Kinderarmut in Deutschland. Ursachen, Auswirkungen und Handlungsmöglichkeiten der Sozialen Arbeit


Fachbuch, 2018

75 Seiten


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

1 Einleitung

2 Kinderarmut als Gegenstand der Untersuchung
2.1 Relative Armut in Deutschland
2.2 Kindliche Armut
2.3 Das Lebenslagenkonzept kindlicher Armut
2.4 Kinderarmut in Zahlen/Statistiken
2.5 Historische Konstanz der Zahlen von Kinderarmut
2.6 Zusammenfassung

3 Ursachen von Kinderarmut
3.1 Ökonomische Ursachen: Neoliberalismus und Globalisierung
3.2 Technologische Ursachen: Von der Dienstleistungs- zur Wissensgesellschaft
3.3 Der Sozialstaat als Kompensation der Folgen freier Märkte
3.4 Soziale Ursachen: Auflösung traditioneller Familienformen
3.5 Zusammenfassung

4 Erkenntnisse der Forschung zu Kinderarmut
4.1 Kindliche Lebenslage
4.2 Der Child Well Being Index
4.3 Benachteiligungen in kindlichen Lebenslagen
4.4 Selbstwahrnehmung betroffener Kinder und Eltern
4.5 Zusammenfassung

5 Soziale Arbeit
5.1 Handlungsmöglichkeiten „Sozialer Arbeit“ mit dem Fokus einer Herstellung von Chancengleichheit.
5.2 „Laut werden gegen Kinderarmut“
5.3 UN Kinderrechtskonvention: Von der Wohlfahrt zum Recht des Kindes
5.4 Die Position des Anwalts armer Kinder: Forderungen an die Sozialpolitik
5.5 Gesellschaftsbewusstes berufliches Handeln
5.6 Förderungen und Ausgleiche in kindlichen Lebenswelten: Resilienzförderung
5.7 Die Herstellung von Chancengleichheit als Fokus Sozialer Arbeit
5.8 Zusammenfassung

6 Fazit und Ausblick

7 Literaturverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1: Verwirklichungschancen nach Amartya Sen

Abbildung 2: Kinderarmut in den Bundesländern

Abbildung 3: Unterversorgungslage von Kindern

Abbildung 4: Einkommensarmutsgefährdung von Kindern

Abbildung 5: In Work Poverty

Abbildung 6: Lohn und Preisentwicklung in Deutschland

Abbildung 7: Einkommensarmutsgefährdung und aktuelle SGB II Bezug von Kindern unter 15 Jahren

Abbildung 8: Lebenslagenkonzept kindlicher Armut

Abbildung 9: Die UN Kinderrechtskonvention

1 Einleitung

Das Wort „Armut“ impliziert spontan bedrückende Bilder von Welthunger und größter Not. Laut Armutsbericht des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes aus dem Jahr 2017 liegt die Armutsquote in Deutschland zurzeit bei 15,7 Prozent der Bevölkerung und bedeutet rein rechnerisch, dass 12,9 Millionen Menschen in diesem Lande als relativ arm gelten (vgl. Finkenwirth & Diemand 2017)

Deutschland gilt als reiches Land und entwickelt sich dank starker Exporte in den letzten Jahren sogar in Richtung Vollbeschäftigung und Steuerüberschuss. Wieso sind dann Armut und Kinderarmut beständige und wiederkehrende Themen in Medien, Resolutionen und Forschungsprojekten und warum sind die ausgewiesenen Zahlen derart hoch und ungebrochen? Was zeichnet diese relative Armut in Deutschland aus, wer ist wie betroffen? Diesen Fragen bin ich mit der vorliegenden Arbeit nachgegangen, habe mögliche Ursachen und Zusammenhänge ergründet. Meinen Untersuchungsgegenstand bilden die Kinder als von Armut Betroffene. Ich habe sie deshalb für dieses Thema gewählt, weil sie als Kinder in gegebene elterliche Armutsumstände hineinwachsen und sich damit ohne eigenes Zutun einem herausfordernden Lebensweg stellen müssen. Steht ihnen dabei ein besonderer gesellschaftlicher Schutz zur Seite? Ich habe das erwartet, jedoch lassen die publizierten Armutszahlen eher die Schlussfolgerung zu, dass diese „Unbeteiligten“ von Staat und Gesellschaft im Stich gelassen werden. Ich prüfe in dieser Arbeit diese Annahme. Darüber hinaus eruiere ich, was meine Profession nicht nur wissenschaftlich zum Thema erforscht hat, sondern auch an Möglichkeiten praktiziert und initiiert, um diesen belastenden Umständen Rechnung zu tragen. Nicht eingegangen bin ich auf die spezielle Armuts- und Lebensbewältigung unter Migranten und Flüchtlingen, die für mich ein eigenes Thema bilden.

Im Kontext der Fragestellung hat mich überdies besonders die Einbettung des zu untersuchenden Problems in das soziale und gesellschaftliche System und seine Wirkmechanismen interessiert. Ich gehe der Fragestellung nach, was der untersuchte Gegenstand „Kinderarmut“ für diese Gesellschaft bedeutet und wer über seine gesellschaftliche Relevanz entscheidet und damit auch festlegt, ob das Problem einen Handlungsbedarf erfordert. Um dieses analysieren und prüfen zu können, habe ich die aus meiner Sicht wesentlichen Rahmenbedingungen und Indikatoren versucht zu ermitteln und in ihren Wirkungsweisen transparent zu machen.

