Sprachen sind nicht statisch, sondern verändern sich ganz im Gegenteil mit der Zeit in wechselndem Tempo und in unterschiedlichem Ausmaß. Für den Wandel sind verschiedene Faktoren verantwortlich, die in zwei Gruppen unterteilt werden können: Faktoren der inneren und der äußeren Sprachgeschichte. Zu den ersteren zählen funktionale Schwächen des Systems, die bei den Sprechern den Wunsch erwecken, diese zu optimieren, das Ökonomieprinzip (Prinzip des geringsten Aufwands) sowie das Phänomen der Reanalyse. Unter der äußeren Sprachgeschichte werden geographische, soziale, kulturelle und politische Dimensionen einer Sprache subsummiert. Sie wird nicht nur durch die historischen Ereignisse, sondern auch durch Sprachkontakte sowie sprachpolitische Maßnahmen geprägt. Bei genauerem Betrachten der Entwicklung des Französischen kann festgestellt werden, dass sich seine Sprachgeschichte über mehrere Jahrhunderte streckt und es einen immensen Sprachwandel vorweisen kann. Um eine grobe Vorstellung über die Entwicklung der französischen Sprache zu gewinnen empfiehlt es sich, einen Blick auf seine Periodisierung zu werfen.
Um grundlegende Informationen zu vermitteln, erfolgt zu Beginn eine Erläuterung des Begriffs „Varietätenlinguistik“ und eine Veranschaulichung der unterschiedlichen Varietäten. Daraufhin werden die Begriffe „gesprochene“ und „geschriebene Sprache“ definiert, ihre Charakteristika konkretisiert und die
markantesten Unterschiede zwischen diesen beiden im Französischen kurz vorgestellt. Der Hauptteil dieser Arbeit widmet sich der voneinander abweichenden Negationsbildung in der französischen gesprochenen und geschriebenen Sprache. Hierfür wird die Entstehung der Verneinung im Französischen erläutert, ihre Entwicklung vom Lateinischen bis ins Neufranzösische dargestellt sowie auf den Jespersen-Zyklus eingegangen. Des Weiteren werden die inner- und außersprachlichen Faktoren, die einen Einfluss auf den Schwund der Partikel ne in der gesprochenen Sprache ausüben, ausgearbeitet. Den letzten Teil bildet eine Korpusanalyse, die ermöglichen soll, auf die Fragen zu antworten, ob und wenn ja welche Faktoren den Ausfall von ne herbeiführen, wann diese Partikel beibehalten wird und inwiefern das Alter, die Herkunft, das Geschlecht etc. des Sprechers eine Rolle spielen.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Die Dimensionen der heutigen Varietätenlinguistik
2.1 Das Diasystem der Sprache nach Coseriu
2.1.1 Die diatopische Variation
2.1.2 Die diastratische Variation
2.1.3 Die diaphasische Variation
2.2 Gesprochene und geschriebene Sprache
3. Unterschiede zwischen français parlé und français écrit
3.1 Die Gliederungssignale
3.2 Der Gebrauch der unbetonten Subjektpersonalpronomina
3.3 Die Interrogation
3.4 Die Angleichung des Partizips
3.5 Das Tempussystem
4. Die historische Entwicklung der Negation im Französischen
4.1 Die Negation im Lateinischen
4.2 Die Negation im Alt- und Mittelfranzösischen
4.3 Die Negation im Neufranzösischen
5. Der Jespersen-Zyklus
6. Einflussfaktoren für den Ausfall von ne
6.1 Innersprachliche Einflüsse
6.2 Außersprachliche Einflüsse
7. Das Korpus
7.1 Begründung für die Wahl
7.2 Darstellung des Korpus
8. Analyse des Korpus
8.1 Außersprachliche Kriterien
8.1.1 Das Alter
8.1.2 Die kommunikative Situation
8.1.3 Das Geschlecht
8.1.4 Die Muttersprache
8.1.5 Zwischenergebnis: Einfluss außersprachlicher Faktoren
8.2 Innersprachliche Kriterien
8.2.1 Die Pronomen
8.2.2 Die lexikalisierten Konstruktionen
8.2.3 Das Tempus des Verbs
8.2.4 Der Satztyp
8.2.5 Die Dislokation
8.2.6 Die Verneinung von Infinitiven
8.2.7 Die variablen Negationselemente
8.2.8 Zwischenergebnis: Einfluss innersprachlicher Faktoren
8.3 Weitere Negationsformen
9. Interpretation der Ergebnisse
10. Ist ±ne das Ergebnis einer potentiellen Diglossiesituation im Französischen?
11. Die Expansion von ±ne
12. Zusammenfassung und Ausblick
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Masterarbeit untersucht die differenzielle Verwendung der Negationspartikel ne im gesprochenen und geschriebenen Französischen. Das primäre Ziel ist die Analyse innersprachlicher und außersprachlicher Einflussfaktoren, die den Schwund dieser Partikel in der gesprochenen Sprache steuern und zu klären, ob dies Teil eines kontinuierlichen Sprachwandelprozesses oder einer Diglossiesituation ist.
- Varietätenlinguistik und diasystematische Struktur des Französischen
- Historische Entwicklung der Negation (Jespersen-Zyklus)
- Empirische Korpusanalyse anhand von CLAPI-Daten
- Einflussfaktoren: Alter, Geschlecht, Pronomen, Satzbau und lexikalisierte Konstruktionen
Auszug aus dem Buch
4.3 Die Negation im Neufranzösischen
Im modernen Französisch existieren Bezüglich der Zahl und Position der Negationspartikeln drei unterschiedliche Strukturen. Hierzu zählen die präverbale Negation (je ne saurais vous dire), die doppelte Negation (je ne pense pas) und die postverbale Negation (*j'y vais pas), die ihren Bereich insbesondere im gesprochenen Französisch ausgeweitet hat. In der schriftsprachlichen Norm (code écrit) ist für die Verneinung haltiger Äußerungen die zweigliedrige syntaktische Negation, die sowohl aus dem konstanten Negationsmorphem ne als auch einer variablen Partikel besteht, obligatorisch.
