Der Aufstand gegen die Vernunft in Fedor Doetoevskijs "Zapiski iz podpol'ja"


Masterarbeit, 2018
56 Seiten, Note: 2,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Historischer Hintergrund
2.1 Das Russische Zarenreich gegen Ende des 18. Jahrhunderts
2.2 Das Russische Zarenreich im19. Jahrhundert

3. Biographie von Fedor Michajlovic Dostoevskij

4. Dostoevskij und der Realismus

5. Zapiski izpodpol'ja
5.1 Inhaltsangabe
5.2 Die Darstellungsform des Romans
5.3 DerKellerlochmensch
5.3.1 Wer ist der Kellerlochmensch?
5.3.2 Charakterisierung des Kellerlochmenschen
5.4 Der Protagonist und sein Menschenbild
5.5 Sankt Petersburg als Schauplatz
5.6 Zur Entstehungsgeschichte des Romans

6. Der Nihilismus
6.1 Ursprung und Definition
6.2 Der Nihilismus in der russischen Literatur

7. Der Aufstand gegen die Vernunft in Zapiski izpodpol’ja
7.1 Das Kellerloch
7.2 Das Duell
7.3 Der Kellerlochmensch und Liza
7.4 Der Kristallpalast
7.5 Die Arithmetik
7.6 Der Ameisenhaufen

8. Dostoevskij als Psychologe

9. Dostoevskij und der Kellerlochmensch

10. Sonsmesnogoceloveka
10.1 Inhaltsangabe
10.2 Charakterisierung des Ich-Erzahlers
10.3 Die Utopie nach Dostoevskij

11. Fazit

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

,,Der Mensch ist ein Geheimnis. Man muss es entratseln, und wenn Du ein gauzes Leben lang entratseln wirst, so sage nicht, Du hattest die Zeit verloren. Ich beschaftige mich mit diesem Geheimnis, denn ich will ein Mensch sein.“ (Dostojewski 1966: 24)

Zweifellos verfugt jeder Schriftsteller uber eine charakteristische Note, die es ihm ermoglicht, sich von allen anderen Autoren zu unterscheiden und zu profilieren. Aus diesem Grund sollte damit ein moglichst richtiges Lesen sowie Verstehen eines Werks gewahrleistet werden kann, auf die personlichen Besonderheiten des jeweiligen Verfassers geachtet werden. So offeriert sich in Bezug auf den russischen Schriftsteller Dostoevskij und seine literarischen Schopfungen in der Regel das Stichwort „philosophischer Roman“, zumal er in seinen Schriften nicht nur soziale und religiose, sondern auch psychologische Probleme auf einer philosophischen Ebene behandelt. Mit den Arbeiten Dostoevskijs setzen sich Menschen unterschiedlicher Gebiete auseinander und sie faszinieren Autoren, Kritiker sowie Leser zu allen Zeiten.

Die oben erwahnten Satze schrieb der zu jener Zeit achtzehnjahrige Dostoevskij in einem Brief vom 16. August 1839 an seinen Bruder und sowohl sein Leben als auch seine einzigartigen Werke lassen erkennen, dass er diesem Motto stets gefolgt ist. Seine Anschauungen sowie Erkenntnisse uber den Menschen, die Religion, die Politik etc. konkretisierte er, indem er sie dank seiner Romane in Gestalten, Geschehnisse und Symbole umsetzte. Dieses Vorgehen tritt auch in seinem Kurzroman Zapiski iz podpol'ja zum Vorschein, der in jeglicher Hinsicht ein Meisterstuck darstellt: Von dem Inhalt, uber die Darstellungsform, bis hin zu den Charakterzugen und zur Weltanschauung des Protagonisten reprasentiert der Roman ein uberaus scharfsinniges sowie zynisches Werk, das seinesgleichen sucht. Insbesondere die Auseinandersetzung des Ich-Erzahlers mit der Ratio, der Gesellschaft und den Gegebenheiten des 19. Jahrhunderts stellt eine hochst umstrittene Problematik dar, die insgeheim das Interesse vieler Wissenschaftler bzw. Menschen unterschiedlicher Bereiche weckte. Obwohl die Themen, die sich im Werk herauskristallisieren, immer wieder unter verschiedenen Aspekten gedeutet wurden, bleibt dennoch viel Raum fur Interpretation. Aus diesem Grund thematisiert die vorliegende wissenschaftliche Arbeit den Aufstand gegen die Vernunft in dem Kurzroman Zapiski iz podpol'ja und versucht auf die Fragen, warum der Ich-Erzahler eine Auflehnung gegen die Vernunft fur notig empfindet, wie sich diese Auflehnung vollzieht und worauf sie hinausfuhrt zu antworten.

Um grundlegende Hintergrundinformationen vermitteln zu konnen, werden zu Beginn der Arbeit sowohl das Russischen Zarenreich im 18. und 19. Jahrhundert dargestellt als auch die politische sowie soziale Situation geschildert. Daraufhin soll auf den Lebenslauf Dostoevskijs eingegangen und die Literaturepoche des Realismus erlautert werden, unter dem das Werk Zapiski iz podpol'ja eingeordnet werden kann. Nachdem durch die in den ersten Kapiteln veranschaulichten Informationen eine Grundlage geschaffen wurde, soll auf Dostoevskijs Roman eingegangen werden. Dafur wird zunachst der Inhalt vorgefuhrt, der Protagonist charakterisiert und sein Weltbild erlautert. Im Anschluss daran wird der Aufstand des Ich-Erzahlers gegen die Vernunft beschrieben, der den Hauptteil dieser Arbeit bildet. Hierbei werden unter anderem auf das Kellerloch, das Duellverhalten und den Kristallpalast eingegangen. Die letzten Kapitel widmen sich Dostoevskij. Sie versuchen ihn als einen Psychologen zu deuten, Parallelen zwischen ihm und seinem Romanheld zu ziehen und seine Utopievorstellung zu demonstrieren. Den Abschluss bildet eine Zusammenfassung der im Laufe der Arbeit gewonnenen Erkenntnisse.