Weiterhin beziehe ich in diese Arbeit ein, welche historische Entwicklung Kinderarmut in Deutschland durchlaufen hat. Was gilt es dabei an gesellschaftlich relevanten Bedingungen und Einflussfaktoren zu betrachten, um zu verstehen was zur Entstehung, Fortbestand und auch zu einer eindeutigen Reduzierung derselben führen könnte? Als Vertreter der Sozialen Arbeit interessiere ich mich darüber hinaus für die Stellung der Profession im System, ihre Sicht auf das Problem und ihre Handlungsmöglichkeiten.

Die Vorgehensweise und Strukturierung der Arbeit gliedert sich in vier Teilbereiche mit dazugehörigen Unterbereichen. Diese sind mit eigenen Überschriften versehen und decken damit Teilbereiche der jeweiligen Kapitel ab.

Kapitel 1 widmet sich der Erfassung und Definition der Kinderarmut. Ausgewiesenes Zahlenmaterial sorgt dabei für eine erste quantitative Bestimmung und Dimension des zu untersuchenden Gegenstandes. Es folgen unterschiedliche Definitionen des Problems, auch qualitativ, um hier die persönlichen Wirkungen auf die Betroffenen zu verdeutlichen. Abgeschlossen und abgerundet wird die Einführung mit einem Blick in die historische Konstanz des Problems.

Kapitel 2 widmet sich den möglichen Ursachen und nimmt daher das bestehende Wirtschaftssystem und seine Wirkmechanismen in den Fokus. Wie verhalten sich flexibler Arbeitsmarkt, digitale Revolution, zwischenmenschliche Verhältnisse und der soziale Staat zueinander in ihren Wechselwirkungen in der Entstehung und Fortschreibung von Kinderarmut?

Kapitel 3 steht ganz im Zeichen der Erforschung von Kinderarmut und der Selbstwahrnehmung der Betroffenen, sowie gewonnener Erkenntnisse, die Auswege aus der Misere aufzeigen.

Kapitel 4 ist bestimmt von der Darstellung Sozialer Arbeit, ihren gesellschaftlichen Einflussmöglichkeiten, ihrem Rollenverständnis im System und eigener konkreter Beiträge, auf Kinderarmut einzuwirken.

Ich arbeite mit vielfältigen literarischen Quellen, vielen Büchern und Artikeln zum Thema. Digitale Quellen machen zeitnahe Bezüge und Material verfügbar und nicht zuletzt habe ich Veranstaltungen besucht und eigene Recherchen zum Thema angestellt.

2 Kinderarmut als Gegenstand der Untersuchung

Um quantitativ und qualitativ dem Begriff „Kinderarmut“ ein Gesicht, eine gesellschaftliche Einordnung und konkrete Relevanz zu geben, bin ich den im Anschluss folgenden Fragestellungen nachgegangen. Dieses Kapitel dient als fundierte Einführung ins Thema und führt zu erster Veranschaulichung von Tragweite und Mehrdimensionalität des untersuchten Gegenstandes. Gleichzeitig wird hier deutlich, wie kontrovers definiert, bewertet und unterschiedlich tief und emotional berührt „Kinderarmut“ wahrgenommen und als zu behandelndes Thema von Bedeutung gesehen wird.

2.1 Relative Armut in Deutschland

„Relative Armut in Deutschland bedeutet, Menschen gelten dann als arm, wenn sie über weniger als 60 Prozent des mittleren Einkommens verfügen. Zugrunde liegt dabei das gesamte Nettoeinkommen des Haushaltes, inklusive Wohngeld, Kindergeld, Kinderzuschlag, andere Transferleistungen oder sonstige Zuwendungen“. In Deutschland gilt 2017 gemäß dieser Definition als arm, wer als Single weniger als 917 Euro netto verdient, bei einer Alleinerziehenden mit einem Kind unter sechs Jahren liegt die Grenze bei 1.192 Euro und bei einer vierköpfigen Familie je nach Alter der Kinder zwischen 1.978 und 2.355 Euro netto (Finkenwirth & Diemand 2017).

Armutsdefinitionen sind in Deutschland grundsätzlich umstritten, egal welche Aussagen sie implizieren, im Übrigen genauso wie der Begriff des Reichtums. „Einigkeit besteht jedoch darin, dass Definitionen von Armut eine soziale Konstruktion darstellen, denn eine Definition ist immer mit gesellschaftlichen Werten und Normvorstellungen verbunden.“ (Siegel 2012)

Grob unterschieden wird zunächst zwischen absoluter und relativer Armut, während letztere die Armutsform ist, die wir in Deutschland antreffen. Definitionen und Aussagen zur Armutsrealität, die sich auf rein quantitative Messverfahren und Zahlen gründen, erschweren eine gesellschaftliche Einordnung und Darstellung der wahren Verhältnisse. Wer verstehen will, was Armut als persönliche Lebenslage wirklich bedeutet, muss seine Wahrnehmung erweitern und nicht nur auf das bloße Fehlen und Ausgleichen monetärer Möglichkeiten (Einkommensarmut) beschränken, um primär existenzielle Grundbedürfnisse, wie Ernährung und Wohnen bedingt befriedigt zu sehen.

