Haftung von Vorstands- und Aufsichtsratsmitgliedern


Seminararbeit, 2014

32 Seiten, Note: 12


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

A. Einleitung

B. Die Aktiengesellschaft

C. Der Vorstand in der Aktiengesellschaft
I. Die Haftung der Vorstandsmitglieder
II. Die Innenhaftung
1. Pflichtverletzung
a. Sorgfaltspflicht
b. Treuepflicht
c. Pflichten im Zusammenhang mit anderen Organen
d. Pflicht zur rechtmäßigen und zweckmäßigen Gestaltung der Organisation und Entscheidungsprozesse / Corporate Compliance
2. Verschulden
3. Kausaler Schaden
4. Haftungsausschlüsse
5. Gesamtschuldnerische Haftung
6. Geltendmachung der Ansprüche
a. Geltendmachung durch die Aktionäre
b. Geltendmachung durch die Gesellschaftsgläubiger
III. Die Außenhaftung
1. Haftung gegenüber den Aktionären
a. Haftung gemäߧ 823 I BGB
b. Haftung gemäߧ 823 II BGB i.V.m. Schutzgesetz, sowie § 826 BGB
c. Prospekthaftung
2. Haftung gegenüber den Gesellschaftsgläubigern
a. Haftung gemäߧ 311 BGB, "culpa in contrahendo“
b. Haftung wegen Insolvenzverschleppung
3. Haftung gegenüber sonstigen Dritten

D. Der Aufsichtsrat in der Aktiengesellschaft
I. Die Haftung der Aufsichtsratsmitglieder
II. Die Innenhaftung
1. Pflichtverletzung
a. Überwachungspflicht
b. Treuepflicht
2. Verschulden
3. Kausaler Schaden
4. Haftungsausschlüsse
5. Gesamtschuldnerische Haftung
6. Geltendmachung der Ansprüche
a. Geltendmachung durch die Aktionäre
b. Geltendmachung durch die Gesellschaftsgläubiger
III. Die Außenhaftung
1. Haftung gegenüber den Aktionären
2. Haftung gegenüber den Gesellschaftsgläubigern und sonstigen Dritten

E. Haftungsverschärfung durch KonTraG, TransPuG und UMAG

F. Auswirkung des Corporate Governance Kodex auf die Haftung von Vorstands- und Aufsichtsratsmitgliedern

G. Möglichkeiten der Haftungsvermeidung
I. Vereinbarungen
II. D&O-Versicherung und Berufshaftpflichtversicherung

H. Fazit

Literaturverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

A. Einleitung

Die zentrale Frage nach der Verantwortlichkeit hat auch nach Überwindung der Finanzmarktkrise durch immer wiederkehrende Wirtschaftsskandale, wie die Korruptionsaffäre um Siemens,[1] und großen Unternehmensinsolvenzen weiter an Bedeutung gewonnen. Wie bereits durch die folgenschwere Bankenkrise das Management der Kreditinstitute, wie beispielsweise durch Massenklagen gegen die Vorstandsmitglieder der HRE, in die Pflicht genommen wurde,[2] sind es schließlich auch jene Mitglieder der Vorstände und Aufsichtsräte von Unternehmen anderer Wirtschaftsbereiche, die der Verschärfung ihrer haftungsrelevanten Pflichten und vor allem der fokussierten öffentlichen Wahrnehmung entgegen treten müssen. So wurden beispielsweise im Jahre 2011 vier ehemalige Vorstandsmitglieder des Solarhersteller Conergy AG wegen unternehmerischer Fehlentscheidungen und Pflichtverletzungen auf 280 Mio. € Schadensersatz verklagt.[3] Darum soll im Folgenden schwerpunktmäßig die zivilrechtliche Haftungssystematik von Vorstands- und Aufsichtsratsmitgliedern in der Aktiengesellschaft dargestellt werden um das Haftungsrisiko jener und eventuelle Versicherungsmöglichkeiten aufzuzeigen.

