Erinnern und Vergessen in Nietzsches zweiter Unzeitgemäßer Betrachtung


Essay, 2018

12 Seiten, Note: 2,1


Leseprobe

Einleitung:

„Zu allem Handeln gehört Vergessen [...].“1

Die Erinnerung, Historie, ist eine essentielle Eigenschaft des Menschen: Leben bedeutet Erinnern. Jedoch sind es nun mehr über 21 Jahrhunderte dokumentierter Menschheitsgeschichte, ein Jahrestag jagt den nächsten und jeder Kalendertag zwingt uns wieder, ein bedeutungsschwangeres Jubiläum zu feiern. Die Flut an Informationen vervielfacht sich fortlaufend, die Devise: Alles Wissen, ohne zu vergessen. Doch ist vergessen tatsächlich ein negativer Zustand des Körpers? Unterschätzen oder missdeuten wir den Aspekt des Vergessens?

Als einer der Ersten war es Friedrich Nietzsche, der die geistige Tätigkeit des Vergessens hervorrief und ihr in seiner zweiten Unzeitgemäßen Betrachtung eine stärkere Bedeutung zutrat.2 In dieser Betrachtung „Vom Nutzen und Nachteil der Historie für das Leben“, erschienen 1874, verbirgt sich nicht nur eine kritisch, polemische Schrift gegen das vorherrschende Geschichtsbild, sondern gerade durch vielschichtige Thesen und Denkanstöße, ein Fundament für darauffolgende Werke Nietzsches.3 Anhand der Bedeutsamkeit des Werkes, soll die folgende Arbeit keineswegs eine Analyse der gesamten Schrift nach sich ziehen aber wohl auf einen weniger präsenten Aspekt aufmerksam machen.

Infolgedessen wird in der nachstehenden Abhandlung, der Versuch angestrebt, entgegen allgemeiner Rezeption, die sich kritisch mit der von Nietzsche vorgebrachten triadischen Unterteilung der Historie in monumentale, antiquarische und kritische befassten, den Antagonismus zwischen Erinnern und Vergessen herauszuarbeiten. Somit ist es die Aufgabe, anhand des Textes „Vom Nutzen und Nachteil der Historie für das Leben“ (im weiteren Verlauf kurz als HL bezeichnet), die Deutung von Erinnern und Vergessen zu erfassen und sich die Frage zu stellen, ob wir dem Vergessen nicht doch eine höhere Priorität zugestehen sollten, als es die allgemeine Wahrnehmung uns aufzeigt.

Die Erinnerung ist der Grundpfeiler jeder Geschichtsschreibung. Es ist der Ausgangspunkt, sowie die Legitimation eines Historikers und „[...] gilt seit alters her als ein spezifisch menschliches Vermögen“4. Demzufolge wird dem Prozess des Erinnerns ein wesentlich geistiger Anspruch vorausgesetzt. Sprechen wir dagegen vom Begriff des Vergessens, so ist dieser fast ausschließlich negativ konnotiert, „[...] als Unvermögen, als [...] unvermeidliche Defizienz des Gedächtnisses [...]“5, derer keine geistige Aktivität abzugewinnen ist. Insofern ist Vergessen eine Kontrastfigur, dessen Existenz bewiesen wurde, gleichwohl eine kritische Auseinandersetzung fehlte.

Einer der frühen Belege für eine Bewusstseinsänderung im Zusammenhang mit dem Begriff des Vergessens findet sich, nach Lucian Hölscher, bei dem Berliner Physiologen und Botaniker Schultz-Schultzenstein.6 In seiner Schrift „Über die Verjüngung des menschlichen Lebens und die Mittel und Wege zu ihrer Kultur“, erschienen 1842, ist es die „Kunst des Vergessens“7, die von großer Bedeutung für die Geistesbildung sei. Ebenso schließt sich Karl Schmidt, 1852, dieser Denkrichtung an: „Vergessenlernen ist in der Entwicklung des Geistes [...] [genauso] notwendig als Behaltenlernen.“8 In dieser Tradition steht nun Friedrich Nietzsche im Jahre 1874. Mit seiner HL verschärft er die Thesen seiner Vorgänger, wenn er sagt: „[E]s ist [...] ganz und gar unmöglich ohne Vergessen überhaupt zu leben.“9 Grundsätzlich muss aber bemerkt werden, dass Nietzsche im Vordergrund seiner Arbeit, das Verhältnis von Leben und Historie betrachtet. Wie der Titel bereits verrät, behandelt Nietzsche die jeweiligen Vor-, sowie Nachteile von Historie für das menschliche Leben, wobei die Nachteile einen wesentlich größeren Platz einnehmen. Seine Argumentation richtet sich hierbei gegen die aufstrebende Geschichtswissenschaft im 10. Jahrhundert, die durch ihre Erkenntnismethode zur Leitwissenschaft des Jahrhunderts avanciert. Der „Historismus“ wird zum Anlass für Nietzsche „[d]iese wertrelativierende und handlungshemmende Wirkung der empirischen Geschichtswissenschaft auf die Lebensgestaltung [...]“ zu überprüfen. Das Ergebnis ist eine starke Kritik und Hervorhebung des Vergessens, als Rückbesinnung zu dem historischen Wissen, das dem aktiven Leben zuträglichen ist. Dahingehend ist der Inhalt der zweiten Unzeitgemäßen Betrachtung, eine wichtige Quelle zur Untersuchung unserer eigentlichen Problemstellung. Folgerichtig ist es angebracht, eine kurze Zusammenfassung der HL anzugeben, um eine hinreichende Bearbeitung der Ausgangsfrage zu gewährleisten.

