Die Sturmstillung. Eine neutestamentliche Exegese von Mt 8, 23-27


Quellenexegese, 2017

30 Seiten, Note: 1,7

Anonym


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Übersetzung Mt 8,23-27

3. Textkritik

4. Textanalyse
4.1 Sprachlich-syntaktische Analyse
4.2 Semantische Analyse
4.3 Narrative Analyse
4.4 Pragmatische Analyse
4.5 Kohärenz und Kohäsion

5. Synoptischer Vergleich und Literarkritik

6. Formgeschichte

7. Begriffs- und Motivgeschichte

8. Religionsgeschichtlicher Vergleich

9. Redaktionsgeschichte

10. Zusammenfassung

11. Literaturverzeichnis
11.1 Quellen
11.2 Hilfsmittel
11.3 Sekundärliteratur

1. Einleitung

Die Bibellektüre fällt in der heutigen Zeit häufig insbesondere dann schwer, wenn man auf Wundererzählungen stößt, denn die Historizität von Wundern sowie die Vereinbarkeit mit natur- und humanwissenschaftlichen Erkenntnissen sind strittig.1 Ob es nun ein Heilungs- oder Naturwunder ist, unser Verstand lässt uns vor diesen Erzählungen zurückweichen, weil wir der Ansicht sind, alles mit unserem Denken begreifen können zu müssen, damit es wahr sein kann. Alles, was wir nicht mit eigenen Augen gesehen haben oder durch Überlegung beweisen können, ist nicht existent oder eine Lüge. Der zunehmende Fortschritt unserer Gesellschaft, gerade in Naturwissenschaft und Technik, lässt uns an der Glaubwürdigkeit biblischer Texte zweifeln oder diese sogar als Unsinn abtun.2 Durch den rasanten Erkenntnisgewinn der letzten Jahrhunderte wurden die Welt und wir selbst entmythologisiert, unsere Betrachtung der Dinge wurde nüchterner und wir glauben, für alles in dieser Welt eine rationale Erklärung zu haben. So wird auf die Wundererzählungen der Bibel oft als Beweis dafür verwiesen, dass der Glaube an einen Gott und dessen Macht längst überholt und nur Phantasterei sei, die den Fortschritt und das moderne Denken nur bremse, anstatt es zu befördern. Und dennoch existiert die dem Menschen innenwohnende Sehnsucht nach Wundern, die „an den vielfältigen Begrenztheiten und Unvollkommenheiten unseres Lebens und unserer Wirklichkeit entsteht“3. Es ergibt sich automatisch ein Zwiespalt zwischen dem Wunsch nach der Wahrheit im Wunder und der rationalen (?) Wirklichkeitsbetrachtung.4

Ein Naturwunder wie die Sturmstillung durch Jesus bei Matthäus trägt genau diese Problematik in sich. Was kann diese Erzählung aus der Antike für eine Wahrheit für den heutigen skeptisch denkenden Menschen beinhalten, wenn sie doch in den Augen der modernen Wissenschaft nicht viel mehr ist als ein Märchen? Hat sie überhaupt noch eine Bedeutung für die heutige Zeit und den Leser selbst? Mit dieser Exegese der Sturmstillungsperikope bei Matthäus soll ein Versuch unternommen werden, eine plausible Antwort auf diese Fragen zu finden und dem Wunder Jesu aus einer modernen Perspektive eine Chance auf neue Betrachtungsweisen zu geben.

