In der folgenden Forschungsarbeit standen die Integrationstheorien des Neofunktionalismus und des Liberalen Intergouvernementalismus und ihre Erklärungskraft für die zunehmende europäische Integration durch den Vertrag von Lissabon im Feld der GSVP im Fokus. Die Forschungsfrage, die die Arbeit beantworten sollte, war: Wie lässt sich die zunehmende europäische Integration im Bereich der Gemeinsamen Sicherheits- und Verteidigungspolitik der EU, die durch den Vertrag von Lissabon im Jahr 2009 eingeleitet wurde, anhand von Integrationstheorien erklären?
Es wurde dafür eine qualitative Inhaltsanalyse für die theoretischen Annahmen der jeweiligen Vertreter der Theorien und die wichtigsten Reformierungen, die durch den Vertrag eingeführt worden sind, durchgeführt. Ziel dabei war es zu ermitteln, inwieweit sich die jeweiligen theoretischen Annahmen dazu eignen die speziellen Reformen und die wachsende europäische Integration im Feld der GSVP zu erklären. Nach einer tiefgründigen Analyse, bei dem die Annahmen auf die speziellen Reformierungen bezogen worden sind, wurde festgestellt, dass sich beide Theorien im unterschiedlichen Maße dazu eignen, die zunehmende Integration innerhalb der GSVP der EU zu erklären. Als Antwort auf die Forschungsfrage kann durchaus die Annahme gemacht werden, dass sich die zunehmende Vergemeinschaftung der MG-Staaten der EU im Bereich der GSVP mehr durch den Liberalen Intergouvernementalismus erklären lässt als durch den Neofunktionalismus.
Hier bestätigte sich vor allem die Annahme von Moravcsik, dass in einen so sensiblen Bereich der GSVP besonders die Nationalstaaten die Integration vorantreiben können, sie aber ebenso schnell wieder stoppen können. Sie bleiben Herren der Verträge und nicht die supranationalen Institutionen, wie es Haas voraussagte. Der europäische Integrationsprozess im Bereich der GSVP richtet sich somit lediglich nach den Interessen der Mitgliedstaaten der EU und nicht nach der Kommission oder dem Europäischen Parlament.
Gliederung
1 Einleitung
1.1 Ziel und Aufbau der Arbeit
1.2 Literaturlage
2 Theorieauswahl
2.1 Neofunktionalismus nach Haas
2.2 Liberaler Intergouvernementalismus nach Moravcsik
3 Entwicklungen der GSVP bis zum Vertrag von Lissabon
3.1 Europäische Sicherheitsstrategie 2003 und 2008
3.2 Umgestaltung der GSVP durch den Vertrag von Lissabon
3.3 Beziehung EU-NATO mit der Einführung PESCO
3.4 PESCO
4 Methode und Fallauswahl
5 Analyse
5.1 Analyse aus Sicht des Neofunktionalismus
5.2 Analyse aus Sicht des Liberalen Intergouvernementalismus
6 Resümee
7 Zusammenfassung
Zielsetzung & Themen der Arbeit
Die vorliegende Arbeit untersucht, inwiefern die zunehmende europäische Integration im Bereich der Gemeinsamen Sicherheits- und Verteidigungspolitik (GSVP) nach dem Vertrag von Lissabon 2009 durch die Integrationstheorien des Neofunktionalismus und des Liberalen Intergouvernementalismus erklärt werden kann.
- Vergleich der Erklärungskraft von Neofunktionalismus und Liberalem Intergouvernementalismus für die GSVP.
- Analyse der zentralen Reformen des Vertrags von Lissabon im Bereich der Sicherheitspolitik.
- Untersuchung der Rolle der Nationalstaaten versus supranationaler Institutionen bei der Integrationsdynamik.
- Evaluierung der Ständigen Strukturierten Zusammenarbeit (SSZ/PESCO) als Instrument der Integration.
Auszug aus dem Buch
2.1 Neofunktionalismus nach Haas
Der Neofunktionalismus wurde direkt in Bezug auf die Integration der EU entwickelt, mit dem Ziel „die innere Dynamik, die den Integrationsprozess vorantreibt, zu erhellen“ (Tömmel 2014: 10). Nach dem Hauptvertreter des Neofunktionalismus, Ernst B. Haas, gilt der Neofunktionalismus als „Urvater“ der Integrationstheorien und stammt vom klassischen Funktionalismus-Ansatz von David Mitrany ab. Laut Haas haben überstaatliche „Institutionen mit Staatsqualität eine Initiativfunktion für das Vorantreiben der Integration“ (Lemke 2012: 199).
