Stahlindustrie des Saarlandes in der Nachkriegszeit. Analyse des Dokumentarfilms "Saarland - Glück auf!"


Essay, 2018
11 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Die Keimzelle des Friedens – Das Saarland

2. Verflechtung der Wirtschaft in der Großregion Saar-Lor-Lux
2.1 Kommentatorische, visuelle und auditive Elemente

3. Die europäische Vision des Dokumentarfilms
3.1 Geschichtlich-politische Einordnung
3.2 Der Schlussdialog

Bibliographie

1. Die Keimzelle des Friedens – Das Saarland

„La Sarre, Plein Feux“ ist die erste bekannte Filmdokumentation über das Nachkriegssaarland, die vom hohen Kommissar für das Saarland, Gilbert Grandval in Auftrag gegeben wurde und unter der Kameraführung von Henry Alekan dokumentieren sollte, wie erfolgreich sich das Saarland aufgrund der Autonomiebestrebungen des Ministerpräsidenten Johannes Hoffmans entwickelte, obwohl wirtschaftlich zu Frankreich zugehörig. Anscheinend hatte Grandval die sich langsam verändernde Stimmung in der Bevölkerung registriert, die die „Saar-Autonomie“ zunehmend kritisch hinterfragte, in dem Maße, wie die zwei Jahre zuvor gegründete Bundesrepublik Deutschland wirtschaftlich aufholte.

In expressiven Bildern beschreibt der Film die damalige Situation der Nachkriegszeit, in der das Saarland zur Keimzelle eines zukünftig friedvollen und vereinten Europas wird. Die wirtschaftliche Basis war hierfür das Zusammenwirken von lothringischem Eisenerz und saarländischer Kohle. So „beschwört der Film nicht nur die historische Chance eines autonomen Saarlandes, das die beiden großen Nachbarn Deutschland und Frankreich einander näherbringen und eine Vorreiterrolle für ein friedliches Zusammenleben der Völker einnehmen kann“[1], sondern wird überdies zur Hymne auf diejenigen Menschen, die durch ihre leidvolle Kriegserfahrung und Toleranz entscheidende Akteure für das Auferstehen aus den Trümmern des zweiten Weltkrieges wurden.

Im Folgenden soll der Dokumentarfilm hinsichtlich zweier Ebenen untersucht werden. Zunächst wird die Darstellungsweise der wirtschaftlichen Verflechtung in der Großregion Saarland, Lothringen und Luxemburg über die drei filmischen Elemente des Kommentars, des Dialogs und der Visualisierung untersucht. In einem zweiten Schritt wird versucht die Frage nach der im Film entworfenen europäischen Vision zu beantworten.

2. Verflechtung der Wirtschaft in der Großregion Saar-Lor-Lux

2.1 Kommentatorische, visuelle und auditive Elemente

Aus methodischer Sicht bietet es sich an kommentatorische, visuelle und auditive Elemente im selben Moment zu betrachten, da sie im Film eng miteinander verflochten sind. Die dialogischen Elemente hingegen werden in einem abgegrenzten Gliederungspunkt behandelt.

Der Film beginnt klassisch mit der Einblendung des Paratextes, der auditiv mit orchestralem Trompetenspiel und Paukenschlägen begleitet wird. Diese auditive Untermalung erzeugt eine Spannungskurve, die den Zuschauer von Sekunde eins in den Bann zieht. Auf visueller Ebene werden zunächst dampfende Schlöte einer Hütte gezeigt, im Hintergrund pfeift eine Lokomotive. Mit dem Einsetzen des Kommentars, „Saarland ist: wellig, waldige Flusslandschaft, herb fleißige Werktätigkeit in Gruben und Hütten, Hochöfen, Spinnwebgezeichneten Fördertürmen“, werden Aufnahmen von Wald und Wasser gezeigt. Der Zuschauer bekommt durch diesen Einstieg ohne Umschweife das Hauptthema des Films präsentiert: den Kohleabbau im Saarland. Der zweite thematische Schwerpunkt des Films wird in der zweiten Bildsequenz, in der ein Kind die Betonüberreste eines Gefechtsbunkers mit Kreide bemalt, deutlich: die vom Krieg gezeichnete, frieden- und arbeitswollende Bevölkerung des Saarlandes. Der Regisseur H.C Bonniere verknüpft auf diese Art und Weise sehr raffiniert die zwei korrelierenden Hauptantriebskräfte für Frieden, nämlich die Wirtschaft und die Bevölkerung eines Landes.

