Theorien über das Phänomen Antisemitismus im Kaiserreich (1871-1918)


Essay, 2001
14 Seiten, Note: cum laude

Leseprobe

Theorien über das Phänomen „Antisemitismus“ im Kaiserreich (1871-1918)

1. Shulamit Volkov:

Antisemitismus als kultureller Code einer rechtsbürgerlichen Subkultur

„Antisemitismus mag sich als unabhängiger politischer Machtfaktor innerhalb der Grenzen des deutschen Rechtsstaates als schwach erwiesen haben, in der Zwischenzeit wurde er jedoch zu einem entscheidenden Verbindungsglied in der allgemeinen Ideologie der Rechten jener Zeit. Er kann sogar als ein ‚kultureller Code‘ einer rechtsbürgerlichen Subkultur gesehen werden, als Kürzel für ein ganzes Syndrom, das die wahren kulturellen Fronten des Kaiserreichs definieren half.“1

Charakteristisch für den modernen Antisemitismus ist nach Hannah Arendt die verzerrte Wahrnehmung der sozialen Rollen, die Juden in dem modernen Nationalstaat spielten.2 Da die deutschen Staatsbürger jüdischen Glaubens aus historischen Gründen überproportional im zweiten und dritten Wirtschaftssektor vertreten waren und als Firmengründer, Handelsleute und in den freien Berufen als Wissenschaftler,Ärzte, Rechtsanwälte, Künstler und Journalisten besonders in der Hauptstadt Berlin Verantwortung übernahmen, figurierten sie in der Wahrnehmung der Antisemiten z.B. im christlich-sozialen und deutsch-sozialen Milieu als Avantgarde der modernen Industriegesellschaft. Die deutschen Staatsbürger jüdischen Glaubens gehörten zur neuen Elite des modernen deutschen Industriestaats, die in Konkurrenz zur traditionellen adligen Regierungs- und Verwaltungselite trat. Während die neue Elite in Zeiten der Hochkonjunktur an Bedeutung zunahm, wuchsen die Zweifel an ihrer Funktionsfähigkeit in Zeiten der Gründer-, Weltwirtschafts- und Agrarkrise (1873-79; 1882-86; 1890-94). Der Umschlag von einer Freihandelspolitik zu einer Schutzzollpolitik (1878/79) wurde auf Druck der Interessenverbände der Schwerindustrie und des adligen Großgrundbesitzes eingeleitet, die von den Deutsch- und Freikonservativen, dem Zentrum und Teilen der Nationalliberalen getragen wurde, während die jüdischen Politiker aus der Nationalliberalen Partei ausschieden und sich in den folgenden Jahren in den linksliberalen Parteien oder in der vom Bismarckstaat ausgegrenzten Arbeiterbewegung engagierten.2b

Der Historiker und Hochschullehrer Heinrich von Treitschke orientierte sich seit 1879 in die genau entgegengesetzte politische Richtung. Obwohl er in den 1860er Jahren die Juden vor der Intoleranz in akademischen und studentischen Zirkeln in Schutz genommen hatte, verließer Ende der 1870er Jahre die Nationalliberale Partei und unterstützte Bismarcks antisozialistische, antidemokratische und anti-emanzipatorische Politik des deutschen Nationalismus. Er äußerte öffentlich antisemitische Ansichten, nicht aus dem Grunde, weil er ein passionierter Judenhasser war, sondern offensichtlich aus seiner opportunistischen politischen Einstellung heraus.3 Nach Wehler machte Treitschke mit seinen Veröffentlichungen den Antisemitismus im Bürgertum salonfähig. Der erste Band seiner „Deutschen Geschichte im 19. Jahrhundert“ enthielt „so viele schroffe Ausfälle gegen die Juden, daßer mit diesem vielgelesenen Werk vielleicht mehr zur Verbreitung des Antisemitismus im Bürgertum beigetragen hat als die vielzitierte radikale Literatur des Radauantisemitismus.“3b Treitschke forderte angeblich keine Rücknahme der rechtlichen Emanzipation der deutschen Juden. „Aber er zögerte auch keinen Augenblick, mit dem hohen Ansehen eines der bekanntesten deutschen Historiker, Professoren und Publizisten eine bösartige Häufung vulgärer antisemitischer Vorurteile diskussionsfähig zu machen.“3c Die von Bernhard Förster und Max Liebermann von Sonnenberg initiierte Antisemitenpetition (1880), die u.a. den Ausschluss der Juden aus staatlichen Stellungen forderte, gewann unter den Studenten aus dem Grunde so viele Unterzeichner, weil Hochschullehrer wie Treitschke, Wagner, Dühring und andere mehr ihre Studenten antisemitisch indoktrinierten.3d

