Das Thomas-Theorem. Die heimliche Waffe. Wie Menschen Wirklichkeiten schaffen


Hausarbeit, 2018

15 Seiten, Note: 2.0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung
1.1 Zielsetzung, Nutzen
1.2 Motivation
1.3 Methoden/Abgrenzung

2. Situation und Situationsdefinition

3. Wirklichkeit
3.1 Begriffsdefinitionen
3.1.1 Soziale Wirklichkeit
3.1.2 Wirklichkeit
3.2 Wie wird Wirklichkeit erzeugt?

4. Thomas-Theorem
4.1 Definition vom Thomas-Theorem
4.2 Begründer des Theorems
4.3 Fiktive Beispiele für das Theorem

5. Instrumentalisierung des Theorems
5.1 Ausgewählte Beispiele in der Politik
5.2 Ausgewählte Beispiele in den Medien
5.3 Wie wirken Berichterstattungen auf das Handeln?

6. Fazit

7. Literaturverzeichnis
7.1 Intemetquellen

1. Einleitung

Wenn Menschen Situationen als real definieren, sind sie es auch in ihren Konsequenzen. So lautet die sozialpsychologische These, die von William Isaac Thomas und Dorothy Swaine Thomas im Jahre 1928 aufgestellt wurde und seitdem zu den soziologischen Grundbegriffen gehört. Das Thomas-Theorem bildet oftmals die Grundlage unseres Verständnisses von Wirklichkeit und deren Wahrnehmung. Haben die Menschen früher beispielsweise geglaubt Hexen seien verantwortlich für eine unglückliche Ernte oder für ihr vergiftetes Vieh, so wurden sie verbrannt, auch wenn die betroffenen Frauen eigentlich nicht verantwortlich für das Unglück anderer waren.

In der heutigen Zeit können sich viele Menschen, allen voran die in den Medien Beschäftigten und Politiker, ebendies zu Nutze machen. Diese Hypothese soll in der folgenden Arbeit überprüft werden. Schafft man es nämlich, etwas als wirklich zu vermitteln, egal wie irreal es eigentlich ist, so kann es enorme Auswirkungen auf die Gesellschaft haben. Sobald ein Mensch eine Situation als real definiert, wird sich dies auf sein Handeln auswirken und somit zu immensen Konsequenzen führen. Außerdem können subjektive Wahrnehmungen als so real empfunden werden, dass sie irgendwann als objektive Wahrnehmung verstanden werden können. Im Folgenden werde ich eine Definition des Thomas-Theorems anführen und dieses anhand aktueller Beispiele erläutern. Letztlich möchte ich mit dieser Hausarbeit die Frage beantworten können, wie Menschen Wirklichkeiten schaffen und Handlungen oftmals Konsequenzen der subjektiven Wahrnehmung sind, jedoch der eigentlichen objektiven Realität widersprechen.

1.1 Zielsetzung, Nutzen

Die Arbeit verfolgt das Ziel, aufzuzeigen wie oft der Mensch auf eine konstruierte Wirklichkeit zurückgreift, anstatt sich um eine objektive Wahrnehmung zu bemühen. Durch die Bewusstmachung der Existenz des Thomas-Theorems kann es uns gelingen, unsere subjektive Wahrnehmung mehrmals zu hinterfragen, bevor sie zu Konsequenzen in unserem Handeln führt. Andererseits soll deutlich werden, wie es der Politik und den Medien gelingt, dass das Thomas-Theorem bewusst oder unbewusst als Instrument zur Generierung von Meinungen genutzt wird.