B. Die Aktiengesellschaft

Die Aktiengesellschaft ist dem § 1 AktG nach eine Gesellschaft mit eigener Rechtspersönlichkeit, deren Gesellschafter, ohne persönlich für die Verbindlichkeiten zu haften, mit Einlagen auf das in Aktien zerlegte Grundkapital beteiligt sind. Als Gesellschaft mit eigener Rechtspersönlichkeit ist die AG eine juristische Person, sodass sie Träger von Rechten und Pflichten sein kann. Zur Handlungsfähigkeit bedarf es daher ihrer Organe[4] - Vorstand (§§ 76ff. AktG), Aufsichtsrat (§§ 95ff AktG) und Hauptversammlung (§§ 118 ff. AktG). Deren Mitglieder können darum nur natürliche Personen sein.[5]

C. Der Vorstand in der Aktiengesellschaft

Der Vorstand hat gemäߧ§ 76 I, 78 I AktG die eigenverantwortliche Leitungsmacht inne und stellt als Geschäftsführungs- und Vertretungsorgan wohl das wichtigste der AG dar.[6] So werden dem Vorstand Geschäftsführungsbefugnisse grundsätzlich unbeschränkt (§§ 77, 82 II AktG) und die nach außen gerichtete Vertretungsmacht sogar gänzlich uneingeschränkt (§§ 78, 82 I AktG) eingeräumt. Leitungsentscheidungen obliegen allein dem Vorstand und können nicht übertragen werden.[7] Damit ist dieser in der Ausführung seiner Tätigkeiten selbstständig und nicht weisungsgebunden. Lediglich den Aufsichtsrat trifft die Aufgabe der Überwachung des Vorstands.[8]

I. Die Haftung der Vorstandsmitglieder

Aus jener Unabhängigkeit resultiert gleichwohl eine Vielzahl von Pflichten, für deren Verletzung die einzelnen Vorstandsmitglieder kraft Gesetztes persönlich haften.[9]

Dabei meint Vorstandshaftung die Verpflichtung zum Ausgleich der entstandenen Schäden gegenüber der AG oder einem Dritten, die durch das sorgfaltswidrige Verhalten des Vorstands entstehen.[10] Zu unterscheiden ist hier zwischen der Innenhaftung, der Haftung gegenüber der Gesellschaft, und der Außenhaftung, der Haftung gegenüber Dritten.[11]

II. Die Innenhaftung

Die Innenhaftung besteht kraft Gesetzes und beruht unmittelbar auf der Organstellung des Vorstands. Sie beginnt darum, ungeachtet eines zwischen dem Vorstandsmitglied und der Gesellschaft wirksam geschlossenen Anstellungsvertrags, bereits mit der konkreten Übernahme des Amtes.[12]

Haftungsausschlüsse oder -einschränkungen durch Satzung oder Anstellungsvertrag sind desweiteren nicht möglich.[13] Zentrale Haftungsnorm für Vorstandsmitglieder der AG ist § 93 AktG. Diese gilt gemäߧ 94 AktG für stellvertretende Vorstandsmitglieder entsprechend.[14]

1. Pflichtverletzung

Eine Inanspruchnahme der Vorstandsmitglieder verlangt zunächst eine Pflichtverletzung. Welche Pflichten für das Mitglied überhaupt bestehen, ergibt sich einerseits aus dem Gesetz.[15]

a. Sorgfaltspflicht

So haben nach § 93 I 1 AktG die Vorstandsmitglieder im Rahmen ihrer Geschäftsführung die Sorgfalt eines ordentlichen und gewissenhaften Geschäftsleiters anzuwenden. Hieraus ergibt sich sowohl der anzuwendende Sorgfaltsmaßstab für die organschaftliche Haftung, als auch die Beschreibung der unternehmerischen Verhaltenspflichten.[16] Eine Abweichung von dieser Sorgfaltspflicht gilt somit als Pflichtverletzung, die nach § 93 II AktG die Haftung auslöst.[17] Ebenso lässt sich aus § 93 I 3 AktG die Verschwiegenheitspflicht ableiten, nach der das Vorstandsmitglied vertrauliche Angaben und Geheimnisse, wie Betriebs- und Geschäftsgeheimnisse, auch über die Amtszeit hinaus geheim zu halten hat.[18]