Folgendes Zitat aus 2005 verdeutlicht, dass sich auch die politische Sicht seit geraumer Zeit an diesem Punkt erweitert und entwickelt:

„Im zweiten Armutsbericht der Bundesregierung von 2005 heißt es darum zu Recht: ‚Schließlich greift eine indirekte Bestimmung der Armut wie etwa in Form der Einkommensarmut zu kurz, wenn andere Faktoren (z.B. Vermögen, Schulden, Gesundheit, Bildung, Arbeitslosigkeit) bei gleichem Einkommen einen jeweils unterschiedlichen Stellenwert besitzen.‘ Vor allem geht es bei der Beurteilung der relativen Armut um den tatsächlichen Lebensstandard bzw. um die tatsächliche Befriedigung der Grundbedürfnisse.“ (World Vision Institut 2008)

2.2 Kindliche Armut

Kinderarmut meint die Folgen familiärer Einkommensarmut bei Kindern.

Wird von Armut bei Kindern gesprochen, dann gilt:

- Ausgangspunkt ist die relative Einkommensarmut
- Das Kind lebt in einer einkommensarmen Familie
- Es zeigen sich kindsspezifische Erscheinungsformen von Armut in Gestalt von materieller, kultureller, gesundheitlicher und sozialer Unterversorgung.
- Die Entwicklungsbedingungen des Kindes sind beeinträchtigt, wobei das ein Aufwachsen im Wohlergehen, mit Benachteiligungen oder in multipler Deprivation umfassen kann.
- Die Zukunftsperspektive des Kindes ist eingeschränkt.
- (Vgl. Hock et al. 2000: 12 f)

Kinder werden in die Welt ihrer Eltern hineingeboren, folgerichtig leben sie somit auch unter den elterlichen Bedingungen. Wenn diese „arm“ sind, hat das auch für die Kinder Folgen, mit denen sie sich konfrontiert sehen.

„Wenn wir von armen Kindern reden, geht es nicht nur um einen Aspekt von Familienarmut, deren Folgen man ausschließlich als Probleme von Familien und deren individualisierter Verantwortlichkeit abhandeln kann. Es geht um die Armut von Kindern, die anders als Erwachsende und ohne eigene Einflussmöglichkeit in ihrer Lebenslage von materieller, sozialer und kultureller Unterversorgung bedroht und in ihrer Entwicklung beeinträchtigt sind.“ (Hammer & Lutz 2015: 7)

Zeitgerecht unterscheidet die Armutsforschung heute zwischen „alter“ und „neuer“ Armut mit direkten und unterschiedlichen Auswirkungen auf die Kinderarmut:

- „Alte Armut“ meint gewachsene Armut über mehrere Generationen, die gekennzeichnet ist von multiplen Problemlagen wie Dauerarbeitslosigkeit, niedrigem Bildungsstand der Eltern, Leben in sozialen Brennpunkten und Schuldenlast. Erschwerend kommen manchmal noch chronische Krankheiten, Suchtprobleme, delinquentes Verhalten und Isolationsprobleme hinzu. Unter diesen Voraussetzungen ist es für Kinder besonders schwer, eine eigene unabhängige Zukunftsperspektive aufzubauen.
- „Neue Armut“ gründet ursächlich stärker auf sich aktuell schnell verändernde gesellschaftliche Prozesse in den Bereichen Arbeit und sozialer Bindung. Flexibilisierung und Deregulierung von Arbeitsverhältnissen, erhöhte Scheidungs- und Trennungsraten, gegebenenfalls noch mit mehreren Kindern, führen ohne entsprechende finanzielle Absicherungen schneller in die Armut quer durch alle gesellschaftlichen Schichten. Das bedeutet auch, gerade weil der Wechsel oder das Abrutschen in arme Verhältnisse nicht unbedingt zu erwarten war, eine eher unsichtbare Armut, für die neu sensibilisiert werden muss. Vielfach ist diese Form der Armut vorübergehender Natur, weil hier oft andere Ressourcen verfügbar sind. Höhere Bildung, soziale Netzwerke und eigene Initiativen ermöglichen es häufig, auch für die betroffenen Kinder nachhaltige Armutsfolgen zu vermeiden.

2.3 Das Lebenslagenkonzept kindlicher Armut

„Quantitativ lässt sich Armut gut durch die relative Einkommensarmut beziffern. Die Folgen und Auswirkungen von Armut werden dadurch jedoch nicht sichtbar. Dies können nur Ansätze leisten, die Armut als mehrdimensionales Problem verstehen wie der Lebenslagenansatz.“ (Chassé u.a. 2010: 54-55)

Im Folgenden schildere ich kurz die Entwicklungsgeschichte des Lebenslagenkonzeptes und des immanenten Begriffs der Mehrdimensionalität. Das ursprüngliche Konzept und der Begriff „Lebenslage“ stammt von Otto Neurath, eingeführt in die Sozialwissenschaft in den 1930er Jahren mit erstmaliger Betonung einer Mehrdimensionalität von Lebensumständen, die Menschen beeinflussen. Was meint, dass alle Faktoren, die auf den Menschen wirken, auch Einfluss nehmen können auf seine Entwicklung und sein Befinden.

Beispiele von Lebensweltbezügen, auf die zur damaligen Zeit abgestellt wurde, waren:

- Wohnung, Nahrung, Kleidung, Gesundheitspflege (primäre Bedürfnisse)
- Bücher, Theater (kulturelle Bedürfnisse)
- Freundliche menschliche Umgebung (soziale Bedürfnisse)

Otto Weiser gilt als derjenige, der in den 1950 Jahren die Konzeption von Neurath dahingehend erweitert hat, dass er den Fokus stärker auf Spielräume und Handlungsmöglichkeiten abstellt, die Lebenssituationen ausmachen und bestimmen. Damit macht er deutlich, dass Menschen unterschiedliche Möglichkeiten zur Verfügung stehen, ein „sinnerfülltes Leben“ führen zu können.

