Die Vertrauenswürdigkeit des Kapitalmarktes. Aufdeckung von Fraud im Rahmen der Abschlussprüfung


Bachelorarbeit, 2017
58 Seiten, Note: 2,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

1. Problemstellung

2. Theoretische Erklärungen für das Entstehen von Fraud
2.1. Fraud-Definition
2.2 Agency-Theorie
2.3 Psychologische Ansätze
2.3.1 Edwin H. Sutherland
2.3.2 Donald R. Cressey

3. Verantwortung des Abschlussprüfers zur Aufdeckung von Fraud
3.1 Ziel der Jahresabschlussprüfung
3.2 Verantwortung gemäß IDW PS 210
3.3 Abgrenzung zu Forensic Services

4. Vorgehensweise des Abschlussprüfers bei Fraud 4.1 Identifikation von Risikoquellen
4.1.1. Red Flags
4.1.2. Erörterungen im Prüferteam
4.1.3. Befragungen
4.2. Beurteilung der Risiken
4.2.1. Analytische Prüfungshandlungen
4.2.2. Beurteilung des internen Kontrollsystems
4.2.3. Einzelfallprüfungen
4.3. Berichterstattung bei Fraud-Verdacht

5. Fazit

Literaturverzeichnis

Gesetzes- und Regelwerksverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1: Einteilung der Unregelmäßigkeiten 5

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

1. Problemstellung

Die spektakulären Bilanzskandale der Jahre 2000 bis 2002 führten zu vielen öffentlichen Diskussionen über die Vertrauenswürdigkeit des Kapitalmarkts, aber auch in die der Abschlussprüfung.[1] Insbesondere der Fall des amerikanischen Energiehändlers Enron wurde zum Symbol von

Bilanzmanipulationen von vollkommen neuem Ausmaß.[2] Deutlich wurden die Unregelmäßigkeiten im Unternehmen als Enron 2001 einen unerwarteten Verlust in Höhe von 618 Millionen US-Dollar bekannt geben musste. Dieser entstand durch den erstmaligen Einbezug der von Enron geschaffenen Zweckgesellschaften, die zuvor in den Jahresabschlüssen fälschlicherweise nicht bilanziert wurden. Kurz darauf musste Enron des Weiteren sein Eigenkapitel um 1,2 Milliarden US-Dollar reduzieren.[3] Obwohl Enron als der bekannteste Fall gilt, übersteigt der Fall WorldCom die Dimensionen.[4] [5] Der Telefonkonzern WorldCom bilanzierte Aufwände als Investitionen und wies diese als Anlagevermögen aus, wodurch Kosten in Höhe von 3,85 Milliarden US-Dollar verdeckt wurden.[6] In Folge dessen sank der Unternehmenswert von 150 Milliarden US-Dollar auf nur noch 150 Millionen US-Dollar, was letztendlich im Juli 2002 zur Insolvenz führte.[7] Es war der bis dahin größte Bilanzskandal.[8] Doch auch andere Länder, wie auch Deutschland, waren von Bilanzskandalen betroffen. Der bekannteste deutsche Fall ist FlowTex. FlowTex verkaufte Maschinen an Leasingunternehmen, die diese daraufhin an Franchiseunternehmen von FlowTex verleasten. Da der Großteil der Maschinen fiktiv war, war es nötig Dokumente zu fälschen. Letztendlich entstand durch FlowTex ein Schaden von vier Milliarden DM.[9] Somit bestand zum einen keine regionale Begrenzung. Zum anderen besteht aber auch keine zeitliche. Dies zeigt eine aktuelle Studie von KPMG aus dem Jahr 2016. Laut dieser waren in den Jahren 2015 und 2016 mehr als ein Drittel der deutschen Unternehmen von Wirtschaftskriminalität betroffen.[10] Der Anteil der fälschlichen Darstellung der Jahresabschlussinformationen ist zwar gering,[11] führt aber zu den größten Schäden.[12] Vor allem die Tatsache, dass bei Bilanzskandalen zum Großteil Dritte und nicht wie beispielsweise bei Unterschlagungen die Unternehmen die Hauptgeschädigten sind, fördert die Brisanz der Manipulationen.[13] Obwohl der Wirtschaftsprüfer aufgrund der anspruchsvollen fachlichen Ausbildung hoch angesehen ist,[14] gerät auch er in die Kritik der Öffentlichkeit, wenn Bilanzskandale publik werden.[15] [16] Insbesondere für die Medien ist die Mitschuld eindeutig, was an reißerischen Artikelüberschriften deutlich wird. Es wird die Frage aufgeworfen, ob der Abschlussprüfer überhaupt in der Lage ist Betrug aufzudecken und warum er kriminelle Handlungen in solchen Ausmaßen nicht entdeckte.[17] Hierbei wird das Phänomen der Erwartungslücke deutlich, da der Berufsstand der Wirtschaftsprüfer gegensätzlicher Meinung ist. Diese Annahme ist durch den Prüfungsstandard 210 des Instituts der Wirtschaftsprüfer (IDW) gestützt, der die Aufdeckung von Unregelmäßigkeiten im Rahmen der Abschlussprüfung thematisiert und die Verantwortung zur Vermeidung und Aufdeckung gemäß IDW PS 210.8 nicht bei den Wirtschaftsprüfern sieht. Die vorliegende Arbeit schließt an diesem Punkt an. Sie wird behandeln, was die Ursachen für das Entstehen von Unregelmäßigkeiten sind, welche Verantwortung Abschlussprüfer für deren Aufdeckung trifft und wie sich das Vorgehen in Bezug auf Unregelmäßigkeiten in der gesetzlichen Jahresabschlussprüfung gemäß den Prüfungsstandards darstellt.