Treitschke vertrat einen erweiterten Staatsbegriff. Der Staat war für ihn nicht nur ein Institutionengerippe, sondern ‚ein Volk in seinem einheitlichen äußeren Zusammenleben‘. Den Staat fasste er als ‚geordnete Gesellschaft’ auf, der über Konflikt und Klassenkampf wachen sollte. Nach Nolte bestritt Treitschke methodologisch die „Eigenständigkeit und die offene Pluralität“ der sozialen Welt und kommt zu der Schlussfolgerung: „Es ist Treitschke nicht vorzuwerfen, daßsich viele Jahrzehnte später der nationalsozialistische Angriff auf die ‚Gesellschaft‘ im Namen des ‚totalen Staates‘ genau in diese Tradition stellte, aber die Anfänge der Linie, die dorthin führte statt zu Treitschkes Idealbild von England, lassen sich doch sehr klar erkennen.“3e

2. Walther Rathenau:

Die preußische Judenpolitik ist „rückständig, falsch, unzweckmäßig und unsittlich“ (1911)

Obwohl die deutschen Staatsbürger jüdischen Glaubens nach Verabschiedung der Verfassungen des Norddeutschen Bundes (1869) und des Deutschen Reichs (1871) formal mit den Staatsbürgern anderer Religionen und Konfessionen gleichgestellt waren, zeigte die Verwaltungspraxis der folgenden Jahre, dass sie als Bürger zweiter Klasse behandelt wurden und aus den höheren Laufbahnen im Erziehungswesen, Hochschulwesen, Justizwesen und in der Armee ausgegrenzt wurden.4a

Für den Industriellen Walther Rathenau war die preußische Judenpolitik nichts anderes „als der letzte Ausdruck der gegen Unzünftige gerichtete Interessenpolitik der beiden herrschenden Kasten“, nämlich des Adels und des erblichen Beamtentums in den Bereichen Justiz, Verwaltung und Armee.4 Einerseits forderte er noch 1911 von seinen Glaubensgenossen, „daßsie auch während der Dauer ihres Minderrechts unablässig an ihrer Selbsterziehung arbeiten, in allen guten Tugenden mit ihren christlichen Landsleuten wetteifern und in verdoppelter Liebe ihrem Lande dienen [sollten].“5 Andererseits kritisierte er die der preußischen Judenpolitik zugrunde liegenden Vorstellungen, dass deutsche Staatsbürger jüdischen Glaubens nicht staatstragend seien, zur Konversion gedrängt werden müssten oder als Juden von bestimmten Laufbahnen im Hochschulwesen, in der höheren Verwaltung, im höheren Justiz- und Militärwesen ausgeschlossen werden müssten, zur selben Zeit sehr deutlich als „rückständig, falsch, unzweckmäßig und unsittlich“ mit folgenden vier Argumentationslinien:

„Rückständig: denn alle Nationen westlicher Kultur haben diese Vorstellungen aufgegeben, ohne Schaden zu erleiden.

Falsch: denn Maßnahmen, die gegen eine Rasse gedacht sind, werden gegen eine Religionsgemeinschaft gerichtet.

Unzweckmäßig: denn an die Stelle der offenkundigen Verjudung, die bekämpft werden soll, tritt die latente, und zwar auf Grund einer üblen Auslese; gleichzeitig wird eine große, konservativ veranlagte Volksgruppe in die Opposition getrieben.

