Darstellung der Poetik Eugenio Montales in "Ossi di seppia"


Hausarbeit, 2013
14 Seiten, Note: 2,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einführung

2. Hauptaspekte der Poetik Montales in „Ossi di seppia“

3. Analyse anhand des Gedichtes “Spesso il male di vivere ho incontrato

4. Schlussbetrachtung

5. Literaturverzeichnis

1. Einführung

Eugenio Montale war einer der bedeutendsten Dichter des frühen 20. Jahrhunderts. Sein Literaturinteresse lebte er als Kritiker, Schriftsteller, Journalist und Bibliotheksleiter aus. Er wurde für seine Werke, die manchmal Spuren des Einsatzes in ersten Weltkrieg zeigen, unter anderem mit dem Nobelpreis für Literatur geehrt. Bereits sein erstes Werk verschaffte ihm Anerkennung als Dichter an der Schwelle zur modernen Lyrik in Italien.

In der folgenden Seminararbeit soll die Poetik Eugenio Montales in seinem Frühwerk „Ossi di seppia“ erarbeitet und anschließend anhand eines Beispiels analysiert werden. Nach einer Vorstellung des Gedichtbandes und seiner Struktur folgt eine Darstellung der Hauptaspekte der Dichtung Montales in diesem Werk. Die Charakteristika werden vorgestellt und mithilfe von Beispielen erläutert. Im darauf folgenden Kapitel soll das Gedicht „Spesso il male di vivere ho incontrato“ analysiert werden, mit besonderem Augenmerk auf die Poetik Montales, wie sie sich durch das gesamte Werk Ossi di seppia zieht. Die bereits diskutierten poetischen Merkmale werden nun im Detail erörtert und das Gedicht auch unter Gesichtspunkten der Rhetorik und Metrik untersucht.

2. Hauptaspekte der Poetik Montales in „Ossi di seppia"

„Ossi di seppia" wurde 1925 in Turin veröffentlicht. Der Gedichtband ist die erste Veröffentlichung Eugenio Montales in Form eines Buches und markiert den Beginn seiner eigenen Poetik, die an der Schwelle zur modernen Dichtung steht, aber auch Spuren der klassischen Poetik aufweist. In seinem ersten Werk lassen sich einige Hauptthemen feststellen, die im Laufe des Werkes immer wieder aufgegriffen werden. Charakteristisch für Montale ist beispielsweise der häufige Aufgriff von Naturmotiven, die er detailliert beschreibt.

Der Zyklus ist aus sechs verschiedenen Segmenten zusammengesetzt, die einzelne Titel tragen. „In limine" stellt eine Art Vorwortgedicht dar, und steht wie das abschließende Gedicht „Riviere“ als ein einzelnes Segment für sich. „I limoni“, das erste Gedicht der zweiten Sektion Movimenti, könnte man mit In limine zusammen als Einführung in die Lektüre werten. In beiden Gedichten wird der Leser direkt angesprochen und sinnbildlich an die Hand genommen, um „über die Schwelle" in die Welt des Autors geführt zu werden. Ein wichtiger Hauptaspekt wird schon hier deutlich: Montales pessimistische Lebensphilosophie. Die Ausgangssituation ist eine negative, denn zu Beginn seines Frühwerkes beschreibt der Autor das scheinbar Gute als Trugschluss und die Suche nach dem Guten im Leben als erfolglos und hoffnungslos.

Movimenti besteht aus elf Gedichten, die von der Kindheit und Jugend des lyrischen Ichs handeln, vom Heranreifen und auch von diesem als schmerzhaften Prozess. Neben der negativen Lebenseinstellung wird an dieser Stelle außerdem das bereits erwähnte Naturthema deutlich. Naturelemente werden detailliert beschrieben und harmonisch zusammengestellt. Die Landschaft Liguriens, in der Montale aufwuchs, ist aus den Darstellungen ersichtlich.[1] In Monterosso bei La Spezia, in den Cinque Terre, verbrachte Montale die Sommer seiner Kindheit.[2] Immer wieder tauchen, wie beispielsweise in „I limoni“, die Gegensatzpaare Meer - Erde und Natur - Stadt auf, die sowohl zum Thema der Natur sowie zu dem des Heranreifens passen, denn das Meer und die Natur sind für Montale repräsentativ für die Kindheit, während die Erde und die Stadt für die Reife stehen.