2. Theoretische Erklärungen für das Entstehen von Fraud

2.1. Fraud-Definition

Für die weitere Bearbeitung der Thematik Fraud ist es nötig zu klären, was unter dem Begriff Fraud zu verstehen ist. Da sich die vorliegende Arbeit auf die Abschlussprüfung in Deutschland bezieht, ist es sinnvoll sich auf die Definition des IDW PS 210 zu stützen. Der IDW PS 210.6 weist darauf hin, dass es in den Jahresabschlüssen zu falschen Angaben kommen kann. Welche Arten falscher Angaben vorliegen können und wie diese in die Berichterstattung des Abschlussprüfers einfließen, erläutert die Definition des IDW PS 210.7. Die Definition verwendet den Oberbegriff Unregelmäßigkeiten und unterteilt diese nach deren Folgen für die Rechnungslegung. Kommt es zu fehlerhaften Angaben, die keine Auswirkung auf die Rechnungslegung haben, fallen diese unter die sonstigen Gesetzesverstöße. Hierunten fallen Verstöße gegen die Unternehmenssatzung oder den Gesellschaftsvertrag. Hierbei ist nicht relevant, ob die Angaben durch bewusste oder unbewusste Handlungen entstanden sind. Werden die falschen Angaben aufgedeckt, haben sie lediglich Folgen für den Prüfungsbericht, finden aber keine Erwähnung im Bestätigungsvermerk.

Eine weitere Unterteilung findet bei den Unregelmäßigkeiten statt, die zu falschen Angaben in der Rechnungslegung führen. Dabei kann es zu unbeabsichtigten oder zu beabsichtigten Unregelmäßigkeiten kommen. Bei unbeabsichtigten Unregelmäßigkeiten wird von Unrichtigkeiten oder Error gesprochen. Hierunter fallen Schreib- oder Rechenfehler, eine unbewusste unrichtige Anwendung von Rechnungslegungsgrundsätzen oder auch unpassenden Einschätzungen von Sachverhalten. Da die Fehler unbeabsichtigt erfolgen, werden auch keine Versuche unternommen diese zu verbergen, sodass sich Hinweise finden lassen, die die Entdeckung ermöglichen. Da die Unrichtigkeiten dennoch Auswirkung auf die Vermögens-, Finanz- und Ertragslage des Unternehmens haben können,[18] [19] haben diese Konsequenzen für den Prüfungsbericht und den Bestätigungsvermerk.

Die vorliegende Arbeit wird sich jedoch auf die beabsichtigten Verstöße oder Fraud konzentrieren. Verstöße werden wiederum in zwei Fälle unterteilt. Täuschungen bilden die erste Gruppe, welche beabsichtigt falsche Angaben im Jahresabschluss, Fälschungen in der Buchführung sowie Bilanzmanipulationen umfassen. Diese haben oftmals das Ziel das Unternehmensergebnis zu Gunsten des Täters zu beeinflussen, wobei vorher häufig interne Kontrollen im Unternehmen durch das Management außer Kraft gesetzt werden.