Unmoralisch: denn es werden Prämien auf Glaubenswechsel gesetzt und Konvertiten bevorzugt, während hunderttausend Staatsbürger, die nichts anderes begangen haben, als ihrem Gewissen und ihrer Überzeugung gefolgt zu sein, in ungesetzlicher Weise und durch kleine Mittel um Bürgerrechte verkürzt werden."6

Rathenau, der sich sowohl für die rechtliche Gleichstellung der deutschen Staatsbürger jüdischen Glaubens einsetzte als auch die Interessen des deutschen Bürgertums vertrat, zog 1911 folgende Schlussfolgerungen:

„Das Unrecht, das gegen das deutsche Judentum und teilweise gegen das deutsche Bürgertum geschieht, ist nicht das größte, aber es ist auch eines. Deshalb mußte es ausgesprochen werden. Das beste aber wird sein, wenn jeder von uns in sein menschliches, soziales und bürgerliches Gewissen hinabsteigt und Unrecht abtut, wo er es findet.“7

3. Hans Rosenberg: Der moderne Antisemitismus als „säkularer Trendwechsel“

Rosenberg betont den qualitativen und quantitativen „revolutionären Wechsel“ in der Entwicklung des Antisemitismus während der großen Depression (1873-1896) im deutschen Kaiserreich. Die Judenfeindschaft des ökonomischen Antisemitismus, der als Brücke zwischen dem traditionellen und dem modernen Antisemitismus charakterisiert wird, basierte auf objektiv nachweisbaren Klassenkonflikten und materiellen Interessengegensätzen der durch mehrere Finanz- und Agrarkrisen erschütterten Industriegesellschaft. Sozial gesehen wurde er von einer antikapitalistisch gesinnten Landwirte- und Kleinbürgerbewegung getragen. Seine Intensität, geographische und quantitative Ausbreitung erhöhten sich aufgrund der publizistisch, partei- und verbandsmäßig betriebenen Hetze des politischen Antisemitismus, der falschen Identifizierung einer imaginären „Judenfrage“ mit der sozialen Frage (Glagau) und verschärfte sich durch die Wahnidee der Rassenantisemiten, die die Wertvorstellungen der Mitglieder der unterschiedlichen jüdischen Milieus nicht in ihrer historischen und religiösen Entwicklung deuteten, sondern ihnen pauschal vorwarfen bluts- und wesensmäßig „verwerflich“ und „teuflisch“ zu sein.8

Während der konservativ-bildungsaristokratisch-kulturnationalistische Anti-semitismus, der sich in den Invektiven der Literatur Treitschkes ausdrückte, darauf abzielte, die deutschen Juden mittels einer fragwürdigen, nicht näher ausgeführten Technik einer kulturellen Assimilation zu unterwerfen, setzten die Rassenantisemiten auf eine Apartheidpolitik mittels „entrechtender Sondergesetze“, „diffamierender Abwehraktionen“ oder schlimmstenfalls „gewaltsamer ‚Notwehr‘-Maßnahmen“.9

Diese aggressiven antisemitischen, nationalistischen und beleidigenden Zielsetzungen waren umso absurder, als sich der Gewerbefleißund der Bildungsreichtum der deutschen Juden objektiv in den zeitgenössischen Statistiken und Publikationen leicht nachweisen ließen und antirassistische Gegenpositionen und Theorien die Unhaltbarkeit der rassenantisemitischen Ansichten entlarvten.10

4. Hans-Ulrich Wehler:

Die Existenz einer Kontinuitätslinie vom modernen, rassistischen zum NS-Antisemitismus bleibt unbestreitbar.

Ähnlich wie Schorsch und Levy argumentiert Wehler, dass der relative Rückgang der antisemitischen Wählerstimmen und Abgeordnetenmandate der Antisemitenparteien von 264.000 (3,4%) (16 Mandate) im Jahre 1893 auf 300.000 (2,5%) (10 Mandate) im Jahre 1912 keine Indikatoren dafür gewesen seien, dass sich der Antisemitismus im deutschen Kaiserreich im Niedergang begriffen hätte. Im Gegenteil sei der Antisemitismus als ein fester Bestandteil der Mentalität „mancher Sozialmilieus und Klassen der reichsdeutschen Gesellschaft“ aufgenommen worden.11

[...]


1 Shulamit Volkov: Die Juden in Deutschland 1780-1918. München 1994, S. 120.

2 Shulamit Volkov: Antisemitism as a Cultural Code. Reflections on the History and Historiography of Antisemitism in Imperial Germany, in: LBIYB, Bd. XXIII (1978), S. 25.