b. Treuepflicht

Zwar ist in § 93 I 1 AktG die Treuepflicht nicht wörtlich erwähnt, dennoch nimmt auch diese einen gewissen Stellenwert innerhalb des Pflichtenkreises ein.[19] Diese verbietet die Anbahnung und den Abschluss von Geschäften zum eigenen Vorteil durch sich während der Tätigkeit als Vorstandsmitglied ergebene Chancen.[20] Generell gilt mit § 88 I AktG das Verbot ein Handelsgewerbe zu betreiben, sowie eigene und fremde Geschäfte in den Geschäftszweigen der Gesellschaft abzuschließen. Weitere Pflichten für deren Verletzung das Vorstandsmitglied haftet können sich außerdem aus spezialgesetzlichen Regelungen ergeben, wie beispielsweise aus § 15a InsO zur Insolvenzantragsstellung, sowie dem Anstellungsvertrag und der Satzung der AG.[21]

c. Pflichten im Zusammenhang mit anderen Organen

Schon wegen des Aufbaus der Aktiengesellschaft an sich werden Vorstand und Aufsichtsrat zur Zusammenarbeit angehalten. So resultieren auch in diesem Zusammenhang Pflichten, für deren Befolgung das Vorstandsmitglied verantwortlich ist. Besondere Aufgabe kommt dabei dem Vorstandsmitglied in Ausübung seiner Berichtspflicht nach § 90 AktG zu. Dabei hat es dem Aufsichtsrat alle Informationen die Gesellschaft betreffend regelmäßig und eigeninitiativ nach § 90 I, II AktG zur Verfügung zu stellen.[22] Diese umfassen vor allem die Unternehmensplanung, die Rentabilität der Gesellschaft, den Gang der Geschäfte im Hinblick auf die Lage und den Umsatz, sowie alle weiteren Informationen mit erheblichen Auswirkungen auf die Rentabilität und den Umsatz gemäߧ 90 I 1 Nr. 1-4 AktG und der Lage der Gesellschaft gemäߧ 90 I 3 AktG.[23]

Auch in Bezug zur Hauptversammlung trifft das Vorstandsmitglied die Pflicht diese einzuberufen, vorzubereiten und an dieser schließlich teilzunehmen (§ 121 I AktG). Dabei umfasst dies vor allem die Gewährleistung des ordnungsgemäßen Ablaufs und die Sicherstellung, dass Beschlüsse ohne Mängel der Form zustande kommen um einen Schaden für die Gesellschaft durch Anfechtungsklagen gegen die gefassten Beschlüsse zu vermeiden.[24] Gegenüber Aktionären und Hauptversammlungsmitglieder kommen Vorlage-, Erläuterungs-, Unterrichtungs- und Auskunftserteilungspflichten hinzu.[25] Im Anschluss an die Hauptversammlung ist nach § 130 I, V AktG die notariell erfasste Niederschrift beim Handelsregister einzureichen.

d. Pflicht zur rechtmäßigen und zweckmäßigen Gestaltung der Organisation und Entscheidungsprozesse / Corporate Compliance

Aus § 91 i.V.m. § 161 AktG ergibt sich die Pflicht dass sich sämtliche Entscheidungsprozesse mit den gesetzlichen Anforderungen und denen der Satzung decken, wodurch die Rechtsmäßigkeit der Geschäftsprozesse einerseits gewährleistet und die Verletzung der Rechte und Rechtsgüter Dritter andererseits vermieden wird.[26] Die unternehmensweite Organisation im Sinne der geforderten Rechtskonformität soll dabei die in der AG tätigen Personen an ein rechtmäßiges Handeln binden.[27] Der für die geforderte Rechtskonformität synonyme anglo-amerikanisch geprägten Begriffs der Compliance ist durch den Deutschen Corporate Governance Kodex[28] im Jahr 2007 eingeführt worden.[29] Er fordert dabei die Einhaltung der gesetzlichen und unternehmerischen Vorgaben durch eingerichtete Überwachungssysteme.[30]