2. Historischer Hintergrund

2.1 Das Russische Zarenreich gegen Ende des 18. Jahrhunderts

In der zweiten Halfte des 18. Jahrhunderts befand sich das Russische Zarenreich unter der Regentschaft derZarin Katharina II. Die 1729 als Tochter eines preufiischen Gouverneurs in Stettin geborene Prinzessin heiratete im Jahre 1745 Peter III., den Erben des Russischen Reiches und bestieg 1762 den Thron. Katharina die Grofie war uberaus begeistert von der Gedankenwelt der franzosischen Aufklarung und korrespondierte mit einflussreichen Autoren wie Voltaire und Diderot.1 Bezuglich des Russischen Zarenreiches hatte die Zarin grofie Plane: Sie folgte der Ambition, die liberalen und rationalen Prinzipien der Aufklarung im Zarenreich zu verbreiten und das als ruckstandig und unzivilisiert geltende Land, dem es an Erziehungs- und Gesundheitswesen mangelte, sowohl zu modernisieren als auch zu europaisieren. Aufierdem versprach sie dem Volk bei ihrem Regierungsantritt ,,Freiheit unter dem Gesetz, weitherzige Humanitat und Duldsamkeit in jeder Form“ (Setschkareff 1962: 64). Ihre innerpolitischen Absichten setzte Katharina die Grofie sukzessiv in die Tat um. Ab 1764 investierte die Zarin in die Grundung von Volksschulen, Fachschulen und Gymnasien. Am 17. Juni 1773 erliefi sie das Toleranzedikt, das die Anerkennung und Duldung aller Religionen - mit Ausnahme des Judentums - zusicherte. Ihr wohl signifikantester Verdienst erfolgte im Jahre 1775, als sie im Zuge einer Reform eine neue Verwaltungsstruktur erschuf.2 Somit gelang es der Reprasentantin des aufgeklarten Absolutismus das Russische Zarenreich nach westlichen Vorbildern umzuorganisieren. Im Zeitalter Katharinas machte die innere Europaisierung des Reiches enorme Fortschritte. Werke franzosischer Aufklarer waren fortan in den russischen Adelskreisen weit verbreitet. Nahezu alle Aristokraten besafien Bucher von Voltaire, Diderot, Rousseau und weiteren Philosophen. Die Werke wurden meist in der Originalsprache, d. h. auf Franzosisch gelesen, da die Adelsjugend der franzosischen Sprache durchaus machtig war und diese teilweise sogar besser beherrschte als die russische.3 Doch trotz der aufklarerischen Pragung und der skeptischen Haltung zur Leibeigenschaft, setzte sich Katharina die Grofie nur in sehr geringem Mafie fur das Wohl der Bauern ein, die den Grofiteil der Bevolkerung des Russischen Zarenreiches reprasentierten. Das Wohlergehen der Adeligen stand in starkem Kontrast zum Zustand der Bauern, sodass zur Katharinas Regierungszeit eine grofie Kluft zwischen der Oberschicht und dem einfachen Volk entstand, die bis ins Jahr 1917 kaum uberwunden wurde und geradewegs zur Grofien Revolution fuhrte.4

Katharina die Grofie starb am 17. November 1796 im Alter von 67 Jahren und hinterliefi den Thron ihrem Sohn Paul I., dessen Regierung „in der russischen Geschichte nur ein kurzes Zwischenspiel“ (Hoetzsch 1949: 99) darstellte, da er nur von 1796 bis 1801 als Zar des Russischen Reiches fungierte. Paul I. pflegte keine gute Beziehung zu seiner Mutter und versuchte wahrend seiner vierjahrigen Regierungszeit jegliche Erlasse Katharinas zu annullieren.5 Er befreite die politischen Gefangenen, erklarte das Land Polen, das seine Mutter schwer erkampft hatte, fur unabhangig und fuhrte mit sofortiger Wirkung die Zensur, ,,das bedeutendste Mittel zu Steuerung der offentlichen Meinung“ (Meyer 2010: 114), ein. Aufierdem liefi er private Druckereien schliefien und verkurzte die Zeit der Fronarbeit der Leibeigenen, wodurch er den Zorn des russischen Adels auf sich zog. Paul I. starb am 12. Marz 1801 infolge eines Attentats in Sankt Petersburg.

