Von einer OV-Sprache zu einer VO-Sprache. Die Änderung der Wortstellung im Französischen


Hausarbeit (Hauptseminar), 2017
20 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Typen der Sprache
2.1 SOV
2.2 SVO
2.3 VSO
2.4 VOS, OVS, OSV

3. Wandel der Wortstellung
3.1 Proto-Indoeuropaisch
3.2 Fruh- und Altlatein
3.3 Klassisches Latein
3.4 Altfranzosisch
3.5 Mittel- und Neufranzosisch

4. Hypothesen zum Wandel
4.1 Kasusschwund
4.2 Post- und Pradeterminierung
4.2.1 Leftbranching
4.2.2 Right branching

5. Die Modifikatoren im Lateinischen und Franzosischen
5.1 UnveranderteVO-Konstruktionen
5.2 Unveranderte OV-Konstruktionen
5.3 OV-Konstruktionen, die zu VO-Konstruktionen ubergingen

6. Fazit

Bibliographie

1. Einleitung

Sprachwandel ist sowohl ein relevantes als auch ein unumgangliches Phanomen, das ausschlaggebend fur die (Weiter-) Entwicklung aller Sprachen der Welt - und somit auch des Franzosischen - ist.

Der historisch-genealogischen Klassifikation zufolge, wird das Franzosische als ein Reprasentant der romanischen Sprachen betrachtet, die sich aus dem Vulgarlatein1 entwickelt haben und gehort folglich zur indoeuropaischen Sprachfamilie (vgl. Geckeler/Dietrich 2012: 22.). Mit ca. 131 Mio. Sprechern (davon 76 Mio. Primarsprachler und 55 Mio. Zweitsprachler; vgl. Geckeler/Dietrich 2012: 22.) in uber 3 Kontinenten und einer Sprachgeschichte, die sich uber mehrere Jahrhunderte streckt, ist das Franzosische also durchaus in der Lage, einen immensen Sprachwandel vorzuweisen. Wird die Entwicklung der franzosischen Sprache naher in Betracht gezogen, so lassen sich drei Epochen herauskristallisieren, von denen die erste das Altfranzosische ist, das auf das 9. Jh. bis ca. 1300 datiert wird. Die zweite Phase bildet die Epoche des Mittelfranzosischen, dessen Beginn auf 1300 und Ende ca. auf das 16. Jh. festgelegt ist. Mit dem Ende des 15. und dem Anfang des 16. Jahrhunderts begann die Epoche des Neufranzosischen.

Was den Sprachwandel betrifft, fallt bei genauer Betrachtung des Franzosischen auf, dass vor allem die Wortstellung im Satz einem eklatanten Wandel unterlag. Wahrend in der lateinische Sprache die Reihenfolge der Worter relativ frei war, jedoch die Form SOV bevorzugt wurde, ist die Ordnung der Worter im heutigen Franzosisch strikt geregelt: Das Franzosische ist eine SVO-Sprache. Mit der Frage, warum dem so ist, wird sich die vorliegende wissenschaftliche Hausarbeit befassen.

Hierfur wird zuerst erlautert, zwischen welchen Sprachen in der linguistischen Typologie unterschieden wird und wie diese Typen formal aussehen. Danach soil auf den Satzbau im Fruh- und Altlateinischen eingegangen und dieser sowohl mit dem des klassischen Latein als auch mit dem des Alt- und Mittelfranzosischen verglichen werden. Daraufhin werden die unterschiedlichen Hypothesen, die uber die Entwicklung des franzosischen Satzbaus aufgestellt worden sind, betrachtet. Den Schluss dieser Arbeit bildet eine Zusammenfassung, die einen Uberblick uber alle gewonnenen Erkenntnisse gibt.

2. Typen der Sprache

Wie bereits angedeutet, soil zu Beginn veranschaulicht werden, welche Sprachtypen existieren und wodurch sie sich auszeichnen. Prinzipiell kann zwischen sechs Typen unterschieden werden, wovon zwei dominant sind und vier dagegen seltener auftreten. Einer der vorherrschenden Typen ist die SVO-Sprache, die im Folgenden betrachtet werden soil.

2.1 SOV

Als SOV werden in der Sprachtypologie diejenigen Sprachen bezeichnet, in denen die Wortreihenfolge im Satz Subjekt-Objekt-Verb ist. Laut Dryer et al. (2005: 330-331) ist SOV der haufigste Wortstellungstyp, der vor allem in Sudwestasien (ausgenommen Mittlerer Osten) und Nordamerika pradominierend ist. Vertreter der SOV-Sprachen sind zum Beispiel Japanisch (vgl. Shibatani 1990: 257) und Turkisch (vgl. vgl. Lewis 1967: 240). Das nachfolgende Beispiel soil anhand des Turkischen demonstrieren, wie der Satzbau einer solchen Sprache aussieht.

(1) tr. Ben domates aliyorum.

ich Tomate-NOM.so kaufen-PRs.iso

SO V

'Ich kaufe Tomaten.'

