Die Transmission der Theorie Max Webers über "die protestantischen Sekten" in die Islamische Welt


Essay, 2018
6 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Max Weber (1864–1920) gehört zu den letzten deutschen Universalgelehrten in unserer Weltgeschichte. Im Mittelpunkt seiner Studien standen die „Wirtschaft und Gesellschaft“. Aus diesen Bereichen versuchte er mögliche Antworten auf die Entstehung der okzidentalen Moderne und dessen charakteristische Eigenart zu finden. In seiner Gesellschaftsbetrachtung galt die Religion als dominierende Führungskraft jenes einzelnen Lebens. Deshalb untersuchte Max Weber die Wirtschaftsethik der Weltreligionen, insbesondere den Protestantismus aus welchem die eigenartigen protestantischen Sekten resultierten. Diese interagierten aus Webers Sicht mit dem Geist des Kapitalismus erstmalig auf dem US-amerikanischen Terrain.[1]

Nun stellt sich die Frage, ob eine Transmission seiner Theorie über die „protestantischen Sekten und dem Geist des Kapitalismus“ in die islamische Welt möglich wäre. War die einstige Sektenbildung aus dem Protestantismus nur eine reine Zufallserscheinung? Wieso konnte die Rationalität der Moderne nicht aus dem Orient hervorgehen?

Freilich ist zunächst einmal Webers Oeuvre zu betrachten, um eine ordnungsgemäße Übertragung der Folgen des Protestantismus in den Islam zu gewährleisten.

Für ihn erschien es klar, die Begegnung des Protestantismus mit dem Geiste des Kapitalismus erfolgte durch den Beruf, in Webers Worten durch die „sittliche Qualifizierung des weltlichen Berufslebens“ (RS I, 72). Dies ermöglichte die Reformation und zeigte sich in der freien Berufswahl im Calvinismus und in den anderen Bewegungen des asketischen Protestantismus d.h. im Pietismus, im Methodismus und zuletzt in den Sekten, welche Baptisten; Mennoniten; Quäker umfassten. Die Sakramente wie die Beichte, der Beistand der Kirche waren nun aufgehoben und die Kirche galt nun nicht mehr als Gnadenanstalt, da im Calvinismus gelehrt wurde, dass Gott unbestimmbar; willkürlich und menschlich sinnlos über den Eintritt ins Paradies oder in die Hölle für jeden einzelnen Menschen entschied.[2]

Somit kam es nach und nach zur methodisch-rationalen Lebensführung der Puritaner, in welchem Berufspflicht die Oberhand gewann, weil das Mystisch-magische keinerlei Platz mehr im Leben der Protestanten fand. Sie widmeten sich ihren Berufen mit einer vorbildlichen Disziplin, denn selbst die Theodizee Problematik, die Suche nach dem Sinn des Lebens, verschwand mit dem Fall der Kirche. Freilich sollte dies nicht genügen, um eine dies artige okzidentale Moderne zu erschaffen. Wie Sie wissen ist diese von verschiedenen Dispositionen anhängig, das bedeutet als Ersteres von der rationalen Lebensführung; von der rationalen Technik; vom rationalen Recht sowie von dem ökonomischen Rationalismus (RS I, 12).

Der Prozess der Säkularisierung begann schließlich mit der Reformation und sollte sich nun in ihrer vollkommenen Entfaltung zeigen, d.h. in der Entzauberung von Religion und Moral und als Wegbereiter des Individualismus und des resultierenden Kapitalismus. Schlussendlich kritisierte Max Weber diese Entwicklung mit den Worten: „Fachmenschen ohne Geist, Genußmenschen ohne Herz: dies Nichts bildet sich ein, eine nie vorher erreichte Stufe des Menschentums erstiegen zu haben.“ (RS I, 204).

Des Weiteren erkannte Weber eigenartige Erscheinungen in den Vereinigten Staaten, die aus dem Protestantismus hervorgegangen waren. Der dortige Staat und die Kirche waren strikt voneinander getrennt, dennoch zeigte die Empirie einen ambivalenten Zustand, dass nur 6% der amerikanischen Bevölkerung konfessionslos waren. Trotz dessen war eine hohe Spendenfreudigkeit gegenüber protestantischen Sekten festzustellen. Warum erschien es wichtig einer Sekte zuzugehören? Was hatte die Sekte und die Kirche nicht?

Die protestantischen Sekten stellten einen voluntaristischen Verband dar, um in diese eintreten zu können waren ethische sowie sittliche Qualitäten vorzuweisen und im Laufe der Mitgliedschaft sollten diese kontinuierlich bewährt werden. In Webers Worten „bestimmte Qualitäten, die für die Entwicklung des rationalen modernen Kapitalismus“ wichtig waren (RS I, 211 f.).

Nun öffnete die Mitgliedschaft in eine protestantische Sekte die Kreditwürdigkeit und den ökonomischen Wohlstand Tür und Tor. Selbst bei hoher Verschuldung würde das Unterstützungswesen der Brüderlichkeit zwischen den Mitgliedern aktiv werden, solange es keine Verstöße gegen die Sektengemeinde gab. Infolge des Ausschlusses würden den Ex-Sektenmitgliedern wirtschaftlicher Verlust; Kreditunwürdigkeit; soziale Deklassierung drohen (RS I, 211 f.). Schon damals erkannte Weber, dass diese Verbindung von Religion und Wirtschaft dem modernen Kapitalismus zu Gute kam, dennoch sollten die Vereinigten Staaten vom sukzessivem Säkularisierungsprozess nicht verschont bleiben und die Bedeutung ihrer Religion und Moral verlieren.