1.2 Motivation

Meine Motivation zur Bearbeitung des Themas lag vor allem in der zunehmenden Relevanz von ״Fake News“ und ״Alternativen Fakten“. Des Weiteren ist sie der Sorge entsprungen, dass subjektive Wahrnehmungen und Fehleinschätzungen zunehmend die Grundlage der gesellschaftlichen Realitätsauffassung bilden. Es gilt dem entgegenzuwirken, indem man eine besondere Sorgfalt bei der Selektion der bericht er statt enden Medien walten lässt und durch das Einbeziehen verschiedener Informationsquellen den Wahrheitsgehalt der verschiedenen Meldungen sorgfältig überprüft. Dies sollte in den Bildungseinrichtungen frühzeitig vermittelt werden.

1.3 Methoden/Abgrenzung

Um die Forschungsfrage beantworten zu können, werden aktuelle Auszüge aus gängigen Zeitungsartikeln der Süddeutschen Zeitung mit Fachliteratur zum Thomas­Theorem und anderen gängigen soziologischen und wissenssoziologischen Theorien zur Konstruktion von Wirklichkeit verknüpft.

Der Fokus liegt jedoch klar und deutlich auf der Instrumentalisierung des Thomas­Theorems seitens der Medien und der Politik beziehungsweise der Erschaffung einer alternativen Wirklichkeit durch die Verbreitung subjektiver Wahrheiten.

2. Situation und Situationsdefinition

״die Situation, in der sich jemand befindet, wird aufgefaßt als Summe der Faktoren, welche die Verhaltensreaktion bedingen. Selbstverständlich ist damit nicht die räumlich-materielle Situation gemeint, sondern die Situation der sozialen Beziehungen. Sie umfasst alle Institutionen und Sitten“[1].

Die Situation beinhaltet laut Thomas drei Arten von Daten:

1. Die objektiven Bedingungen, unter denen die Gesellschaft oder ein einzelner zu Handeln hat, das heißt, alle Werte die in einer spezifischen Situation direkt oder indirekt den bewussten Status der Gruppe oder des einzelnen beeinflussen
2. Die Grundeinstellungen der Gruppe und des Individuums, die im gegebenen Moment sein Verhalten wirklich beeinflussen.
3. Die »Definition der Situation», bedeutet das Bewusstsein der Einstellungen und die klare Vorstellung von den Bedingungen. Sie ist Prämisse für jeden Willensakt, denn gegebene Bedingungen kombiniert mit gegebenen Einstellungen, machen eine unbegrenzte Vielzahl von Handlungen möglich. Eine spezifische Handlung tritt nur dann auf, wenn Bedingungen besonders ausgewählt, interpretiert und kombiniert werden und eine Systematisierung der Einstellungen erreicht wird, so dass diese Einstellung vorherrschend ist. Folglich führt ein bestimmter Wert unmittelbar zur sofortigen Handlung oder zu einer Haltung, die sobald sie auftritt, übrige Einstellungen verdrängt und sich ohne zu zögern im Handlungsvorgang bemerkbar macht. Für diese Fälle sind Reflex- und Instinkthandlungen die radikalsten Beispiele, da dem Individuum die Definition durch äußere Bedingungen oder eigene Neigungen bereits vorgegeben ist. Am häufigsten vollzieht sich jedoch ein Prozess des Nachdenkens, wobei eine neue persönliche Definition ausgearbeitet oder eine bereits vorhandene soziale Definition angewandt wird.[2]

Die Vielzahl der Situationen in denen sich Menschen täglich befinden, sind in einem gewissen Maße vieldeutig. Deshalb sind unsere Verhaltensweisen stets tentativ und wir überarbeiten sie auf Grund der beobachteten, erwünschten oder unerwünschten Reaktionen unserer Interaktionspartner ständig. So gelingt es schrittweise eine präzisere, gemeinsame Situationsdeflnition zu entwickeln.[3]

