Therapeutisches Klonen. Eine kritische Sichtung der bioethischen Positionen


Hausarbeit, 2017

32 Seiten, Note: 2,0

Lisa Weiler (Autor)


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Das therapeutische Klonen
2.1 Zellkernübertragung, Reprogrammierung, Embryonensplitting
2.2 Quellen für die Stammzell-Gewinnung
2.2.1 Embryonen
2.2.2 Stammzellen aus Nabelschnurblut
2.2.3 Adulte Stammzellen
2.3 Die Gesetzeslage

3 Zum moralischen Status: Die SKIP-Argumente
3.1 Das Speziesargument
3.2 Das Kontinuumsargument
3.3 Das Identitätsargument
3.4 Das Potentialitätsargument

4 Fazit

Literaturverzeichnis

1 Einleitung

Spätestens seit dem erfolgreichen Klonieren des ersten Säugetiers aus adulten Zellen, Dolly dem Schaf, ist wohl jedem bewusst, dass das Klonen keine Science-Fiction mehr ist.

Doch was genau ist Klonen eigentlich und wie funktioniert es?

Das Wort Klon stammt von dem griechischen Wort klṓn ab und bedeutet so viel wie Sprössling. Unter Klonen versteht man die Form ungeschlechtlicher Vermehrung, bei der das Genom[1] des entsprechenden Organismus dupliziert wird. Es entsteht hierbei eine vollständige Kopie des Originals. Eine allgemeingültige Definition des Begriffs Klon existiert nicht, da die Bezeichnung für verschiedene Arten von Lebewesen genutzt wird. Klone entstehen auf einfachste Weise durch vegetative Vermehrung, sprich Zweiteilung. Genetisch identische Individuen (Klone) können auf natürlichem Wege dadurch entstehen, dass sich Embryonen[2] in frühen Teilungsstadien spontan aufspalten und die Teile sich in unabhängigen Individuen weiterentwickeln. Einen Klon definiert, dass sein Erbgut identisch ist mit dem Genotyp[3] weiterer Individuen. Der Phänotyp[4], die vom Genotyp beeinflussten äußeren Merkmale, müssen dabei noch jedoch nicht identisch sein. Das ist dadurch bedingt, dass nicht alle Merkmale allein durch Genwirkung, sondern auch durch die Entwicklungsbedingungen, beim Menschen vor allem durch das soziologische Umfeld, mitbestimmt sind.

Von großer Bedeutung für das Klonen sind die Stammzellen. Stammzellen sind Ausgangszellen für die Bildung jeglichen organischen Gewebes eines Organismus. Sie sind eine Art Ursprungszelle, die sich unbegrenzt vermehren und alle Zelltypen des Körpers bilden kann. In vielen Geweben des erwachsenen Menschen existieren zeitlebens Stammzellen, die wichtige Aufgaben bei der Geweberegeneration und -reparatur erfüllen. Sie erhalten die Funktionsfähigkeit von Geweben und Organen aufrecht, indem sie differenzierte Zellen nachliefern und beschädigte oder abgestorbene Zellen ersetzen. Stammzellen besitzen die Eigenschaft, selbstständig zu wachsen, sich zu vermehren und Zellen mit neuen Eigenschaften zu produzieren. Nach einer Teilung können sie daher wieder zu einer Stammzelle werden oder sich gewebespezifisch, z.B. zu Herz- oder Hautzellen, entwickeln. Diesen Vorgang nennt man Differenzierung.[5] Die verschiedenen Gewebetypen eines Organismus sind das Ergebnis einer Folge von Zellteilungen, die alle derselben befruchteten Eizelle entspringen. In ihrem frühen Entwicklungsstadium sind sie noch nicht in der Lage, sich vollständig zu spezialisieren. Aufgrund ihrer Fähigkeit zur Differenzierung in verschiedene Gewebetypen können die Stammzellen in zwei Kategorien unterteilt werden: Zum einen totipotente Stammzellen, welche die Fähigkeit besitzen, einen eigenen Organismus entstehen zu lassen.[6] Sie haben das größte Entwicklungspotential. Zum anderen gibt es die sogenannten pluripotenten Stammzellen. Diese können sich in eine Vielzahl von Zelltypen differenzieren, bei der aus einer Stammzelle eine Zelle mit anderen Eigenschaften hervorgeht.[7] Es können dabei aber keine lebensfähigen Individuen entstehen.