Die zweite Gruppe umfasst Vermögensschädigungen und Gesetzesverstöße. Vermögensschädigungen sind widerrechtliche Aneignungen von Gesellschaftsvermögen. Dies kann durch Unterschlagung oder auch Diebstahl erfolgen. Diese haben meist das Ziel ״der persönlichen Bereicherung , die zum Großteil von Mitarbeitern unterer Hierarchiestufe begangen werden und somit zu kleineren Schäden führen. Des Weiteren ist zu beachten, dass zur Verdeckung oft Dokumentenfälschung genutzt wird.[20] [21] [22] Werden die Vermögensschädigungen nicht zutreffend in der Rechnungslegung abgebildet, haben diese Konsequenzen für den Prüfungsbericht und den Bestätigungsvermerk. Sollten diese richtig abgebildet werden, fallen sie in die Gruppe der sonstigen Gesetzesverstöße. Gesetzesverstöße, die Einfluss auf die Rechnungslegung haben, und nicht mit den sonstigen Gesetzesverstößen zu verwechseln sind, umfassen beispielsweise Geldstrafen und Schadensersatzverpflichtungen, die in der Rechnungslegung nicht zutreffend dargestellt werden. Denkbar sind hierbei ״Verstöße gegen Steuer- oder umweltrechtliche Vorschriften“[23]. Diese finden ebenfalls Erwähnung im Prüfungsbericht und Bestätigungsvermerk. Zur Übersicht bietet sich eine grafische Darstellung an:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1: Einteilung der Unregelmäßigkeiten Quelle: IDW PS 210.7

2.2 Agency-Theorie

Nachdem definiert wurde, was unter Fraud verstanden wird, ist es weiterhin notwendig zu erläutern, wie Fraud entsteht. Eine Möglichkeit hierzu bietet sich in der Agency-Theorie.[24] [25] Die Grundlage der Wirtschaft bilden Kooperationen und Aufgabenteilung. Flierdurch ist es möglich, dass Individuen sich erbringen, um letztendlich ihren Nutzen[26] [27] [28] oder den einer Unternehmung zu erhöhen. Bestünde nun eine First-Best-Lösung, besäße jeder die gleichen, vollständigen Informationen und somit denselben Wissensstand. Dies würde dazu führen, dass jede Arbeitsteilung optimal verläuft, da aufgrund des vollständigen Wissens keine Handlungsspielräume abweichend von dem angedachten Austausch bestünden.

Die Agency-Theorie knüpft hieran an. Die Auftraggeber oder Prinzipalen beauftragen Agenten, die deren Aufgaben erledigen.[29] Da die Annahme vollständiger Informationen jedoch realitätsfern ist, beschäftigt sich die Agency- Theorie mit Individuen, die keine vollständigen Informationen besitzen31 und sich je nach Individuum unterscheiden.[30] [31] Hinzu kommt, dass die jeweiligen Interessen divergieren. Weiterhin wichtig für die Agency-Theorie ist die Fixierung der Arbeitsdelegation durch Verträge. Durch die Notwendigkeit von Verträgen wird deutlich, dass sich Prinzipal und Agent nicht vollständig vertrauen.[32] [33] Für die Einteilung in Prinzipalen und Agenten finden sich viele Beispiele, jedoch ist für die weitere Bearbeitung vor allem die Beziehung zwischen Eigentümern eines Unternehmens und den beauftragten Managern relevant.[34] [35] Für die Beauftragung lassen sich mehrere Gründe identifizieren. Beispielsweise könnten die Manager mehr Kenntnisse als die Eigentümer besitzen. Des Weiteren könnten die Eigentümer Risiken auf die Manager verteilen, indem sie mehrere Unternehmen besitzen, ohne die Leitung übernehmen zu müssen.[36] Durch die Nähe zum Unternehmen erlangt der Manager nun mehr Informationen als die Eigentümer. In Folge dessen entstehen Informationenasymmetrien.[37] Diese können in drei Kategorien unterteilt werden: hidden characteristics, hidden action und hidden information.[38]

Bei den hidden characteristics handelt es sich um vorvertragliche Informationsasymmetrien. Der Agent teilt dem Prinzipal zum einen nicht alle Informationen mit[39] und zum anderen ist es für den Prinzipal unmöglich alle Eigenschaften des Agenten zu erfahren.[40] Durch die Unmöglichkeit des Einbezuges aller benötigten Informationen, wird auch die Auswahl des optimalen Agenten erschwert.[41] Somit besteht die Gefahr, dass negative Eigenschaften des Agenten erst nach Vertragsabschluss bekannt werden und ein ungeeigneter Kandidat gewählt wird. Diese Situation wird als adverse selection bezeichnet.[42]