Nicht, dass Weber versucht hätte die Weltreligionen zu klassifizieren, doch die fehlende Lektüre des Korans macht sich in seiner Klassifikation der Weltreligionen bemerklich. Er sieht den Islam als politische Religion an, welche eine asketisch-militärische Lebensführung vorzeigt und von Berufssoldaten getragen wird, um das Beutekapitalismus zu erhalten.[3]

Im Folgenden versuche ich schrittweise seine Theorie über „die protestantischen Sekten und dem Geist des Kapitalismus“ anzuwenden und einen möglichen Klassifikationsversuch des Islams zu unternehmen.

Im Islam gibt es keine Trennung von Religion und Staat und die Lebensführung wird nach dem Islamischen Rechtssystem geführt, d.h. nach Koran, Sunna. Somit kann man von einem rationalen Recht im Islam sprechen, da eine klare Abgrenzung zwischen helal und haram besteht, unter anderem eine rechtliche Abgrenzung zwischen legitim und illegitim.

Darüber hinaus sieht der Islam verpflichtende Sozialabgaben vom Privatvermögen vor sowie Steuern auf verschiedene Güter. Freilich ist die soziale Spende eine der 5 Säulen des Islams. Arme, Bedürftige, Sklaven sowie Schuldner sollen diese Almosen erhalten. Der Weg Allahs ist nämlich die des Helfenden (Koran, Sure 9:60).

Nützliche Taten sowie nützliches Arbeiten für das Gemeinwohl unter legitimen Verhältnissen ist islamisch erwünscht. Unter legitimer Erwerbstätigkeit sind individuelle Leistungen sowie die vertragliche Übereignung in Form von Kauf, Vererbung und Schenkung zu verstehen. Die Vermehrung der eigenen Beute ist islamisch unerwünscht. Zinseinnahmen, Glücksspiele, Monopolgewinne sind islamisch illegitim.

Ein freier fairer Wettbewerb, in welchem der Staat nur unter Monopolstellungen, und Preismanipulationen eingreift, soll bestehen (Koran 53:39). Unter diesen Umständen kann sich der Geist des Kapitalismus entfalten.

Die freie Berufswahl unterliegt nur den Männern. Das frühere Wirtschaftszentrum in der Islamischen Welt lag meist in den orientalisch-arabischen Basaren und gibt Aufschluss auf das häufig aufkommende Berufsbild, nämlich die des Händlers, welcher mit seinen eigenen Erzeugnissen Geschäfte betrieb und nicht die des Kriegers. Im Unterschied dazu galt das Arbeiten in der Wissenschaft, Bildung, Erziehung als das islamisch-angesehenste. "Denn Allah wird die Stände derer erhöhen, die an ihn glauben und denen, die sich Wissen aneignen und diesen vermitteln" (Mücâdele sûre 58:11).

An dieser Stelle ist hervorzuheben, dass die Moschee keine Gnadenanstalt repräsentiert, sondern ein Ort des Gebets der voluntaristischen Art ist. Hier ist eine Parallele zur Gnadenlehre des Calvinismus erkennbar, denn Sakramente gibt es nicht und hat es nie gegeben, die die Gnade Gottes beeinflussen könnten: „Er ist Gott, außer Dem es keinen Gott gibt, der Kenner des Verborgenen und des Offenbaren. Er ist der Barmherzige, der Erbarmer.” (Quran 59:22) „Allahs ist, was in den Himmeln und was auf Erden ist. Und ob ihr offenbart, was in eueren Seelen ist oder es verbergt, Allah wird euch dafür zur Rechenschaft ziehen. Und Er verzeiht, wem Er will und straft, wen Er will... (Sure al-Baqara, 284)“.Allah ist unbestimmbar, aber entscheidet nicht willkürlich bezüglich des Jenseits eines Menschen, sondern nach den guten und schlechten Taten eines Gläubigen. Trotz schlechter Taten ist Allah, der einzige Barmherzige und verzeiht, wen er möchte.

Letztendlich basiert der Islam auf eine gewisse Disziplin sowie Sittlichkeit. Das fünfmalige Beten am Tag, das willensstarke Fasten während dem heiligen Monat Ramadan, die Bescheidenheit, die Keuschheit, die Vermeidung von Völlerei, das Einhalten religiöser Verbote (Berauschung, Drogen, Alkohol, Schweinefleisch etc.) zeigen einige Aspekte der islamischen Lebensführung.

[...]


[1] Hans-Peter Müller (2007), Max Weber, Böhlau UTB Verlag, Köln, S.12 f.

[2] Ebd. S. 93f.

[3] Ebd. 178 f.

Ende der Leseprobe aus 6 Seiten

Details

Titel
Die Transmission der Theorie Max Webers über "die protestantischen Sekten" in die Islamische Welt
Hochschule
Pädagogische Hochschule Heidelberg
Note
1,0
Autor
Jahr
2018
Seiten
6
Katalognummer
V426804
ISBN (eBook)
9783668710443
Dateigröße
492 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Politik, Politikwissenschaft, Max Weber, Werke, Essay, Islam, Puritaner, Soziologie, politische Theorien, Differenzen, Welten, Sekten, USA, Rational
Arbeit zitieren
Fatma Gülkopan (Autor), 2018, Die Transmission der Theorie Max Webers über "die protestantischen Sekten" in die Islamische Welt, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/426804

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