2.2 SVO

Der zweithaufigste Wortstellungstyp ist SVO und Dryer zufolge konnen 565 von 1377 untersuchten Sprachen unter diese Kategorie subsummiert werden. Bezuglich der geographischen Distribution kann gesagt werden, dass SVO-Sprachen uberwiegend in Europa, Sudostasien, in Zentral- und Ostafrika sowie auch im sudlichen Afrika vorzufinden sind. Vertreter dieses Wortstellungstyps sind, Mazedonisch (vgl. Friedman 1993: 285), Englisch, Franzosisch und ferner alle romanischen Sprachen (vgl. Bauer 2009: 255).

(2) frz. Je mange lapomme.

ich essen-PRs.iso Apfel

S V O

'Ich esse den Apfel.'

2.3 VSO

Neben den zwei dominanten Wortstellungstypen, existieren vier weitere Varianten, die seltener in Erscheinung treten. Einen dieser eher seltenen Typen stellen VSO-Sprachen dar. Hierbei steht das Verb vor dem Subjekt, wahrend das Objekt diesem folgt. Zu dieser Kategorie konnen Arabisch (vgl. Shlonsky 1997: 7) und alle inselkeltischen Sprachen2 - darunter Walisisch (vgl. Thomas 1992: 271) wie auch Irisch (vgl. O Dochartaigh 1992: 37) - gezahlt werden. Verbreitet sind die VSO-Sprachen hauptsachlich im norden Afrikas, in Ostafrika und auf den Philippinen.

(3) ir. Leann na sagairt na leabhair.

lesen-PRs.3PL Priester-PL Bucher-PL

VSO

'Die Priester lesen die Bucher.' (Dryer 2005: 330)

2.4 VOS, OVS und OSV

Die drei letzten Typen, d.h. VOS, OVS und OSV Sprachen konnen als eine Seltenheit bezeichnet werden, da sie alle zusammen nur ca. 3% der weltweit gesprochenen Sprachen reprasentieren. Vertreter der VOS Sprachen sind Nias3 und Malagassi4, wahrend Hixkaryana5 und Cubeo6 unter den OVS und Khoisansprachen im Suden Afrikas unter den OSV Sprachen eingeordnet werden konnen.

3. Wandel der Wortreihenfolge

3.1 Proto-Indoeuropaisch

Nachdem die unterschiedlichen Sprachtypen gezeigt wurden, soil nun der Wandel des Satzbaus im Franzosisch besprochen werden. Hierfur wird zunachst auf die indogermanische Ursprache, den Vorlaufer der indogermanischen Sprachen eingegangen und in Erfahrung gebracht, wie die Satzstruktur aufgebaut war. Durch komparative Analysen konnte Lehmann (1974: 30) in Erfahrung bringen, dass im Proto-Indoeuropaischen die Wortstellung dem SOV Muster folgte7. Lehmanns Forschung beruht auf den Analysen des deutschen Sprachwissenschaftlers Berthold Gustav Delbruck (1842-1922), der anhand des Vedischen8, Hethitischen9 und weiterer indogermanischer Dialekte konstatierte, dass in der indogermanischen Ursprache das Verb stets in finaler Position stand. Sein Ergebnis fasst er wie folgt zusammen:

1. Das Subject [sic] eroffnet den Satz.
2. Das Verbum schliesst [sic] den Satz.
3. Die ubrigen Satztheile [sic] werden in die Mitte genommen. (Delbruck 1888/1976: 16)

Um seine Aussage zu unterstutzen, gibt Delbruck folgendes Beispiel an:

(4) ved. Vlgah kshatrlyaya balm haranti.

Bauer-PL Furst-so Steuer zahlen-PRs.3PL

SO V

'Die Bauern zahlen dem Fursten Steuem.' (Delbruck 1888/1976: 16)

Er merkt an, dass innerhalb des traditionellen Typus nur dann von dieser Wortstellung abgewichen wurde, wenn enklitische Worter wie uta, sofern sie nicht wie manche Partikeln an ein bestimmtes vorhergehendes Wort gebunden sind, vor das Subjekt traten10. Des weiteren anderte sich die Wortstellung, wenn andere Satzteile - in Beispiel

(5) das Verb - starker betont werden sollen.

(5) ved. Ajayan deva asuran.

besiegen-psT.3PL Gott-PL Asura-PL

V SO

'Es besiegten die Gotter die Asuras.' (Delbruck 1976: 36)

3.2 Fruh- und Altlatein

Bezuglich des Fruh- (bis 240 v. Chr.) und Altlateinischen (240-75 v. Chr.) sind sich heute viele Sprachwissenschaftler einig, dass in diesen Phasen des Lateinischen der Satz ebenfalls nach dem SOV-Typ gebildet wurde. Als Beweis hierfur kann die Gesetzessammlung Lex duodecim tabularum (um 450 v. Chr.) und die Inschrift Senatus consultum de Bacchanalibus (ca. 186 v. Chr.) dienen, da in beiden Texten das Verb stets in finaler Position erscheint11. Diese Situation bestand bis in die Mitte des ersten Jahrhunderts und anderte sich ab ca. 75. v. Chr. mit dem klassischen Latein.