Die hidden actions bezeichnen Informationsasymmetrien nach Vertragsabschluss.[43] Hierbei wird davon ausgegangen, dass der Prinzipal die Tätigkeiten des Agenten nicht jederzeit überwachen kann.[44] Des Weiteren ist wichtig, dass sich das erzielte Ergebnis aus der Arbeit des Agenten nicht nur aus seinen Anstrengungen zusammensetzt, sondern auch durch exogene Bestandteile bestimmt wird.[45] Das führt dazu, dass vom erzielten Ergebnis nicht auf den Arbeitseinsatz des Agenten geschlossen werden kann.[46]

Bei den hidden information liegen die Informationsasymmetrien ebenfalls nach Vertragsabschluss vor. Der Unterschied zu hidden action liegt in der Beobachtbarkeit. Der Prinzipal kann den Agenten beobachten, jedoch nicht beurteilen. Somit kann der Prinzipal nicht einschätzen, inwiefern die Leistung des Agenten zum Ergebnis beigetragen hat und inwiefern die äußeren Einflussfaktoren.[47] Die nachvertraglichen Informationsasymmetrien bieten dem Agenten die Möglichkeit opportunistisch zu handeln und somit nicht im Interesse des Prinzipalen. Diese Situation wird moral hazard genannt.[48]

Alle drei Arten der Informationsasymmetrien bieten Handlungsspielräume für den Agenten.[49] Diese Handlungsspielräume kann der Agent nutzen, um seine Interessen zu verfolgen und seinen Nutzen zu erhöhen.[50] [51] So wird angenommen, dass der Agent an einer hohen Bezahlung bei geringem Arbeitseinsatz interessiert ist und der Prinzipal an einem hohem Arbeitseinsatz des Agenten bei geringer Bezahlung. Da sich die Möglichkeiten zur Begehung von Fraud nach Vertragsabschluss ergeben, muss zur Vermeidung von Fraud vor allem das Risiko von moral hazard verringert werden.[52] [53] Dies kann durch Interessensangleichung und Verringerung der Informationsasymmetrien erfolgen. Um die beidseitigen Interessen anzugleichen, bietet sich eine variable Bezahlung des Agenten an, da eine fixe Vergütung keine Anreize liefert einen hohen Arbeitseinsatz zu erbringen.[54] [55] Die variable Vergütung muss jedoch auf vertrauenswürdigen Daten beruhen. Diese Aufgabe kann der Jahresabschluss des Unternehmens erfüllen. Denkbar wäre eine Gewinnbeteiligung. Dies würde den Arbeitseinsatz steigern und dem Prinzipal eine Möglichkeit zur Beobachtung und Beurteilung des Agenten geben. Hieraus ergibt sich jedoch das Problem, dass der Jahresabschluss vom Management erstellt wird. Somit besteht für den Agent die Möglichkeit im Jahresabschluss falsch über das Unternehmen zu berichten, um eine hohe Bezahlung ohne ausreichenden Einsatz zu erreichen.[56] Dadurch, dass nur der Agent wirklich weiß, wie hoch das tatsächliche Unternehmensergebnis ist und der Prinzipal nur das berichtete Unternehmensergebnis erfährt,[57] bieten sich weiterhin Möglichkeiten für den Agenten,[58] um Fraud zu begehen.[59] [60] Klare Rechnungslegungsregeln könnten diese Spielräume eingrenzen, jedoch kann der Prinzipal weiterhin nicht beurteilen, ob die Berichterstattung der Wahrheit entspricht. Somit zeigt sich, dass eine Prüfung der Rechnungslegung nötig ist. Der Prinzipal könnte diese Prüfung selber durchführen, doch wie auch bei der Delegation an den Manager ist es nicht gegeben, dass der Prinzipal über die hierfür benötigten Kenntnisse verfügt, sodass hier ein Experte nötig ist. Diese Rolle kann der Wirtschaftsprüfer mit der Jahresabschlussprüfung ausfüllen. Durch die Prüfung würde dem Prinzipal versichert werden, dass der Agent wahrheitsgemäß berichtet hat und keine Manipulation stattgefunden hat.[61] Des Weiteren hätte die Prüfung eine vorbeugende Wirkung, da der Agent die Möglichkeit der Aufdeckung seiner Verstöße in sein Verhalten miteinbezieht.[62]

Aus der Agency-Theorie ergibt sich somit, dass Fraud durch Handlungsspielräume aufgrund der Informationsasymmetrien entsteht, die es dem Agenten ermöglichen seine Interessen durchzusetzen, auch wenn diese nicht im Sinne des Prinzipals sind.[63] [64] Als Lösung kommt die Jahresabschlussprüfung in Frage, da diese die Informationsasymmetrien verringert. Somit ergibt sich aus der Agency-Theorie, dass es die Aufgabe der Jahresabschlussprüfung ist Fraud aufzudecken, um zu versichern, dass die Berichterstattung des Agenten der Wahrheit entspricht.