2b Vgl. Joachim Radkau: Das Zeitalter der Nervosität. Deutschland zwischen Bismarck und Hitler. München 2000, S. 63; Ernest Hamburger: Jüdische Wähler und bürgerliche Parteien, in: O. Büsch; M. Wölk; W. Wölk (Hg.): Wählerbewegung in der deutschen Geschichte. Analysen und Berichte zu den Reichstagswahlen 1871-1933. Einzelveröffentlichungen der Historischen Kommission zu Berlin. O.J. Bd. 20, S. 345-361; Hans-Ulrich Wehler: Deutsche Gesellschaftsgeschichte. Bd. 3. Von der „Deutschen Doppelrevolution“ bis zum Beginn des Ersten Weltkriegs 1849-1914. München 1995, S. 924-936.

3 Vgl. Volkov (1978), S. 41-43.

3b Wehler, S. 926.

3c Ebd., S. 927.

3d Vgl. Werner Jochmann: Struktur und Funktion des Antisemitismus 1878-1914, in: Wolfgang Benz; Werner Bergmann (Hg.): Vorurteil und Völkermord. Entwicklungslinien des Antisemitismus. Freiburg 1997, S. 184.

3e Paul Nolte: Die Ordnung der deutschen Gesellschaft. Selbstentwurf und Selbstbeschreibung im 20. Jahrhundert. München 2000, S. 54.

4a Vgl. Richard Simon Levy: The Downfall of the Antisemitic Political Parties in Imperial Germany. New Haven/London 1975, S. 130-165.

4 Walther Rathenau: Sendschreiben an Herrn von N., in: Zur Kritik der Zeit. Mahnung und Warnung. Staat und Judentum. Eine Polemik. Berlin 1925, S. 197.

5 Ebd., Schlußbemerkung, S. 206.

6 Ebd., Erwiderung auf einen Artikel des Herrn Geheimrat***, S. 190

7 Ebd., S. 207

8 Vgl. Hans Rosenberg: Große Depression und Bismarckzeit. Wirtschaftsablauf, Gesellschaft und Politik in Mitteleuropa. Berlin 1967, S. 88-117, hier besonders: 93, 109

9 Vgl. ebd., S. 108f

10 Vgl. Volker Beckmann: Die jüdische Bevölkerung der Landkreise Lübbecke und Halle i.W. (1815-1945). Vom Vormärz bis zur Befreiung vom Faschismus. Lage 2001, besonders Kapitel 2 und 3; vgl. http://www.zellentrakt.de/zellentrakt/veroeffentlichungen.html); Emanuel Geiss: Geschichte des Rassismus. Frankfurt a.M. 1988, S. 208-210.

11 Hans-Ulrich Wehler: Deutsche Gesellschaftsgeschichte. Bd. 3. Von der ‚Deutschen Doppelrevolution‘ bis zum Ersten Weltkrieg 1849-1914. München 1995, S. 1063-1066; vgl. Ismar Schorsch: Jewish Reactions to German Anti-Semitism, 1870-1914. New York. London 1972, S. 131. Levy unterscheidet zwischen den konventionellen, parlamentarischen Antisemiten, die die Institutionen des Kaiserreiches verehrten und deren Invektiven und verfassungswidrige Ziele mit Hilfe der Techniken des Abwehrvereins und des Centralvereins mit Rekurs auf das Strafgesetzbuch bekämpft werden konnten, und den revolutionären Antisemiten vom Typ Theodor Fritsch, dessen Schriften und Organisationen (z.B. Mittelstandsorganisationen und Reichshammerbund) von den Nationalsozialisten besonders bewundert wurden. Vgl. Richard Simon Levy: Anti-Semitic Political Parties in the German Empire. Yale 1969, S. 360-365; Friedemann Bedürftig: Taschenlexikon Drittes Reich, Artikel „Fritsch, Theodor“, S. 123.

Ende der Leseprobe aus 14 Seiten

Details

Titel
Theorien über das Phänomen Antisemitismus im Kaiserreich (1871-1918)
Hochschule
Universität Bielefeld  (Fakultät für Geschichtswissenschaft und Philosophie)
Veranstaltung
Rigorosum
Note
cum laude
Autor
Jahr
2001
Seiten
14
Katalognummer
V424927
ISBN (eBook)
9783668702028
ISBN (Buch)
9783668702035
Dateigröße
509 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Publizistik, Parteien, Verbände, Klassen, Milieus, Lager, Politik, Große Depression, Erster Weltkrieg, Sozialdemokratie
Arbeit zitieren
Dr. phil. Volker Beckmann (Autor), 2001, Theorien über das Phänomen Antisemitismus im Kaiserreich (1871-1918), München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/424927

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