2. Verschulden

Um zum Schadensersatz verpflichtet werden zu können, muss das Vorstandsmitglied hinsichtlich seiner Pflichtverletzung auch ein Verschulden treffen. Soweit ein pflichtgemäßes Handeln zumutbar ist und Verschuldensfähigkeit besteht, handelt derjenige schuldhaft, der vorsätzlich oder fahrlässig die Sorgfalt eines ordentlichen und gewissenhaften Geschäftsleiters außer Acht lässt.[31] Dabei ist ein objektiver Sorgfaltsmaßstab anzulegen.[32]

Zur weiteren Ausdifferenzierung dieses Sorgfaltsmaßstabs gibt die, zunächst in der Rechtsprechung aufgegriffene und mit dem Gesetz zur Unternehmensintegrität und Modernisierung des Anfechtungsrechts aus dem US-amerikanischen Richterrecht übernommene, Business Judgement Rule nähere Anhaltspunkte. So ist darauf abzustellen, ob die der vorgeworfenen Pflichtverletzung zu Grunde liegende Entscheidung sorgfältig ermittelt wurde und sich am Wohl der Gesellschaft orientiert.[33]

Zudem ist das Vorstandsmitglied zwar nur für das eigene Handeln verantwortlich, jedoch haftet es bereits für leichte Fahrlässigkeit.[34] Sollte im Hinblick auf die angewandte Sorgfalt Unklarheit bestehen, so trifft dieses außerdem die Beweislast.

Eine Entlastung kann nicht daraus entstehen, dass die Pflichtverletzung das Ergebnis persönlicher Unfähigkeit oder fachlicher Unkenntnis des Vorstandsmitglieds darstellt. Vielmehr ist für die Fähigkeiten und Kenntnisse einzustehen, die die anvertrauten Aufgaben objektiv erfordern.[35] Im Falle von fehlendem Fachwissen ergibt sich daher das Verschulden schon daraus, dass keine fachkundige Beratung hinzugezogen wurde.[36]

Selbst die an die Beratung zustellenden Ansprüche haben eine Verschärfung durch die Rechtsprechung erfahren.[37] Darum wird in den meisten Fällen eine Exkulpation nicht gelingen und somit ein Verschulden vorliegen. Dies führt im Ergebnis zu einem erhöhten Haftungsrisiko der Vorstandsmitglieder.

3. Kausaler Schaden

Infolge der schuldhaften Pflichtverletzung muss der Gesellschaft hieraus ein kausaler Schaden entstanden sein um das Vorstandsmitglied haftungsrechtlich in Anspruch nehmen zu können.

Ein Schaden ist jede unfreiwillige Einbuße an materiellen oder immateriellen Gütern[38] und bemisst sich unter Maßgabe der §§ 249ff. BGB nach der Differenzhypothese.[39] Nach dieser liegt sodann ein Schaden vor, wenn das aktuelle Vermögen der Gesellschaft geringer ist als jenes, das ohne den Eintritt des schädigenden Ereignisses bestehen würde.[40] Dies schließt also nicht nur jede Minderung des Gesellschaftsvermögens, sondern auch jede unterbliebene Vermögensmehrung ein.[41]

Durch § 93 III AktG erfährt der Schadensbegriff sogar insoweit eine Modifikation, dass nunmehr der Schaden nicht mehr in seiner Gesamtheit zu betrachten ist, sondern ein Schaden bereits im Abfluss von Mitteln oder ihrer Vorenthaltung entsteht.[42]

Zwischen der pflichtwidrigen Handlung und dem entstandenen Schaden muss zudem ein adäquat kausaler Zusammenhang bestehen,[43] diese muss also nicht hinweg gedacht werden können ohne dass der Schaden in seiner konkreten Gestalt entfiele.[44] Wäre der Schaden auch bei rechtmäßigen Verhalten entstanden, muss das Vorstandsmitglied dies beweisen um sich hierauf berufen zu können, wobei die Möglichkeit eines Schadenseintritts dabei nicht genügt. Außerdem ist eine Berufung auf rechtmäßiges Alternativverhalten bei der Verletzung von Kompetenz-, Organisation- und Verfahrensregeln ausgeschlossen.[45]

4. Haftungsausschlüsse

Ferner besteht die Möglichkeit eines Haftungsausschlusses.