2.3 Psychologische Ansätze

2.3.1 Edwin H. Sutherland

Einen bedeutenden Anteil an dem heutigen Verständnis von Fraud erbrachte Sutherland, der sich als erster insbesondere mit ״white collar crimes“[65] [66] beschäftigte.68 Sutherland widersprach der damals üblichen Meinung, dass Verbrechen aufgrund von Armut oder biologischen Gründen geschehen.[67] Sutherland verwies auf verzerrte Kriminalstatistiken, die die meisten Verbrechen der höheren Gesellschaftsschichten und somit auch Verstöße vom Topmanagement nicht berücksichtigten, da diese nicht vor den gewöhnlichen Gerichten verhandelt wurden.[68] Jedoch erfüllen auch Verbrechen der höheren Gesellschaftsschichten die Voraussetzungen eines Verbrechens: Ein Schaden an der Gesellschaft und eine dementsprechend gerechtfertigte Bestrafung.[69] Hierunter fallen auch Manipulationen der Rechnungslegung, um beispielsweise eine höhere Kreditwürdigkeit zu erreichen oder Löhne gering zu halten.[70] [71] Darüber hinaus finden sich weitere Gemeinsamkeiten zwischen beispielsweise Diebstahl und den white collar crimes. Beispielsweise wird in beiden Fällen meist das schwächste Opfer gesucht. Bei white collar crimes meist die Stockholder, da diese unorganisiert sind und somit Schwierigkeiten haben Druck auszuüben, um letztendlich den Verstoß zu beweisen. Jedoch bestehen auch Unterschiede. Täter im Top-Management sind sich zwar bewusst, dass sie gegen das Gesetz verstoßen, sehen sich aber dennoch nicht als Kriminelle. Es wird mehrheitlich auch ein gewisser Stolz empfunden das Gesetz umgangen zu haben.[72] [73] Somit wird kein Statusverlust gefürchtet, wenn die Verstöße öffentlich werden.

Sutherland führte die white collar crimes zum einen auf eine differenzierte Assoziation und zum anderen auf soziale Desorganisation zurück. Die differenzierte Assoziation besagt, dass die Verhaltensweisen und Techniken im Umgang mit anderen Personen erlernt werden. Es wird bemerkt, dass unehrliches Verhalten oftmals mehr Vor- als Nachteile mit sich bringt, sodass die jeweilige Person sich auch entscheidet die vorherigen guten Ideale zu verwerfen.[74] Außerdem bemerkte Sutherland, dass Vorgehensweisen, die notwendig für die Verstöße sind, schnell adaptiert werden. Dies ist oft bei konkurrierenden Unternehmen zu sehen, da die Sorge besteht der Konkurrenz zu unterliegen.[75] Weiterhin begünstigt werden white collar crimes durch die Abwesenheit von Vorbildern, die sich gegen die üblichen Geschäftspraktiken stemmen. Oftmals ist gegenteiliges der Fall, denn diese werden meist verachtet und finden kein Gehör.[76]

Die soziale Desorganisation unterteilt Sutherland in das Fehlen von Normen, die die jeweiligen Personen in das richtige Verhalten drängen würden und den Konflikt von Normen der jeweiligen gesellschaftlichen Gruppen. Das Fehlen von Normen entsteht durch ״’the folklore of capitalism’“[77]. Dementsprechend werden staatliche Eingriffe in die Wirtschaft abgelehnt, um einen freien Markt zu ermöglichen. Dies umfasst auch das Einschreiten bei Verstößen und fördert somit die Bereitschaft zu diesen.[78] Die konkurrierenden Normen ergeben sich dadurch, dass die Wirtschaftselite eine einheitliche Meinung von der Behandlung von white collar crimes besitzt und die Öffentlichkeit dagegen unorganisiert in ihren Normen erscheint. Dies wird auch durch den Einfluss der Wirtschaftselite auf staatliche Einrichtungen gefördert. Hierdurch wird das Weiterbestehen von white collar crimes unterstützt.