2. Übersetzung Mt 8,23-27

Καὶ ἐμβάντι αὐτῷ εἰς τὸ πλοῖον ἠκολούθησαν αὐτῷ οἱ μαθηταὶ αὐτοῦ. καὶ ἰδοὺ σεισμὸς μέγας ἐγένετο ἐν τῇ θαλάσσῃ, ὥστε τὸ πλοῖον καλύπτεσθαι ὑπὸ τῶν κυμάτων, αὐτὸς δὲ ἐκάθευδεν. καὶ προσελθόντες ἤγειραν αὐτὸν λέγοντες· κύριε, σῶσον, ἀπολλύμεθα. καὶ λέγει αὐτοῖς· τί δειλοί ἐστε, ὀλιγόπιστοι; τότε ἐγερθεὶς ἐπετίμησεν τοῖς ἀνέμοις καὶ τῇ θαλάσσῃ, καὶ ἐγένετο γαλήνη μεγάλη. οἱ δὲ ἄνθρωποι ἐθαύμασαν λέγοντες· ποταπός ἐστιν οὗτος ὅτι καὶ οἱ ἄνεμοι καὶ ἡ θάλασσα αὐτῷ ὑπακούουσιν;5

Und als er in das Boot gestiegen war, folgten seine Jünger ihm. Und siehe, es entstand auf dem See ein großes Beben, sodass das Boot von den Wellen überdeckt wurde, er aber schlief. Und sie kamen zu ihm heran, weckten ihn auf und sprachen: „Herr, rette uns, wir gehen zugrunde!“ Und er spricht zu ihnen: „Was seid ihr furchtsam, ihr Kleingläubigen?“ Dann erhob er sich und tadelte die Winde und den See, und es entstand eine große Stille. Die Menschen aber wunderten sich und sagten: „Was ist dieser für einer, dass sowohl die Winde als auch der See ihm gehorchen?“

3. Textkritik

Die soeben übersetzte Perikope beinhaltet zwei textkritische Probleme, beginnend mit Vers 25. Sowohl von der zweiten Korrektur des Codex Ephraemi Syri rescriptus, als auch durch die Codices Cyprius, Regius, Tischendorfianus und Sangallensis wird die Lesart „οἱ δὲ ἄνθρωποι ἐθαύμασαν λέγοντες ποταπός ἐστιν οὗτος ὅτι καὶ οἱ ἄνεμοι καὶ ἡ θάλασσα αὐτῷ ὑπακούουσιν;“ belegt. Diese Lesart findet sich ebenfalls in der Handschriftengruppe f13 und in einigen Minuskeln. Der ursprüngliche Text des Codex Ephraemi Syri rescriptus und die Codices Freerianus und Coridethianus, sowie auch die Minuskelfamilie f1 und die Minuskel 1424 überliefern zusätzlich noch αὐτοῦ nachgestellt nach μαθηταί. Die Lesart, der das NTG28 folgt und in der weder αὐτοῦ noch μαθηταί enthalten sind, sind in weitaus weniger Texten belegt, so z.B. im Codex Vaticanus und im Codex Sinaiticus. Somit spricht zwar die quantitative Bezeugung nicht für die Lesart des NTG28, die qualitativ bessere Überlieferung der Textzeugen jedoch legt eine Bevorzugung nahe. Die Lesart des NTG28 folgt den wesentlich älteren (4. Jh.) Codices, welche zudem noch der Kategorie I zugeordnet wurden.6 Außerdem ist die Bezeugung durch die Minuskelhandschrift 33 (Kategorie II) wahrscheinlich. Die erste Möglichkeit der Lesart hingegen findet ihre Bezeugung nur in Handschriften geringerer Wertigkeit (Ephraemi Syri rescriptus und Regius Kategorie II, Sangallensis und f13, sowie Tischendorfianus und Cyprius Kategorien III und V). Die durch αὐτοῦ ergänzte Variante ist allein in den Codices der Kategorien II und III (Ephraemi Syri rescriptus, Coridethianus, ebenso Freerianus und f1) bezeugt. Somit ist zu konstatieren, dass die äußeren Kriterien ganz deutlich für die Lesart des NTG28 sprechen. Bezüglich der inneren Kriterien der Textkritik lässt sich zudem sagen, dass aufgrund der lectio brevior potior die Lesart des NTG28 zu wählen ist.

4. Textanalyse

Im Folgenden soll die Struktur des vorliegenden Textes im Hinblick auf die sprachlich-syntaktische, semantische, narrative und pragmatische Form analysiert werden, um im Anschluss daran dann noch auf Kohärenz und Kohäsion einzugehen.