Die Ossi di seppia, die folgende Sektion, trägt denselben Titel wie das Gesamtwerk und wird aus diesem Grund auch Ossi brevi genannt und besteht aus 22 Gedichten. Alle Gedichte der Ossi brevi entstanden im Zeitraum zwischen 1921 und 1925. An dieser Stelle dominiert Montales negative Lebenseinstellung, und seine pessimistische Philosophie wird noch deutlicher gemacht. Sein Pessimismus beinhaltet eine Ambivalenz der Außenwelt und der inneren Empfindungen.[3]

An dem Gedicht „Non chiederci la parola" wird dieser Aspekt verdeutlicht und noch einmal konkretisiert: Montale beklagt das Unvermögen, sich klar auszudrücken. Den Versuch, die Wahrheit in Worten festzuhalten und das Streben nach Gewissheit erklärt Montale für erfolglos. Für den Vergleich mit einem Wort, das eindeutig einleuchtet, nutzt er wieder ein Naturmotiv: „come un croco perduto in mezzo a un polveroso prato"[4]. Ein Wort, das so klar seine Bedeutung deutlich macht, dass es wie ein farbenfroher Krokus inmitten einer staubigen Wiese leuchtet und heraussticht, ist nach Montales Auffassung nicht existent. Es gäbe keine Formel, die uns Welten eröffnet, man könne also die komplette Bedeutung einer Sache nicht mit nur einem einzigen Wort erschließen. Das Ergebnis des Versuchs, dies trotzdem zu erreichen, beschriebt er als „qualche storta sillaba e secca come un ramo"[5]. Das, was der Dichter ausdrücken kann, ist nur das, was er nicht beabsichtigt zu sagen. Das noch Mögliche ist also nur der Ausschluss des nicht gemeinten. Der springende Punkt ist der Konflikt zwischen dem sich ständig änderndem Leben und dem Wort, das immer nur einen Augenblick, eine Momentaufnahme wiedergeben kann.[6] Als Versinnbildlichung dieser Problematik nutzt Montale wiederkehrend die Allegorie der Mauer. Sie lässt sich als eine Barriere zwischen Wort und Realität interpretieren und macht es unmöglich, die Isolation zu überwinden. Des Weiteren unterstreicht es die beklagte Situation des Außenseiters, auf die immer wieder Bezug genommen wird.

Seine Einstellung erinnert an die Philosophie Pirandellos, der eine ähnliche Kommunikationsproblematik aufgestellt hat. Pirandello geht allerdings davon aus, dass jedes Individuum in seiner eigenen Welt lebt, und dass die eindeutige Kommunikation daran scheitert, dass jeder unter einem bestimmten Begriff etwas anderes versteht und davon seine eigene Vorstellung hat. In seinem Stück „Sei personaggi in cerca d'autore" fasst einer der Charaktere das Problem in folgende Worte:

„IL PADRE Ma se è tutto qui il male! Nelle parole! Abbiamo tutti dentro un mondo di cose; ciascuno un suo mondo di cose! E come possiamo intenderci, signore, se nelle parole ch’io dico metto il senso e il valore delle cose come sono dentro di me; mentre chi le ascolta, inevitabilmente le assume col senso e col valore che hanno per sé, del mondo com’egli l’ha dentro? Crediamo d’intenderci; non c’intendiamo mai!“[7]

Die einzige Möglichkeit, der Verzweiflung auszuweichen, die durch dieses Unvermögen, sich auszudrücken, entsteht, ist nach Montale die „divina Indifferenza“[8], also die göttliche Gleichgültigkeit, die an den Tag gelegt werden muss, um von dem negativen Geschehen unberührt zu bleiben.[9] Die Thematik der divina indifferenza wird im folgenden Kapitel im Rahmen der Analyse des Gedichtes „Spesso il male di vivere ho incontrato“ noch näher behandelt werden.