Gemäߧ 93 IV 1 AktG können Vorstandsmitglieder nicht persönlich für eine durch die Hauptversammlung beschlossene schädliche Geschäftsführungsmaßnahme verantwortlich gemacht werden. Jedoch verbirgt sich hierin insoweit ein weiteres Haftungsrisiko, als das jener Hauptversammlungsbeschluss auch gesetzmäßig, d.h. weder nichtig noch anfechtbar sein muss und trotz Vorliegen eines Haupt­versammlungsbeschluss das Vorstandsmitglied schadensersatzpflichtig werden kann, wenn es pflichtwidrig unterlässt diesen aufgrund seiner Anfechtungsbefugnis nach § 245 Nr. 4, 5 AktG durch Anfechtung zu beseitigen. So besteht für Vorstandsmitglieder nämlich eine Pflicht zur Anfechtung, wenn diese im Unternehmensinteresse liegt und vorhersehbar ist, dass durch die Ausführung des Beschlusses der Gesellschaft ein Schaden entstehen wird.[46]

Etwaige Haftungsausschlüsse wegen der Billigung des Aufsichtsrats sind nach § 93 IV 2 AktG nicht möglich.

5. Gesamtschuldnerische Haftung

Der Vorstand kann im Rahmen des § 76 II 1, 2 AktG aus einer oder mehreren Personen bestehen. Verletzen mehrere Vorstandsmitglieder ihre Pflichten haften sie gegenüber der Gesellschaft als Gesamtschuldner nach §§ 421ff. BGB, wenn jeder von ihnen die Haftungsvoraussetzungen erfüllt. Zum einen kann dies bei gemeinsamen Handeln oder Unterlassen bei gemeinsamer Handlungszuständigkeit eintreten. Außerdem kann dies auch trotz Aufgabenverteilung innerhalb des Vorstandes in einzelne Ressorts der Fall sein. So wird die Verantwortlichkeit des Einzelnen nicht durch den Aufgabenbereich des jeweils anderen begrenzt. Wenn ein Vorstandsmitglied eine in sein Ressort fallende Pflicht verletzt, so verletzt ein anderes gleichwohl seine Überwachungspflicht.[47]

6. Geltendmachung der Ansprüche

Die durch die Pflichtverletzung geschädigte Gesellschaft ist primär Anspruchstellerin gegenüber den Vorstandsmitgliedern.

Vertreten wird diese nach § 112 AktG durch den Aufsichtsrat, der in einem zweistufigen Verfahren zunächst sorgfältig prüft, ob eine Klage ausreichend Aussicht auf Erfolg hat und anschließend, ob er von der grundsätzlichen Pflicht zur Verfolgung nach § 93 IV 1 AktG Abstand nimmt.[48]

a. Geltendmachung durch die Aktionäre

Zwar können Aktionäre die Ersatzansprüche der Gesellschaft weder im eigenen Namen, noch im Namen der Gesellschaft gelten machen.[49] Doch besteht für sie die Möglichkeit, die Geltendmachung durch den Aufsichtsrat nach Maßgabe des § 147 AktG zu erzwingen.[50] Außerdem haben die Aktionäre neben dem Aufsichtsrat auch das Recht im Zuge der Aktionärsklage nach § 148 AktG Ansprüche der Gesellschaft gegenüber den Vorstandsmitgliedern im eigenen Namen geltend zu machen.[51] Für das Klagezulassungsverfahren ist zunächst eine Gruppe von Aktionären, die zusammen mindestens 1% des Grundkapitals oder einen Aktiennennwert in Höhe von 100.000 € halten, erforderlich.[52] Außerdem müssen sie als Prozessstandschafter anstelle der Gesellschaft gegen die Mitglieder des Vorstands prozessieren.[53] Um die geforderten Stimmen bzw. den geforderten Nennwert zu erreichen, können sich Aktionäre in dem nach § 127a AktG eingerichteten Aktionärsforum des elektronischen Bundesanzeigers zusammen finden.[54]