Die Sturmstillungsperikope im Matthäusevangelium reiht sich in eine Vielzahl von Wundergeschichten im Anschluss an die Bergpredigt ein. Dazu zählen die Heilung eines Aussätzigen, die der Schwiegermutter des Petrus, sowie die Heilung von zwei Besessenen. Im Makrokontext ist die Perikope zwischen der Bergpredigt (5,1-7,29) und der Aussendungsrede (9,35-11,1) eingebettet. Wie bereits erwähnt, befassen sich die dazwischenliegenden Verse hauptsächlich mit der Wundertätigkeit Jesu. Zusätzlich ist zu erwähnen, dass im Matthäusevangelium eine ähnliche Passage existiert, in der die Jünger allein in Seenot geraten. Jesus wandelt in der Erzählung dann auf dem Meer und als die Jünger dies sehen, erschrecken sie fürchterlich und halten Jesus für ein Gespenst, worauf hin er sich zu erkennen gibt und sie auffordert, sich nicht zu fürchten. Petrus aber bleibt skeptisch und will selbst auf dem Wasser zu Jesus gehen, um einen Beweis für dessen Identität zu haben. Hier, ebenso wie in der Sturmstillungsperikope, wird der Zweifel und Kleinglaube der Jünger thematisiert. Die an beiden Stellen verwendete Bezeichnung der Jünger als ὀλιγόπιστοι ist eine gebräuchliche Formulierung bei Matthäus und wurde aus Q übernommen.7

Bei der Sturmstillung kann die Betonung des Wunders an sich als geringer als die Botschaft, dass die Jünger ihren „Kleinglauben“ ablegen und Jesus vertrauensvoll nachfolgen sollen, betrachtet werden. Die Aufforderung zum festen Glauben, den auch kein Sturm erschüttern kann, wird durch das Wunder ins Zentrum gestellt und knüpft an die Lehre Jesu an.8

Die Sturmstillungsperikope kann auch geographisch in das Wirken Jesu während seiner Reise bzw. Wanderung durch Galiläa und Judäa eingeordnet werden. Diese Gliederung nach geographischen Gesichtspunkten nimmt auch beispielsweise Lukas Bormann in seiner Bibelkunde vor und beschreibt die Kapitel 8-9 treffend als „Jesu große Taten“.9 Anschließend an die Bergpredigt zieht Jesus durchs Land und begegnet auf diese Weise an verschiedenen Orten Menschen, die seiner Heilung bedürfen. Er gelangt schließlich zum See Genezareth und will mit einem Boot zum gegenüberliegenden Ufer übersetzen. Zuvor erläutert Jesus jedoch Fragen bezüglich der Nachfolge und steigt schließlich zu Beginn der Perikope selbst in das Boot, wodurch erneut wie schon durch seine Wanderung durchs Land ein Ortswechsel herbeigeführt wird. Die Personenkonstellation bleibt allerdings die gleiche, es sind nach wie vor seine Jünger um ihn geschart. Zeitlich gesehen schließt die Sturmstillungsperikope direkt an die vorherige an, es entsteht folglich keine zeitliche Zäsur oder dergleichen. Thematisch betrachtet findet ein nahtloser Wechsel von der Unterweisung der Jünger hin zur Nachfolge statt. In der danach folgenden Perikope ereignet sich zunächst erneut ein Ortswechsel, wenn die Ankunft des Bootes am Ufer geschildert wird. Weiterhin findet auch ein Figurenwechsel statt, da nun in zeitlich fließendem Übergang zwei Besessene auftreten und so wieder die Thematik der Wunderheilung in den Fokus tritt. Die Sturmstillungsperikope ist folglich eingerahmt durch die Thematik der Nachfolge, die schon auf die Jüngerrede in Kapitel 10 vorausdeutet, und die der Wunderheilung durch Jesus.