Ingeborg Nahnsen hat in den 1970er Jahren ergänzend hierzu Einzelspielräume definiert, die in ihrer Gesamtheit einer neuzeitlichen mehrdimensionalen Lebenslagedefinition entsprechen:

- Versorgungs-und Einkommensspielraum
- Kontakt und Kooperationsspielraum
- Lern-und Erfahrungsspielraum
- Dispositionsspielraum

Inhalte und Bedürfnisse haben sich neuzeitlich nur bedingt verändert. Armutsforschung und die Anwendung des Lebenslagekonzeptes fand erst in den 1980er und 1990er Jahren statt. Das aktuell auf Armut angewandte Lebenslagenkonzept, das sowohl in der Sozialberichterstattung, wie auch in den Armutsberichten von DGB, Paritätischem Wohlfahrtsverband, Hans Böckler Stiftung und in die Abfassung der Armuts- und Reichtumsberichte der Bundesregierung Einlass gefunden haben, basiert auf der Wahrnehmung von Wechselwirkungen und Mehrdimensionalität von menschlichen Lebenslagen. Es nimmt in seiner Betrachtung nicht nur die materiellen, sondern auch die immateriellen Ressourcen des Einzelnen mit in den Blick, wie Bildung, Gesundheit und soziale Netzwerke.

„Um ein präziseres Bild kindlicher Armut zu erhalten findet das Lebenslagenkonzept da Anwendung wo der Versuch unternommen wird, im ‚Feld‘ die kindliche ‚Lebenslage als Lebensgesamtchance‘ (Chassé u.a. 2003: 51) in Form einer ganzheitlichen Betrachtung und einer umfassenden Auswertung einer Vielzahl vorab gesetzten und zu untersuchenden und sich beeinflussenden Faktoren zu unternehmen und zu ermitteln.“ (Seithe 2001: 81ff). Parallelen weist die Konzeption auch zu Seithes Verständnis von ‚Kindeswohl‘ als Gesamtheit der erforderlichen Sozialisationsbedingungen auf.

Parallel wird in Fachkreisen auch der Capabilities Ansatz des Ökonomie Nobelpreisträgers Amartya Sens diskutiert, der von Verwirklichungschancen spricht als relevante Alternative zum Lebenslagenansatz und dem rein die materielle Unterversorgung messenden Lebensstandardansatz. Unter anderem wird davon ausgegangen, dass dieser Ansatz moderner und international anschlussfähiger ist (vgl. Engels 2008).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1: Verwirklichungschancen nach Amartya Sen

Quelle: Machbarkeitsstudie des Instituts für Angewandte Wirtschaftsforschung, Mai 2005, in: http://www.armutszeugnisse.de/glossar/verwirklichungschancen.htm

Mehrdimensionale Lebenslagenkonzeptionen und Betrachtungsweisen ermöglichen einen differenzierteren Blick auf die tatsächlichen Verhältnisse und Möglichkeiten, in denen sich Kinder, die in Armut aufwachsen, befinden. Sie helfen die Zusammenhänge zwischen Unterversorgung und ihren Auswirkungen nicht nur immer besser zu erkennen, sie sorgen auch dafür, mögliches Entwicklungspotential passgenauer zu erkennen und zu fördern.

Lebenslagenkonzeptionen sind Ansätze, die flexibel anwendbar, also auch in Zukunft nutzbar eingesetzt werden können. Sie können jederzeit den zeitgemäßen Fragestellungen angepasst werden. Sie sind daher ein geeignetes Instrument, um In- und Exklusionsprozesse in Gesellschaften sichtbar zu machen. Sie können dazu dienen, entsprechende Handlungs- und Gestaltungsstrategien zu entwickeln, um den festgestellten Unterversorgungen wirksam zu begegnen. Jede weitere Frage, die dazu dient, erlebte Lebenslagen als nicht erlebte Teilhabe zu identifizieren, hilft dem mehrdimensionalen Lebenslagenkonzept noch besser zu werden in der Wahrnehmung individueller Lebenswelten. Im Zuge dieser Anwendung ist nicht nur eine verbesserte Förderung möglich, es kann auch differenziert die Lebenswelt von Armut Betroffener vermittelt werden, die in der öffentlichen Wahrnehmung oft in Vorurteilen stecken bleibt. Arm heißt nicht gleich arm und es ist wichtig, die vielen Gesichter von Armut vorurteilsfrei kategorisieren und vermitteln zu können.

2.4 Kinderarmut in Zahlen/Statistiken

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 2: Kinderarmut in den Bundesländern

Quelle: Bertelsmann-Stiftung 2015

Kinderarmut und entsprechende Hartz IV Bezüge von Kindern und Jugendlichen bis 18 Jahren sind in Deutschland seit vielen Jahren auf einem konstant hohen Niveau, auch wenn es immer wieder Abweichungen in den einzelnen Bundesländern nach oben und unten gibt. Auffällig ist die durchwachsende Verteilung zwischen Ost- und Westdeutschland, wobei der Osten Deutschlands bei den Zahlen im Mittelfeld rangiert und der Westen die Plätze am Anfang und am Ende der Rangliste belegt. Stark kontrastierend sind zudem die Werte zwischen dem Spitzenreiter Berlin und dem Schlusslicht Bayern mit den niedrigsten Kinderarmutswerten.