2.2 Das Russische Zarenreich im 19. Jahrhundert

Nach der Ermordung des Zaren Paul I. bestieg sein altester Sohn Alexander I. den Thron, der von 1801 bis 1825 regierte. Um Alexanders Erziehung kummerte sich seine Grofimutter Katharina die Grofie, die ihn unter anderem auf das Herrscheramt vorbereitete.6 Dies hatte zur Folge, dass er ebenfalls eine Vorliebe fur die westlichen Ideologien entwickelte. Was die Innenpolitik betraf, beabsichtigte Alexander I. eine liberale Regierungsform zu schaffen. Er wollte seinem Volk Frieden und Gluck bringen, indem er es reformierte. Aus diesem Grund plante er die Leibeigenschaft zu beseitigen, eine Verfassung zu schaffen und die Rede- und Pressefreiheit einzufuhren, die sein Vater Paul I. verboten hatte. Da er den Widerstand des Grundadels nicht uberwinden konnte, gelang es dem Zaren allerdings nicht, seine Absichten in die Praxis umzusetzen. An der schlechten Situation der Bauern anderte sich folglich auch unter der Regierung Alexanders nicht viel und die Leibeigenschaft formte weiterhin ,,das trostlose Kennzeichen der innerpolitischen Lage“ (Hoetzsch 1949: 105). Wahrend der Regierungszeit des Zaren Alexander machten sich allerdings die ersten Stimmen der Opposition bemerkbar, die im Laufe der Jahre entstanden waren. Im Russischen Zarenreich breitete sich zunehmend die Idee des Westens (Aufklarung, Vemunft, Freiheit und Demokratie) aus, da viele junge russische Offiziere und Angehorige des Adels infolge der Napoleonischen Kriege, auch Koalitionskriege genannt, die von 1972 bis 1815 andauerten, mit dem westlichen Gedankengut in Beruhrung gekommen waren.7 Die Europaisierung des Zarenreiches zog den Umsturzwillen nach sich, der im Kampf gegen den Absolutismus mundete und energisch eine moderne Ordnung Russlands nach westeuropaischem Muster forderte.8

Als Alexander I. 1825 kinderlos starb und der alteste Bruder Konstantin aufgrund einer nicht standesgemaBen Ehe auf die Thronfolge verzichtete, folgte ihm sein Bruder Nikolaus I. auf den Thron. Das Ausbleiben der innerpolitischen Reformen fuhrte 1825 zum Aufstand der Dekabristen9, der erfolglos blieb und niedergeschlagen wurde. Auf die Anordnung des Zaren wurden die Aufstandischen entweder hingerichtet oder nach Sibirien verbannt.10 Nikolaus I., der sich in seiner Herrschaft bestatigt fuhlte, regierte bis 1855 auBerst autokratisch und unterdruckte jegliche Neuerungen der Gesetze. Die langerwunschten Reformen schienen erst im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts zu erfolgen. Zar Alexander II., auch der Befreier genannt, erkannte die Ruckstandigkeit seines Landes und entschloss sich, die Leibeigenschaft aufzuheben11, das Justizwesen zu reformieren und eine neue Militarorganisation einzufuhren. Kurz nach seinem Regierungsantritt begnadigte er die Dekabristen und lockerte die Zensur, sodass bisher verbotene Werke publiziert werden konnten. Die GroBen Reformen Alexanders II. Mitte der 1860er Jahre fuhrten zur Entfesselung einer gesellschaftlichen Dynamik, zumal durch sie die Sprengung des bestehenden autokratischen Systems drohte. Aufgrund der Tatsache jedoch, dass die angestrebten Reformen nur halbherzig und nicht radikal genug durchgefuhrt worden waren, folgte schlieBlich der Abbruch der liberalen Reformpolitik des Zaren und die nihilistischen Kreise unterlagen nunmehr der Uberwachung und der Repression. Dies hatte nicht nur die Verscharfung der Zensur und den Verbot gewisser Zeitschriften wie z. B. Sovremennik12, sondern auch die Verbannung der Anhanger der nihilistischen Zirkel nach Sibirien zur Konsequenz.13

Diese Faktoren zogen die politische Radikalisierung der Intelligenzija14 nach sich, die primar den Sturz der Autokratie anvisierte. Obwohl Zar Alexander II. mehreren Attentaten entgehen konnte, wurde er 1881- im selben Jahr wie Dostoevskij - ermordet und in der Peter-und-Paul-Festung beigesetzt.