Unter den Voraussetzungen des § 148 AktG kann bei Erreichen des Mindestquorums das Klagezulassungsverfahren begonnen werden. Problematisch ist dabei vor allem die Bedingung über das Vorliegen von Tatsachen die den Verdacht des durch Unredlichkeit oder grober Verletzung des Gesetzes oder der Satzung hervorgerufenen Schadens nach § 148 I 2 Nr. 3 AktG. Denn anders als im Hauptverfahren, indem der Beweis der Handlung, des Schadens und der Kausalität genügt und die Pflichtwidrigkeit, sowie das Verschulden vermutet wird, ist im Klagezulassungsverfahren zusätzlich die Pflichtwidrigkeit und das Verschulden nachzuweisen. Dies stellt die Anforderungen der Zulassung der Klage über die des Hauptverfahrens selbst.[55]

b. Geltendmachung durch die Gesellschaftsgläubiger

Für die Gläubiger ist die Geltendmachung eines Gesellschaftsanspruches gegen die Vorstandsmitglieder offenkundiger Weise nur in seltenen Fällen sinnvoll. Konkret ist dies im Rahmen der Durchsetzung und Befriedigung ihres eigenen Anspruchs gegen die Gesellschaft per Pfändung des Gesellschaftsanspruches gegen die Mitglieder des Vorstands möglich.[56]

[...]


[1] FD-HGR-Redaktion in FD-HGR 2008, 265452.

[2] Beck Aktuell vom 29. Juli 2009 in becklink 285992.

[3] Marcus Creutz in Handelsblatt vom 04. Oktober 2011.

[4] Heider in MüKo AktG, § 1 Rn. 41; Lange in Henssler/Strohn GesR, § 1 Rn. 4; Jannott/Hagemann in Hdb AktR, Kap. 2 Rn. 4.

[5] vgl. §§ 76 III, 100 I AktG.

[6] Frodermann/Schäfer in Hdb AktR, Kap. 7 Rn. 1.

[7] Grunewald in GesR, § 10 Rn. 49.

[8] Siehe unten D. II. 1. a.

[9] Schaefer/Missling in NZG 1998, 441 (441); Spindler in MüKo AktG, § 93 Rn. 11.

[10] Fleischer in Hdb Vorstandsrecht, § 7 Rn. 46.

[11] Liebscher in Hdb der AG, § 6 Rn. 128; Bank in Haftung von Unternehmensorganen, Kap. 6 Rn. 1.

[12] Wiesner/Kraft in MüHdb GesR, § 26 Rn. 3, 12.

[13] Hüffer in AktG, § 93 Rn. 1 ; Grunewald in GesR, § 10 Rn. 57.

[14] Liebscher in Handbuch der AG, § 6 Rn. 129.

[15] Fleischer in Spindler/Stilz AktG, § 93 Rn. 200.

[16] Fleischer in Spindler/Stilz AktG, § 93 Rn. 10.

[17] Dauner-Lieb in Henssler/Strohn GesR, § 93 Rn. 5.

[18] Fleischer in Spindler/Stilz AktG, § 93 Rn. 113; Wellhöfer in Haftung von Vorstand, Aufsichtsrat, Wirtschaftsprüfer, § 4 Rn. 104.

[19] Fleischer in Spindler/Stilz AktG, § 93 Rn. 113.

[20] Wellhöfer in Haftung von Vorstand, Aufsichtsrat, Wirtschaftsprüfer, § 4 Rn. 97.

[21] Spindler in MüKo AktG, § 93 Rn. 21.

[22] Wellhöfer in Haftung von Vorstand, Aufsichtsrat, Wirtschaftsprüfer § 4 Rn. 190.

[23] Wellhöfer in Haftung von Vorstand, Aufsichtsrat, Wirtschaftsprüfer, § 4 Rn. 191f.

[24] Wellhöfer in Haftung von Vorstand, Aufsichtsrat, Wirtschaftsprüfer, § 4 Rn. 222.

[25] Wellhöfer in Haftung von Vorstand, Aufsichtsrat, Wirtschaftsprüfer, § 4 Rn. 249f, 252f.

