Die Rolle der Royal Society im 17. Jahrhundert


Hausarbeit (Hauptseminar), 2004
26 Seiten, Note: 2,3

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Überblick über die Geschichte der Naturwissenschaften im Europa des 17. Jahrhunderts

3. Vorläufer der Royal Society

4. Die Gründung der Royal Society

5. Die soziale Schichtung der Royal Society

6. Wichtige Ämter
6.1 Der Curator of Experiments
6.2 Der Sekretär

7. Die Bedeutung der Philosophical Transactions

8. Arbeitsfelder der Royal Society
8.1 Naturwissenschaft
8.2 Werke zur Sprache und zum Finanzwesen

9. Religion und Wissenschaft in England

10. Schluss

11. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

„Das englische 17. Jahrhundert (…) war die große Zeit einer neuen Art von Wissenschaft. (…) Der institutionelle Rahmen für diese Richtung der Wissenschaften, die sich aus dem Korsett der aristotelischen Überlieferung zu befreien suchte, war seit der Restauration die Royal Society in London.“[1]

Welche besondere Rolle spielte die Royal Society für die wissenschaftliche Revolution, der sogenannten Scientific Revolution, wie sie im europäischen 17. Jahrhundert stattfand? Wie sah ihre Arbeitsweise aus, welche Menschen prägten die frühe Royal Society ab 1662?

Diese Arbeit hat sich zum Ziel gesetzt, die besondere, wenn auch nicht allein dominante Rolle, der Royal Society für das naturwissenschaftliche Leben in England und auch Europa zu beleuchten und anhand dieser organisatorischen, personellen und wissenschaftlichen Besonderheiten die Bedeutung der Gesellschaft auch für unser heutiges, hochtechnisiertes Zeitalter herauszuarbeiten.

Literatur zum Themengebiet der englischen Wissenschaftsgeschichte ist naturgemäß vorrangig im englischsprachigen Raum erschienen. Deutsche Übersetzungen der Werke sind selten zu finden. Bedeutende Arbeiten stammen unter anderem von Charles Webster[2], Alfred Rupert Hall[3], Margery Purver[4] und Michael Hunter.[5] Allerdings handelt es sich bei diesen Arbeiten vorwiegend um bereits etwas ältere Publikationen. Aktuelle Literatur zu diesem Themengebiet lässt sich kaum finden.

Ebenfalls von großer Bedeutung sind die weitaus älteren Arbeiten zur Geschichte der Royal Society von Thomas Sprat[6], Thomas Birch[7], Thomas Thomson[8] und

C. R. Weld,[9] wobei die Arbeit von Thomas Sprat, der selbst Mitglied der frühen Royal Society war, umstritten ist.[10]

Die literarischen Grundlagen dieser Arbeit sind vor allem die Dissertationsschrift von Martha Ornstein[11] aus dem Jahr 1913, die deutsche Übersetzung von A. R. Halls „From Galileo to Newton“[12] und diverse Aufsätze verschiedener Wissenschaftshistoriker und Wissenschaftshistorikerinnen, die zwischen 1953 und 1973 in der englischen Fachzeitschrift Past and Present erschienen sind und in einem Sammelband von Charles Webster[13] vorliegen.

2. Überblick über die Geschichte der Naturwissenschaften im Europa des 17. Jahrhunderts

Die Wurzeln der Naturwissenschaften in unserem modernen Verständnis liegen im Europa des 17. Jahrhunderts. Paris, London, Rom und Florenz waren die Keimzellen der neuzeitlichen Wissenschaft. Das lag daran, dass die Anhänger der neuen Philosophie die Gesellschaft Gleichgesinnter suchten und vor allem hofften, bei den großen europäischen Herrscherhäusern Unterstützung zu finden. Denn der Schwerpunkt der neuen Art von Naturwissenschaften waren Experimente, die vor allem kostspielig im Vergleich zum bisher dominierenden theoretischen und antiken, aristotelischen Wissenschaftsbild waren.

In Italien entstanden die ersten wissenschaftlichen Gesellschaften und Akademien, die allerdings nur bedingt als modern im heutigen Sinn bezeichnet werden konnten: „Die im Laufe des 17. Jahrhunderts gegründeten Akademien waren, selbst wenn sie größere Ausmaße hatten, keine Forschungsinstitute im modernen Sinne. Es ging in ihrem Falle nicht darum, Wissen zu vermitteln, vielmehr handelte es sich um Orte, wo Informationen ausgetauscht und Hypothesen erörtert, gemeinschaftliche Experimente erwogen bzw. durchgeführt und wo vor allem Experimente oder Abhandlungen der Mitglieder, aber auch externer Korrespondenten bewertet und beurteilt wurden. (...) Versammlungen, festgelegte Reglements und die Beurteilung von Erzeugnissen anderer waren also drei hervorstechende Merkmale [der Akademien].“[14]

