategorien, die erst mit der fünften Überarbeitung der Variablen hinzukamen. Im weiteren Verlauf wird nur mit den Variablen der Hauptkategorie gearbeitet, da nur bei diesen Variablen davon ausgegangen werden kann, dass sie für alle Parteien codiert wurden. Der Datensatz wird in der Forschung aufgrund der großen Anzahl von verschiedenen Parteien und der Möglichkeit lange Zeitreihen zu erstellen häufig verwendet. So sind auf der Internetseite der Manifesto Project Database 320 Artikel angegeben, die einen Bezug zum Datensatz aufweisen (Stand: 17.03.2018). Dennoch weist der Datensatz ein von Benoit et. al (2009) thematisiertes Problem auf. Obwohl bei Arbeiten mit menschlicher Interpretationsarbeit immer mit Messfehlern gerechnet werden muss, werden diese nicht im Datensatz angegeben (Benoit et al. 2009, S. 510). Des Weiteren ist zu beachten, dass bei quantitativen Inhaltsanalysen von Texten wichtige Informationen, wie der Kontext einer Textstelle verloren gehen können. Da es das Ziel der Arbeit ist inhaltliche Positionen von Parteien zu vergleichen, bietet sich der Datensatz dennoch zur Analyse an, da sich Wahlprogramme gut dazu eignen Positionen von Parteien valide zu bestimmen (Eder et al. 2017, S. 76). Zusätzlich ist die Manifesto Project Database der einzige Datensatz, der einen solchen Umfang von Daten aufweist.

Doch schon Mair und Mudde (1998) haben in ihrer Arbeit zur Einordnung von Parteienfamilien den Ansatz Wahlprogramme zu vergleichen kritisiert. So konzentriere sich der Datensatz meist auf westeuropäische Parteien und der Zweck eines Wahlprogramms könne die Inhalte und Positionen der Parteien verfälschen (Mair und Mudde 1998, S. 219). Da die Ideologie einer Partei allerdings schwer zu definieren und zu messen ist (Mair und Mudde 1998, S. 220), können die Ergebnisse nur in Bezug auf die inhaltlichen Unterschiede der Parteien in ihren Wahlprogrammen und nicht als Unterschiede in der Ideologie interpretiert werden.

3.2. Ähnlichkeitsindex und Netzwerkanalyse

Um die Übereinstimmung oder Differenz zwischen den Wahlprogrammen zu bestimmen wird der sogenannte Ähnlichkeits- oder Übereinstimmungsindex verwendet. Franzmann (2008) baut seinen Index auf dem Dissimilaritätsindex von Duncan und Duncan (1955) auf und modifiziert diesen. Ursprünglich ein demographisches Messinstrument, gibt der Dissimilaritätsindex an, zu wie viel Prozent sich eine Bevölkerungsgruppe in einem Stadtgebiet einer anderen Bevölkerungsgruppe anpassen müsste, um eine Gleichverteilung der Gruppen zu erzeugen. Dementsprechend variiert der Wert zwischen 0 (absolute Gleichverteilung) und 1 (absolute Ungleichverteilung). Franzmanns Ähnlichkeitsindex subtrahiert das Ergebnis des Dissimilaritätsindexes vom Wert 1. Dadurch gibt der Wert nicht mehr den Grad der Ungleichheit, sondern den Grad der Gleichheit an. Daraus ergibt sich für den Ähnlichkeitsindex Ü folgende Formel:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Formel 1: Darstellung nach Franzmann (2008, S. 82)

Franzmann verwendet diese Formel, um die Übereinstimmung in der Schwerpunktsetzung von Wahlprogrammen zu messen. Pa und Pb stehen hierbei für die Salienzwerte von Partei a oder b in derselben Variablen. Interpretiert wird das Ergebnis dann als „prozentuale Übereinstimmung zweier Parteien in der Hervorhebung von Themen“ (Franzmann 2008, S. 82).

Der Ähnlichkeitsindex wurde für die 26 Wahlprogramme der ausgewählten Parteien der ALDE-Partei in einem paarweisen Vergleich errechnet. So entstehen 325 mögliche Kombinationen. Dadurch kann für jede Kombination errechnet werden, wie groß die Übereinstimmung zwischen den beiden Wahlprogrammen in ihrer inhaltlichen Schwerpunktsetzung ist. Ergibt sich für den Ähnlichkeitsindex ein Wert > 0,5 überwiegt die Übereinstimmung der Wahlprogramme. Ergibt sich für den Ähnlichkeitsindex ein Wert 0,5 überwiegt die Dissimilarität zwischen den beiden Wahlprogrammen oder es lässt sich nicht feststellen, ob die Wahlprogramme sich eher ähnlich oder unähnlich sind. Für die weitere Analyse sind nur die Kombinationen von Wahlprogrammen von Bedeutung, deren Wert > 0,5 ist, da gezeigt werden soll zwischen welchen Wahlprogrammen tatsächliche Ähnlichkeiten bestehen. Daraus ergibt sich im Folgenden ein Netzwerk, das zeigt, zwischen welchen Parteien es reale Übereinstimmungen gibt.

„Ein Netzwerk ist definiert als eine abgegrenzte Menge von […] Elementen und der Menge der zwischen ihnen verlaufenden […] Kanten“ (Jansen 2006, S. 58). Im hier analysierten Netzwerk entsprechen die Elemente des Netzwerkes den Wahlprogrammen der Parteien und die Kanten einer Übereinstimmung von mindestens 50% in der Hervorhebung der Themen in den Programmen. Da die Beziehung der Wahlprogramme zueinander untersucht wird, handelt es sich hierbei um relationale Merkmale. Bei der Übereinstimmung zwischen den Programmen handelt es sich um binäre Daten, da eine Übereinstimmung in der Salienz der Themen von > 0,5 entweder gegeben ist oder nicht. In dieser Arbeit handelt es sich um eine relationale Analyse auf der Ebene eines Gesamtnetzwerkes. Neben der Struktur des Gesamtnetzwerkes werden jedoch auch auffällige Einzelfälle hervorgehoben.

[...]


[1] Eine vollständige Liste der 26 Parteien – mit Namen und Abkürzungen – befindet sich im Anhang.

Ende der Leseprobe aus 20 Seiten

Details

Titel
Programmatische Differenzen in der Allianz der Liberalen und Demokraten für Europa. Eine Netzwerkanalyse der Wahlprogramme auf Basis der Manifesto Project Database
Untertitel
Inwiefern ist es inhaltlich gerechtfertigt Europäische Parteien zu Parteienfamilien zusammenzuschließen?
Hochschule
Universität Duisburg-Essen
Note
1,0
Autor
Jahr
2018
Seiten
20
Katalognummer
V424784
ISBN (eBook)
9783668700284
ISBN (Buch)
9783668700291
Dateigröße
594 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Wahlprogramme, Netzwerkanalyse, Europapolitik, Liberale, ALDE, Parteienfamilien
Arbeit zitieren
Manuel Diaz Garcia (Autor), 2018, Programmatische Differenzen in der Allianz der Liberalen und Demokraten für Europa. Eine Netzwerkanalyse der Wahlprogramme auf Basis der Manifesto Project Database, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/424784

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