Eine weitere Grafik stellt die Unterversorgungslagen von Kindern unter 15 Jahren und ihren Familien im Jahre 2015 dar.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 3: Unterversorgungslage von Kindern

Quelle: Bertelsmann-Stiftung 2015

„20 Prozent der Kinder im Grundsicherungsbezug leben aus finanziellen Gründen in beengten Wohnverhältnissen, was Beeinträchtigung in den Entwicklungsmöglichkeiten der Kinder bedeuten kann - gegenüber 3,9 Prozent der Kinder, die in gesicherten Einkommensverhältnissen aufwachsen (übrige). Drei von vier Kindern, deren Eltern SGB-II-Leistungen erhalten, können keinen Urlaub von mindestens einer Woche machen (Übrige: 21 Prozent), 14 Prozent leben in Haushalten ohne Internet (Übrige: 1 Prozent), 38 Prozent in Haushalten ohne Auto (Übrige: 1,6 Prozent) und knapp einem Drittel ist es aus finanziellen Gründen nicht möglich, wenigstens einmal im Monat Freunde zum Essen nach Hause einzuladen (Übrige: 3,3 Prozent). Bei jedem zehnten Kind mit SGB-II-Bezug besitzen nicht alle Haushaltsmitglieder ausreichende Winterkleidung (Übrige: 0,7 Prozent).“ (Bertelsmann Stiftung 2015)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 4: Einkommensarmutsgefährdung von Kindern

Quelle: Bertelsmann-Stiftung 2015

„Es gibt in Deutschland ein hohes Maß an verdeckter Armut, weil Familien trotz sehr geringem Einkommen kein Sozialgeld bekommen oder beantragen. Aber für fast eine halbe Million Kinder gelingt es dem Sozialstaat, sie über die Armutsschwelle zu heben.“ Jörg Dräger 2015, Mitglied des Vorstands der Bertelsmann Stiftung

2.5 Historische Konstanz der Zahlen von Kinderarmut

Kinderarmut ist kein neues Phänomen im reichen Deutschland. Verändert haben sich über Jahrzehnte die Wahrnehmung und das Bewusstsein für die Existenz und damit auch für die Dimension des Problems, letztlich auch durch Mahnungen und Forderungen von außen, wie der der UN-Kinderrechtskonvention.

Die Armutsforscherin Margherita Zander weist im folgenden Satz auf die Kontinuität der Sachlage hin: „Dabei hätte ein aufmerksamer Blick genügt, um festzustellen, das schon damals die Sozialhilfequoten von Kindern seit den 1970er Jahren kontinuierlich angestiegen waren und Kinder mittlerweile die zahlenmäßig am häufigsten betroffene Altersgruppe bilden.“ (Zander 2015: 13)

Diese Aussage macht die Konstanz beständig hoher Kinderarmutszahlen über fast 50 Jahre deutlich. Es gab zur damaligen Zeit weder eine Armutsforschung noch einen personenzentrierten Blick auf das Wohlergehen des individuellen Kindes. Kinderarmut war ein Teilaspekt familiärer Armut und die Kinder selbst galten als zusätzlicher Armut verursachender Faktor. Die politische und gesellschaftliche Grundhaltung damaliger Zeit spiegelt sich auch in Sichtweisen wie dieser nochmals von Zander zitierten wieder:

„Vertritt man die Auffassung, dass mit dem Sozialhilfebezug (1970er Jahre) Armut bekämpft sei, reduziert sich das Problem in der Tat auf die sogenannte „verschämte Armut“, also auf diejenigen Menschen, die soziale Unterstützung und ihnen zustehende Rechte nicht einfordern.“ (ebd.: 27) Diese Auffassung gibt die allgemeine damalige Bewertung der Sachlage treffend wieder, wie sie auch heute noch in vielen Köpfen Bestand hat. Staatliche Transferleistungen sind so angelegt, dass sie den individuellen Bedarfsfall immer abdecken und daher das Problemfeld “Kinderarmut“ statistisch nicht existiert, da ja kein Kind in absolute Armut rutscht.

2.6 Zusammenfassung

Zusammenfassend kann man feststellen, dass sich in Wahrnehmung und Achtung des Kindes seit den 1970er Jahren sehr viel getan hat. Dazu haben viele Akteure beigetragen: mediale Berichterstattungen, ethische Wertediskussionen, mahnende Appelle vieler auch namhafter Autoren, Veröffentlichungen regelmäßiger, immer weiter differenzierende Armutsberichte, vergleichende internationale Untersuchungen und Resolutionen von UN und UNICEF zum Thema, Etablierung der Forschung zur Kinderarmut, und ganz allgemein die gesellschaftlich-humanistische Weiterentwicklung.

An der fortlaufenden hohen Konstanz der Kinderarmutszahlen ändert es nichts. Auch kleine finanzielle Zugeständnisse in Form erhöhter staatlicher Transferleistungen führen nicht mal ansatzweise zu einer veränderten Problemlage.