[26] Wellhöfer in Haftung von Vorstand, Aufsichtsrat, Wirtschaftsprüfer, § 4 Rn. 157.

[27] Wellhöfer in Haftung von Vorstand, Aufsichtsrat, Wirtschaftsprüfer, § 4 Rn. 162.

[28] Nachfolgend DCGK.

[29] Ritter in MAH AktR, § 24 Rn. 29.

[30] Ritter in MAH AktR, § 24 Rn. 27.

[31] Wiesner/Kraft in MüHdb GesR, § 26 Rn. 9.

[32] Siehe oben C. II. 1. a.

[33] Kock/Dinkel in NZG 2004, 441; ARAG/Garmenbeck, BGHZ 135, 244 (253); Siemens/Nold, BGHZ 136, 133 (140).

[34] Fleischer in Spindler/Stilz AktR, § 93 Rn. 206f,;

Wiesner/Kraft in MüHdb GesR, § 26 Rn. 10.

[35] Fleischer in Spindler/Stilz AktR, § 93 Rn. 205; RGZ 163, 200 (208).

[36] Wiesner/Kraft in MüHdb GesR, § 26 Rn. 9.

[37] vgl. NJW-RR 2011, 1670.

[38] Wandt in Gesetzliche Schuldverhältnisse, § 22 Rn. 4.

[39] Fleischer in Hdb Vorstandsrecht, § 11 Rn. 60.

[40] Fleischer in Hdb Vorstandsrecht, § 11 Rn. 60.

[41] Wellhöfer in Haftung von Vorstand, Aufsichtsrat, Wirtschaftsprüfer, § 2 Rn. 37.

[42] Hüffner in AktG, § 93 Rn. 22; Wellhöfer in Haftung von Vorstand, Aufsichtsrat, Wirtschaftsprüfer, § 2 Rn. 38.

[43] Fleischer in Hdb Vorstandsrecht, § 11 Rn. 64.

[44] Wandt in Gesetzliche Schuldverhältnisse, § 16 Rn. 125.

[45] Fleischer in Hdb Vorstandsrecht, § 11 Rn. 65.

[46] Ritter in MAH AktR, § 24 Rn. 40; Wiesner/Kraft in MüHdb GesR, § 26 Rn. 14ff.

[47] Wiesner/Kraft in MüHdb GesR, § 26 Rn. 13.

[48] Wiesner/Kraft in MüHdb GesR, § 26 Rn. 23.

[49] Fleischer in Hdb Vorstandsrecht, § 11 Rn. 111.

[50] Hölters in Hölters AktG, § 93 Rn. 334.

[51] Fleischer in Hdb Vorstandsrecht, § 11 Rn. 111.

[52] Hirschmann in Hölters AktG, § 148 Rn. 4f,; Wellhöfer in Haftung von Vorstand, Aufsichtsrat, Wirtschaftsprüfer, § 2 Rn. 80.

[53] Spindler in NZG 2005, 865 (868).

[54] Hirschmann in Hölters AktG, § 148 Rn. 4f,; Wellhöfer in Haftung von Vorstand, Aufsichtsrat, Wirtschaftsprüfer, § 2 Rn. 80.

[55] Peltzer in Haftung von Vorstand, Aufsichtsrat, Wirtschaftsprüfer, § 16 Rn. 64f,; Wellhöfer in Haftung von Vorstand, Aufsichtsrat, Wirtschaftsprüfer, § 2 Rn. 83.

[56] Spindler in MüKo AktG, § 93 Rn. 267.

Ende der Leseprobe aus 32 Seiten

Details

Titel
Haftung von Vorstands- und Aufsichtsratsmitgliedern
Hochschule
Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main
Note
12
Autor
Jahr
2014
Seiten
32
Katalognummer
V425446
ISBN (eBook)
9783668702400
ISBN (Buch)
9783668702417
Dateigröße
592 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Haftung, Vorstand, Aufsichtsrat, Aktiengesellschaft, Vorstandsmitglied, Aufsichtsratsmitglied, AG, Managerhaftung
Arbeit zitieren
Laura Wolfram (Autor), 2014, Haftung von Vorstands- und Aufsichtsratsmitgliedern, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/425446

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