3. Biographie von Fedor Michajlovic Dostoevskij

Fedor Michajlovic Dostoevskij erblickte am 30. Oktober 1821 als zweites Kind des Stabsarztes Michail Andreevic und seiner Frau Marija Fedorovna in Moskau das Licht der Welt. Vaterlicherseits stammte der Schriftsteller aus einem alt-litauischen Adelsgeschlecht.15 Da Gelehrsamkeit in den Augen seines Vaters ein wichtiges Mittel war, um in der Welt Erfolg zu haben, lernte der aus einer recht religiosen (russisch- orthodoxen) Familie stammende Autor sehr fruh das Lesen und eignete sich mit Hilfe von Privatlehrern die franzosische Sprache an.16 Ab Januar 1838 besuchte er die militarische ingenieurtechnische Universitat Sankt Petersburg, die nicht nur kostenlos war, sondern auch den Studenten ein geregeltes Einkommen fur die Zukunft versicherte.17 Wahrend dieser Zeit begeisterte ihn Joseph Courant, sein Lehrer in franzosischer Literatur, fur die Lekture von franzosischen Schriftstellern wie Honore de Balzac, Victor Hugo und George Sand.18 Nachdem Dostoevskij im Jahre 1843 sein Studium im Rang eines Offiziers abgeschlossen hatte, erhielt er eine Anstellung im Ingenieur-Departement. Weil ihm jedoch eine seinerseits unerwunschte Versetzung zu einem von Sankt Petersburg entfernten Militarstutzpunkt drohte, entschied sich Dostoevskij seiner Laufbahn als Militaringenieur ein Ende zu setzen und als freier Schriftsteller tatig zu sein. Sein erster Roman Bednye Ljudi19, der aufgrund von Verzogerungen durch die Zensur zunachst in einem Almanach gedruckt wurde, erschien im Jahre 1846 in Nekrasovs Literaturzeitschrift Peterburgskij sbornik in Sankt Petersburg. Das Werk wurde zu einem grofien Erfolg und verhalf ihm zum Durchbruch als Autor. Das Manuskript des Briefromans Bednye Ljudi, das sein Studienfreund Dmitrij Grigorovic an den russischen Dichter Nikolaj Alekseevic Nekrasov weiterreichte, fuhrte zur Bekanntschaft Dostoevskijs mit den Schriftstellem Ivan Turgenev, Nikolaj Nekrasov und dem einflussreichsten russischen Literaturkritiker und Sozialisten Vissarion Belinskij.20 Letzterer setzte Dostoevskij uber die sozialistischen und kommunistischen Ideen in Kenntnis. 1847 lernte er Petrasevskij21 kennen, frequentierte die Freitagsversammlungen von Petrasevskij, die dem Austausch von politischen und sozialen Meinungen diente und erlitt den ersten schweren epileptischen Anfall. Das Vorlesen eines von Belinskij verfassten Briefes22 im Petrasevskij-Kreis fuhrte in der Nacht vom 22. auf den 23. April 1849 zur Verhaftung Dostoevskijs durch Beamte der dritten Abteilung (Geheimpolizei) und zu seiner Verurteilung zum Tode wegen scheinbar staatsfeindlicher Aktivitaten.23 Der zu diesem Zeitpunkt 28 Jahre alte Dostoevskij wurde nach neunmonatiger Haft in der Peter-und-Paul-Festung kurz vor seiner Hinrichtung am 3. Januar 1850 durch Zar Nikolaus I. begnadigt und zu einer vierjahrigen Verbannung in Sibirien mit anschliefiender Zwangsarbeit verurteilt. Seine Zeit in der sibirischen Gefangenschaft trug dazu bei, dass die ideologischen und politischen Einstellungen Dostoevskijs einer fundamentalen Umwalzung unterworfen wurden. Wahrend der Zuchthausjahre unter Mordern, Raubern und sonstigen Kriminellen, konnte Dostoevskij das wirkliche Volk besser kennenlernen und somit nicht nur viele fruchtbare Erfahrungen machen, sondern auch seine Einsichten vertiefen und erweitern. Braun (1976: 74) zufolge stellten Zeitgenossen des Schriftstellers fest, dass er aus der Verbannung - entgegen der Erwartungen - nicht als gebrochener Mensch, sondern voller Lebensenergie und Zukunftsplane zuruckkehrte. Er entwickelte den philosophischen Roman, infolgedessen er zum Schopfer einer in der Literatur seiner Zeit und seines Landes vollig neuen Gattung wurde.24 Nach seiner Entlassung aus der Haft im Jahre 1854, wurde Dostoevskij 1856 zum Leutnant befordert und heiratete am 2. Februar 1857 Marija Isaeva.25 Aufgrund seiner mittlerweile schweren epileptischen Krisen, beantragte der Schriftsteller die Entlassung aus dem Militardienst, die ihm am 18. Marz 1859 genehmigt wurde. Drei Jahre spater unternahm er seine erste Auslandsreise, die unter anderem durch Deutschland (Baden-Baden, Wiesbaden und Bad Homburg) fuhrte und entdeckte hierbei seine Leidenschaft fur Glucksspiele, die zu dieser Zeit in Russland strengstens verboten waren und ihn in naher Zukunft in eine finanzielle Notlage sturzen sollten. 1864 starb sowohl die Frau als auch der Bruder Dostoevskijs und sein Prosawerk Zapiski iz podpol'ja erschien in der Monatszeitschrift Epocha, die er zusammen mit seinem Bruder herausgab.26 Am 15. Februar 1867 fand die Trauung Dostoevskijs mit seiner zweiten Ehefrau Anna Snitkina statt. Infolge seiner Verluste beim Roulette-Spiel, ruinierte sich der Schriftsteller und verschuldete sich immens, sodass er zusammen mit Snitkina in den Westen verreiste, um vor seinen Glaubigern zu fluchten. Den Ausweg aus seiner finanziellen Misere sah Dostoevskij darin, Bekannte und Freunde um Geld zu bitten. Er wendete sich nicht zuletzt an den Schriftsteller Ivan Turgenev, der im Jahre 1867 als ein reicher Emigrant in Baden- Baden lebte. Als ihm Turgenev anstelle der erbetenen 100 Taler lediglich 50 schickte, fuhlte sich Dostoevskij dupiert und bezeichnete ihn als einen Verrater des Vaterlandes.27 Letzten Endes wurden aus den geplanten drei Monaten im Ausland vier Jahre und die Familie kehrte erst 1871 nach Sankt Petersburg zuruck.28 Ab Januar 1873 begann Dostoevskij als Redakteur bei der Zeitschrift Grazdanin zu arbeiten, gab jedoch die Stelle nach ca. einem Jahr, d. h. im April des Jahres 1874 wieder auf, um seine Zeit den eigenen Arbeiten zu widmen. In den darauffolgenden Jahren fuhrten mehrere Auslandsreisen den Schriftsteller zur Kur nach Bad Ems, da die Stadt durch ihre Quellen und Bader bekannt geworden war, denen heilende Krafte gegen diverse Erkrankungen wie z. B. Epilepsie zugeschrieben wurden. Den Gipfel seiner Karriere erreichte der Schriftsteller zweifelsohne im Zuge seiner beruhmten Puskin-Rede, die er 1880 anlasslich der Einweihung des Puskin-Denkmals in Moskau hielt. Die Rede, in der Dostoevskij den Dichter Puskin als eine aufierordentliche, einzigartige, prophetische Erscheinung bezeichnete, verfehlte nicht ihren Eindruck beim Publikum. Turgenev, sein langjahriger Feind, soll ihn mit Tranen in den Augen umarmt haben.29 Fedor Michajlovic Dostoevskij starb am 28. Januar 1881 nach einem durch ein Lungenemphysem hervorgerufenen Blutsturz und wurde im Alexander-Nevski-Kloster in Sankt Petersburg beigesetzt.