Die erste Akademie, die „Accademia dei Lincei“ in Florenz, begann 1609 mit ihrer Arbeit. Im Kern war sie experimentell ausgelegt. In der Praxis war sie aber stark mathematisch-theoretisch geprägt, obwohl sie die „(...) lehrhaft dozierenden und erhabenen Schulmeister (...)“[15] der Universitäten verabscheuten. Die Mitglieder hatten ehrgeizige Ziele, die sie aber nicht umsetzen konnten. Denn „(...) es [gab] keine regelmäßigen Treffen und auch keine wirksame Zusammenarbeit, wenn auch ein kleiner innerer Kreis stärker mit Cesis [der Gründer, Anm. d. Autors] besonderen Interessen an Naturgeschichte verbunden war.“[16] Unter ihren Mitgliedern war bereits ab 1611 auch Galileo Galilei. Die „Accademia dei Lincei“ existierte bis 1630, als ihr Gründer und Gönner Federico Cesi, der Herzog von Aqua-Sparta, starb.

Ihre Nachfolge trat 1657 die „Accademia del Cimento“ an, die Leopold von Medici, der Bruder des Großherzogs Ferdinand II. von der Toskana, ins Leben rief. Galileo Galilei hatte Leopold in seiner Kindheit und Jugend unterrichtet und hinterließ bei ihm ein reges Interesse für die Naturwissenschaft. Die Akademie „(...) war deutlich ein Produkt des Hoflebens.“[17] Viele ihrer Mitglieder waren von den Medici abhängig. Francesco Redi und Niels Stensen beispielsweise waren Hofärzte, Alfonso Borelli und andere Mitglieder der Akademie erhielten Stipendien, die der Hof finanzierte. Außerdem lud Leopold von Medici selbst zu den Sitzungen ein, er führte den Vorsitz und ernannte die Mitglieder. Die „Accademia del Cimento“ zerbrach, als Leopold 1667 Kardinal wurde. Somit hatte sie ihr verbindendes Element verloren hatte.

Auch in Frankreich kam im ersten Drittel des 17. Jahrhunderts ein neues Wissenschaftsbild auf. Zwar war die Universität Montpellier und nicht Paris das Zentrum der wissenschaftlichen Aktivitäten, aber in der Hauptstadt liefen die Korrespondenzen von über 40 Wissenschaftlern bei dem Bettelmönch Martin Mersenne (1588-1648) zusammen. „Seine Hauptbedeutung für die Geschichte liegt in den Briefen, die er mit nahezu jedem Franzosen wechselte, der überhaupt naturwissenschaftlich tätig war, dazu mit Galilei, (...) Hevelius (...), mit Thomas Hobbes und Theodor Haak, (...) und mit vielen anderen.“[18] Wichtiger für die Naturwissenschaft in Frankreich war allerdings die Gruppe der Wissenschaftler, die sich ab 1654 im Haus Haberts de Montmor (1634-1679), „(...) einem begeisterten Virtuoso und Amateur der Naturwissenschaften (…)“[19], in Paris traf. Diese Gruppe hatte eine, zumindest formal, straffere Organisation als die anderen, die bisher vorgestellt wurden. Sie war auch der direkte Vorläufer der Académie Royale des Sciences, die 1666 von König Ludwig XIV. von Frankreich ins Leben gerufen wurde.

Auch im Deutschen Reich gab es wissenschaftliche Zirkel, die als Vorbild oder als „Ansporn“ für die Gründung der Royal Society angesehen werden konnten. So gründete der Stadtarzt Johann Lorenz Bausch 1652 in Schweinfurt die „Kaiserlich Leopoldinische Akademie der Naturforscher“, die heute als Deutsche Akademie der Naturforscher, Leopoldina, in Halle existiert. Noch früher, 1622, gründete der Universitätsprofessor Joachim Jungius in Rostock eine „Gesellschaft zur Pflege der Mathematik und Naturwissenschaften“, die allerdings bald wieder geschlossen wurde. Erst 1947 wurde sie als Joachim-Jungius-Gesellschaft in Hamburg wiederbelebt.[20]

Wissenschaft war dennoch keine nationale Angelegenheit. „There are German, French, British scientists, (…) but the structure of science is international.”[21] Auch die Tatsache, dass beispielsweise Henry Oldenburg, der später das wichtige Amt des Sekretärs der Royal Society innehatte, eine Sitzung der Pariser Gruppe um Montmort als Gast verfolgte[22], belegt diese Tatsache.