Die zwei bekannten Verfahren des Klonierens sind reproduktives Klonen und therapeutisches Klonen. Im weiteren Verlauf dieser Arbeit werden das therapeutische Klonen genauer erläutert, die Gesetzeslage in einigen europäischen Ländern dargestellt und die ethischen Probleme in Bezug auf den moralischen Status eines Embryos mit Hilfe der SKIP-Argumente aufgezeigt. Dabei soll festgestellt werden, ob das therapeutische Klonen aus ethischer Sicht gestattet werden sollte oder nicht. Auf das reproduktive Klonen wird nicht explizit eingegangen.

2 Das therapeutische Klonen

Das therapeutische Klonen ist eine neuartige Technik, die das Potential besitzt, die Behandlungen von verschiedenen Krankheiten, wie z.B. Morbus Parkinson, Multipler Sklerose, Alzheimer, Diabetes, Hepatitis, Osteoporose und vielen weiteren, nachhaltig zu verändern. Doch trotz oder vielleicht gerade wegen der Möglichkeiten, die das therapeutische Klonen und die ihm verwandten Verfahren bieten, werfen sie auch eine Vielzahl von ethischen und rechtlichen Fragen sowie Zweifel hinsichtlich der technischen Umsetzbarkeit und des Mangels an Alternativen auf.

Das therapeutische Klonen unterscheidet sich in seinem Anfangsstadium nicht nennenswert vom reproduktiven Klonen. Bei beiden Verfahren wird einem Menschen oder Tier aus einer Körperzelle Erbgut entnommen, welches anschließend in eine entkernte Eizelle eingepflanzt wird. Der Unterschied besteht in dem Grund der Anwendung der jeweiligen Verfahren. Das reproduktive Klonen ist dafür gedacht, tatsächlich einen lebenden Organismus zu schaffen, also ein Abbild des zu Klonenden zu erzeugen, während das therapeutische Klonen, wie der Name schon vermuten lässt, zu therapeutischen Zwecken in der Medizin gedacht ist, also um z.B. Krankheitssymptome zu vermindern bzw. Krankheiten heilen zu können. Im weiteren Verlauf dieser Arbeit wird auf das reproduktive Klonen und seine Folgen kein Bezug genommen, ebenso wenig auf das Klonieren von Tieren. Es geht allein um das Klonen menschlicher Stammzellen zu therapeutischen Zwecken.

Nach der Einpflanzung des Erbmaterials in die Eizelle wird durch Elektrostöße und die Zugabe bestimmter Nährstoffe die Zellteilung angeregt: Durch die Stromstöße wird erreicht, dass das entnommene Erbgut sich zu seinen Anfängen zurückentwickelt und wieder zum Erbgut eines Embryos wird. Die Zugabe von Hemmstoffen sorgt dafür, dass die weitere Entwicklung und unkontrollierte Spezialisierung der Zelle aufgehalten wird, damit sich kein menschliches Wesen entwickeln kann. Mit Hilfe der Lagerung in einem Brutschrank sollen sich die embryonalen Stammzellen[8] (kurz: ES-Zellen) vermehren, also zu Blastozysten[9] heranreifen. Da die embryonalen Stammzellen zu diesem Zeitpunkt noch nicht entwickelt sind, können sie sich durch die Zugabe von Nährstoffen in die gewünschte Richtung spezialisieren, je nachdem, welche Zellen benötigt werden.

Das therapeutische Klonen umfasst Verfahren wie die Zellkernübertragung, die Reprogrammierung und das Embryonensplitting.