4. Dostoevskij und der Realismus

Der Realismus ging aus dem angespitzten Spannungsverhaltnis der russischen Schriftsteller zu den politischen und sozialen Gegebenheiten des Zarenreiches hervor. Seit Belinskij entwickelte sich die Literaturstromung des Realismus30 zur fuhrenden Richtung in der russischen Literatur, deren Grundakkord durch die Naturliche Schule31 angestimmt wurde. Ursprunglich war der Literaturkritiker Belinskij ein Vertreter der durch den Philosophen Schelling beeinflussten idealistischen Kunstauffassung, wandelte jedoch seine Ansichten unter dem Einfluss, den die Werke von Gogol'32 33 auf ihn ausubten. Belinskij zufolge, der ein Gegner des L'art-pour-l'art-Prinzips33 war, bestand das Wesentliche des Realismus nicht nur darin, die aufiere Welt so wiederzugeben, wie sie ist, sondern auch die Realitat in all ihren Facetten, d. h. selbst ihre abstofienden und hasslichen Aspekte, zu veranschaulichen.34 So forderte er in seinem Essay O russkoj povesti i povestjach g. Gogolja nicht ein Ideal des Lebens, sondern das Leben selbst, wie es ist, wiederzugeben. In der Praxis fuhrte dies dazu, dass sich Schriftsteller, die der Naturlichen Schule angehorten, uberwiegend auf die untere Schicht bezogen und kleine Beamte, Handler, Handwerker etc. im Mittelpunkt ihrer Interessen standen. Der Erfolg der Naturlichen Schule resultierte aus der Nahe zu aufierliterarischen Wahrnehmungsmechanismen: Die Leser der Romane konnten sich prinzipiell in der lebensecht dargestellten Wirklichkeit wiederfinden.

Dostoevskij aber kritisierte die Naturliche Schule und vertrat die Ansicht, dass diesem Grundgedanken von den Vertretern des Realismus nur ungenugende Beachtung geschenkt wurde, da sie in der Regel nur den irrelevanten Teil der Wirklichkeit thematisierten.35 Aus diesem Grund fasste er den Entschluss, seine Richtung von der realistisch-naturalistischen Schule zu unterscheiden und nannte seine Geisteshaltung fortan ,,tiefen Realismus“. Der tiefe und der naturalistische Realismus unterscheiden sich primar dadurch, dass ersterer beabsichtigt, die gesamte Wirklichkeit der Seele und nicht nur die aufiere Realitat einzufangen. Folglich bestand Dostoevskijs Intention stets darin, die Tiefen der menschlichen Seele erkennen zu lassen, d. h. „in die Vorgange des Gefuhlslebens, der Willensentscheidungen und des Unbewussten hinabzuleuchten und die Entstehung der menschlichen Handlung zu verfolgen“ (Lauth 1950: 29). Aus diesem Grund wurde Dostoevskij auch als Psychologe bezeichnet, worauf er aber bescheiden mit den Worten, dass er nur ein Realist im hoheren Sinne sei, antwortete.36

Wahrend seiner schriftstellerischen Laufbahn verfasste Dostoevskij mehrere Romane, Novellen und Erzahlungen wie Brat'ja Karamazovy, Krotkaja und Idiot37, in denen der Grundgedanke des tieferen Realismus widerspiegelt wird. Der Inhalt des Prosawerks Zapiski izpodpol'ja soll im nachsten Abschnitt naher erlautert werden.

5. Zapiski izpodpol'ja

5.1. Inhaltsangabe

In dem kurzen Roman Zapiski izpodpol'ja38, der aus zwei Teilen besteht und zum ersten Mal 1864 in der Monatszeitschrift Epocha erschien, handelt es sich um eine Niederschrift eines entlassenen Beamten.