Betrachtet man die Verse 23-27 genauer, wird erkennbar, dass sich die Perikope in vier Teile gliedern lässt. Zu Beginn führt Vers 23 in die Thematik ein, indem Ort des Geschehens sowie die beteiligten Personen, Jesus und die Jünger (οἱ μαθηταί αὐτοῦ), genannt werden. Daraufhin wird im nächsten Vers die Situation beschrieben, in der sich die Personen befinden. Ein gewaltiger Sturm hat das Boot in Seenot gebracht (Vers 24). Der dritte Abschnitt, eingeleitet durch die abgrenzende Partikel δέ noch in Vers 24, beinhaltet die unerwartete Reaktion Jesu auf die Seenot (er schläft), die Bitte der Jünger, er möge sie aus der Gefahrensituation erretten, Jesu Antwort auf diese Bitte, sowie den Höhepunkt der Erzählung, nämlich die plötzliche Beendigung des Sturmes und damit auch der Seenot der Jünger durch Jesus (Vers 25-26).10 Der letzte Abschnitt ist dann Vers 27, in dem das Staunen der Jünger über Jesus und dessen besondere Macht über die Natur zum Ausdruck kommen. Die erneute Verwendung der Partikel δέ erscheint hier als starkes Gliederungsmerkmal, sowie auch der Wechsel des Subjekts, das nun nicht mehr Jesus als handelnde Person ist, sondern ἅνθρωποι als neues Subjekt eingeführt werden, wodurch die Erzählebene durchbrochen wird, da das Volk nicht anwesend ist und eigentlich nur die Jünger bei Jesus sind.11 Deshalb erscheint es plausibel, den letzten Vers als eigenen Abschnitt zu betrachten.

4.1 Sprachlich-syntaktische Analyse

Zur sprachlich-syntaktischen Analyse lässt sich sagen, dass die vorherrschenden Wortarten in der Sturmstillungsperikope eindeutig Substantive, Verben und Pronomen sind. Die Sätze sind sehr parataktisch gehalten, da sie hauptsächlich aus Subjekten, Objekten und Verben bestehen. Dieser Stil lässt die Erzählung klar und unmissverständlich wirken, sodass wesentliche Inhalte deutlich werden. Neben zwei Fragesätzen (Verse 26 und 27) und einem Imperativ (Vers 25) dominieren die Perikope einfache Aussagesätze, die mit zwei Ausnahmen Hauptsätze ohne untergeordnete Nebensätze sind.12 Handelnde Personen werden häufig auch nur mit Endungen der Verben oder Pronomen ausgedrückt, nicht einmal der Name Jesu oder die Namen der Jünger werden genannt.13 Das verwendete Vokabular deckt sich allgemein mit dem des Neuen Testaments.14 Auffällig ist außerdem die insbesondere für Matthäus typische Verwendung von der Interjektion καὶ ἰδοὺ.15

Das hauptsächlich verwendete Tempus in der Perikope ist der Aorist, der für punktuelle Handlungen in der Vergangenheit genutzt wird und den Rahmen der Erzählung bildet. In der direkten Rede wechselt das Tempus jedoch hin zum Präsens. In Vers 24 tauchen als Abweichung davon das Imperfekt ἐκάθευδεν und der Infinitiv Präsens καλύπτεσθαι auf, in Vers 25 der bei Gebeten und Anrufungen klassisch gebräuchliche Imperativ Aorist σῶσον. Die Verwendung des Imperfekts soll vermutlich zusätzlich zum an sich inhaltlich schon antithetischen Aufbau den durativen Aspekt des ruhigen Schlafens Jesu im Kontrast zu der punktuellen im Aorist formulierten Seenot durch den aufkommenden Sturm ausdrücken. Der Wechsel zum Präsens in der direkten Rede Jesu durchbricht die Zeitstruktur der Perikope und könnte gerade deshalb verwendet worden sein, um der Frage eine solche Lebendigkeit und Ausdruckskraft zu verleihen, dass sie auch auf den heutigen Leser noch als direkte Ansprache wirkt. Zudem könnte die präsentische Form auch ein Hinweis auf die Situation in der damals gegenwärtigen Gemeinde sein. Für Schweizer geht es um „das praktische Versagen trotz allem grundsätzlichen Ja zu Gott“16, während Bornkamm die Situation der Jünger als „Sinnbild der Bedrängnis der Jüngerschaft Jesu“17 erachtet. Finite Verbformen finden sich allein in der wörtlichen Rede Jesu, während die wörtlichen Äußerungen der anderen Personen dagegen mit einer Partizipialkonstruktion ausgedrückt werden.

