Noch veganer? Sollte unsere Gesellschaft einen veganen Lebensstil anstreben?


Essay, 2016

10 Seiten, Note: 1,0

Anna Höltzer (Autor:in)


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis:

1. Einleitung

2. Hauptteil

3. Fazit

Literatur

1. Einleitung

Hip, moralisch, gesund: Vegan zu leben bedeutet schon lange nicht mehr, sich zu rechtfertigen oder zu verstecken. War Veganismus vor ein paar Jahren für die meisten Deutschen noch ein Fremdwort, haben wohl heutzutage die meisten schon einmal vegan gegessen. Im Supermarkt kann man als vegan gekennzeichnete Produkte kaufen, vegane Restaurants gibt es nun an fast jeder Ecke. Der vermeintlich gesündere (?) Lebensstil ist – überspitzt ausgedrückt - zu einer Lebenseinstellung einer ganzen Generation geworden. Der Veganismus ist im einundzwanzigsten Jahrhundert salonfähig geworden. Und das in einer Zeit in der mehr Tierprodukte verzehrt und verarbeitet werden als je zuvor: Der Deutsche verzehrt in seinem Leben durchschnittlich 1097 Tier, davon 4 ganze Rinder, vier Schafe, zwölf Gänse, 37 Enten, 46 Schweine, 46 Puten und 945 Hühner. Dies entspricht einem Verbrauch von rund 60 Kilogramm Fleisch pro Kopf im Jahr (vgl. Fleischatlas 2013). Dieser Gegensatz in der deutschen Gesellschaft wurde im Wahlkampf vor der Bundestagswahl 2013 deutlich: Bündnis 90/Die Grünen wollten den Veggie -Day einführen; einen Tag pro Woche, an dem es in Kantinen in öffentlich Einrichtungen nur fleischfrei Gerichte gibt. Spätestens ab dem Zeitpunkt ist das Thema „Vegan leben“ in den Köpfen der Bürger und wird in Deutschland heftig diskutiert. Für die einen ist Veganismus eine Verirrung der postmaterialistischen Neuzeit, durchgepeitscht von Weltverbesserer und Neohippies. Gegner des Veganismus wollen sich von den Ökos nicht ihr Schnitzel oder ihr Spiegelei verbieten lassen. Für die Verfechter des Veganismus ist der vegane Lebensstil eine klare Antwort auf Ressourcenverschwendung und moralische Unvernunft in der zunehmend globalisierten Welt. In der Diskussion werden häufig auf beiden Seiten Argumente aus verschieden Ebenen durcheinandergeworfen. Jedoch sollte in einer Gesellschaft, die sich den Konsequenzen des Ressourcenverbrauchs von Lebewesen bewusst sein sollte, ein veganer Lebensstil klar diskutiert werden. Daher verfolgt dieses Essay das Ziel, zu diskutieren, ob eine vegan lebende Gesellschaft erstrebenswert ist. Um im Rahmen dieser Arbeit ausführlich auf die Argumente einzugehen zu können, sollen im Folgenden nur Gründe vorgebracht werden, die gegen einen veganen Lebensstil sprechen. Dabei wird sich an der Typologie von Hermann et al. (2011) orientiert, welcher Argumente abhängig von ihrer Begründungslogik in verschiedene Klassen unterteilt (Für eine detaillierte Darstellung der Typologie siehe Hermann et al. 2011: 22ff). Nachdem die Argumente im Hauptteil vorgebracht werden, wird zum Schluss noch ein Fazit gezogen.

2. Hauptteil

Um die Vor-und Nachteile von einem veganen Lebensstil wissenschaftlich erörtern zu können, muss zuerst einmal geklärt werden, was unter Veganismus zu verstehen ist. Denn schon bei der Begriffsdefinition ist die Mehrheit der Menschen falsch informiert. Oft wird geglaubt, dass die vegane Lebensart den begrifflichen Ursprung im Vegetarismus hat. Im Volksmund ist vegan eine konsequentere Form des Vegetarismus- so denken viele, kommt der Begriff Veganismus von Vegetarismus. Allerdings unterscheiden sich die beiden Begriffe (und auch Lebensstile) ganz deutlich voneinander. So kann Vegetarismus aus dem Lateinischen von „Vegetus“ abgeleitet werden, was so viel heißt wie frisch, lebendig. „Lebendig“ bezieht sich beim Vegetarismus auf die Einstellung, dass Tiere leben sollen. Vegetarier verzichten demnach auf Fleisch, um das Leben des Tieres zu erhalten. Veganismus hingegen leitet sich aus dem englischen Wort vegetable (Gemüse) ab, was die Hauptnahrungsquelle vegan lebender Personen bezeichnet und demnach hat der Veganismus im Vergleich zum Vegetarismus nichts mit Lebendigem zu tun. Denn Vegan lehnt jegliche Involvierung tierischer Produkte ab, sodass auch auf Eier oder Milchprodukte verzichtet wird (vgl. Clements 2008: 11).