Der erste Teil (Podpol'e) des Romans beginnt mit einer Offenbarungsschrift des Protagonisten, die einer Beichte gleicht. Der Ich-Erzahler, ein verarmter ehemaliger Kanzleiangestellter, dessen Name dem Leser vorenthalten wird, ist ein etwa 40-jahriger Mann, der den Dienst quittiert hat und nunmehr von der Einnahme aus einer Erbschaft lebt. Seine Niederschrift verfasst er in einer Souterrainwohnung bzw. einem Kellerloch in Sankt Petersburg. Obwohl der Ich-Erzahler gleich zu Beginn dem Rezipienten anvertraut, ein kranker, bosartiger und abstofiender Mensch zu sein39, gesteht er wenige Seiten weiter, dass er sich aus Bosheit verleumdet hat und es nicht fertigbringen konnte uberhaupt etwas zu werden.40 Anschliefiend beginnt er, uber das Leben, die Rache, die Vernunft sowie die Gluckseligkeit zu rasonieren und versucht sich und seine Ansicht vor dem Leser zu rechtfertigen. Ferner raumt der Ich-Erzahler aus Zapiski iz podpol'ja ein, dass er - wenn er auch so schreibe, als wendete er sich an den Leser - nur zum36 37 38 39 40

Schein das imaginare Publikum anspricht. Er erklart, dass er sich beim Niederschreiben seiner Aufzeichnungen keinen Zwang auferlegen lassen mochte und sich aus diesem Grund weder an eine Ordnung, noch ein System halten wird.41 Zum Ende des ersten Teils spricht der Rasoneur das Wetter an und weist daraufhin, dass ein truber, verschneiter Tag in Sankt Petersburg herrscht. Der nasse Schnee, der zugleich der Titelgeber des zweiten Teils ist, erinnert den Kellerlochmenschen an einen Vorfall, den er nicht vergessen kann und uber den er in den folgenden Seiten berichtet.

Im zweiten Teil des Romans, der den Titel Po povodu mokrogo snega tragt und dem Nikolaj Nekrasovs Gedicht Kogda iz mraka zabluzdenija als Motto vorangestellt ist, resumiert der Ich-Erzahler unterschiedliche Ereignisse aus seinem Leben. So beschreibt er ein Zusammentreffen mit seinen ehemaligen Schulfreunden, die im Gegensatz zu ihm eine beruflich hohe Position bekleiden. Beim Treffen wird der Protagonist von seinen alten Schulkameraden, zu denen er selbst wahrend der Schulzeit kein gutes Verhaltnis pflegte, nicht beachtet und herablassend behandelt. Tief gekrankt uber die Verachtung seiner Person, fordert er Ferfickin, einen seiner alten Mitschuler, zum Duell heraus, entschuldigt sich jedoch kurz darauf und bittet ihn um Verzeihung. Nach diesem gescheiterten Streitversuch folgt der erniedrigte Erzahler seinen Schulfreunden ins Bordell und unternimmt den Versuch, seinen Frust bei Liza, eine zwanzigjahrige Prostituierte, auszulassen. Hierbei halt er ihr zunachst eine Moralpredigt und stellt sich als ein Retter dar. Als Liza, ergriffen von seinen Worten, nicht nur seelischen Schmerz empfindet, sondern auch in Tranen ausbricht, mokiert er sich uber ihr Elend, reicht ihr seine Adresse und nimmt Abschied. In den Tagen darauf wartet der Protagonist vergeblich auf sie. Als es dann zum erwarteten Besuch kommt, offenbart er Liza weinend sein wahres Ich und sie erkennt, dass der Ich-Erzahler ein unglucklicher Mensch ist, dessen Zustand eigentlich schlimmer ist als der ihre.42 Letztendlich vertauschen sich die Rollen und wahrend Liza in seinen Augen zu einer Heldin wird, ist er nun ein ,,erniedrigtes und zerstortes Geschopf wie sie in jener Nacht - vor vier Tagen“ (Dostojewskij 1984: 138). Nach einer leidenschaftlichen Umarmung, schenkt sie sich ihm und der Protagonist vollzieht einen zweiten Racheakt, indem er sie anschliefiend dafur bezahlt. Dieses Verhalten des Ich-Erzahlers fuhrt dazu, dass sich Liza von ihm verabschiedet und das Geld, das er ihr in die Hande gedruckt hat, unbemerkt auf den Tisch zurucklegt. Der geschlagene Protagonist rasoniert noch kurz; er erweckt den Anschein verzweifelt zu sein und denkt, dass es ein Fehler war, mit der Niederschrift begonnen zu haben. Ferner betrachtet der Ich-Erzahler diese reinigenden Aufzeichnungen als eine Korrektionsstrafe und nicht als Literatur, da er sich wahrend des Schreibens ununterbrochen geschamt hat.43 Er beendet diese mit den Worten: „Aber genug - ich habe keine Lust mehr, >aus dem Kellerloch< zu schreiben...“ (Dostojewskij 1984: 145).

5.2 Die Darstellungsform des Romans

Das Konstruktionsprinzip des Romans - insbesondere der erste Teil - kann als ein Disput des Protagonisten betrachtet werden, der zwar kontinuierlich sich selbst anklagt, in der Realitat jedoch auf der Suche nach Anerkennung ist. Eine erzahlte Handlung ist nicht vorhanden; es liegt lediglich eine Erzahlgegenwart mit der Selbstbezichtigung des Protagonisten vor. Der Erzahltypus des ersten Teils gleicht einem quasi-dialogischen Erzahlmonolog44: Es gibt keinen realen Gesprachspartner, der eingreifen konnte, sondern nur einen imaginaren Adressaten, einen fiktiven Leser, der lediglich in der Vorstellung des Sprechers existiert. So behauptet der Kellerlochmensch fur sich selbst zu schreiben und betont, dass er sich nur zum Schein an den Zuhorer wendet, weil ihm dadurch das Notieren seiner Erinnerungen leichter fallt. Heinrich Heines' Aussage, dass zuverlassige Autobiographien etwas Unmogliches seien, gibt der Ich-Erzahler zwar seine Zustimmung, verdeutlicht aber, dass diese Aufierung nur auf Menschen zutrifft, die fur die Leser schreiben.45 Er dahingegen werde nie Leser haben und konne folglich aufrichtig sein und stets die Wahrheit sagen. Im Laufe seiner Aufzeichnungen spricht der Kellerlochmensch haufig den imaginaren Leser an (,,meine Herrschaften“) und bezieht im Voraus Stellung zu denkbaren Fragen und Einwanden. Jegliche Einwurfe, die der Ich-Erzahler gegen sich vorbringt, gehen aus seinem eigenen Bewusstsein hervor. Die asthetische Wirksamkeit dieses Erzahltypus besteht darin, dass der Protagonist dem Leser verdeutlichen kann, sich allen erdenklichen Einwanden stellen zu konnen und zu wollen. Insofern hat Dostoevskij mit seinem Werk Zapiski iz podpol'ja eine ganzlich neue Gattung des Ich-Erzahlens konstituiert, die insbesondere in den funfziger Jahren des 20. Jahrhunderts florierte.46

