Inklusion – so lautet der Leitgedanke der im Jahr 2006 verabschiedeten UN-Behindertenrechtskonvention. Durch Inklusion soll allen Menschen eine gleichberechtigte Teilhabe an der Gesellschaft ermöglicht werden. Das gemeinsame Leben von Menschen mit und ohne Behinderungen soll zur Normalität werden. Um dieses Ziel zu erreichen, muss vieles reflektiert und verändert werden. Schon in der Kindheit sollte die Einstellung entstehen, Menschen mit Behinderungen nicht zu benachteiligen, sondern als Teil der Gesellschaft anzusehen. Bei dieser Entwicklung kommt der Kinder- und Jugendliteratur und insbesondere dem Bilderbuch eine wichtige Rolle zu.
Wenn Kinder in ihrem sozialen Umfeld keinen Kontakt zu Menschen mit Behinderungen haben, bieten Bilderbücher eine erste Möglichkeit, sich mit dieser Thematik auseinanderzusetzen. Wirft man jedoch ein Blick auf die Anzahl der entsprechenden Veröffentlichungen, so ist die Auswahl eher gering. Dabei zeigen beispielsweise schon Untersuchungen von Rupp (1981), dass Kinder insbesondere in jüngeren Jahren, unter anderem im Alter von fünf bis sieben, ein verstärktes Interesse an der Behindertenthematik haben. Da die Auswahl an geeigneter Literatur in diesem Alter noch stark begrenzt ist, werden Bilderbücher für Kinder umso relevanter.
Aufgrund dieser Relevanz werden im Kontext dieser Bachelorarbeit Bilderbücher über Kinder mit Behinderungen in den Blick genommen. Gerade weil die Anzahl dieser Bücher eher gering ausfällt, ist ein Blick auf die Art der Umsetzung und die dadurch erzeugte Wirkung auf die kindlichen Leser von Bedeutung.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Stereotype – eine Annäherung
2.1. Topoi in der Kinder- und Jugendliteratur
3. Der Umgang mit Behinderungen in der KJL
3.1. Ein geschichtlicher Überblick zur Thematisierung von Behinderungen
3.2. Geistige Behinderung in der KJL und im Bilderbuch
3.3. Stereotype Darstellungsweisen von Menschen mit Behinderungen in der KJL
3.4. Ein Blick auf Bilderbücher
4. Vorstellung der Bilderbücher
5. Kriterienkatalog und Vorgehensweise
6. Vergleichende Analyse
6.1. Inhaltsangabe
6.2. Die Figuren und ihre Konstellationen
6.3. Diskurs und verbale Dimension
6.4. Bildästhetik und Inszenierung von Verbal- und Bildtext
6.5. Rezeptions- und Wirkungsästhetische Fragen
6. Fazit und Ausblick
Zielsetzung & Themen
Diese Bachelorarbeit untersucht die Entwicklung stereotyper Handlungs- und Darstellungsformen in realistischen Bilderbüchern über Kinder mit geistiger Behinderung. Die zentrale Forschungsfrage zielt darauf ab zu klären, ob diese Stereotype lediglich in älteren Werken existieren oder ob sie auch in aktuellen Publikationen fortbestehen, wobei die Auswirkungen der Darstellung auf die kindliche Rezeption kritisch hinterfragt werden.
- Stereotype und Topoi in der Kinder- und Jugendliteratur
- Historische Entwicklung der Thematisierung von Behinderung
- Vergleichende Analyse von Bilderbüchern (1982 vs. 2002)
- Zusammenspiel von Bildästhetik und Verbaltext
- Inklusionsaspekte und gesellschaftliche Wahrnehmung
Auszug aus dem Buch
3.3. Stereotype Darstellungsweisen von Menschen mit Behinderungen in der KJL
Ulrike Backofen (1987) stellt in einer ihrer Untersuchungen fest, dass Menschen mit Behinderungen in der Kinderliteratur (KL) oftmals auf ähnliche Weise dargestellt werden. Diese sogenannten „Strickmuster“ (ebd., 18) würden immer wieder neu aufbereitet werden, obwohl sie zumeist wenig mit der Realität gemeinsam haben. Im Folgenden werden diese Strickmuster kurz skizziert:
1. ‚Musterkrüppel oder Tyrann‘?