Im Zentrum des Ansatzes von Haas steht der berühmte und in der Vergangenheit vieldiskutierte Spill-Over-Effekt. Dieser besagt, „dass Integration in ersten, begrenzten Teilbereichen aufgrund funktionaler Erfordernisse weitere Integrationsschritte auslöse, indem angrenzende Bereiche oder Politikfelder, die mit dem vorher schon integrierten in einem engen funktionalen Zusammenhang stehen, ebenfalls auf die europäische Ebene übertragen werden“ (Tömmel 2014: 10). Zwischenstaatliche Kooperation in einem bestimmten Politikbereich führt folglich auch zu einer Vergemeinschaftung in anliegenden Politikbereichen. Haas unterscheidet dabei zwischen drei Spill- Over- Stufen. Sobald diese drei Stufen durchlaufen wurden, steht am Ende des Vorgangs eine supranationale politische Gemeinschaft (vgl. Haas 1958: 16).
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Einführung in das Forschungsinteresse und die Fragestellung bezüglich der GSVP und ihrer integrationstheoretischen Erklärung.
2 Theorieauswahl: Vorstellung des Neofunktionalismus nach Haas und des Liberalen Intergouvernementalismus nach Moravcsik als theoretischer Rahmen.
3 Entwicklungen der GSVP bis zum Vertrag von Lissabon: Historischer Rückblick auf die sicherheitspolitische Kooperation der EU bis 2009.
4 Methode und Fallauswahl: Begründung der qualitativen Inhaltsanalyse als Methode zur Untersuchung der GSVP nach dem Lissaboner Vertrag.
5 Analyse: Anwendung der theoretischen Konzepte auf die GSVP-Reformen, differenziert nach den beiden gewählten Theorien.
6 Resümee: Reflexion über die Eignung der Theorien zur Beantwortung der Forschungsfrage und Fazit zur Dynamik der Integration.
7 Zusammenfassung: Abschlussbetrachtung der Ergebnisse, welche die Erklärungskraft des Liberalen Intergouvernementalismus für den untersuchten Fall unterstreicht.
Schlüsselwörter
Europäische Union, GSVP, Vertrag von Lissabon, Neofunktionalismus, Liberaler Intergouvernementalismus, Spill-Over-Effekt, Bargaining-Theorie, Sicherheitsstrategie, PESCO, Integrationstheorie, Sicherheitspolitik, Verteidigungspolitik, Nationalstaaten, Supranationalität, Europäischer Rat.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht die Mechanismen der europäischen Integration im Bereich der Gemeinsamen Sicherheits- und Verteidigungspolitik nach Inkrafttreten des Vertrags von Lissabon.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die Arbeit konzentriert sich auf die sicherheitspolitischen Reformen der EU, die Rolle der Mitgliedstaaten und die theoretische Fundierung dieser Integrationsschritte.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Die Forschungsfrage lautet, wie sich die zunehmende europäische Integration in der GSVP nach 2009 anhand von Integrationstheorien erklären lässt.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine qualitative Inhaltsanalyse, bei der die theoretischen Annahmen von Haas und Moravcsik auf die konkreten GSVP-Reformen angewendet werden.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil umfasst eine theoretische Fundierung, eine historische Aufarbeitung der GSVP-Entwicklung sowie die analytische Gegenüberstellung der Theorien im Kontext des Vertrags von Lissabon.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Zentrale Begriffe sind unter anderem GSVP, Lissaboner Vertrag, Neofunktionalismus, Liberaler Intergouvernementalismus und PESCO.
Warum zeigt sich die EU bei der PESCO laut der Autorin erst spät handlungsfähig?
Die Autorin argumentiert, dass die EU oft erst unter dem Druck externer Krisen oder veränderter politischer Konstellationen (wie der Kritik seitens der USA) zu tieferer Integration und realer Umsetzung von Abkommen wie der PESCO findet.
Welche Theorie liefert laut dem Fazit eine bessere Erklärungskraft für die GSVP?
Das Fazit kommt zu dem Ergebnis, dass der Liberale Intergouvernementalismus besser geeignet ist, da die Integration in der GSVP stark von den Interessen der Nationalstaaten getrieben wird und supranationale Akteure hier eine eher untergeordnete Rolle spielen.
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- Anonym (Autor), 2018, EU-Außenpolitik. Europäische Integration im Bereich der gemeinsamen Sicherheits- und Verteidigungspolitik der EU, Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/426210