Nachdem nun die Begrifflichkeiten geklärt sind, kann sich nun der Erörterung gewidmet werden. Am Anfang dieser Diskussion steht für viele Menschen oft die Frage der Effizienz. Das Individuum muss abwägen zwischen den Kosten[1] und den Nutzen der jeweiligen Lebensweisen. Umgangssprachlich wird gesagt, der Mensch sei ein „Gewohnheitstier“, was so viel bedeutet wie, dass der Mensch Veränderungen scheut. Die meisten Lebensgewohnheiten und Eigenschaften einer Person sind stark geprägt durch die Sozialisation in der Kindheit (vgl. Zimmermann 2013: 13). Die Mehrheit der Deutschen sind mit Fleisch und tierischen Produkten auf dem Speiseplan aufgewachsen; vegan sozialisierte Personen sollten eher eine Seltenheit darstellen[2]. Diesen Prozess der „Fleisch-Sozialisation[3] “ hat sicherlich die Mehrheit der deutschen Gesellschaft so oder ähnlich erlebt. Der Verzehr von Salami, das Benutzten von Seife, auf Tierbasis produzierte Medikamente gehören für den Großteil der Deutschen zum Leben dazu. Also könnte man sagen, was schon immer so war, sollte nicht geändert werden. Es hat schließlich lange Zeit funktioniert (Autoritätsargument Zeit). Welche Veränderungen (und damit letztendlich auch Kosten) müsste man in Kauf nehmen, wenn man seinen gewohnten Lebensstil ändert und sich fortan vegan ernährt? Vegan leben heißt nicht nur, dass man nun Fleisch und Milchprodukte weglässt, sondern oft muss das ganze Leben umgestellt werden. Sinnvoll bei dieser Diskussion ist es sich zunächst einen Überblick über Produkte zu verschaffen, die auf tierischer Basis hergestellt werden.[4] Recht naheliegend ist, dass man als Veganer keine tierischen Produkte mehr essen kann. Damit fallen viele „Standardlebensmittel“ weg und der Speiseplan erscheint doch sehr eingeschränkt. Zwar könnte man einwenden, dass es eine Vielzahl von Produkten gibt wie z.B. Quinoa oder Tofu, die einen tollen Ersatz bieten und es auch Veganern erlauben, abwechslungsreich zu essen. Jedoch sind diese Lebensmittel den meisten Bürgern nicht bekannt und man musst erstmal viel Zeit (d.h. Kosten) darein investieren, sich über vegane Lebensmittel zu informieren, wenn man nicht nur von Kartoffeln und Gemüse leben möchte. Zudem sind diese Lebensmittel nicht in allen Supermärkten zu erhalten und es gibt wohl kaum einen Schwimmbad-Kiosk, der Tofo-Currywurst anbiete. Im Bezug auf die Essensversorgung erscheint es extrem unpraktisch vegan zu leben, da man viele Faktoren bedenken muss und die Versorgungsdichte mit rein veganen Produkten sehr gering ist (Raum Zeit Argument). Zudem beschränkt das Haushaltsbudget vieler Bundesbürger einen veganen Lebensstil. Vegane Ernährung ist noch teurer als „normal“- Bio. Auch wenn Aldi und andere Diskunter ihr Sortiment um Bio-Produkte[5] erweitert haben, sind oft die etwas ausgefalleneren Sachen wie „gepoppter Amaranth“ nur in Reformhäusern zu erwerben. Der erste Punkt ist somit klar: Es ist zum einen aufwendig vegan zu leben und zum anderen teurer.