2.1 Zellkernübertragung, Reprogrammierung, Embryonensplitting

Für die Zellkernübertragung werden ein Zellkern und eine entkernte Eizelle, also eine Eizelle ohne eigenen Zellkern, benötigt.[10] Der der Eizelle eigene Zellkern wird durch Absaugen entfernt und durch den Zellkern einer anderen Körperzelle, z.B. einer Zelle des zu behandelnden Patienten, ersetzt. Anschließend kommt es zur sogenannten Reprogrammierung, die es ermöglicht, aus jeder beliebigen Körperzelle eine Stammzelle zu machen. Es wird durch die Zugabe von Stromstößen sozusagen das Gedächtnis der Zellen gelöscht, damit sie wieder die Eigenschaften von ES-Zellen aufweisen, wie z.B. sich unter geeigneten Umständen in bestimmte Zell- oder Gewebetypen differenzieren zu können.

Eine Alternative ist das Embryonensplitting, die künstliche Teilung eines Embryos zur Zwillings- oder Mehrlingsbildung. Diese Embryonen können sich wie ein ungeteilter Embryo weiterentwickeln, sie befinden sich im selben Entwicklungsstadium und sind genetisch vollkommen identisch.

2.2 Quellen für die Stammzell-Gewinnung

Die Suche nach geeigneten Stammzellen für die Stammzellentherapie erweist sich als schwierig. Die folgenden Lösungsansätze stehen zur Verfügung:

2.2.1 Embryonen

Dies ist der vielleicht am meisten kontroverse Lösungsversuch. Embryonen sollen sich eigentlich zu einem menschlichen Individuum entwickeln, während es für das therapeutische Klonen allerdings nötig ist, den Embryo zu vernichten. Woher nimmt man nun also einen Embryo, um seine Stammzellen verwenden zu können? Sie könnten z.B. durch In-vitro-Fertilisation[11], Zellkernübertragung oder aus abgetriebenen Föten gewonnen werden.

Es werden hierbei zwei verschiedene Stammzelltypen unterschieden: die embryonalen Stammzellen und die embryonalen Keimzellen[12] (kurz: EG-Zellen). Die ES-Zellen entstammen in der Regel der inneren Zellmasse, die durch künstliche Befruchtung erzeugt wurde. Dieses Verfahren bedingt eine starke Verletzung oder sogar die Tötung des Embryos, das Überleben ist also ausgeschlossen. Die EG-Zellen wiederum können aus abgetriebenen Föten gewonnen werden, die Nutzung ist aus ethischer Sicht also eher vertretbar als die der ES-Zellen, deren Fähigkeit, sich zu bestimmten Zelltypen zu differenzieren, sie teilen. Allerdings besteht hier folgendes Problem: Durch die Abtreibung könnten Schäden entstanden sein, die bei Transplantationen zu einer Abstoßungsreaktion führen können.

2.2.2 Stammzellen aus Nabelschnurblut

Diese Methode ist einerseits besonders geeignet für die Stammzell-Gewinnung, da das Nabelschnurblut leicht zugänglich ist – es muss nur nach der Geburt, mit Einverständnis der Eltern, gesammelt und konserviert werden –, andererseits ist sie nur bedingt geeignet, da das Nabelschnurblut nur eine geringe Anzahl von Stammzellen enthält. Hier gibt es jedoch nur geringe ethische Bedenken, da weder die Verletzung noch die Tötung des Stammzellspenders für ihre Gewinnung nötig sind.

2.2.3 Adulte Stammzellen

Der am wenigsten ethisch anfechtbare Lösungsansatz ist die Verwendung adulter Stammzellen[13] (kurz: AS-Zellen), da diese dem Patienten selbst entnommen werden und somit kein anderer Mensch als „Ersatzteillager“ missbraucht wird. Die Gewinnung der AS-Zellen, z.B. aus Knochenmark, Blut oder Haut, ist unproblematisch. Sie sind jedoch nicht so flexibel einsetzbar wie die ES-Zellen, da sie nicht in anderes Gewebe umgewandelt und vermehrt werden können. Es ergibt sich noch ein weiteres Problem: Die AS-Zellen sind in Organen nur in geringer Anzahl vorhanden, so dass hier die Gewinnung kompliziert werden kann. Somit eignen sie sich zusammengefasst nur bedingt als Alternative zu ES-Zellen.