Im Gegensatz zum ersten, entspricht der zweite Teil des Werks nur vereinzelt dem Typus des Erzahlmonologs. Er kann als eine Novelle in Memoirenform betrachtet werden, zumal derselbe fiktive Ich-Erzahler wichtige Ereignisse aus seinem Leben schildert, die zeitlich weit zuruckliegen. Schmid (1973: 258) zufolge gleicht die Erzahlstruktur die des Romans Podrostok, der 1875 veroffentlicht wurde: Zum einen tritt in diesem Teil neben der Erzahlgegenwart auch eine Handlungsgegenwart ein und zum anderen werden die Elemente des spontanen, lebendigen, mundlichen Monologs uberwiegend durch die abstandnehmende, ordnende, schriftliche Erzahlweise ersetzt. Nichtsdestotrotz fungiert die gleichbleibende psychologische Motivation des monologisierenden Ich als ein gemeinsamer Nenner zwischen den beiden voneinander abweichenden Teilen des Romans. Die zwei Erzahlabschnitte werden durch die aus grofiem Stolz entspringende, intendiert despektierliche Selbststilisierung miteinander verknupft.47 Der folgende Abschnitt widmet sich diesem monologisierendem Ich und versucht die Charakterzuge des Ich-Erzahlers herauszuarbeiten.

5.3 Der Kellerlochmensch

5.3.1 Wer ist der Kellerlochmensch?

In einer Fufinote zum ersten Kapitel schreibt Dostoevskij:

Sowohl der Autor dieser Aufzeichnungen als auch die Aufzeichnungen selbst sind erdacht. Nichtsdestoweniger sind Menschen wie der Verfasser dieser Aufzeichnungen nicht nur denkbar, sondern unausbleiblich, wenn manjene Verhaltnisse in Betracht zieht, unter denen unsere Gesellschaft sich gebildet hat. Ich wollte dem Publikum deutlicher, als es sonst zu geschehen pflegt, einen Reprasentanten der jungst verflossenen Vergangenheit vor Augen stellen. Er gehort zu der noch in unsere Tage ragenden Generation. (Dostojewskij 1984: 3)

Der vierzigjahrige Protagonist ist also kein historisch, sozial oder lokal typischer Charakter, sondern ein fingierter Reprasentant der aussterbenden Generation Dostoevskijs, der einen allgemeinmenschlichen Standpunkt verkOrpert.48 Er steht folglich stellvertretend fur die Menschen der vierziger Jahre, bei denen die Idee des utopischen Sozialismus grofie Begeisterung hervorrief. In Anbetracht der Tatsache, dass der Kellerlochmensch ein „Jedermann“ ist und damit eine moglichst gute Identifizierung des Lesers mit dem Protagonisten gewahrleisten werden kann, verleiht Dostoevskij dem Kellerlochmenschen keinen Namen. Diesen benotigt er jedoch auch nicht, da er sich weniger durch seinen Namen auszeichnet als durch seine Personlichkeit, die im Folgenden ausfuhrlich dargelegt werden soll.

[...]


1 vgl. Hoetzsch 1949: 86.

2 vgl. Luck/Schildt 2000: 508.

3 vgl. Basilewitsch 1949: 99.

4 vgl. Hoetzsch 1949: 97.

5 vgl.Lauer2009:98.

6 vgl.Lauer2009:99.

7 vgl. Hoetzsch 1949: 105.

8 vgl. Hoetzsch 1949: 106.

9 Dekabristen waren eine Gruppe von Offizieren und Soldaten, die die Abschaffung der Leibeigenschaft sowie der Zensur und die Ausrufung einer Verfassung forderten. Aus diesem Grund verweigerten sie am 26. Dezember den Eid auf den neuen Zaren Nikolaus I. und wollten diesen sturzen.

10 vgl. Basilewitsch 1949: 171.

11 In der Mitte des 19. Jahrhunderts war Russland das einzige europaische Land, das die Leibeigenschaft noch nicht abgeschafft hatte.

12 Die Zeitschrift Sovremennik wurde 1836 von Puskin gegrundet und nach seinem Tode von Freunden weitergefuhrt.

13 vgl. Mobius 2015: 197.

14 Die Intelligenzija war eine zumeist aus Angehorigen nichtadliger Familien bestehende oppositionelle Gruppe.

15 Kjetsaa (1986: 11) zufolge leitet sich der Familienname des Schriftstellers von dostojnyj her, dem russischen Wort fur „wurdig“, „verdienstvoll“.