Weiterhin ist auf die häufige polysyndetische Verwendung der Konjunktion καὶ hinzuweisen, durch die die bereits erwähnte parataktische Struktur deutlich hervortritt. Ebenso interessant ist der parallele Aufbau in zwei Sätzen (Verse 24 und 26), in denen sowohl καὶ als auch ἐγένετο und eine Form von μέγας auftreten, wodurch eine Klammer um das Gespräch zwischen Jesus und den Jüngern gelegt wird. Die von den Jüngern empfundene Bedrohlichkeit der Situation wird durch ein Asyndeton bei σῶσον und ἀπολλύμεθα hervorgehoben.

4.2 Semantische Analyse

Für die semantische Analyse soll ein Blick auf bestimmte Begriffe, Themen und Motive geworfen werden, die verstärkt in der Sturmstillungsperikope auftreten.

Die Perikope lässt sich in sechs bis sieben kleinere Wortfelder gliedern: Meer, (See-) Not, Macht, Zweifel, Nachfolge und allgemein Worte in Verbindung mit Bewegung im Gegensatz zu dem dazu antithetisch aufgebauten Wortfeld der Ruhe. Es wäre ebenso möglich, die Wortfelder gröber nach einem allgemeineren Schema zu ordnen, indem man die drei Gruppen Jesus, Jünger und Natur benennt, ich nehme jedoch die feingliedrigere Einteilung vor.

Das größte Wortfeld ist wohl „Meer“, das insbesondere zu Beginn und nahezu am Ende der Perikope auftritt.18 Damit verknüpft ist das Wortfeld der (See-) Not, das sich insbesondere an σώζω, ἀπόλλυμι (V. 25), δειλός (V. 26), σεισμός (V. 24) und auch καλύπτω (V. 24) festmachen lässt. Beide Wortfelder sind im Bereich der Natur zu verorten, wobei „Not“ eher in Bezug auf die Jünger verwendet wird. In Bezug auf Jesus dagegen wird zunächst ein anderes Wortfeld, nämlich das der Ruhe bzw. des Schlafens eröffnet, wie sich an καθεύδω (V. 24), ἐγείρω (V. 25.26) und γαλήνη (V. 26) zeigt. Das Schlafen ist „Bestandteil der Topik des Rettungswunders, dient andererseits […] dem Motiv des Jüngerunverständnisses“19. Einen antithetischen Gegensatz bilden καθεύδω und ἐγείρω, wobei zu überlegen wäre, ob ἐγείρω schon die Bedeutung der nachösterlichen Auferstehung Jesu in sich tragen könnte, denn schon hier sollen die Jünger sich nicht fürchten. Interessant ist außerdem, dass die Gegensätzlichkeit der Darstellung bei σεισμός und γαλήνη (was im Übrigen ein Hapaxlegomenon bei Matthäus darstellt) für den Leser förmlich hörbar wird, wenn er das laute Grollen des Bebens durch plötzliche Stille erstirbt.

Zudem existiert das Wortfeld der Macht, welches ebenso in Bezug zu Jesus steht, mit Begriffen wie z.B. κύριος (V. 25), ἐπιτιμάω (V. 26) und ὑπακούω (V. 27). Die Anrede Jesu als κύριος20 ist häufig bei Matthäus21, während Markus Jesus eher als Lehrer bezeichnet. Weitere nennenswerte Wortfelder sind die des Zweifels mit ὀλιγόπιστος (V. 26) und θαυμάζω (V. 27) oder auch das der Bewegung im Allgemeinen, zu dem ἐμβαίνω, ἀκολουθέω (V. 23) und προσέρχομαι (V. 25) zählen.