2.3 Die Gesetzeslage

Die Forschung an humanen Stammzellen wirft je nach Stammzellentyp verschiedene rechtliche Probleme auf. Die Gesetze für die Stammzellenforschung und das therapeutische Klonen sind in den europäischen Staaten verschieden gesetzt. Um einen Eindruck davon zu bekommen, werden in diesem Kapitel Auszüge der Gesetzeslage in einigen europäischen Ländern, beginnend mit Deutschland, behandelt.

Deutschland

Das Gesetz zum Schutz von Embryonen (kurz: ESchG) trat am 01. Januar 1991 in Kraft und regelt bis heute die künstliche Befruchtung und den Umgang mit Embryonen. Sein Ziel ist es, den Missbrauch der künstlichen Befruchtung und des menschlichen Embryos zu verhindern. In Deutschland sind für die Gewinnung und für die Forschung mit ES-Zellen das ESchG und das Stammzellengesetz (kurz: StZG) maßgeblich. Sowohl Menschenwürde als auch Lebensrecht des Embryos sollen gesichert werden. Demnach hat die deutsche Gesetzgebung klare Richtlinien hinsichtlich der Forschung mit menschlichen Embryonen. Als Embryo, im Sinne des ESchG, gilt bereits die befruchtete, entwicklungsfähige menschliche Eizelle vom Zeitpunkt der Kernverschmelzung an. Das ESchG verbietet klar jede verbrauchende Forschung an Embryonen, wobei es irrelevant ist, ob die aus ihnen gewonnenen Zellen totipotent sind oder nicht. Dies bezieht auch die überzähligen Embryonen aus der In-vitro-Fertilisation mit ein. Allein die In-vitro-Herstellung eines menschlichen Embryos zu Fortpflanzungszwecken ist erlaubt. So soll das Entstehen überflüssiger Embryonen, die für Forschungszwecke verwendet werden könnten, verhindert werden. Das ESchG verbietet außerdem die Übertragung einer fremden, unbefruchteten Eizelle auf eine Frau. Damit wird sichergestellt, dass die Tragemutter auch die genetische Mutter ist. ES-Zellen, die nur noch über ein eingeschränktes Entwicklungspotential verfügen, dürfen für Forschungszwecke genutzt werden. Allerdings dürfen die ES-Zellen nicht in Deutschland hergestellt worden sein. Der Import aus anderen Ländern, in denen das Erzeugen von ES-Zellen legal ist, führt zu keiner Strafe, wenn die betroffenen Zellen schon zuvor existierten und nicht erst auf Anfrage hin gezüchtet wurden. Im Jahre 2002 trat das StZG in Kraft, welches besagt, dass von nun auch der Import von ES-Zellen nicht länger legal ist. Es verbietet also grundsätzlich die Verwendung von menschlichen ES-Zellen und deren Import, erlaubt jedoch in Ausnahmefällen die Einfuhr aus dem Ausland. Diese Fälle werden vom Robert Koch Institut (kurz: RKI) bescheinigt, sofern vorausgesetzt ist, dass nur auf diese Weise die gewünschten Forschungsergebnisse zu erreichen sind.

Belgien

Das Gesetz über die Forschung an Embryonen in vitro aus dem Jahre 2003 steckt die rechtliche Lage der Embryonenforschung ab: Embryonen, die nicht älter als 14 Tage ab Zeitpunkt der Befruchtung sind, dürfen zur Forschung bezüglich therapeutischer Zwecke verwendet werden, wenn es keine andere Möglichkeit zur Erreichung der daraus gewonnenen Erkenntnisse gibt. Im Falle von zu wenigen vorhandenen der für die Forschung notwendigen überschüssigen Embryonen ist es zulässig diese zu Forschungszwecken herzustellen, ansonsten ist dieses gesetzlich verboten.