3.3 Klassisches Latein

Wahrend die Wortreihenfolge in den modernen Sprachen relativ strikt geregelt ist, zeichnen sich klassisches Latein und Altgriechisch - bezuglich der Ordnung der Worter im Satz - durch ihre Variability aus. So konstatiert Weil (1991: 4), dass die Wortstellung in der lateinischen Sprache frei, d.h. bis auf einige Ausnahmen, nicht fur jedes Wort eine bestimmte Stelle im Satz vorgesehen ist. Das unten angefuhrte Beispiel kann diese Aussage verdeutlichen:

(6) lat. Romulus Romam condidit.

Romulus-NOM.so.M Rom-AKK.so.F grunden-psT.3so

S O V

'Romulus grundete Rom.'

lat. Urbem condidit

Stadt -AKK.SG.F grunden-psT.3so

O V

'Romulus grundete die Stadt.'

lat. Condidit Romam/urbem Romulus.

grunden-psT.3so Rom/Stadt-AKK.so.F Romulus-NOM.so.M

VOS 'Romulus grundete Rom/die Stadt.'

Die Beispiele lassen erkennen, dass im klassischen Latein das Verb sowohl in initialer, als auch in medialer und ftnaler Position in Erscheinung treten konnte12. Die mediale Position des Verbs war zwar eine Innovation im Lateinischen, sie verlieh diesem aber weder eine bestimmte Funktion- noch einen speziftschen Wert. Bauer (2009: 257) zufolge haben Hauptsatze, in denen Verben in initialer Position auftreten, pragmatische oder stilistische Funktionen. Geht einem Deklarativsatz ein Nebensatz, ein Adverb oder eine Negation voraus, so steht das Verb in initialer Position und ist stilistisch motiviert. Diese Art von Satzstruktur ist vor allem bei dem antiken Philosophen und Redner Apuleius (123-170 n. Chr.) und dem christlichen Schriftsteller Tertullian (150-220 n. Chr.) vorzuftnden. Hat das Verb eine adhortative Funktion oder soil einen Wunsch, ein Gefuhl etc. wiedergeben, so steht es ebenfalls in initialer Position und ist pragmatisch motiviert. Ferner erscheinen Verben dann am Anfang eines Deklarativsatzes, wenn es sich um Erzahlungen, wie historische Texte und Novellen handelt13.

Es ist anzumerken, dass diese Neuerscheinung in Hauptsatzen durchaus frequenter war als in Nebensatzen. Dieses Phanomen anderte sich uber die Jahre bzw. Jahrhunderte: Bei der Entstehung des Franzosischen aus dem Lateinischen fand ein Ubergang von einer Sprache des Typs SOV zu einer SVO-Sprache statt.

[...]


1 „ Umgangssprachliche Form der lateinischen Sprache (aus der sich die romanischen Sprachen entwickelten) “. Stichwort <Vulgarlatein> in Duden [online]. URL:
http://www.duden.de/rechtschreibung/Vulgaerlatein (letzter Zugriff am 10. Februar 2017).

2 Unter inselkeltischen Sprachen werden alljene keltischen Sprachen verstanden, die auf der britischen Insel gesprochen werden.

3 Nias ist eine auf der Insel Nias gesprochene Sprache, die sich im indischen Ozean befindet.

4 Malagassi ist neben Franzosisch eine der Amtssprachen auf Madagaskar.

5 Hixkaryana ist eine Karib-Sprache, die in Amazonien im Umlauf ist.

6 Cubeo zahlt zu den Tucano-Sprachen und wird sowohl in Kolumbien als auch in Brasilien gesprochen.

7 vgl. Bauer 2009: 250-251.

8 Vedisch ist eine indogermanische Sprache und der Vorganger des heutigen Sanskrit.

9 Hethitisch ist eine ausgestorbene indogermanische Sprache.

10 vgl. Delbruck 1976: 16.

11 vgl. Bauer 1992: 126.

12 vgl. Marchello-Nizia 1995: 43.

13 vgl. Bauer 2009: 277.

Ende der Leseprobe aus 20 Seiten

Details

Titel
Von einer OV-Sprache zu einer VO-Sprache. Die Änderung der Wortstellung im Französischen
Hochschule
Johannes Gutenberg-Universität Mainz  (Romanisches Seminar)
Veranstaltung
Le français médiéval
Note
1,3
Autor
Jahr
2017
Seiten
20
Katalognummer
V426463
ISBN (eBook)
9783668721456
ISBN (Buch)
9783668721463
Dateigröße
571 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
ov-sprache, vo-sprache, änderung, wortstellung, französischen
Arbeit zitieren
Fatma Betül Akcora (Autor), 2017, Von einer OV-Sprache zu einer VO-Sprache. Die Änderung der Wortstellung im Französischen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/426463

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