Zu Beginn der Perikope wird deutlich, dass es um die Thematik der Nachfolge geht. Das Verb ἀκολουθέω, das ursprünglich mit „jemandem folgen“ übersetzt wurde, steht später hauptsächlich in Verbindung mit Jesusnachfolge, da ganz deutlich die meisten Belege sich auf diese beziehen.22 Die Bezeichnung der Jünger als μαθητής stellt das Verhältnis zwischen dem Lehrenden, Jesus, und den Jüngern als Schülern dar, die ihrem Lehrer „nachfolgen“.

Die genannten Wortfelder stehen nicht unverbunden nebeneinander, sondern haben einen engen inneren Zusammenhang. Meer und Seenot bedingen sich häufig gegenseitig; Ruhe und Bewegung stehen sich antithetisch gegenüber und erzeugen eine innere Spannung im Text. Die Tatsache, dass mit Jesus hauptsächlich Ruhe und Macht, mit den Jüngern dagegen eher Not bzw. Angst und Zweifel oder Kleingläubigkeit verbunden werden, lässt den Leser auf das generelle Wesen der Protagonisten schließen.

Insbesondere ist auf den Begriff ὀλιγόπιστος23 hinzuweisen, der nur fünf Mal im NT vorkommt, davon jedoch allein vier Mal bei Matthäus. Der Begriff stammt, so vermutet es Konradt, aus der Logienquelle und ist im Zusammenhang mit der matthäischen Gemeinde zu lesen.24 Es fällt auf, dass der Begriff immer als Bezeichnung für die Jünger gebraucht wird, wenn diese in prekären Situationen voller Zweifel sind und das Vertrauen in Jesus und dessen Lehre kurzzeitig angstbedingt gering ist (Vgl. Mt 6,30; 8,26; 14,31; 16,8; 17,20). Auch wenn die Jünger die Heilsbotschaft für sich angenommen haben und Jesus nachfolgen wollen, versagen sie dennoch in „Extremsituationen“ im Glauben. Der Glaube ist da, jedoch ist er schwach und „erweist sich als Scheinglaube“25. Es scheint kein völliges Verlieren des Glaubens oder ein kategorisches Ablehnen des Glaubens gemeint zu sein, denn hierfür verwendet Matthäus ἄπιστος (vgl. Mt 17,17). Der Unterschied liegt in der Vorsilbe: während erstere nur bedeutet, dass „wenig“ Glauben vorhanden ist, impliziert die zweite „ἄ-“, eine Bewegung gänzlich vom Glauben weg.

Weiterhin soll das Staunen der Jünger (θαυμάζω26 ) über die Stillung des Sturmes durch Jesus dessen Macht hervorheben. Matthäus gebraucht dieses Wort sieben Mal und stets steht es in Verbindung mit seiner Wundertätigkeit, wobei es in den meisten Fällen die umstehenden Personen sind, die über die Wunder Jesu staunen (Vgl. z.B. Mt 9,33; 21,20).