Frankreich

Die Forschung an embryonalen Stammzellen ist erlaubt, wenn dem Embryo kein Schaden zugefügt werden kann, beide Elternteile und die zuständige Prüfungskommission der Forschung zustimmen und ein medizinisches Ziel klar erkennbar ist. Die Auflagen für eine solche Erlaubnis sind jedoch streng. Der Import und die Verwendung von menschlichen Embryonalzellen, auch der in vitro gezeugten, sofern sie nicht mehr für die Einpflanzung in eine Gebärmutter vorgesehen sind, sind nicht verboten, die künstliche Herstellung zu Forschungszwecken dagegen schon. Wie auch schon in Belgien muss gegeben sein, dass das Ziel der Forschung nicht auf anderem Wege zu erreichen ist.

Großbritannien

In Großbritannien werden die Stammzellforschung und das therapeutische Klonen durch den Fertilisation and Embryology Act von 1990 geregelt. Beide benötigen die Erfüllung einiger Voraussetzungen wie z.B. die Zustimmung der Eltern und die der zuständigen Behörde, der Human Fertilisation and Embryology Authority (kurz: HFEA), sowie das zulässige Höchstalter des Embryos von 14 Tagen, um erlaubt zu sein. Auch hier gilt: Es darf keine andere Möglichkeit als die der Nutzung embryonaler Stammzellen bestehen.

Die Niederlande

Der Embryos Act von 2002 erlaubt die Forschung an menschlichen Embryonalzellen, sofern die Lizenz der Kontrollbehörde, der Central Committee on Research Involving Human Subjects (kurz: CCMO), vorliegt, die Eltern des Embryos zugestimmt haben, der Embryo nicht älter als 14 Tage und er bei einer In-vitro-Herstellung überzählig ist, die eigentlich zur Herbeiführung einer Schwangerschaft gedacht war. Die Erschaffung nur zu Forschungszwecken gedachter Embryonen ist abermals nicht zulässig.

Die Schweiz

In der Schweiz wird die Forschung an Embryonalzellen durch das Stammzellenforschungsgesetz (kurz: StFG) geregelt. Auch hier ist die zu Forschungszwecken gedachte Erzeugung von Embryonen verboten, die Nutzung überschüssiger oder importierter Embryonen allerdings unter strengen Auflagen erlaubt. Diese Auflagen besagen, dass die Embryonen nicht älter als sieben Tage sein dürfen, die Eltern und das Bundesamt für Gesundheit zustimmen müssen, es keine andere Möglichkeit der Erkenntnisgewinnung geben darf, und ein deutlich erkennbares medizinisches Ziel vorliegen muss.

3 Zum moralischen Status: Die SKIP-Argumente

Wie in den vorherigen Kapiteln bereits angedeutet, gibt es sowohl deutliche Vorteile als auch nicht zu unterschätzende Nachteile des therapeutischen Klonens. Der Vorteil der Revolutionierung der Medizin ist sicherlich nicht von der Hand zu weisen. Durch dieses Verfahren könnten eventuell bisher nicht heilbare Krankheiten wie Morbus Parkinson, Multiple Sklerose, Alzheimer, u.v.m. gelindert oder sogar geheilt werden. Dieser positive Aspekt ist nicht zu verachten, da die Anzahl der an einer oder gleich mehreren dieser Krankheiten leidenden Menschen immer mehr zunimmt. Es gibt jedoch auch einige Argumente, die gegen das therapeutische Klonen sprechen. Eine Auswahl derer, kurz: die SKIP-Argumente (Spezies-, Kontinuums-, Identitäts- und Potentialitätsargument), wird im Folgenden mit Hilfe von acht Abhandlungen, die entweder für oder gegen eines dieser Argumente argumentieren, näher erläutert und kritisch betrachtet. Die Texte sind in der 2003 erschienenen, von Gregor Damschen und Dieter Schönecker herausgegebenen Publikation Der moralische Status menschlicher Embryonen enthalten.

Um die jeweilige bioethische Position (deontologisch oder konsequentialistisch, bzw. teleologisch) des Autors der verwendeten Texte besser nachvollziehen zu können, befasst sich dieser Abschnitt zunächst mit den Autoren selbst und gibt einen kurzen Einblick in ihre Vita.