Selbst Belege für Ursachen und Zusammenhänge, das neuerliche Aufzeigen von Leid und Folgen für die Betroffenen führen zu keiner gesellschaftlichen Initiative, die als Trendwende zu markieren wäre. Das Bild von Kinderarmut, wenn auch über die Jahre besser erforscht und medial viel schärfer, transparenter und öffentlicher gemacht, bleibt in seiner Auswirkung und Dimension konstant und erlebt keine verändernden Konsequenzen. Im Rahmen einer erweiterten Betrachtung des Themas wäre an dieser Stelle noch zu fragen und aufzuzeigen, wo genau liegt der Fortschritt, neben dem erweiterten Erkenntnisstand, wenn sich an den erschreckenden Zahlen in fünfzig Jahren nichts verändert hat?

3 Ursachen von Kinderarmut

Folgerichtig schließt sich hier ein Kapitel an, das die Frage nach den möglichen Ursachen für die beständig hohe Kinderarmut in Deutschland stellt. Armut ist ja immer auch ein gesellschaftlicher Exklusionsfaktor und nicht frei gewählt. Stellt sich also die Frage, in welches System wird der Mensch hineingeboren und mit welchen Chancen und Anforderungen kommt er dabei in Kontakt und was sorgt für Anschluss und Inklusion und was für Ausschluss? Was ist der gesellschaftliche Zusammenschluss bereit zu tun, um die schwächsten Mitglieder anschlussfähig zu halten? Und schließlich ist eine Fokussierung ökonomischer und sozialer Grundlagen auch die Basis für eine Bestimmung der Handlungsmöglichkeiten Sozialer Arbeit.

Darüber hinaus stellen sich ganz allgemeine Fragen nach Gerechtigkeit, Chancengleichheit und die Frage, wonach sich der Wert eines Menschen innerhalb seiner Gemeinschaft bemisst. Und auf das Thema der hiesigen Kinderarmut bezogen, was führt dazu, dass die hiesige Gesellschaft mit diesem Umstand akzeptiert leben kann?

3.1 Ökonomische Ursachen: Neoliberalismus und Globalisierung

Zwei Begriffe, die seit einigen Jahrzehnten für große Wirkung auf die Besitz-, Arbeits- und Lebensverhältnisse in Deutschland stehen und mit ihnen identifiziert werden.

Und nicht nur Wirtschaft und Gesellschaft in diesem Land werden durch sie mitbestimmt, sondern tatsächlich haben sie Auswirkungen globalen Ausmaßes und damit auf alle Menschen. Die zunehmende Dynamik und Einflussnahme globalisierter Wirtschaftskräfte und Mächte, einhergehend mit der fortschreitender Digitalisierung von Arbeits- und Gesellschaftsprozessen, sorgt für eine ungemeine Veränderung aller gesellschaftlichen Abläufe und nimmt Einfluss auf das gewöhnliche Leben eines jeden Einzelnen.

Menschen, die schon unter vorhergehenden Bedingungen von Lebens- und Arbeitsverhältnissen das Problem hatten, gesellschaftlichen und sozialen Anschluss zu halten, sind jetzt noch mehr gefordert und häufig überfordert. Es sind dann auch gerade die Bevölkerungsgruppen, die am stärksten von Armut betroffen sind, wie Langzeitarbeitslose, kinderreiche Familien, Alleinerziehende, Migranten und Flüchtlinge, die den fehlenden Anschluss fürchten müssen. Diese Gefährdung gesellschaftlicher Abkoppelung wirkt sich natürlich auch auf ihre schwächsten Glieder, ihre Kinder, aus.

Ein wichtiger Aspekt und ein Kennzeichen der Entwicklung sind die Auswirkungen auf die Sozialräume der Menschen. Profiteure und Gewinner der veränderten Lebens- und Arbeitswelt sorgen durch für sie steigende Löhne bzw. Einnahmen und Gewinne auch für höhere Mieten gerade in den Ballungsräumen und verdrängen hierbei im Zuge von Gentrifizierung alte, häufig arme bzw. sozial schwächere angestammte Bewohner eines Quartiers. „In der sozialwissenschaftlichen Fachwelt versteht man unter Gentrifizierung eine allmählich, durch Erneuerungsmaßnahmen und/oder Eigentümerwechsel entstehende Dominanz einkommensstarker Haushalte in attraktiven urbanen Wohnlagen zu Lasten von weniger verdienenden Bevölkerungsgruppen. Solche Prozesse verlaufen in ihrer Anfangsphase wie im Stadium ihrer Vollendung selten konfliktfrei.“ (Breckner 2010)

Die Armen werden verdrängt und die Auswirkungen ‚gettoisierter Wohnviertel‘, in denen vornehmlich Arme wohnen, tragen häufig zu einer weiteren gesellschaftlichen Ausgrenzung und der viel beklagten Spaltung der Gesellschaft bei. Betroffene Bewohner, die hier noch Veränderung in ihren Verhältnissen wollen, haben mit fehlender Akzeptanz, Ressentiments, Demotivation und mangelnder Unterstützung zu kämpfen.