Ebenfalls in diesem Segment finden wir „Meriggiare pallido e assorto“, das wahrscheinlich älteste Gedicht des Werkes, dessen Urform aus 1916 stammt[10] und anhand dessen man gut die präzise Naturbeschreibung nachvollziehen kann. Die beschriebene Landschaft trägt die Handschrift Liguriens, der Heimat Montales. Charakteristisch ist beispielsweise die Trockenheit der Natur. Typisch für die Poetik von Montale ist der hohe Detaillierungsgrad: Er erwähnt nicht einfach Vögel und Insekten, sondern spricht von Amseln, Ameisen und Zikaden, und statt das Wort „pianta“ zu benutzen, führt er „pruni“[11], „sterpi“[12] und „veccia“[13] an. An der charakteristischen Tendenz, die Dinge genau zu schildern, erkennt man, dass seine Poetik ohne verschönernde Metaphoriken auskommt. Außerdem spricht er gleich mehrere der menschlichen Sinne an: Nicht nur die visuelle, sondern auch die auditive, die taktile und die olfaktorische Wahrnehmung. Auch die Geräusche werden eingehend beschrieben, wie zum Beispiel Tierlaute wie „tremuli scricchi/di cicale“[14] oder das Rascheln der Pflanzen.

„si ascolta il susurm / dei rami amici nell'aria che quasi non si muove“[15] (aus: I limoni)

Durch Begriffe wie „rovente“[16] und „abbaglia“[17] wird der Tastsinn eingebracht und schließlich werden auch die Empfindungen des Riechorgans dargestellt:

„e i sensi di quest'odore / che non sa staccarsi da terra e piove in petto una dolcezza inquieta. “[18]

Dieses hohe Maß an Finesse trägt auch zur Intensivierung des Wahrnehmungsvermögens bei, die Sinne werden erneut angesprochen und noch weiter hervorgehoben durch die Verben „ascoltare“[19], „osservare“[20] und „sentire“[21]. Das entfernte Zucken der Wellen, die Betriebsamkeit der Ameisen - all diese Details kreieren eine Welt, die im Kontrast zur Isolation des lyrischen Ichs steht.

Eine weitere Besonderheit der Poetik Montales, die im Zusammenhang mit dem Naturmotiv erwähnt werden sollte, ist die Negativierung der Natur. Der Dichter versieht Begriffe aus der Natur oft mit abwertenden Adjektiven oder Attributen („calvi picchi“[22], „polveroso prato“[23], „scalcinato muro“[24] ). Diese drehen die Natur ins Negative und sind charakteristisch für das erste Buch Montales.

Die folgende Sektion trägt den Titel Mediterraneo und setzt sich zusammen aus neun Gedichten, die einen weiteren wichtigen Pfeiler der Poetik Montales veranschaulichen: Erinnerungen, die wieder aufgewühlt werden. Innerhalb dieser neun Gedichte ist es die bittersüße Erinnerung an die Jugend und die Suche nach der eigenen Identität. Aber auch in dieser Sektion wird das Naturthema aufgegriffen und durch Bilder, die das Meer und die Erde betreffen, vermittelt.

[...]


[1] Lentzen, S. 110

[2] Krampl

[3] Ebd.

[4] Ebd.

[5] Ebd., S. 59

[6] Lentzen, S.110

[7] Pirandello, S. 44

[8] Montale, S 76

[9] Ebd., S. 75

[10] Cencetti, S. 75

[11] Montale, S 61

[12] Ebd.

[13] Ebd.

[14] Ebd.

[15] Ebd., S. 13

[16] Ebd., S. 61

[17] Ebd., S. 62

[18] Ebd.. S. 13

[19] Ebd., S. 61

[20] Ebd.

[21] Ebd., S. 62

[22] Ebd., S. 61

[23] Ebd., S. 58

[24] Ebd.

Ende der Leseprobe aus 14 Seiten

Details

Titel
Darstellung der Poetik Eugenio Montales in "Ossi di seppia"
Hochschule
Freie Universität Berlin
Note
2,0
Autor
Jahr
2013
Seiten
14
Katalognummer
V427067
ISBN (eBook)
9783668713413
ISBN (Buch)
9783668713420
Dateigröße
531 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Montale, Eugenio Montale, Poetik, Analyse, italienische Lyrik, Lyrik, Ossi di seppia, Spesso il male di vivere ho incontrato
Arbeit zitieren
Julia Leidler (Autor), 2013, Darstellung der Poetik Eugenio Montales in "Ossi di seppia", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/427067

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