Der 1953 in Stuttgart geborene, römisch-katholische Priester und Professor für Moraltheologie Prof. Dr. Eberhard Schockenhoff studierte von 1972 bis 1979 Theologie in Tübingen und Rom, erhielt die Priesterweihe im Jahre 1978 und promovierte 1986. Von 2001 bis 2008 war er als stellvertretender Vorsitzender Mitglied im Nationalen Ethikrat und von 2008 bis 2016 hatte er diese Position im Deutschen Ethikrat inne. Außerdem ist er seit 2001 geschäftsführender Herausgeber der Zeitschrift für medizinische Ethik. Schockenhoff ist hier mit seinem Aufsatz Pro Speziesargument: Zum moralischen und ontologischen Status des Embryos vertreten, der eine deontologische Position einnimmt und sich somit klar für den Embryo und dessen Menschenwürde ausspricht.

Hingegen nimmt der Text Contra Speziesargument: Zum normativen Status des Embryos und zum Schutz der Ethik gegen ihre biologistische Degradierung, verfasst vom deutschen, 1950 in Hof geborenen Rechtsphilosophen Prof. Dr. em. Reinhard Merkel, eine konsequentialistische Stellung ein, plädiert sogar für die Forschung an Embryonen. Merkel, der Rechtswissenschaft, Philosophie und Literaturwissenschaft studierte, promovierte 1993 und ist seit 2012 Mitglied im Deutschen Ethikrat.

Em. Prof. Dr. Dr. h.c. Ludger Honnefelder, geboren 1936 in Köln, ist ein deutscher Philosoph mit den Forschungsbereichen Metaphysik, Angewandte Ethik, Mittelalterliche Philosophie und deren Wirkungsgeschichte. Er studierte Philosophie, katholische Theologie sowie Pädagogik und war ab 1992 Mitglied der deutschen Delegation im Lenkungsausschuss für Bioethik des Europarates. Seine deontologische Stellung in Bezug auf Stammzellforschung oder therapeutisches Klonen wird in dem hier bearbeiteten Text Pro Kontinuumsargument: Die Begründung des moralischen Status des menschlichen Embryos aus der Kontinuität der Entwicklung des ungeborenen zum geborenen Menschen deutlich.

Die teleologische Gegenposition zu Honnefelder wird hier von Prof. Dr. Matthias Kaufmann mit dem Aufsatz Contra Kontinuumsargument: Abgestufte moralische Berücksichtigung trotz stufenloser biologischer Entwicklung, eingenommen. Kaufmann wurde 1955 in Berlin geboren und studierte Mathematik, Philosophie und Politische Wissenschaft. 1986 promovierte er in Philosophie.

Prof. Dr. Rainer Enskat, über den hier nicht mehr berichtet werden kann, als dass er von 2005 bis 2007 geschäftsführender Direktor des Interdisziplinären Zentrums für die Erforschung der Europäischen Aufklärung (kurz: IZEA) an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg war, tritt mit seiner Arbeit Pro Identitätsargument: Auch menschliche Embryonen sind jederzeit Menschen für die Rechte und Würde von Embryonen ein, verteidigt also die deontologische Ethik.

Der 1956 in Chicago geborene deutsche Philosoph und Professor für Praktische Philosophie, Prof. Dr. Ralf Stoecker, studierte Philosophie in Hamburg und Heidelberg und promovierte 1990 an der Universität Bielefeld, an der er auch heute noch tätig ist. Sein Interesse in der Forschung umfasst unter anderem die angewandte und theoretische Ethik, mit besonderem Augenmerk auf medizinischer Ethik, Leben und Tod, Personalität, Menschenwürde und Verantwortung. Stoecker ist Mitglied im Vorstand der Akademie für Ethik in der Medizin, Mitglied des Fachkollegiums Philosophie der Deutschen Forschungsgemeinschaft und Mitglied in der Zentralen Ethik-Kommission für Stammzellenforschung. Wie auch schon Reinhard Merkel und Matthias Kaufmann nimmt er eine konsequentialistische Position im Hinblick auf den moralischen Status des Embryos und das damit einhergehende Verbot des therapeutischen Klonens ein, der er mit Contra Identitätsargument: Mein Embryo und ich Ausdruck verleiht.