Bevor der Zuschauer jedoch wirklichen Einblick in die Kohle-und Stahlindustrie im Gebiet Saar-Lor-Lux bekommt, wird zunächst Fokus auf die Auswirkungen des zweiten Weltkriegs genommen. In den folgenden Sequenzen wird eine Trümmerlandschaft einer saarländischen Stadt gezeigt, in der sich nun unterschiedlichste Szenen abspielen, die allesamt ein positives Zukunftsgefühl vermitteln sollen. Zunächst tritt ein sehr adrett gekleideter Mann aus einer Ruine hervor und auf den Kommentar „Über dieses Land wehte die Kriegsfurie mit brandheißem Odem und hinterließ Trümmer und Ruinen“, folgt ein zukunftsweisender Satz, der da lautet:

„Doch die Überlebenden krallten sich an den Heimatboden und suchten Unterschlupf unter Trümmern und Bunkern. Sie fanden aus dumpfen Höhlen zurück zu Lebensmut und Tatendrang und pflanzten die Sehnsucht nach Menschenwürde und Lebensfreude wieder in Zukunftsgläubige Kinderseelen.“[2]

Auf visueller Ebene wird an dieser Stelle ein Kind gezeigt, welches mit dem Gesicht zu einer Wand gedreht bis vierzig zählt, dann los schreit um sich auf die Jagd nach seinen Freunden zu machen. Dieser Moment des unbefangenen Kinderglücks wird auditiv mit dem Geschrei von Kindern untermalt.

Die nächste Szene, die erneut von frohlockendem Geigenspiel begleitet wird, zeigt zum zweiten Mal in Folge den adrett gekleideten Mann mit Zigarette, der durch die Trümmerhäuser in Richtung Straßenbahn läuft. Der Zuschauer bekommt eine volle Straßenbahn zu sehen, die an dieser Stelle zum Symbol eines friedvollen Alltags wird, der sich langsam wiedereinzustellen vermag, jedoch noch immer mit wiederkehrenden, schmerzlichen Erinnerungsmomenten des Krieges in Form von Verletzen gezeichnet ist. Die Kamera zoomt in der nächsten Sequenz auf einen Zeitungsstand und es erscheint in Vollbild ein Magazin mit der reißerischen Überschrift „Wenn morgen Krieg wäre...?“. Es ertönt ein Orchestertusch und ein entschiedenes „Nein!“ des Kommentators. Die letzte Sequenz, die sich in der Trümmerlandschaft abspielt, zeigt eine Gruppe Bauarbeiter, die eine kaputte Hauswand einreißt. Mit der stilistischen Raffinesse der Phrase, „und hinter der Staubwolke des Ruinenabbruchs, entstehen Visionen und Wirklichkeiten des Wiederaufbaus“, wird eine Überleitung zum zweiten großen Themenblock vorgenommen, der nun die negative Vergangenheit hinter sich lässt und sehr emphatisch die Zeit der Neuorientierung und Strukturierung des kriegsgebäutelten Saarlandes einläutet. Die Entschiedenheit des Neins wirkt überdies sehr bestärkend für den Zuschauer und erlaubt es ihm positiv ohne Angst gen Zukunft zu blicken. Auf visueller Ebene zeigen sich Baustellen von Neubauten, Modelle von Häusern und bereits fertige Hochhäuser im Stile der 50er Jahre. An dieser Stelle wird auch sehr deutlich an wen sich der Dokumentarfilm primär richtete. Mit dem Einblenden von „einfachen, schmucken Arbeitersiedlungen“ wird der Teil der Gesellschaft angesprochen, der in der Schwerindustrie des Saarlandes tätig war. Nach einem kurzen geographischen Exkurs und dem Zeigen der Universität, die mit „feiner Ironie“ aus einer alten Kaserne entstand, kommt der Dokumentarfilm nun nach sechs Minuten zum Hauptthema nämlich dem „Kern und Wesenstücks saarländischen Lebens: der Arbeit.“