2.3.2 Donald R. Cressey

Einen weiteren wichtigen Beitrag zum Verständnis von Fraud lieferte Donald R. Cressey mit einer Studie in welcher er mehr als 200 Unterschlagungstäter befragte. Im Gegensatz zu Edwin H. Sutherland konzentrierte er sich hierbei nicht ausschließlich auf Betrugsfälle von Führungskräften.

Cresseys Fokus lag hierbei vor allem auf Personen, die nicht im Voraus Betrug geplant hatten. Für Cressey waren somit Personen interessant, die eine Vertrauensposition erhalten hatten und diese auch pflichtgemäß erfüllen wollten, letztendlich das Vertrauen jedoch missbrauchten. Diese Personen nannte Cressey ״trust violators“8384 Für Cressey ergaben sich drei Faktoren, die zum Vertrauensmissbrauch führten: Ein nicht kommunizierbares, finanzielles Problem, einer Möglichkeit der Lösung des Problems im Geheimen und die Rechtfertigung der Tat.[79] [80] [81] [82]

Cressey erkannte, dass die Täter schon vor der Tat Möglichkeiten zum Betrug besaßen. Sie sahen jedoch nicht die Notwendigkeit das erhaltene Vertrauen zu missbrauchen. Damit war ausschlaggebend, dass zuerst ein Problem auftreten musste, das sie niemandem anvertrauen konnten. Dabei unterscheidet jeder individuell welche Probleme nicht kommunizierbar erscheinen. Außerdem führt nicht jedes Problem zwingend zu einem Vertrauensmissbrauch, jedoch konnte jeder Vertrauensmissbrauch auf ein solches Problem zurückgeführt werden. Cressey unterschied zwischen sechs Situationen die zu einem finanziellen, nicht kommunizierbaren Problem führen können.[83]

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Zum einen sind Verstöße gegen zugeschriebene Verpflichtungen zu nennen. Von Personen in Vertrauenspositionen wird auch ein vertrauenswürdiges Verhalten erwartet. Von solchen Personen wird beispielsweise erwartet kein Glücksspiel zu betreiben[88] oder Kredite rechtzeitig[89] abzubezahlen. Sollten hieraus Probleme entstehen, werden diese als nicht kommunizierbar angesehen, da sie nicht dem öffentlichen Bild entsprechen und den Status gefährden.[90] Außerdem sind persönliche Fehler zu erwähnen. Das Eingestehen eigener Fehler würde dem Status schaden, sodass aus Scham das Problem verschwiegen wird. Als drittes sind geschäftliche Probleme zu nennen. Hierbei wird auch ein Statusverlust gefürchtet. Der Unterschied besteht jedoch darin, dass das Problem durch externe Faktoren entsteht, wie beispielsweise Wirtschaftskrisen[92]. Cressey stellte fest, dass wenige Menschen dazu in der Lage sind ein Versagen einzugestehen, auch wenn dieses nicht selbstverschuldet war. Es wird oft argumentiert, dass die Lage sich in Zukunft sicherlich bessern wird.93] Die oftmals aus Unternehmenskrisen entstehenden Probleme werden somit aufgrund der Sorge vor einem Statusverlust nicht kommuniziert.[94] Die vierte Situation unterscheidet sich von den vorherigen, denn zuvor wollten Personen ihre Probleme nicht mitteilen. Nun im Falle der körperlichen Isolation ist es den Personen gar nicht erst möglich dieses mitzuteilen, weil es vollständig an Vertrauenspersonen fehlt. Somit können sie von keiner Seite Hilfe erwarten.[95] Als fünftes führt Cressey Statusstreben an. Es handelt sich somit nicht um die Sorge seinen Status zu verlieren, sondern um den Wunsch einen gewissen Status zu erlangen. Dies ist nötig, um zu bestimmten Gruppen zu gehören und kann beispielsweise durch den Kauf von Prestigeobjekten erreicht werden. Jedoch übersteigt dies die finanziellen Möglichkeiten, sodass ein finanzielles Problem entsteht. Dieses soll niemand erfahren, da deutlich werden würde, dass die Person über ihren Verhältnissen gelebt hat.[96] Die letzte Situation, die zu einem nicht kommunizierbaren Problem führt, liegt in der Beziehung zwischen Arbeitsgeber und Arbeitsnehmer. Hierbei erfahren Personen eine ihrer meiner Meinung nach ungerechte Behandlung seitens des Arbeitgebers. Es ist ihnen jedoch nicht möglich dieses Problem dem Arbeitsgeber mitzuteilen, da sie auf die Arbeitsstelle angewiesen sind und fürchten die Situation zu verschlimmern, sollten sie das Problem mitteilen. Bei all diesen Situationen empfinden Personen den Wunsch zur Lösung des Problems, jedoch ist es meist ein befürchteter Statusverlust, der zu einer Isolation von möglichen Hilfspersonen führt. Somit entscheiden sie sich für den Betrug, der ihnen in diesen Momenten als eine geheime und sichere Lösung erscheint.