Um zu verstehen, was mit dem Begriff des ‚Musterkrüppels‘ gemeint ist, ist die körperlich behinderte Klara aus Johanna Spyris Heidi ein Paradebeispiel. Klara ist wohlerzogen, hält sich an alle Regeln und ist ein großherziges und höfliches junges Mädchen. Laut Backofen (1987) dominiert diese Darstellungsform von Kindern mit einer Behinderung bis zum Beginn der 70er Jahre in der KL. Von diesem Zeitpunkt an werden jedoch zunehmend auch verbitterte, unfreundliche, zynische oder aggressive Kinder mit Behinderungen dargestellt. Allerdings erfolge am Ende der Erzählung zumeist ein Wandel und das Kind zeigt plötzlich positive Charaktereigenschaften. Bei der Verwendung dieses Strickmusters besteht laut Backofen (1987) insbesondere die Gefahr einer Verallgemeinerung, da häufig nur ein Kind mit einer Behinderung in den entsprechenden Erzählungen vorkommt (vgl. Ebd., 18f).
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Arbeit führt in die Bedeutung der UN-Behindertenrechtskonvention sowie die Rolle der Kinder- und Jugendliteratur bei der Inklusion ein und definiert den Fokus auf Kinder mit geistiger Behinderung.
2. Stereotype – eine Annäherung: Dieses Kapitel erörtert die Definition von Stereotypen und Topoi als ordnende Denkmuster und deren Funktion in der Literatur.
3. Der Umgang mit Behinderungen in der KJL: Es wird ein historischer Abriss zur Thematisierung von Behinderungen gegeben sowie typische narrative Muster (Strickmuster) nach Backofen kritisch beleuchtet.
4. Vorstellung der Bilderbücher: Hier werden die beiden ausgewählten Primärwerke „Dann kroch Martin durch den Zaun“ und „Ich bin Laura“ sowie deren jeweiliger Kontext vorgestellt.
5. Kriterienkatalog und Vorgehensweise: Das Kapitel erläutert die methodische Grundlage der Analyse, basierend auf erzähltextanalytischen Fragestellungen und dem Modell der Bilderbuchanalyse.
6. Vergleichende Analyse: Der Hauptteil vergleicht beide Bilderbücher hinsichtlich ihrer Figurenkonstellationen, der sprachlichen Darstellung, der Bildästhetik sowie der rezeptionsästhetischen Wirkung.
6. Fazit und Ausblick: Das Fazit fasst zusammen, dass stereotype Strukturen weiterhin in Bilderbüchern präsent sind und plädiert für eine inklusivere, weniger stigmatisierende Literaturgestaltung.
Schlüsselwörter
Inklusion, Kinderliteratur, Bilderbuch, geistige Behinderung, Stereotype, Topoi, Down-Syndrom, Narratologie, Bildästhetik, Diskursanalyse, Integration, Figurenkonstellation, Realismus, Behindertendarstellung, Sozialisation.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Bachelorarbeit setzt sich kritisch mit der Darstellung von Kindern mit geistiger Behinderung in der Kinder- und Jugendliteratur auseinander, insbesondere unter dem Aspekt der Inklusion.
Welche zentralen Themenfelder werden bearbeitet?
Die zentralen Felder umfassen die Definition von Stereotypen, die historische Entwicklung der Behindertendarstellung in der Literatur und die spezifische Analyse von zwei Bilderbüchern.
Was ist das primäre Ziel der Forschung?
Das Ziel ist es, stereotype Darstellungsformen und Handlungsmotive in zwei ausgewählten Bilderbüchern aufzuzeigen und zu prüfen, ob sich diese Muster in moderneren Werken verändert haben.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt eine komparative Analyse, basierend auf einem Kriterienkatalog, der sowohl textuelle als auch bildästhetische Elemente und narratologische Konzepte einbezieht.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil beinhaltet die Inhaltsangabe, die Analyse der Figurenkonstellationen, die Diskurs- und Sprachanalyse sowie die Untersuchung der bildlichen Inszenierung in den Büchern.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Untersuchung?
Wichtige Begriffe sind Inklusion, Stereotype, Bilderbuch, geistige Behinderung, Down-Syndrom, Diskursanalyse und Rezeptionsästhetik.
Welchen Stellenwert nimmt das Pferd Aurora in der Analyse ein?
Das Pferd Aurora fungiert in beiden Werken als zentrales Medium für die Protagonisten, um ihre Fähigkeiten zu beweisen und ihre soziale Integration oder Anerkennung innerhalb der Erzählung zu erreichen.
Was ist das wichtigste Ergebnis bezüglich der untersuchten Strickmuster?
Die Autorin stellt fest, dass zwar einige klassische Strickmuster wie die „wunderbare Heilung“ nicht mehr greifen, jedoch weiterhin subtile stereotype Muster bestehen bleiben, die Kinder mit Behinderung in eine „Heldinnen- oder Heldenrolle“ zwingen, um Akzeptanz zu finden.
- Citar trabajo
- Ines Bülhoff (Autor), 2018, Die Entwicklung stereotyper Handlungs- und Darstellungsformen im Bilderbuch über Kinder mit geistiger Behinderung. Am Beispiel von "Ich bin Laura" und "Dann kroch Martin durch den Zaun", Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/425445