Nach einer kurzen Einleitung, die den polemischen Ton alles Weiteren vorgibt, beginnt Nietzsche die HL, mit der Unterscheidung zwischen historisch und unhistorisch. Die ursprünglichste Form des Lebens ist schließlich unhistorisch, wie das Tier, das im Augenblick lebt, wohingegen der Mensch durch sein geistiges Vermögen historisch existiert und an der Last der Vergangenheit gebunden ist.11 Für Nietzsche sind es folgend drei Arten von Historie die man unterscheiden kann und jeweils einer Gruppe von Menschen zuteilen müsse: Erstens die monumentale, die dem „Thätigen und Mächtigen“12 gehört, der sich an den Vorbildern der vergangenen Geschichte orientiert, um selbst großes zu schaffen. Des Weiteren die antiquarische, die für die Verehrer der Tradition bestimmt ist, sowie drittens die kritische Historie.

Beide Historien, die monumentale und antiquarische, können sich letztendlich in einen negativen Zustand verkehren: Die Geschichte an sich ist nur bis zu einem bestimmten Maße aus monumentalistischer Sicht wiederholbar, wodurch es zu einer selektiven Betrachtung von Heldentaten käme, ohne die Persönlichkeit oder gar die Gründe deren Handlungen nachzuvollziehen.13 In gleicherweise werden der antiquarischen Historie, Bedeutungen zugesprochen, deren Ansprüche sie nicht gerecht werden kann, da selbst eine zu große Verehrung der Vergangenheit schließlich die Entwicklung hemmt und zu einem Zustand der Lähmung führe.14 An dieser Stelle ist die Notwendigkeit der kritischen Historie begründet. Sie hat die Eigenschaft, sich positiv auf beide Arten auszuwirken, in dem alte Vergangenheiten durch kritische Aufarbeitung aufgelöst werden. Dennoch ist es nicht möglich sich völlig von der Vergangenheit, samt ihrer Verirrungen, zu trennen. Wir selbst sollten diese nicht leugnen, sondern gerade unsere Prägung aus früheren kritisierten Vergangenheiten wahrnehmen.15

Bezogen auf die aktuelle Zeit, schildert Nietzsche im vierten Abschnitt, eine überwältigende Vereinnahmung der Historie durch die Wissenschaft. Aus der hohen Last an unnötigem, schädlichem Wissen entwickle sich nun eine neue Trennung zwischen dem Inneren und Äußeren des menschlichen Körpers. Das Aufnehmen von Wissen, „[...] das im Übermaße ohne Hunger, ja wider das Bedürfnis aufgenommen wird, wirkt jetzt nicht mehr als umgestaltendes, nach außen treibendes Motiv und bleibt in einer gewissen chaotischen Innenwelt verborgen [...]“, die der moderne Mensch, als „[...] ,Innerlichkeit’ bezeichnet“16. In diesem Zusammenhang versteht man Bildung und historische Bildung als semantisch äquivalent. Jedoch wird der moderne Mensch in seinem hohen Wissen, um alte Kulturen schnell entlarvt, betrachten wir die Griechen zur höchsten Zeit ihrer Entwicklung. Die aus unserer Perspektive „ungebildeten“ Griechen, würden schon längst dem modernen Menschen eine Überfüllung an fremden Erkenntnissen vorwerfen, eine Mutation zur wandelnden Enzyklopädie. Mit anderen Worten: Die historische Wissenschaft erzeugt lediglich „[...] innerlich[e] Bildung für äußerliche Barbaren“17.

Nicht weniger zynisch setzt Nietzsche seine Argumentation in den folgenden Kapiteln fort und festigt seine Behauptungen über die Schädlichkeit von übermäßiger Historie in insgesamt fünf Hauptthesen. Beginnend kritisiert Nietzsche, in seiner ersten These, den degenerierten Menschen, der nur noch als „[...] genießend[er] und herumwandelnd[er] Zuschauer [...]“18

[...]


1 Nietzsche, F., 2014: S. 62.

2 Vgl. Hölscher, L., 1989: S. 4.

3 Vgl. Kittsteiner, H. D., 1996: S. 58; Meyer, K., 1998: S. 26.

4 Hölscher, L., 1989: S. 3.

5 Ebd.

6 Vgl. Ebd. S. 4.

7 Schultz, C. H., 1842: S. 416.

8 Schmidt, K., 1852: S. 256.

9 Nietzsche, F., 2014: S. 62.

10 Wittkau, A., 1992: S. 15.

11 Vgl. Nietzsche, F., 2014: S. 60f.

12 Ebd. S. 67.

13 Vgl. Ebd. S. 69.

14 Vgl. Ebd. S. 74.

15 Vgl. Ebd. S. 75.

16 Ebd. S. 77.

17 Ebd.

18 Ebd. S. 81.

Ende der Leseprobe aus 12 Seiten

Details

Titel
Erinnern und Vergessen in Nietzsches zweiter Unzeitgemäßer Betrachtung
Hochschule
Universität Leipzig
Note
2,1
Autor
Jahr
2018
Seiten
12
Katalognummer
V426281
ISBN (eBook)
9783668710825
ISBN (Buch)
9783668710832
Dateigröße
508 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Nietzsche, Unzeitgemäße Betrachtung, Erinnern, Vergessen
Arbeit zitieren
Max Hillebrand (Autor), 2018, Erinnern und Vergessen in Nietzsches zweiter Unzeitgemäßer Betrachtung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/426281

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