4.3 Narrative Analyse

Die Sturmstillungsperikope erhält ihre Besonderheit durch die innere Dynamik und den Spannungsbogen, den sie beinhaltet. Nach einer kurzen und doch prägnanten Einleitung erfolgt sogleich die spannungssteigernde Aktion: Der Sturm bricht los und droht, das Boot der Jünger zu versenken. Trotz des dramatischen Bildes, das erzeugt wird, ist der Sturm nicht der eigentliche Höhepunkt der Perikope. Das wird dran erkennbar, dass die Umstände und die Reaktion der Jünger auf den Sturm nicht spannungsvoll weiter erläutert werden, sondern die Darstellung knapp bleibt, um zum eigentlichen Höhepunkt voranzuschreiten, nämlich zur Stillung des Sturmes durch Jesus. Die Dynamik der Perikope besteht im Spiel zwischen Bewegung und totalem Stillstand. Erst wird eine chaotische Situation beschrieben; das Boot hin und hergeworfen. Im kompletten Gegensatz dazu schläft Jesus, so als befände er sich außerhalb der Welt um ihn herum, denn das Schaukeln des Bootes oder gar der Sturm scheint für ihn nicht existent zu sein, wodurch die Spannung noch größer wird. Dann treten die Jünger an Jesus heran und verleihen ihrer Angst Ausdruck (V. 25). Es folgt die vollkommene Stille, herbeigeführt durch die Stillung des Sturmes durch Jesu Macht.27 Es ist, als würde das eben noch so lebendige Bild angehalten, gleichsam wie das Drücken der Stopp-Taste auf einer Fernbedienung. Die bisherige Thematik der Notlage und der Angst der Jünger wird abrupt beendet, indem Jesus mit einer Frage, die jedoch die Natur einer Aussage hat, auf das Anliegen der Jünger antwortet. Dies wirkt wie eine Pause zwischen zwei unterschiedlichen Erzählungen, denn danach stillt Jesus den Sturm und lenkt die Handlung dadurch in eine andere Richtung. Es geht nicht länger um die Seenot der Jünger, sondern die Verwunderung über die Tat Jesu wird betont, indem eine erneute Frage folgt. Auch diese Frage erfährt keine Beantwortung und spricht schon für sich selbst, da sie in Beziehung zur zuvor gestellten Frage Jesu steht und zusammen mit ihr die Quintessenz der Perikope bildet. Es geht um den Zweifel an einer Wahrheit, der man sich eigentlich schon geöffnet hat, sie aber in den Turbulenzen der Geschehnisse aus den Augen verloren hat und daran erkennt, dass der Glaube noch nicht tief genug verwurzelt ist.

Zusammenfassend ist zu sagen, dass die Perikope durch die interagierenden Parteien (hauptsächlich Jesus und die Jünger), sowie insbesondere auch durch das Spiel zwischen Bewegung und Stillstand ihren Reiz und ihre besondere Spannung erhält. Die im letzten Vers genannten anderen Menschen, für deren Dasein jedoch zuvor und auch danach keine Erklärung geliefert wird, sind an der spannungsaufbauenden Interaktion eher weniger beteiligt, zumal man wie gerade erwähnt ihre Identität nicht klären kann.28

[...]


1 Vgl. Werner H. Ritter: Wundergeschichten, in: Rainer Lachmann, Gottfried Adam, Christine Reents (Hrsg.): Elementare Bibeltexte. Exegetisch, systematisch, didaktisch, Göttingen 22005, S.275f.

2 vgl. Peter Busch: Wunder, Wundertäter und Magie, in: Jürgen Zangenberg, Kurt Erlemann et al. (Hrsgg.): Neues Testament und Antike Kultur, Bd. 3: Weltauffassung – Kult – Ethos, Neukirchen 2005, S. 133.

3 Ibidem, S. 276.

4 Vgl. Jan de Vries: Magic and Religion, in: HR 1 (1962), S. 221.

5 Barbara u. Kurt Aland u.a. (Hrsgg.): Novum Testamentum Graece, Stuttgart 282012.

6 vgl. Barbara u. Kurt Aland: Der Text des Neuen Testaments. Einführung in die wissenschaftlichen Ausgaben sowie in Theorie und Praxis der modernen Textkritik, Stuttgart 21989, S. 117-37.

7 Vgl. Walter Grundmann: Das Evangelium nach Matthäus. Theologischer Handkommentar zum Neuen Testament, Leinen 1968, S. 261.

8 Vgl. David Bienert: Bibelkunde des Neuen Testaments, Gütersloh 2010, S. 67ff.

9 vgl. Lukas Bormann: Bibelkunde. Altes und Neues Testament, Göttingen 42014, S. 213.