Ein weiter Faktor, der zum Vertrauensmissbrauch nötig ist, ist das Bestehen der Möglichkeit. Laut Cressey waren zum Erkennen der Möglichkeit zum einen bestimmte Informationen und zum anderen die nötigen Fähigkeiten wichtig. Die Informationen sind jedoch allgegenwärtig, beispielsweise durch Medienberichte über Verstöße. Des Weiteren ist jedem bewusst, dass erhaltenes Vertrauen auch missbraucht werden kann.[99] Die notwendigen Fähigkeiten sind ebenfalls schon frühzeitig vorhanden. Es werden lediglich erlernte Tätigkeiten zur Vermeidung von Verstößen umgekehrt, um nun diese zu ermöglichen.[100] Der entscheidende Schritt ist daraufhin die Erkenntnis, dass die Fähigkeiten und Information zu einem Vertrauensmissbrauch genutzt werden können, der das nicht kommunizierbare Problem lösen kann.[101]

Der dritte Faktor, der den Vertrauensmissbrauch ermöglicht, ist eine Rationalisierung der Tat. Hierbei ist wichtig, dass die Rechtfertigung notwendig zum Begehen der Tat ist diese aber nach der Tat ihre Bedeutung verliert und eingesehen wird, dass diese sich nur eingeredet wurde. [102] Cressey unterscheidet zwischen drei Tätergruppen, die jeweils spezielle Rationalisierungen verwenden. Geschäftsleute nutzen die Gründe, dass ihnen das Geld ohnehin zustehen würde und den Grund, dass sie das Geld nur

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

[...]


[1] Vgl. Krommes (2015). s. 615.

[2] Vgl. McBarnet (2005). s. 614-615.

[3] Vgl. GOA (2002). s. 144-145.

[4] Vgl. Tanski (2002), s. 2003.

[5] Vgl. Albrecht/ Albrecht/ Albrecht/ Zimbelmann (2016), s. 364.

[6] Vgl. Tanski (2002), s. 2003.

[7] Vgl. Boecker (2008), s. 56.

[8] Vgl. Mulford/Comiskey (2011), s. 422.

[9] Vgl. Zimmermann (2004), s. 1516.

[10] Vgl. KPMG (2016). s. 6.

[11] Vgl. KPMG (2016), s. 11.

[12] Vgl. ACFE (2016), s. 12.

[13] Vgl. Schruff (2003), s. 901.

[14] Vgl. Kümpel/ Oldewurtel/Wolz (2011a), s. 198.

[15] Vgl. Gärtner (2003), s. 241.

[16] Vgl. Hofmann (2008), s. 509.

[17] Vgl. Wells (1993), s. 89-90.

[18] Vgl. Nimwegen (2009), s. 8.

[19] Vgl. Seil (1999), s. 2.

[20] Vgl. Boecker (2010), s. 14-15.

[21] Vgl. Schindler (2007), s. 88.

[22] Boecker (2009), s. 19.

[23] Vgl. Schindler/Gärtner (2004), s. 1237.

[24] Marten/Ruhnke/Quick (2011), s, 426.

[25] Vgl. Finking (2011), s. 7-8 und Nimwegen (2009), s. 13-15.

[26] Vgl. Jost (2001), s. 11.

[27] Vgl. Spremann (1989), s. 4-5.

[28] Vgl. Jost (2001), s. 11.

[29] Vgl. Picot/ Dietl / Franek (2005), s. 72.

[30] Vgl. Jensen/ Meckling (1976), s. 308.

[31] Vgl. Paulitschek (2008), s. 20.

[32] Vgl. Jost (2001), s. 20-21.

[33] Vgl. Jensen/ Meckling (1976), s. 208.

[34] Vgl. Jost (2001), s. 14.

[35] Vgl. Meyer (2004), s. 61-62.

[36] Vgl. Antie (1982), s, 505.

[37] Vgl. Alparslan (2006), s. 19.

[38] Vgl. Fama (1980), s. 291.

[39] Vgl. Ng (1978), s, 911.

[40] Vgl. Jost (2001), s. 25.