Der Text Pro Potentialitätsargument: Moralfähigkeit als Grundlage von Würde und Lebensschutz, geschrieben von Prof. em. Wolfgang Wieland, vertritt den deontologischen Standpunkt, menschliche Embryonen müssten schon wegen ihrer Potentialität zur Moralfähigkeit geschützt werden. Wieland, 1933 in Heidenheim an der Brenz geboren und 2015 in Göttingen gestorben, war ein deutscher Philosoph und Arzt, außerdem Professor für Theoretische Philosophie.

Die letzte der hier zu behandelnden Autoren ist Prof. Dr. med. Bettina Schöne-Seifert, eine Expertin für Medizinethik, Mitglied der Deutschen Akademie für Transplantationsmedizin und ehemaliges Mitglied des Deutschen Ethikrats. Sie wurde 1956 in Göttingen geboren, studierte Humanmedizin und Philosophie/Bioethik. Ihre Forschungsschwerpunkte sind unter anderem die Reproduktionsmedizin, Sterbehilfe, Forschungsethik und Stammzellforschung. Schöne-Seiferts teleologische Haltung zum therapeutischen Klonen wird in der Abhandlung Contra Potentialitätsargument: Probleme einer traditionellen Begründung für embryonalen Lebensschutz dokumentiert.

[...]


[1] Einfacher Chromosomensatz einer Zelle, der deren Erbmasse darstellt.

[2] Leibesfrucht, die nach der Befruchtung der Eizelle entsteht und bis zum Ende des dritten Monats wächst; in dieser Zeit entwickeln sich die einzelnen Organe und Gewebe.

[3] Gesamtheit der Erbfaktoren eines Lebewesens.

[4] (Durch Erbanlagen und Umwelteinflüsse geprägtes) Erscheinungsbild eines Organismus.

[5] Vgl. Spitzer, Kathrin. Zur Forschung an humanen Stammzellen und Klontechniken. Rechtliche und ethische Grenzbereiche. Tectum. Marburg 2004. S.1.

[6] Vgl. Oduncu, Fuat S./Schroth, Ulrich/Vossenkuhl, Wilhelm. Stammzellenforschung und therapeutisches Klonen. Vandenhoeck & Ruprecht. Göttingen 2002. S.45.

[7] Vgl. ebd.

[8] Stammzellen, die aus frühen Embryonalstadien gewonnen werden können.

[9] Frühes embryonales Entwicklungsstadium, in dem der Zellhaufen, aus dem später der Embryo entsteht, die Form einer Hohlkugel hat; sie bildet sich wenige Tage nach der Befruchtung.

[10] Vgl. Spitzer, Kathrin. Zur Forschung an humanen Stammzellen und Klontechniken. Rechtliche und ethische Grenzbereiche. Tectum. Marburg 2004. S.4.

[11] Künstlich herbeigeführte Verschmelzung einer menschlichen Eizelle mit einer Samenzelle außerhalb des weiblichen Körpers im Labor.

[12] Keimzellen, die aus toten Föten gewonnen werden können.

[13] Stammzellen, die für die Erneuerung und Reparatur zuständig sind; auffindbar z.B. in Knochenmark, Haut und Blut.

Ende der Leseprobe aus 32 Seiten

Details

Titel
Therapeutisches Klonen. Eine kritische Sichtung der bioethischen Positionen
Hochschule
Ruhr-Universität Bochum  (Institut für Philosophie I)
Note
2,0
Autor
Jahr
2017
Seiten
32
Katalognummer
V425828
ISBN (eBook)
9783668709638
ISBN (Buch)
9783668709645
Dateigröße
638 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
therapeutisches Klonen, Bioethik, Ethik, Klonen
Arbeit zitieren
Lisa Weiler (Autor), 2017, Therapeutisches Klonen. Eine kritische Sichtung der bioethischen Positionen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/425828

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