3. Wirklichkeit

3.1 Begriffsdefinitionen

3.1.1 Soziale Wirklichkeit

Der Sprachwissenschaftler John Searle beschreibt soziale Wirklichkeit als eine Tatsache, die nur existiert, weil wir denken, dass sie exis tiert. Fakten gelten in dem Sinne als objektiv, als dass sie nicht abhängig von der eigenen Meinung sind. Individuen beziehen sich auf soziale Wirklichkeit und erzeugen diese auch. Die Existenz objektiver Fakten ist nur durch eine gemeinsame Akzeptanz oder Anerkennung möglich.[4] Denn ״das Festhalten an der subjektiven Perspektive“ bietet, so Schütz ״die einzige, freilich auch hinreichende Garantie dafür, dass die soziale Wirklichkeit nicht durch eine fiktive, nicht existierende Welt ersetzt wird, die irgendein wissenschaftlicher Beobachter konstruiert hat“[5].

3.1.2 Wirklichkeit

Der Begriff der Wirklichkeit ist sehr schwer fassbar und wird oftmals als Synonym für Realität verwendet.

Laut ״Duden online“ ist Wirklichkeit ״[alles] das, Bereich dessen, was als Gegebenheit, Erscheinung wahrnehmbar, erfahrbar ist“[6].

Der Brockhaus definiert Wirklichkeit allgemein als ״die Realität, die sich in unterschiedl. w.-Bereiche gliedert und die sich unter verschiedenen Aspekten (z.B. ästhet., eth., log. Art, als Erlebens-W., Sach-W.) zu erkennen gibt.“[7]

3.2 Wie wird Wirklichkeit erzeugt?

Während der Realismus mit mimetischer (griech. mimesis = Nachahmung) Denkweise davon ausgeht, dass wir die Wirklichkeit abbilden und repräsentieren geht der konstruktivistische Ansatz mit poietischer (griech. poiein = erschaffen, machen, gestalten) Denkweise davon aus, dass wir Wirklichkeit verkörpern, sie generieren, konstruieren beziehungsweise aufbauen[8]. Medien und Politik hingegen sind keinesfalls nur ein Abbild der Wirklichkeit, sie sind Konstrukteure, denn es bedarf nicht viel, um eine Situation für den Zuschauer als wirklich erscheinen zu lassen. Beispielsweise muss eine Meldung erst einmal lediglich als nicht zu unglaubwürdig erscheinen. Gelingen kann dies durch das Heranziehen vermeintlicher ״Experten“. Ein Feuerwehrmann wird befragt zu Elmständen eines Feuerwehreinsatzes nach einem Brand, selbst wenn dieser nicht vor Ort war. Ein Architekt äußert sich vor laufenden Fernsehkameras und gibt vermeintlich ein Fachurteil zum Geschehen, selbst wenn er sich vor dem Fall nie mit der Architektur des vom Einsturz betroffenen Gebäude auseinandergesetzt hat. Je nachdem, auf welchem Thema das Augenmerk in den Medien oder der Politik liegt, kann auch ein entsprechender zumindest scheinbarer Experte herangezogen werden. Selbst wenn er nur kurz Stellung nimmt, erhöht es die Chancen, die Situation als wirklich erscheinen zu lassen. Auf der anderen Seite kann zum Beispiel die Fokuswahl einen starken Effekt auf die Erzeugung von Wirklichkeit haben. Werden von einem bestimmten Ereignis nur Ausschnitte gezeigt, so kann es zu einer vollkommen anderen Wahrnehmung der Wirklichkeit kommen, als wenn umfassend berichterstattet wird. Dieser Art medialer Beeinflussung bedient sich besonders performatives Realitätsfernsehen. Hier agieren Menschen in realen Situationen im Rahmen eines vom Zuschauer nicht unbedingt erkennbaren Drehbuchs.