Allgemein betrachtet hatte der neue naturwissenschaftliche Ansatz einen schweren Stand im 17. Jahrhundert. Denn „(...) the rise of science, the ‘new philosophy’, or what Robert Hooke (…), one of its more distinguished exponents, labelled ‘physico-mathematical experimental learning’, posed numerous challenge to conventional theological wisdom.”[23] Hatten sich die Akademien und mit ihnen die neuen Wissenschaften bis zum Ende des Jahrhunderts auch recht frei entwickeln können, treten ab dem Ende des 17. Jahrhunderts zusehends Spannungen mit der Kirche auf. „Denn nun artikulierten sich stärker deistische Ansichten, welche Gott zwar als Schöpfer respektierten, aber davon ausgingen, dass er sich nach seinem Schöpfungsakt aus der Welt zurückgezogen habe. (...) Die Vernunft trat an die Stelle des Glaubens.“[24] Abseits aller ernsthaften Schwierigkeiten, in die die Wissenschaftler mit der Kirche geraten konnten, wurden sie häufig schlichtweg gar nicht ernst genommen. „Daß die Naturwissenschaften zur Mode wurden, ist eine der seltsamen Seiten der Geistesgeschichte im siebzehnten Jahrhundert. (...) Das merkwürdige ist, dass trotz der Verspottung der Naturwissenschaften, (...) Männer von Rang und Vermögen wie Robert Boyle und Christian Huygens ihnen ihr Leben widmeten (...). Am überraschendsten ist vielleicht, daß Monarchen die Bemühungen der Naturwissenschaftler mit feierlichem, wenn auch verständnislosem Wohlwollen betrachteten.“[25]

3. Vorläufer der Royal Society

Die Royal Society hat ihren Ursprung formell in drei Vorgänger-Institutionen, in denen sich im Jahrzehnt vor ihrer offiziellen Gründung der Kern der späteren Society getroffen hat, um ganz informell über Experimente und Vorträge zu diskutieren.[26]

[...]


[1] Maurer, Michael: Kleine Geschichte Englands. Durchgesehene, aktualisierte und bibliographisch ergänzte Ausgabe Stuttgart 2002. S. 251f.

[2] Webster, Charles: From Paracelsus to Newton. Magic and the making of modern science. Cambridge 1982.

[3] Hall, Alfrad Rupert: The Scientific Revolution 1500-1800: The formation of modern scientific attitude. London 1954.

[4] Purver, Margery: The Royal Society. Concept and Creation. O. O. 1957.

[5] Hunter, Michael: Science and society in Restoration England. O. O. 1981.

[6] Sprat, Thomas: The History of the Royal Society of London. London 1667.

[7] Birch, Thomas: History of the Royal Society of London. London 1756.

[8] Thomson, Thomas: History of the Royal Society of London from its institution to the end of the 18th century. London 1812.

[9] Weld, C. R.: A history of the Royal Society of London with Memoirs of the Presidents. London 1848.

[10] Hill, Christopher: Puritanism, Capitalism and the Scientific Revolution. In: Webster, Charles (Hrsg.): The Intellectual Revolution of the seventeenth century. London, Boston 1974. S. 252.

[11] Ornstein, Martha: The role of the Scientific Societies in the seventeenth century. 31938. Nachdruck London 1963.

[12] Hall, Alfred Rupert: Die Geburt der naturwissenschaftlichen Methode 1630-1720. Von Galileo bis Newton Göttingen 1965.

[13] Webster, Charles (Hrsg.): The Intellectual Revolution of the seventeenth century. London, Boston 1974.

[14] Rossi, Paolo: Die Geburt der modernen Wissenschaft in Europa. München 1997. S. 296f.

[15] Ebd. S. 299.

[16] Hall, Alfred Rupert: Die Geburt der naturwissenschaftlichen Methode. S. 164.

[17] Ebd.

[18] Ebd. S. 165.

[19] Ebd. S. 166.

[20] Ebd. S. 163f.

[21] Hall, Alfred Rupert: Retrospection on the Scientific Revolution. In: Field, J. V., James, Frank A. J. L. (Hrsg.): Renaissance and Revolution. Humanists, scholars, craftsmen and natural philosophers in early modern europe. Cambridge 1993. S. 243.

[22] Hall: Die Geburt der naturwissenschaftlichen Methode. S. 167.

[23] Prest, Wilfrid: Albion Ascendant. English History 1660-1815. New York 1998. S. 25.

[24] Maurer, Michael: Kleine Geschichte Englands. S. 252f.

[25] Hall : Die Geburt der naturwissenschaftlichen Methode. S. 161.

[26] Prest: Albion Ascendant. S. 26.

Ende der Leseprobe aus 26 Seiten

Details

Titel
Die Rolle der Royal Society im 17. Jahrhundert
Hochschule
Universität Karlsruhe (TH)  (Institut für Neuere und Neueste Geschichte)
Veranstaltung
HS Das frühneuzeitliche England
Note
2,3
Autor
Jahr
2004
Seiten
26
Katalognummer
V42621
ISBN (eBook)
9783638406178
Dateigröße
540 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Rolle, Royal, Society, Jahrhundert, England
Arbeit zitieren
Thorsten Mohr (Autor), 2004, Die Rolle der Royal Society im 17. Jahrhundert, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/42621

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