Bei der Recherche fällt auf, dass kaum ein Gegenstand des alltäglichen Gebrauchs nicht irgendwie mit tierischen Produkten zusammenhängt. Selbst Produkte, die auf den ersten Blick vegan erscheinen, stellen sich bei genauerer Betrachtung als tierisch heraus. So muss nicht nur der Speiseplan, sondern oft das ganze Leben umgestellt werden. So enthalten beispielsweise Medikamente tierische Stoffe (vgl. Wibbecke 2013: 60), sodass hier Ersatz gesucht werden muss, sofern dies überhaupt möglich ist. Eine weitere Frage bei der Definition von vegan ist die Frage, wie viele Produktionsschritte man mit einbeziehen muss. So reicht es nicht Salat zu essen, sondern man muss sich dann auch die Frage stellen, ob bei der Produktion des Salates ein Tier Schaden genommen hat? Letztendlich waren 90% aller heutigen Anbauflächen ursprünglich Wald oder Wildwiese gewesen. Oder Gemüse wird mit Schädlingsbekämpfern behandelt. Sind denn Raupen, Läuse, Insekten keine Tiere? Das heißt man könnte argumentieren, egal ob ein Produkt heute vegan entstanden ist, zu Bereitstellung wurde Lebensraum von Tieren zerstört und damit ist das Produkt letztendlich nicht vegan (Raum Zeit Argument). Berücksichtigt man nicht den ganzen Entstehungsprozess eines Produktes, ist man inkonsequent und wenn man nur solche Produkte kauf, die vollkommen vegan sind, dann ist es fast unmöglich, bei einem veganen Lebensstil ein „normales“ Leben zu führen (Kausalargument). Es zeigt sich also, dass ein veganes Leben sehr hohe Kosten produziert. Zwar kann über den Nutzen keine allgemeine Aussage getroffen werden, da diese von Person zu Person variiert, aber man müsste schon aus dem Veganismus eine sehr große Genugtuung ziehen, damit der Nutzen die Kosten übersteigt.

Eines der Hauptargumente, das meist für einen veganen Lebensstil aufgeführt wird, ist der Aspekt der Gesundheit. Die heutige Zeit ist geprägt von Bluthochdruck, ausgelöst von langanhaltender fetter Ernährung, Cholesterin durch übermäßigen Fleischkonsum und Krebs, nachweislich begünstigt durch ungesunde Ernährung. So könnte man meinen, dass es erstrebenswert sei, dass eine Gesellschaft sich hin zu einer veganen Grundeinstellung entwickelt. Doch ist vegan wirklich gesünder? Noch gibt es zwar keine aussagekräftigen Studien zu veganer Lebensart- klar ist jedoch, dass viele Ärzte gerade bei Heranwachsenden von einer veganen Lebensart abraten (Autoritätsargument). Die Versorgung wichtiger Bausteine wie Calcium fehle bei veganer Ernährung in den ersten Lebensjahren. Denn unser Körper und der Mechanismus der Körpers ist darauf ausgelegt, tierische Produkte zu konsumieren. Der Verzicht auf diese Nährstoffe führt zu einer Unterversorgung unseres Körpers. Zwar können verschiedene Lebensmittel als Ersatzprodukte für Nährstoffe aus tierischen Produkten verwendet werden, aber ob bei einer veganen Ernährung eine optimale Versorgung des Körpers sichergestellt werden kann, ist umstritten. Die Fachwelt ist sich noch nicht einig darüber inwieweit welche Lebensweise zu Krankheiten, oder Unterversorgung führt. Also warum seinen Körper einem Risiko aussetzen? Es erscheint doch am besten, eine ausgewogene Ernährung zu haben, welche auch tierische Lebensmittel beinhaltet, als das Risiko einer Unterversorgung einzugehen (Autoritätsargument).

[...]


[1] Mit Kosten werden hiermit nicht nur Kosten im Sinne von Geldbeträgen, sondern ein Aufwand im allgemeinen Sinne bezeichnet.

[2] Auch wenn dieser Anteil mit der zunehmenden Etablierung des veganen Lebensstils natürlich zunehmen sollte.

[3] Hiermit ist gemeint, dass die Eltern bereits einen für die BRD typischen Fleischkonsum an den Tag legen und dies an die Kinder weitertragen. Der Prozess der Sozialisation ist natürlich Vice Versa zu betrachten. So ist die Wahrscheinlichkeit, dass ein Vegan-aufwachsendes Kind selbst Veganer wird höher als bei der Referenzkategorie.

[4] Für einen groben Überblick in Produkte auf tierischer Basis siehe: http://www.lebensmittellexikon.de/l0001330.php

[5] Jedoch ist zu hinterfragen, inwiefern als „Bio“ gekennzeichnete Produkte beim Diskunter wirklich bio und nachhaltig sind. Denn die Kartoffeln von lokalen Bauern, welche auch Markel haben dürfen, erscheinen nachhaltiger als die von Aldi und co.

Ende der Leseprobe aus 10 Seiten

Details

Titel
Noch veganer? Sollte unsere Gesellschaft einen veganen Lebensstil anstreben?
Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München
Note
1,0
Autor
Jahr
2016
Seiten
10
Katalognummer
V426010
ISBN (eBook)
9783668711051
ISBN (Buch)
9783668711068
Dateigröße
478 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Rhetorik, Argumentation, Vegan, Moral, Moralphilosophie
Arbeit zitieren
Anna Höltzer (Autor:in), 2016, Noch veganer? Sollte unsere Gesellschaft einen veganen Lebensstil anstreben?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/426010

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