Definitionen von Neoliberalismus und Globalisierung kommen ohne die Nennung von Folgen aus:

Neoliberalismus: „Denkrichtung des Liberalismus, die eine freiheitliche, marktwirtschaftliche Wirtschaftsordnung mit den entsprechenden Gestaltungsmerkmalen wie privates Eigentum an den Produktionsmitteln, freie Preisbildung, Wettbewerbs- und Gewerbefreiheit anstrebt, staatliche Eingriffe in die Wirtschaft jedoch nicht ganz ablehnt, sondern auf ein Minimum beschränken will.“(bpb Lexikon der Wirtschaft 2016)

Globalisierung: “Bezeichnung für die zunehmende Entstehung weltweiter Märkte für Waren, Kapital und Dienstleistungen sowie die damit verbundene internationale Verflechtung der Volkswirtschaften.“ (bpb Lexikon der Wirtschaft 2016)

Der Armutsforscher Karl August Chassé formuliert die Auswirkungen der weltweiten Ökonomisierung auf Deutschland wie folgt: „Nach dem Zusammenbruch des Ostblocks 1989 und der Deutschen Vereinigung 1990 haben die weltweiten Globalisierungstendenzen auch im nationalen Rahmen Spuren hinterlassen, am deutlichsten in Ostdeutschland. Unter anderem durch Deregulierungen und die Flexibilisierung des Arbeitsmarktes ist es zu einer allgemeinen Labilisierung von Erwerbsbiografien und Lebensläufen gekommen.“ (Chassé 2010)

Kritiker des Neoliberalismus gehen davon aus, dass ein Zusammenhang besteht zwischen dem aktuellen politisch wirtschaftlichen System und dem wachsenden Auseinanderklaffen der Schere in sehr Reiche und sehr Arme in der bundesrepublikanischen Wirklichkeit. Wie genau Wirkmechanismen und steigende Akzeptanz für die Einflussnahme dieses ökonomischen Systems aussehen, kann hier nur vermutet und angedeutet werden, in der Regel entzieht sich den meisten Menschen dieses psychologische und manipulative Moment. Der Veränderungsprozess für den Einzelnen verläuft eher subtil und ist schwer auszumachen. Bekannte Leitsätze allerdings machen sehr wohl deutlich wie sehr sie unser Denken und Streben beeinflussen und für Akzeptanz und Verinnerlichung sorgen:

- „Leistungsträger müssen belohnt werden“
- „Geht`s der Wirtschaft gut, geht`s uns allen gut“,
- „Wettbewerbsfähigkeit ist die Voraussetzung für unseren Wohlstand.“

„In dem Maße, in dem die breite Bevölkerung neoliberale Phrasen und Glaubenssätze übernimmt, tragen wir alle zur neoliberalen Hegemonie“ bei, sagt Felber (2008), ein bekannter österreichischer Kritiker dieser Entwicklung. Eine Mehrheit unterstützt, was einer Minderheit nützt.

Worin zeigen sich die Veränderungen und ihre Folgen aber genauer in und für die Lebens- und Arbeitswelt der Arbeitnehmer und ihrer Familien?

Die zunehmende Flexibilisierung der Arbeitsbedingungen hat erhebliche Folgen. Der Unsicherheitsfaktor für alle Niedriglohnempfänger steigt weiter, Beschäftigungsgarantien werden kaum noch gegeben. Dafür wachsen Forderungen nach erhöhter Mobilität und der Bereitschaft, auch mal flexibel einzuspringen bzw. auch Arbeitsbereiche abzudecken, für die eigentlich keine Qualifizierung oder vertragliche Vereinbarungen vorliegen. Das gilt heute eher als Regel und nicht mehr als Ausnahme. Um einen Eindruck in die Vielzahl und Dynamik der weitreichenden Veränderungen zu vermitteln, folgt hier eine kurze Auswahl und Aufzählung sich verändernder Bedingungen und Strukturen mit ihren Auswirkungen:

- die Zahl befristeter Verträge wächst stetig, Arbeitsplätze werden abgebaut oder ins Ausland ausgelagert, die Anzahl von 450 Euro Jobs steigt beständig, Zeitarbeitsfirmen boomen, Weiterbildung, Spezialisierung Arbeitsverdichtung und Mehrarbeit werden gefordert, ohne zusätzliche Aussichten auf Aufstieg und häufig ohne Lohnverbesserung, selbst der Erhalt des Arbeitsplatzes bleibt bei allen erwarteten und geforderten Zugeständnissen des Arbeitnehmers immer häufiger ein Unsicherheitsfaktor.
- Für Menschen unterer Einkommensgruppen ist es selbst bei Vollbeschäftigung auf Grund derart niedriger Löhne, auch der Mindestlohn hat daran nur wenig geändert, kaum noch möglich existenziell über die Runden zu kommen.[1] (s. Abb. 5)
- Selbst wenn in Familien beide Partner arbeiten, reicht es in den unteren Einkommenslagen oftmals kaum die regelmäßigen Bedarfe zu decken. Ein Millionenheer von Menschen sieht sich immer mehr Leistungsansprüchen ausgesetzt ohne Aussicht auf Besserung der Lebensverhältnisse. Und bedarf trotz voller Arbeitsleistung zusätzlicher staatlicher Unterstützung (vgl. BMAS 2017).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 5: In Work Poverty

Quelle: http://www.armuts-und-reichtumsbericht.de/DE/Indikatoren/Armut/In-Work-Poverty/inwork-poverty.html

Hinweise zur Interpretation: Ausgewertet wird die Armutsrisikoquote von Erwerbstätigen differenziert nach Geschlecht, Alter und Beschäftigungsform (EVS und EU-SILC). Die Auswertung mit dem SOEP wird nach Geschlecht, Gebiet (Ost, West), Alter, Haushaltstyp, Erwerbsstatus, Wohnstatus, Migrationshintergrund sowie dem Nettoäquivalenzeinkommen in den jeweiligen Gruppen differenziert. In die Grafik fließen nicht alle Informationen des Indikators ein.