[41] Vgl. Jost (2001), s. 27-28.

[42] Vgl. Spremann (1989), s. 11.

[43] Vgl. Picot/ Dietl/ Franek (2005), s. 74-75.

[44] Vgl. Jost (2001), s. 28.

[45] Vgl. Jost (2001), s. 25.

[46] Vgl. Arrow (1986), s. 1184-1185.

[47] Vgl. Spremann (1989), s. 10.

[48] Vgl. Jost (2001), s. 26.

[49] Vgl. Ross (1973), s. 134.

[50] Vgl. Mårten/ Ruhnke/ Quick (2011), s. 40.

[51] Vgl. Jost (2001), s. 21.

[52] Vgl. Jensen/ Meckling (1976), s. 308.

[53] Vgl. Jost (2001), s. 17

[54] Vgl. Nimwegen (2011), s. 15.

[55] Vgl. Zöllner (2007), s. 72

[56] Vgl. Wagenhofer/ Ewert (2015), s. 342-343.

[57] Vgl. Finking (2011), s. 11-13

[58] Vgl. Ng/ Stoeckenius (1979), s. 5.

[59] Vgl. Baiman (1979), s. 26.

[60] Vgl. Ng (1978), s.914-915.

[61] Vgl. Nimwegen (2009), s. 15.

[62] Vgl. Ballwieser (1989),s. 328.

[63] Vgl. Ewert/ Stefani (2001), s. 159.

[64] VgI. Antie (1982), s. 512-513.

[64 Vgl. Nimwegen (2009),s. 17.

[65] Vgl. Finking (2011), s. 94.

[66] Sutherland (1949), s. 9.

[67] Vgl. Wells (2011), s. 12.

[68] Vgl. Sutherland (1949), s. 6.

[69] Vgl. Sutherland (1949), s. 8-9.

[70 Vgl. Sutherland (1949), s. 31-33.

[70] Vgl. Sutherland (1949), s. 160-162.

[71] Vgl. Sutherland (1949), s. 230-232.

[72] Vgl. Sutherland (1949), s. 221-223.

[73] Vgl. Sutherland (1949), s. 219.

[74] Vgl. Sutherland (1949), s. 234-240.

[75] Vgl. Sutherland (1949), s. 241-242.

[76] Vgl. Sutherland (1949), s. 247.

[77] Vgl. Sutherland (1949), s. 254.

[78] Vgl. Sutherland (1949), s. 253-254.

[79] Vgl. Sutherland (1949), s. 255-256.

[80] Vgl. Wells/ Kopetzky (2006), s. 5.

[81] Vgl. Cressey (1953), s. 30.

[82] Vgl. Cressey (1953), S.20.

[83] Vgl. Cressey (1953), s. 30.

[84] Vgl. Cressey (1953), s. 33.

[85] Vgl. Cressey (1953), S.36, 41,44, 52, 53, 57.

[86] Vgl. Cressey (1953), s. 37, 39-40.

[87] Vgl. Cressey (1953), s. 38.

[88] Vgl. Cressey (1953), s. 41.

[89] Vgl. Cressey (1953), S.41-42.

[90] Vgl. Cressey (1953), S.45.

[91] Vgl. Cressey (1953), S.47, 49, 51.

[92] Vgl. Cressey (1953), S.44-52.

[93] Vgl. Cressey (1953), S.52-53.

[94] Vgl. Cressey (1953), s.53-66.

[95] Vgl. Cressey (1953), s.66.

[96] Vgl. Cressey (1953), S.77-78.

[97] Vgl. Cressey (1953), S.78-80.

[98] Vgl. Cressey (1953), s. 82-83.

[99] Vgl. Cressey (1953), s. 85.

[100] Vgl. Cressey (1953), s. 94, 101, 113.

Ende der Leseprobe aus 58 Seiten

Details

Titel
Die Vertrauenswürdigkeit des Kapitalmarktes. Aufdeckung von Fraud im Rahmen der Abschlussprüfung
Hochschule
Universität Siegen
Note
2,0
Autor
Jahr
2017
Seiten
58
Katalognummer
V427244
ISBN (eBook)
9783668715455
ISBN (Buch)
9783668715462
Dateigröße
576 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Fraud, Audit, Wirtschaftsprüfung, Erwartungslücke, Wirtschaftskriminalität
Arbeit zitieren
Rudolf Meier (Autor), 2017, Die Vertrauenswürdigkeit des Kapitalmarktes. Aufdeckung von Fraud im Rahmen der Abschlussprüfung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/427244

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