Bevor der Zuschauer das Innere des Kohle- und Stahlwerks zu sehen bekommt, werden Hintergrundinformationen über die Industrie im Saarland gegeben. Die Rede ist von den Bodenschätzen, die alleine für sich keine „geschlossene Einheit ergeben“. So finden sich „in glücklicher Ergänzung die saarländische Kohle zum lothringischen Erz“. Seit 80 Jahren bereits, sprich auch während des ersten und zweiten Weltkriegs, „symbolisieren sich ständig kreuzende Züge mit Kohle von hüben und Erz von drüben diesen Austausch, eine Verflechtung worauf die Wirtschafts- Währungs- und Zollunion zwischen Frankreich und dem Saarland beruht.“ Auf visueller Ebene werden Züge gezeigt. An dieser Stelle ist die sprachliche Ebene des Kommentars äußerst hervorzuheben. Eindeutiges Schlagwort ist die „geschlossene Einheit“, das auf einer ersten semantischen Ebene von den Rohstoffen Kohle und Eisenerz spricht. Auf einer zweiten jedoch, meint es auch die geschlossene Einheit Frankreich-Saarland, die durch ihre wirtschaftliche Verflochtenheit eine blühende Prosperität garantierte und garantieren wird. Der dadurch erzeugte Wohlstand ist Voraussetzung für gegenseitige Solidarität und „damit Basis für den Zusammenschluss Europas.“

Nach der allgemeinen Einführung in die Wirtschaft des Saarlandes werden nun einige Produktionsstätten, wie zunächst ein Stahlwerk, gezeigt. Der Zuschauer bekommt einen Eindruck über die menschliche Geschicklichkeit, die die glühenden Stahlschlangen bändigt und mithilfe von Maschinen den brennenden Stahl formt. Die Stahlarbeiter werden zu „Magiern im Feuertanz der glühenden Eisen und Stahlmoleküle.“ Mit einer recht langen Sequenz über das Formen der Stahlschlangen endet der erste Teil der Dokumentation.

Als Nächstes wird ein Einblick in eine Glashütte gegeben und der Kommentator leitet den zweiten Teil des Films mit dem bedächtigen Satz „Feuertanz der Kristalle. Mit fast sakralem Gesang, kistallgekrönte Bläserrohre, die Kerzen, Windlichter tragen, ziehen sie, wie in einer Prozession dahin. Kommen als Kinder schon zum Alchemistenherd und Zauberaltar des Geheimnisses des Glases.“ Die Szene zeigt recht junge Glasbläser mit ihren fertigen Produkten, die im Gänsemarsch zum Meister laufen. Im Hintergrund singt ein Knabenchor, der dem ohnehin schon gewollt heilig anmutenden Charakter der Glasbläserei ein fast transzendentes Antlitz verleiht. Als Abschluss werden zwei Meister der Glashütte gezeigt, die zu „Mysterienpristern des erstarrten Lichts“ und „Akteure in diesem Geheimnisspiel zwischen Himmel und Erde“ werden. Es folgt eine Überleitungssequenz, die eine Frau zeigt, die sich im Laden eine geschliffene Vase ansieht. Der Kommentator macht dem Zuschauer deutlich, dass „beide Feuerkämpfe, der eisern stählerne wie der kristallen-gläserne“ ihren tiefen Ur-und Untergrund in der Kohle haben. Es folgen Szenen über ein Kohlewerk, Dreh- und Angelpunkt der saarländischen Wirtschaft.

Zunächst werden Eckdaten genannt, wie zum Beispiel, dass der Abbau in unter 800 Metern Tiefe stattfindet und über 60 000 Bergleute Tag um Tag, Schicht um Schicht gerufen werden.

[...]


[1] Kino 8 ½ Saarbrücken: http://www.kinoachteinhalb.de/sites/druck.php?m=m1463

[2] Bonniere, H.C: „Saarland, Glück auf!“

Ende der Leseprobe aus 11 Seiten

Details

Titel
Stahlindustrie des Saarlandes in der Nachkriegszeit. Analyse des Dokumentarfilms "Saarland - Glück auf!"
Hochschule
Universität des Saarlandes  (Romanistik)
Veranstaltung
Europäische Kulturstudien - Ringvorlesung
Note
1,0
Autor
Jahr
2018
Seiten
11
Katalognummer
V426853
ISBN (eBook)
9783668717756
ISBN (Buch)
9783668717763
Dateigröße
503 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Saarländische Stahlindustrie
Arbeit zitieren
Theresa Flammersberger (Autor), 2018, Stahlindustrie des Saarlandes in der Nachkriegszeit. Analyse des Dokumentarfilms "Saarland - Glück auf!", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/426853

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