Ein Artikel der „Zeit“ von Rudzio greift am 23.03.2017 das Thema der weiter zunehmenden Flexibilisierung in der Arbeitswelt auf und macht deutlich, mit welchen Folgen für die Arbeitnehmer und letztlich auch die ganze Gesellschaft die konsequente und weltweite Verfolgung ökonomischer Interessen und des zunehmenden Wettbewerbs zu rechnen ist. Angesprochen wird in diesem Artikel die Einführung neuer „Flexverträge“ bei H&M Deutschland, einem schwedischen Großhandelsriesen der als ein führender Vertreter einer weltweit agierenden Textilindustrie auftritt, und mit seiner Beschäftigungspolitik beispielhaft auch für viele andere Branchen steht (Handel, Gastronomie, Pflege, Medien, Kurierfahrten, Logistik, Post (mit Staatsbeteiligung),die sich mit Niedriglohnbeziehern konkurrenzfähig und flexibel halten. „Der Arbeitgeber (H&M) räumt bereits im Vertrag ein, dass die Vergütung entsprechend des Umfangs des Stundeneinsatzes variieren kann und somit gegebenenfalls nicht geeignet ist, eine stabile Einkommensgrundlage zu liefern“ (ebd.)

Karl Brenke (Arbeitsmarktexperte beim DIW in ebd.): „Arbeit auf Abruf sei eine neue Beschäftigungsform (‚Der Bereich ist kaum erforscht‘), die alle Vorteile beim Arbeitgeber bündele. Alle Nachteile dagegen lägen bei den Beschäftigten.“

Nadine Absenger (forscht zum Thema bei der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung): „Im Moment wird die Debatte um weitere Flexibilisierung ja vor allem von der Wirtschaftslobby dominiert, und diese hat wenig Interesse daran, dass das anders werden könnte.“

Der deutsche Staat und seine politischen Vertreter stehen hier stark in der Kritik, der ‚neoliberalen Hegemonie‘ zu wenig entgegenzusetzen und den einstigen Sozialstaat immer mehr zu opfern auf dem Schlachtfeld globalisierter Märkte und ihre Wirkungsgesetze sogar selbst anzuwenden (siehe beispielsweise Einführung von Flexverträgen bei der deutschen Post, bei der der Deutsche Bund Anteilseigner ist).

Christoph Butterwegge (Armutsforscher 2004): „Wenn die heutige (Kinder-)Armut, primär eine Folge der Globalisierung bzw. der neoliberalen Modernisierung ist, kann sie nicht ohne ihr Pendant, d.h. den in wenigen Händen konzentrierten Reichtum, verstanden und allein durch eine integrale Beschäftigungs-, Bildungs-, Familien- und Sozialpolitik, die miteinander kompatible Maßnahmen zur Umverteilung von Arbeit, Einkommen und Vermögen einschließt, beseitigt werden. Durch separate bzw. isolierte Schritte, etwa höhere Transferleistungen an (sämtliche) Eltern, sind prekäre Lebenslagen zwar partiell zu verbessern, ihre Ursachen aber kaum zu beseitigen. Nötig ist vielmehr ein Paradigmenwechsel vom ‚schlanken‘ zu einem interventionsfähigen und -bereiten Wohlfahrtsstaat.“

Hannelore Kraft (Politikerin, 2017 Ministerpräsidentin in NRW): Das Risiko der Kinderarmut sei in NRW am größten, „dann kann ich nur sagen, für die Kinder von heute reicht es nicht und für die Kinder von morgen und übermorgen wird es wieder nicht reichen“. (in einer Wahlkampfrede ihrer Partei in Widerrede zu Angela Merkel vom Vortag zitiert aus der Welt vom 02.04.2017).

Wenn diese Aussage auch parteipolitisch motiviert daherkommt, sagt sie über alle Parteien hinweg etwas über die zu erwartende Zukunftsperspektive armer Kinder im bevölkerungsreichsten Bundesland und bestätigt gleichzeitig die Annahme, dass dem angesprochenen Problem von dieser Seite keine Priorität zukommt.

Das Thema Arbeit erörtere ich nun in einem kurzen historischen Kontext und in Form einer kleinen Zusammenfassung des vorher Gesagten. In Kapitel 3.2. wird dann u.a. Arbeit vom Istzustand in die Zukunft projiziert und dargelegt, in 3.3.1.geht es um die Auswirkungen von Arbeitslosigkeit und um Aufgabe und Wirkungsweise von Sozialstaat und eines kürzlich eingeführten Mindestlohns, sowie einer wachsenden Kluft in der Einkommenssituation zwischen arm und reich.

[...]


[1] Diesen Umstand bezeichnet man als „in-work-poverty“.

Ende der Leseprobe aus 75 Seiten

Details

Titel
Kinderarmut in Deutschland. Ursachen, Auswirkungen und Handlungsmöglichkeiten der Sozialen Arbeit
Autor
Jahr
2018
Seiten
75
Katalognummer
V426743
ISBN (eBook)
9783956875199
ISBN (Buch)
9783956875212
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Kinderarmut, Deutschland, Politik, Ökonomie, Chancengleichheit, Ursachen und Wirkungen, Armutsquote, Sozialarbeit, Gesellschaft
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Arne Mayerhof (Autor), 2018, Kinderarmut in Deutschland. Ursachen, Auswirkungen und Handlungsmöglichkeiten der Sozialen Arbeit, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/426743

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