16 vgl. Kjetsaa 1986: 20.

17 vgl. Kjetsaa 1986: 30.

18 vgl. Kjetsaa 1986: 40.

19 Dostoevskij schrieb uber die Entstehung dieses Romans, dass der Grundgedanke eine Art Vision gewesen sei, als er in Sankt Petersburg uber sein eigenes Leben reflektierte (Braun 1976: 29).

20 Es wird weitgehend angenommen, dass die Entdeckung Dostoevskijs der Verdienst von Belinskij war. Der Literaturkritiker erkannte in Dostoevskij den Nachfolger Gogol's, vertrat aber die Ansicht, dass jedes nach Bednye Ljudi erschienene Werk als ein Beweis von Dostoevskijs Niedergang zu betrachten sei (Waegemans 1998: 107).

21 Der russische Denker und utopische Sozialist Michail Petrasevskij (1821-1866) war Begrunder des revolutionaren Petrasevskij-Kreises.

22 Hierbei handelte es sich um einen von Belinskij aus Salzbrunn an Gogol' geschriebenen Brief, der als ein kriminelles Schreiben eingestuft wurde, da er zum Sturz der Autokratie aufrufe.

23 vgl. Onasch 1960: 46.

24 vgl. Lauth 1950: 17.

25 vgl. Onasch 1960: 51.

26 Braun (1976: 95) schreibt, dass die erste Ehe eine ungluckliche Lebensgemeinschaft war und der Tod seiner hoffnungslos kranken Frau eher eine Erlosung als einen Trauergrund fur den Schriftsteller darstellte. Dahingegen war der plotzliche Tod des Bruders fur Dostoevskij ein schwerer Schlag, da er sowohl aus materieller als auch aus moralischer Sicht stets auf die Unterstutzung seines Bruders zahlen konnte.

27 vgl. Kjetsaa 1986: 230.

28 vgl. Muller 1998: 40.

29 vgl. Muller 1998: 42.

30 Der Realismus folgte in der russischen Literaturgeschichte der Romantik und ging dem Symbolismus voraus. In der europaischen Literatur wird der Beginn des Realismus auf 1830 und das Ende auf 1880 festgelegt(Schahadat 2015: 108).

31 Die Naturliche Schule (natural'naja skola) ist in der Literaturgeschichte auch als Gogol'-Schule bekannt.

32 Belinskij betrachtete Gogol' als ,,den fuhrenden Kopf der damaligen russischen SchriftsteUer“ (Waegemans 1998: 105), der seiner Ansicht nach den Wegbreiter der realistischen Literatur darstellte.

33 Mit der Redewendung L'art-pour-l'art, die 1836 von dem Philosophen Victor Cousin gepragt wurde, wird ausgedruckt, dass die Kunst ein Selbstzweck ist und keine bestimmte Absicht verfolgt.

34 Nahere Informationen zum Kern von Belinskijs Auffassung von Literatur und Kunst in Waegemans (1998: 105).

35 vgl. Lauth 1950: 26.

36 vgl. Dostojewski 1963: 619.

37 Idiot stellt mutmafilich das autobiographischste Werk Dostoevskijs dar (vgl. Kjetsaa 1986: 277).

38 Dostoevskijs Roman wurde in unterschiedliche Sprachen ubersetzt. Fur den Titel des Werks existieren im Deutschen diverse Varianten wie z. B. Rudolf Neuhauser ,,Aufzeichnungen aus dem Untergrund“ oder Wolf Schmid ,,Aufzeichnungen aus dem Kellerloch“. Unter den englischen Ubersetzungen sind unter anderem Nabokov ,,Memoirs from a Mousehole“ oder ,,Memoirs from Under the Floor“ zu finden.

39 vgl. Dostojewskij 1984: 3.

40 vgl. Dostojewskij 1984: 5.

41 vgl. Dostojewskij 1984: 45.

42 vgl. Dostojewskij 1984: 135.

43 vgl. Dostojewskij 1984: 143.

44 Der quasi-dialogische Erzahlmonolog unterscheidet sich vom echten Dialog dadurch, dass nur eine reale Sprechinstanz gegenwartig ist (Schmid 1973: 257). Diesen Erzahltypus wandte Dostoevskij auch in seiner Erzahlung Krotkaja an, die 1876im Novemberheft von Dnevnikpisatelja erschien.

45 Als Beispiel diene Jean-Jacques Rousseaus autobiographisches Werk Confessions, in dem er sich aus Eitelkeit selbst verleumdet haben soll (vgl. Dostojewskij 1984: 44).

46 vgl. Schmid 1973: 255.

Ende der Leseprobe aus 56 Seiten

Details

Titel
Der Aufstand gegen die Vernunft in Fedor Doetoevskijs "Zapiski iz podpol'ja"
Hochschule
Johannes Gutenberg-Universität Mainz
Note
2,0
Autor
Jahr
2018
Seiten
56
Katalognummer
V426477
ISBN (eBook)
9783668708983
ISBN (Buch)
9783668708990
Dateigröße
633 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
aufstand, vernunft, fedor, doetoevskijs, zapiski
Arbeit zitieren
M.o.A. Fatma Betül Akcora (Autor), 2018, Der Aufstand gegen die Vernunft in Fedor Doetoevskijs "Zapiski iz podpol'ja", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/426477

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