10 Selbstverständlich könnte die eigentliche Handlung der Sturmstillung Jesu nach seiner Ansprache an die Jünger auch als zusätzlicher eigener Abschnitt betrachtet werden, da das gliedernde Temporaladverb τότε die Handlung einleitet. Dies würde jedoch die unmittelbare Aufeinanderfolge auseinanderreißen: Jesus belehrt die Jünger bezüglich ihrer Kleingläubigkeit und unterstreicht deren unbegründete Zweifel, indem er seine Macht über Wind und Meer zeigt. Wort und Tat Jesu ergänzt sich gegenseitig und ist deshalb in enger Verbindung und in einem gemeinsamen Gliederungsabschnitt zu betrachten.

11 Vgl. Ulrich Luz: Das Evangelium nach Matthäus (Mt 8-17), EKK I/2, Düsseldorf 42007, S. 21.

12 In den Versen 24 und 27 finden sich durch die Konjunktionen ὥστε und ὅτι eingeleitete Nebensätze.

13 Die Jünger werden einmal in Vers 23 lediglich als οἱ μαθηταί direkt genannt.

14 Vgl. z.B. καθεύδω oder ἐπιτιμάω am häufigsten bei den Synoptikern, ἄνεμος und θαυμάζω in den Evangelien, s. EWNT, Bd. II, καθεύδω, Sp. 544f; ibidem, Bd. II, ἐπιτιμάω, Sp. 106f; ibidem, Bd. I, ἄνεμος, Sp. 232; ibidem, Bd. II, θαυμάζω, Sp. 332-4.

15 Vgl. Ulrich Luz: Evangelium, S. 55.

16 Vgl. Eduard Schweizer: Das Evangelium nach Matthäus, Göttingen 1981, S. 143.

17 Vgl. Günther Bornkamm et al.: Überlieferung und Auslegung im Matthäusevangelium, 51968, S.52.

18 In diesem Zusammenhang wichtig: πλοῖον (V. 23,24), θάλασσα (V. 24,27), κῦμα (V. 24), σεισμός (V. 24) und ἄνεμος (V. 26,27).

19 Vgl. EWNT Bd. II, Sp. 544f.

20 Hier wäre zu überlegen, ob κύριος als Hoheitstitel betrachtet werden kann, oder ob diese Form der Anrede allein aus Förmlichkeit geschieht.

21 vgl. z.B. zusätzlich Mt 14,28; 25,37.

22 Vgl. dazu EWNT Bd I, ἀκολουθέω, Sp. 118.

23 Vgl. dazu EWNT, Bd. II, ὀλιγόπιστος, Sp. 1238.

24 Vgl. Matthias konradt: Das Evangelium nach Matthäus, NTD 1, Göttingen 2015, S. 2; 143.

25 Vgl. Bornkamm: Überlieferung, S. 52.

26 Vgl. dazu EWNT, Bd. II, θαυμάζω, Sp. 332-334.

27 Vgl. Eric F. F. Bishop: Jesus and the Lake, in: CBQ 13/4 (1951), S. 408.

28 Auch in den Kommentaren findet sich keine wirkliche Erklärung: vgl. Luz: Evangelium, Bd. II, S. 21 u. 27, Konradt: Evangelium, S. 143. Gerd Theißen: Urchristliche Wundergeschichten. Ein Beitrag zur formgeschichtlichen Erforschung der synoptischen Evangelien, Gütersloh 1974, S. 166: „Auf dem Meere kann man sie sich nicht anwesend denken; und doch nehmen sie teil an der Gefährdung des Schiffes, dem Zweifel der Jünger, der Überwindung des Sturmes – als Hörer der urchristlichen Wundergeschichte.“

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Details

Titel
Die Sturmstillung. Eine neutestamentliche Exegese von Mt 8, 23-27
Hochschule
Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg  (Theologische Fakultät)
Note
1,7
Jahr
2017
Seiten
30
Katalognummer
V426568
ISBN (eBook)
9783668709812
ISBN (Buch)
9783668709829
Dateigröße
581 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
sturmstillung, eine, exegese
Arbeit zitieren
Anonym, 2017, Die Sturmstillung. Eine neutestamentliche Exegese von Mt 8, 23-27, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/426568

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