Das Inventar der syntaktischen Negation bilden: pas, guère, nullement, aucunement, jamais, plus, nulle part, personne, rien, aucun, pas un, nul und ni. Diese aus zwei oder mehreren Elementen gebildeten Negationsmorpheme rahmen üblicherweise das finite Verb ein. Besteht das Verb aus einem temps composé wie z.B. passé composé, so umranden die Negationsmorpheme nicht nur das Hilfsverb, sondern auch die pronoms atones (N'as-tu pas chanté?).
Das erste Element ne ist stets präverbal, steht also vor dem finiten Verb und kann als eine Art „Vorsignal“ der Negation betrachtet werden, das die Verneinung vorbereitet und einführt, wohingegen das Hauptsignal dem finiten Verb folgt und das eigentliche Gewicht für die Negation trägt (vgl. Weinrich 1982: 710).
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Einführung in die Thematik des Sprachwandels und der historischen Entwicklung des Französischen mit Fokus auf die Negation.
2. Die Dimensionen der heutigen Varietätenlinguistik: Theoretische Grundlagen zum Diasystem der Sprache nach Coseriu und Abgrenzung von gesprochener und geschriebener Sprache.
3. Unterschiede zwischen français parlé und français écrit: Darstellung der signifikanten Abweichungen in Bereichen wie Syntax, Pronominalgebrauch und Tempussystem.
4. Die historische Entwicklung der Negation im Französischen: Diachrone Betrachtung der Verneinungsstrukturen vom Lateinischen bis zum Neufranzösischen.
5. Der Jespersen-Zyklus: Theoretische Einordnung des zyklischen Wandels von Negationsausdrücken.
6. Einflussfaktoren für den Ausfall von ne: Systematisierung von innersprachlichen und außersprachlichen Faktoren als Vorbereitung auf die Korpusanalyse.
7. Das Korpus: Vorstellung und methodische Begründung der Wahl der CLAPI-Datenbank.
8. Analyse des Korpus: Detaillierte statistische Auswertung der Einflussfaktoren (Alter, Situation, Pronomen, etc.) auf die Realisierung von ne.
9. Interpretation der Ergebnisse: Zusammenführende Auswertung der gewonnenen Korpusdaten im Vergleich zu bisherigen linguistischen Erkenntnissen.
10. Ist ±ne das Ergebnis einer potentiellen Diglossiesituation im Französischen?: Diskussion über die Validität einer Diglossie-Analyse für das Französische.
11. Die Expansion von ±ne: kritische Auseinandersetzung mit Thesen zum totalen Schwund von ne.
12. Zusammenfassung und Ausblick: Fazit der Arbeit und Einordnung der Ergebnisse in den Kontext des Sprachwandels.
Schlüsselwörter
Französisch, Negation, Sprachwandel, ne-Tilgung, Varietätenlinguistik, gesprochene Sprache, Korpuslinguistik, Jespersen-Zyklus, Syntax, Soziolinguistik, negative Partikel, CLAPI, Diachronie, Verneinung, Sprachgebrauch
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht den Sprachwandelprozess im Französischen, speziell das Phänomen des Schwunds der Negationspartikel ne in der gesprochenen Sprache im Vergleich zur geschriebenen Norm.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Themen umfassen die Varietätenlinguistik, die historische Entwicklung der Verneinung, den sogenannten Jespersen-Zyklus sowie die soziolinguistischen und innersprachlichen Faktoren, die den Gebrauch von ne beeinflussen.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Ziel ist es, empirisch zu belegen, welche Faktoren (wie Alter, Geschlecht oder syntaktische Umgebung) den Wegfall von ne begünstigen oder verhindern und ob das Französische aufgrund dieser Unterschiede eine Diglossiesituation aufweist.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine deskriptive, korpusbasierte Studie. Die Autorin verwendet Daten aus der Multimedia-Datenbank CLAPI, um quantitative Analysen der Negationsstrukturen in verschiedenen Gesprächssituationen durchzuführen.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine historische Herleitung der Negation, die methodische Darstellung des Korpus sowie eine tiefgehende Analyse innersprachlicher Kriterien (Pronomen, Tempus, Satzbau) und außersprachlicher Kriterien (Alter, Situation).
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wesentliche Begriffe sind Französisch, Negation, Sprachwandel, ne-Tilgung, Varietätenlinguistik und Korpuslinguistik.
Beeinflusst das Alter des Sprechers die Verwendung von ne?
Ja, die Analyse zeigt, dass jüngere Sprecher die Partikel ne deutlich seltener verwenden als ältere, was auf einen fortschreitenden Sprachwandel hindeutet.
Spielen bestimmte Pronomen eine Rolle für den Erhalt von ne?
Ja, innersprachlich wirken sich Pronomina unterschiedlich aus; während beispielsweise das Pronomen je häufiger mit ne-Tilgung korreliert, zeigen andere syntaktische Umgebungen eine höhere Resistenz der Partikel.
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- M.o.A. Fatma Betül Akcora (Author), 2017, Die Negation im Französischen im Spannungsfeld von Mündlichkeit und Schriftlichkeit, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/426476