4. Thomas-Theorem

4.1 Definition vom Thomas-Theorem

״Wenn die Menschen Situationen als wirklich definieren, sind sie in ihren Konsequenzen wirklich. “

“Ifimen define situations as real, they are real in their consequences. “

- w. I. Thomas und D.s. Thomas[8]

Das Thomas-Theorem beschreibt also, dass sobald ein Mensch eine Situation für sich als real wahrnimmt, diese auch in ihren Konsequenzen real wird. Der Mensch handelt dem zu Folge als wären seine subjektiven Annahmen objektiv richtig, auch wenn sie es gar nicht sind. Anführen lassen sich hier auch drei zentrale Annahmen die quasi den Grundstein der Chicagoer Schule der Soziologie bilden und auf dem Thomas-Theorem aufbauen: (I) Menschen handeln stets auf Grundlage der Bedeutungen, die bestimmte Dinge für sie besitzen. (2) Diese Bedeutungen sind abgeleitet, beziehungsweise sie entstehen in Interaktionen mit anderen. (3) In sozialen Interaktionsprozessen werden Bedeutungen immer wieder modifiziert[9]. Thomas zufolge muss eine Situation also erst definiert werden, bevor sie sich auf das Verhalten beziehungsweise das Handeln des Akteurs auswirkt. Die ständige Neudefinition durch die Einbeziehung subjektiver und objektiver Wahrnehmung spiegelt sich in konkreten Handlungen wieder. Thomas bezeichnet ״jede konkrete Handlung“ als ״die Lösung einer Situation“[10]

4.2 Begründer des Theorems

Der Soziologe und Philologe William Isaac Thomas und seine Frau, die Soziologin und Ökonomin Dorothy Swaine Thomas, schrieben das Buch ״The Child in America“, welches 1928 veröffentlicht wurde. Manche bezeichnen Isaac Thomas als den Erfinder der ״Situationsmethode“, manche Sozialwissenschaftler hingegen nehmen heute an, Thomas habe im Sinne einer systematischen Theorie kaum etwas geleistet. Des Weiteren war William I. Thomas mit seinem Werk ״The Polish Peasant“ ein Vorläufer des symbolischen Interaktionismus und ist für die soziologische und historische Migrationsforschung noch immer ein sehr wichtiger Bezugspunkt, unter anderem für die Analyse der Entstehung und Entwicklung ethnischer Kolonien und transnationaler Netzwerke. William I. Thomas war außerdem Mitbegründer der Chicagoer Schule der Soziologie und machte das Individuum zum Objekt seiner Untersuchungen[11].

[...]


[1] w. F. G. (1931), s. 176 zitiert nach: Thomas, w. I. (1965), S.19.

[2] Vgl. Thomas, w. I. (1965) S.85

[3] Vgl. Joas, H. (2001) S.97

[4] Vgl. Searle, J. (1997), Sil.

[5] Schütz, A.P. (1977), s.65f.

[6] Wirklichkeit auf Duden online (2018).

[7] Brockhaus Enzyklopädie in 24 Bänden, völlig neu bearbeitete Auflage Bd.24 Wek-Zz Brockhaus Verlag, Mannheim, 1992

[8] Thomas, W. I. (1965), s. 114.

[9] Vgl. Blumer (1973) S.81.

[10] Thomas, W. I. (1965) S.84

[11] Vgl. Thomas (1965) S.13 ff.

Ende der Leseprobe aus 15 Seiten

Details

Titel
Das Thomas-Theorem. Die heimliche Waffe. Wie Menschen Wirklichkeiten schaffen
Hochschule
Universität Bielefeld
Note
2.0
Autor
Jahr
2018
Seiten
15
Katalognummer
V424820
ISBN (eBook)
9783668700321
ISBN (Buch)
9783668700338
Dateigröße
580 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Thomas-Theorem, Medien, Politik, Trump, Thomas, Konsequenzen, Definition der Wirklichkeit, Soziologie, Wahrheit, Wissenschaft
Arbeit zitieren
Nick Schilken (Autor), 2018, Das Thomas-Theorem. Die heimliche Waffe. Wie Menschen Wirklichkeiten schaffen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/424820

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Das Thomas-Theorem. Die heimliche Waffe. Wie Menschen Wirklichkeiten schaffen



Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden