Die Entwicklung von Kooperation im Spieltheoretischen Ansatz

Eine Betrachtung am Beispiel des Gefangenendilemmas


Seminararbeit, 2008

17 Seiten, Note: 2,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung
1.1. Die Spieltheorie
1.2. Kooperation in der Spieltheorie

2. Die Entwicklung von Kooperation im Spieltheoretischen Ansatz
2.1. Kooperation im Gefangenendilemma
2.2. Die Entwicklung von Kooperation
2.3. Kann Kooperation gefördert werden?

3. Abschließende Betrachtung zur Entwicklung von Kooperation im Spieltheoretischen Ansatz - bietet das Gefangendilemma die Möglichkeit einer Entwicklung von Kooperation?

4. Literaturverzeichnis

1.1. Die Spieltheorie

Die Spieltheorie ist eine Theorie der strategischen Spiele und gleichzeitig eine Theorie zur Auswahl und Bestimmung optimaler Entscheidungen von sozialen Systemen, Organisationen oder Personen. Sie unterscheidet sich in ihrer sozialwissenschaftlichen Bedeutung von anderen Theorieansätzen vor allem darin, dass sie nicht mehr von einer Tendenz zu einer Interessenkonvergenz aller Beteiligten ausgeht, sondern dass sie Entscheidungssubjekte annimmt, deren Zielsetzung divergieren, aber deren Zielerreichungsaktivitäten gemeinsamen Spielregeln unterliegen. Aus diesem Grund müssen in ihren Planungs- und Entscheidungsprozessen die Existenz und die Handlungen ihrer Partner einkalkuliert werden (Hillmann 1994: 829). Die Spieltheorie gilt als ein spezieller Teil der Entscheidungstheorie. Die Gegenstände beider sind und bleiben Entscheidungen von Individuen. Dabei kommen dem Wort ״Entscheidung“ zwei Bedeutungen zu. Einerseits beschreibt es den Vorgang des Auswählens einer Handlungsalternative und andererseits auch das Ergebnis dieser Auswahl. Entscheidungen können somit als Wahlhandlungen verstanden werden (Riechmann 2002: 1). In der klassischen Entscheidungstheorie werden also nur solche Entscheidungen betrachtet, bei denen der Zustandsraum und insbesondere die Eintrittswahrscheinlichkeit der Zustände unabhängig davon war, was andere Individuen tun. Dies ist in der Spieltheorie anders. Hier betrachtet man solche Entscheidungssituationen, in denen Entscheidungen von anderen Individuen mit in Betracht gezogen werden müssen. Diese Individuen werden hierbei als Mitspieler bezeichnet (Riechmann 2002: 18). Folglich lässt sich behaupten, dass Entscheidungssituationen Gegenstand der Spieltheorie sind, in denen das Ergebnis für einen Entscheider nicht nur von seinen eigenen Entscheidungen abhängt, sondern auch von dem Verhalten anderer Entscheider. Die Spieltheorie ist demnach eine Theorie der sozialen Interaktion (Rieck 1993: 16). Sie beschäftigt sich vordergründig damit, für ein gegebenes Spiel eine Lösung zu ermitteln. Die Lösung eines Spiels ist ein Vorschlag, wie ein gegebenes Spiel zu spielen sei. Was als Lösung hierbei betrachtet wird, hängt von den Voraussetzungen ab, unter denen das Spiel gespielt wird, beispielsweise Fähigkeiten, Zielen und Informationen der Spieler. Eine Besonderheit der Spieltheorie besteht darin, dass sie die Lösungen zu einer Entscheidungssituation nicht etwa aufgrund psychologischer Überlegungen herleitet, sondern ausschließlich aus den Eigenschaften des Spiels, also aus den Regeln eines Spiels. Das heißt nun, dass sie fragt unter welchen Voraussetzungen welche Spielerergebnisse möglich sind (Rieck 1993: 19). Woraufhin ein weiterer Aspekt hinzu kommt, der der Kooperation und Nichtkooperation, auf die beide nun genauer eingegangen werden soll (Rieck 1993: 27).

1.2. Kooperation in der Spieltheorie

Es stellt sich zunächst einmal die Frage, was die Aufteilung in kooperative und nichtkooperative Spieltheorie bedeutet. Es ist nicht etwa so, dass in der nichtkooperativen Spieltheorie keine Kooperation existiert. Vielmehr besteht der Unterschied darin, dass in der kooperativen Spieltheorie Kooperation als auf jeden Fall gegeben vorausgesetzt wird, wogegen sie in der nichtkooperativen Theorie nur als ein Resultat von Entscheidungen der Spieler entstehen kann (Rieck 1993: 28). Kooperative Spiele sind Spiele, bei denen die Spieler die Möglichkeit haben verbindliche Absprachen zu treffen. In einigen Spielen reicht es, dass man sich vorher abspricht, damit ein kooperatives Abkommen entsteht. In der Regel jedoch reicht Kommunikation vor dem Spiel nicht aus, um das Kooperationsgleichgewicht zu erreichen. In einem kooperativen Spiel können die Spieler dagegen ihre Strategien verbindlich absprechen. Man könnte sich vorstellen, dass ein Vertrag abgeschlossen wird, der bei einer Abweichung der Spieler von der Absprache eine so hohe Strafe androht, dass es für alle Spieler vorteilhafter erscheint, sich an die Absprache zu halten und den vereinbarten Vertrag zu erfüllen (Sieg 2005: 76). Die nichtkooperative Theorie hingegen untersucht eine ganz andere Klasse von Situationen. Die Spieler sind vollkommen voneinander getrennt, sie können nicht in natürlicher Sprache miteinander kommunizieren und keine bindenden Vereinbarungen untereinander treffen. Die einzige Möglichkeit, miteinander in Verbindung zu treten, besteht darin, die im Rahmen des Spiels möglichen Entscheidungen zu treffen. Die vorgenommenen Züge sind somit eine Art stilisierte Sprache. Des Weiteren haben die Spieler keinerlei Vermutung über die Psychologie der Gegenspieler. Da die Spieltheorie jedoch eine allgemeine Theorie sein will, unterstellt die eine stilisierte

Psychologie namens Rationalität. Das Einzige das die verschiedenen Spieler übereinander wissen, ist, dass sie das gleiche Spiel spielen, und sie wissen, wie ihre Gegenspieler die möglichen Spielausgänge bewerten (Rieck 1993: 28). Zusammenfassend lässt sich sagen, dass kooperative Spiele als Spiele gelten, in denen die Spieler bindende Vereinbarungen treffen können, wohingegen in nichtkooperativen Spielen keine bindenden Vereinbarungen möglich sind (Rieck 1993: 29).

2. Die Entwicklung von Kooperation im Spieltheoretischen Ansatz

Nachdem auf die Spieltheorie im Allgemeinen und auf Kooperation in der Spieltheorie kurz eingegangen wurde, soll nun genauer auf die Entwicklung von Kooperation am Beispiel des Gefangenendilemmas eingegangen werden. Die Analysen zum iterierten Zwei-Personen-Gefangenendilemma verwendeten zunächst ein rationales Gleichgewichtskalkül zur optimalen Wahl zwischen zwei zu vergleichenden Gesamtstrategien für das wiederholte Spiel. Neuere Untersuchungen wie Axelrods ״Die Evolution der Kooperation“ wenden sich von dieser Methode ab. Sie verzichten auf Rationalitätspostulate und eine rein analytische Betrachtung der Strategieinteraktion. Stattdessen werden Computerwettkämpfe zur Ermittlung erfolgreicher Strategien durchgeführt. Diese Entwicklung stellt einen Fortschritt für die Analyse der Kooperation im Zwei-Personen-Gefangenendilemma dar. Das Ziel ist hierbei Lösungen für reale Kooperationsprobleme zu gewinnen (Schüßler 1990: 19). Das Grundproblem der Kooperation tritt immer dann auf, wenn die Verfolgung des Eigeninteresses durch jeden Einzelnen zu einem schlechten Ergebnis für alle zusammenführt (Axelrod 1995: 6). Um bei all diesen spezifischen Details bei der Untersuchung der Situationen, die diese Eigenschaft besitzen, weiter zu kommen, braucht man eine Darstellung der gemeinsamen Merkmale dieser Situationen. Hier stellt sich das Gefangenendilemma als äußerst sinnvoll dar (Axelrod 1995: 7). Zunächst muss nun geklärt werden was unter einem Gefangenendilemma genau verstanden wird und wie das Gefangenendilemma-Spiel überhaupt funktioniert.

2.1. Kooperation im Gefangenendilemma

Das Gefangenendilemma oder auch Prisoner’s Dilemma genannt ist wohl eins der bekanntesten Spiele überhaupt. Gleichzeitig gilt es als ein durchaus interessantes Spiel, denn es beschäftigt sich mit einer der wichtigsten Fragestellungen der Sozialwissenschaften, nämlich dem Zusammenspiel von Individuum und

Gemeinschaft (Rieck 1993: 36). Das Gefangenendilemma ist in erster Linie ein Spiel mit zwei Spielern, von denen jeder zwei Entscheidungsmöglichkeiten hat, nämlich zu kooperieren oder nicht zu kooperieren. Nichtkooperation kann hierbei als Defektion bezeichnet werden (Axelrod 1995: 7). Ursprünglich wurde mit dem

Gefangenendilemma die Situation zweier Personen beschrieben, die gemeinsam ein Verbrechen begangen haben, verhaftet worden sind und in getrennten Zellen gefangen gehalten werden (Riechmann 2002). Jedem wird einzeln ein Angebot unterbreitet. Die Gefangenen können das Verbrechen gestehen oder leugnen. Leugnen beide, dann kann ihnen die Straftat zwar nicht nachgewiesen werden, aber sie werden doch eine gewisse Strafe wegen beispielsweise unerlaubten Waffenbesitzes erhalten, nämlich zum Beispiel ein Jahr Gefängnis. Gesteht jedoch einer von ihnen, während der Andere leugnet, so wird der Gestehende als Kronzeuge sehr gut behandelt oder freigelassen. Der Leugnende erhält hingegen fünf Jahre Haft. Gestehen allerdings beide, so erhalten sie beide jeweils vier Jahre Haft (Rieck 1993: 36). Eine Auszahlungsmatrix könnte dann beispielsweise so aussehen:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1: Das Gefangenendilemma (Rieck 1993: 37).

Damit in den Feldern Gewinne stehen, wurden die Gefängnisstrafen jeweils von der Maximalstrafe von fünf Jahren abgezogen. Ein Freispruch entspricht somit 5-0 = 5 Gewinnpunkten. Dagegen entspricht ein Jahr Gefängnis 5-1=4 Gewinnpunkte (Rieck 1993: 36). Jeder Spieler muss seine Wahl treffen, ohne zu wissen, wie der Andere sich verhalten wird. Unabhängig vom Verhalten des jeweils anderen Spielers führt Defektion zu einer höheren Auszahlung als Kooperation (Axelrod 1995: 7).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 2: Das Gefangenendilemma (Axelrod 1995: 8).

Das Dilemma liegt nun darin, dass es für jeden Spieler, unabhängig vom Verhalten des Anderen, vorteilhafter erscheint, zu defektieren. Allerdings ist beidseitige Defektion für jeden Spieler ungünstiger, als wechselseitige Kooperation. Wie in Abbildung 2 zu sehen ist, können die Spieler entweder Kooperation oder Defektion wählen. Beide Entscheidungen zusammen führen auf eines der vier möglichen Ergebniskästen. Wenn beide Spieler kooperieren, stehen sie ziemlich gut dar. Beide erhalten R, im Englischen Reward, die Belohnung für wechselseitige Kooperation. In dieser Beispielmatrix wären das 3 Punkte. Falls ein Spieler kooperiert und der Andere defektiert, erhält der Defektierende T, Temptation, die Versuchung zu defektieren, während der kooperierende Spieler die Auszahlung s, Sucker’s payoff, des gutgläubigen Opfers erhält. Wenn beide defektieren, erhalten sie beide p, Punishment, die Strafe für wechselseitige Defektion (Axelrod 1995: 7). Dabei wird die erste Strategie, die Kooperation, häufig als die kooperative Strategie bezeichnet, während man die zweite, die Defektion, unkooperative Strategie nennt. Es gibt hier allerdings keinen Zusammenhang zu den Begriffen kooperative und nichtkooperative Spieltheorie (Wiese 2002: 122). Welche Strategie beim Gefangenendilemma nun als am besten gilt und wie sich Kooperation entwickeln kann, soll im nächsten Abschnitt dargestellt werden.

2.2. Die Entwicklung von Kooperation

Axelrod untersuchte die Evolution der Kooperation mit Mitteln der Spieltheorie und des Gefangenendilemmas. Dabei wurde in Computerwettbewerben die Leistungsfähigkeit einer ganzen Reihe von möglichen kooperativen Strategien im Spiel gegeneinander und gegen die Strategien der Nicht-Kooperation verglichen (Brown 1990: 85). Zwei Spieler die eine feste Verhaltensstrategie verfolgen, interagieren für eine größere, aber ihnen nicht bekannte Anzahl von Spielen miteinander. Auch darf keiner der Spieler die Interaktion vorzeitig abbrechen (Schüßler 1990: 23). Was soll man am besten in einem solchen Spiel tun? Nimmt man beispielsweise an, dass der Zeilenspieler denkt, der Spaltenspieler werde kooperieren. Das würde bedeuten, dass der Zeilenspieler eines der beiden Ergebnisse aus der ersten Spalte von Abbildung 2 erhalten würde. Er hat nun die Wahl, entweder auch zu kooperieren und somit 3 Punkte zu erhalten, oder zu defektieren und 5 Punkte zu erhalten. Es würde sich also lohnen zu defektieren, falls man annimmt, der andere Spieler werde kooperieren (Axelrod 1995: 7). Nimmt man demgegenüber an, der Spaltenspieler würde defektieren, hat der Zeilenspieler die Wahl zwischen Kooperation, wodurch er zum gutgläubigen Opfer würde und 0 Punkte erhielte, und Defektion, woraus sich 1 Punkt als Ergebnis wechselseitiger Defektion ergäbe. Es lohnt sich demnach für den Zeilenspieler zu defektieren, wenn er denkt, der andere Spieler werde auch defektieren. Das zeigt also, dass es besser ist zu defektieren, wenn angenommen wird, dass der Gegenspieler kooperieren werde. Auch ist es besser zu defektieren, wenn davon ausgegangen wird, der andere Spieler werde defektieren. Es ist somit vorteilhafter zu defektieren, was immer der andere Spieler auch tun wird. Die gleiche Logik gilt natürlich auch für den Gegenspieler. Er sollte auch defektieren, unabhängig davon, was er von dem anderen Spieler erwartet. Dann jedoch erhalten beide nur 1 Punkt, p = 1, ein schlechteres Ergebnis als sie für beiderseitige Kooperation bekommen würden. Individuelle Rationalität führt also für beide Spieler zu einem schlechteren Ergebnis als nötig. Dies stellt wie schon erwähnt das Grundproblem des Gefangenendilemmas dar (Axelrod 1995: 8). Die kritische Variable in der Analyse der Computerwettbewerbe ist w, die Wahrscheinlichkeit, dass eine Interaktion zwischen zwei Individuen über den momentanen Zug hinausgeführt wird. Die erfolgreichste soziale Strategie war ״TIT FOR TAT“, wie du mir so ich dir. Bei dieser Strategie kooperieren die Spieler bei der ersten Begegnung mit einem anderen Spieler immer und dann machen sie genau das Gleiche, was der Partner im vorigen Zug spielte (Brown 1990: 85). Aufgrund der Erkenntnisse des ersten Computerwettkampfes wurde ein zweiter durchgeführt. Die Teilnehmer waren über den Erfolg von TIT FOR TAT informiert. Auch im zweiten Turnier unter dieser Voraussetzung gewann TIT FOR TAT. Im zweiten Wettkampf wurden Strategien eingereicht, denen es im ersten Turnier gelungen wäre TIT FOR TAT zu besiegen, für die aber nun gleichzeitig geeignete Ausbeutungsstrategien nominiert waren. Dadurch scheiterten alle, aufgrund der im ersten Wettkampf unternommenen Versuche, die Schwächen von TIT FOR TAT auszunutzen (Schüßler 1990: 23).

Es stellt sich nun die Frage, wie ein evolutionärer Trend zur Kooperation hin überhaupt vor sich gehen kann (Brown 1990: 85). In Axelrods Experiment zeigt sich, das zwei TIT FOR TAT Spieler so miteinander spielen, als ob sie kooperieren würden. Obwohl das Spiel ein nicht-kooperatives ist und verbindliche Absprachen deshalb unmöglich sind, ergibt sich dasselbe Ergebnis wie bei Kooperation. Man spricht hier von Kollision. Womit eine in dem Sinne geheime Absprache bezeichnet wird, die nicht durch offizielle Verträge oder Strafen durchgesetzt wird, sondern nur durch eine in der Strategie enthaltene und damit implizite Drohung (Sieg 2005: 47). Die Spieler können also nur durch ihr eigenes Verhalten miteinander kommunizieren. Die Entwicklung der Kooperation wird nun dadurch ermöglicht, dass die Spieler immer wieder aufeinandertreffen können. Dies bedeutet, dass gegenwärtige Entscheidungen nicht allein den Ausgang des gegenwärtigen Treffens bestimmen, sondern auch die späteren Entscheidungen der Spieler beeinflussen können. Die Zukunft hat demnach Einfluss auf die Gegenwart und kann dadurch die aktuelle strategische Situation beeinflussen (Axelrod 1995: 11). Es lässt sich folglich nachweisen, dass sich bei unbekannt häufiger Wiederholung des Gefangenendilemma-Spiels im Laufe der Zeit die Kooperationslösung, also die Situation gemeinsamen Kooperierens, etablieren kann (Riechmann 2002: 36). Wird das Gefangenendilemma unendlich oft oder unbestimmt oft wiederholt, kann es, im Gegensatz zur endlich häufigen Wiederholung, sinnvoll sein, zu kooperieren. In jeder Runde des wiederholten Spiels ist demnach unklar, ob eine weitere Runde folgen wird. Kooperation ist dann sinnvoll, wenn sich mit einer hinreichend hohen Wahrscheinlichkeit an die jeweils aktuelle Spielrunde eine weitere Spielrunde anschließt. Ist die Wahrscheinlichkeit einer weiteren Runde beim

Gefangenendilemma hoch genug, so lässt anhaltende Kooperation auf Dauer eine höhere Auszahlung erwarten als Defektion (Riechmann 2002: 110). Die beste Strategie hängt insbesondere davon ab, ob die Strategie des Gegenspielers Gelegenheit für die Entwicklung wechselseitiger Kooperation gibt. Diese Annahme kommt zum Tragen, wenn das Gewicht des jeweils nächsten Zuges relativ zum gegenwärtigen hinreichend groß ist und die Zukunft somit wichtig wird (Axelrod 1995: 13). Die Ergebnisse des Turniers zeigen, dass auch unter geeigneten Bedingungen tatsächlich Kooperation in einer Welt von Egoisten ohne zentralen Herrschaftsstab entstehen kann. Die Evolution der Kooperation erfordert hierbei, dass die Individuen eine hinreichend große Chance haben, sich wieder zu treffen, damit sie ein ausreichendes Interesse für ihre zukünftige Interaktion besitzen (Axelrod 1995: 18).

2.3. Kann Kooperation gefördert werden?

Die Frage die sich hier stellt, behandelt die mögliche Veränderung der strategischen Gegebenheiten, um die Kooperation der Spieler zu fördern. Es wird danach gefragt, wie man Kooperation durch Transformation der strategischen Gegebenheiten selbst fördern kann. Wechselseitige Kooperation ist in einem Gefangenendilemma vorteilhaft für beide Spieler, deshalb wäre auch in diesem Bereich eine Förderung der Kooperation äußerst sinnvoll. Solange nun eine Interaktion nicht iteriert wird, gestaltet sich Kooperation ziemlich schwierig. Aus diesem Grund ist es wichtig für die Förderung der Kooperation, eine Basis zu schaffen, damit Individuen sich erneut treffen, wiedererkennen und erinnern können, wie der andere sich früher verhalten hat. Die andauernde Interaktion ermöglicht die Stabilität gegenseitiger Kooperation (Axelrod 1995: 112f). Die Vorschläge, die Axelrod zur Förderung von Kooperation in sozialen Dilemmas bereithält, beziehen sich auf die Wahrscheinlichkeit zukünftiger Kooperationsgewinne, die es zu erhöhen gilt. Zudem müssen die Nutzenverhältnisse kooperativer und unkooperativer Handlungsalternativen verändert werden. Altruismus und gegenseitige Bindung von Menschen sind zu stärken, und die Erinnerungsfähigkeit für vergangene Interaktionen sollte gesteigert werden (Schüßler 1990: 26). Die Empfehlungen zur Förderung wechselseitiger Kooperation werden in drei Gruppen unterteilt. Zuerst ist hierunter die Vergrößerung der Bedeutung der Zukunft im Verhältnis zur Gegenwart zu verstehen. Als nächstes die Änderung der Auszahlung der Spieler für die vier möglichen Ausgänge bei einem Zug und schließlich die Belehrung der Spieler über Werte, Fakten und Fertigkeiten, die kooperationsfördernd sind. Es ist also von Bedeutung, dass die Zukunft hinreichend wichtig erscheint. Das liegt daran, dass die Spieler die Defektion der Gegenspieler mit Vergeltung bestrafen können, sofern die Interaktion lang genug dauert, um die Drohung wirksam zu machen (Axelrod 1995: 113). Der direkteste Weg, Kooperation zu ermutigen, besteht darin, Interaktionen dauerhaft zu machen. Bei den Computerturnieren war den Spielern die Anzahl der zu wiederholenden Spiele nicht bekannt, so wussten sie natürlich nicht, welche Runde die letzte sein wird und die Interaktion galt somit nicht als einmalig (Sieg 2005: 44). Auch können große Änderungen der Auszahlungsstruktur, wie unter Gruppe zwei beschrieben, die Interaktionen so verändern, dass es gar nicht mehr ein Gefangenendilemma ist. Wenn die Bestrafung für Defektion so groß ist, dass Kooperation unabhängig vom Verhalten des anderen Spielers die beste Entscheidung darstellt, dann existiert kein Dilemma mehr (Axelrod 1995: 116ff). Schließlich ist es notwendig, den Gegenspieler aus vergangenen Interaktionen wiederzuerkennen und sich an relevante Merkmale dieser früheren Interaktion zu erinnern, um Kooperation aufrecht zu erhalten. Ohne diese Fähigkeit könnte ein Spieler keine Form von Reziprozität anwenden und könnte den anderen Spieler daher nicht zur Kooperation ermutigen (Axelrod 1995: 124f). Es darf auch nie vergessen werden, dass man in späteren Spielen, auf dieselben Mitspieler treffen kann und sich eben an die früheren Handlungen des Gegenspielers, beispielsweise unkooperatives Verhalten, erinnert (Wiese 2002: 123). Die Fähigkeit, eine auftretende Defektion wahrnehmen zu können, ist nicht die einzige Voraussetzung für die Entstehung erfolgreicher Kooperation, aber sie ist dennoch sehr wichtig. Deshalb lässt sich die Reichweite gesicherter Kooperation ausdehnen, durch jede Verbesserung der Fähigkeiten der Spieler, einander aus der Vergangenheit wiederzuerkennen und verlässlich zu wissen, welche Handlungen vorher stattgefunden haben (Axelrod 1995: 126).

3. Abschließende Betrachtung zur Entwicklung von Kooperation im Spieltheoretischen Ansatz - bietet das Gefangendilemma die Möglichkeit einer Entwicklung von Kooperation?

Zunächst einmal wird also zwischen kooperativer und nichtkooperativer Spieltheorie entschieden. Es ist wichtig zu wissen, dass Handlungen, die in der kooperativen Theorie einfach vorausgesetzt werden, sich in der nichtkooperativen Theorie als ein Ergebnis von Entscheidungen ergeben. Während eine Vereinbarung in der kooperativen Theorie auf jeden Fall eingehalten wird, können sich die Spieler in der nichtkooperativen Theorie entscheiden, ob sie sie einhalten oder nicht. Während die kooperative Theorie jede Kommunikation einfach auf ihr Ergebnis reduziert, wird der gesamte Verhandlungsprozess in der nichtkooperativen Theorie vollständig abgebildet. Dies bedeutet, dass die Spielregeln genaue Angaben darüber enthalten müssen, wer wann welche Information an wen weitergibt und wie derjenige darauf reagieren kann (Rieck 1993: 29). Das Gefangenendilemma ist einfach eine abstrakte Formulierung einiger Situationen, in denen Defektion für jede Person individuell am vorteilhaftesten ist, während andererseits jeder durch wechselseitige Kooperation bessergestellt werde (Axelrod 1995: 8). Bereits die häufigere Wiederholung des gleichen Spiels zwischen den Partnern vermag kooperatives Verhalten induzieren. Diese Möglichkeit besteht, weil unkooperatives Verhalten nicht nur zur versuchten Ausbeutung des Partners eingesetzt werden kann, sondern auch zur Bestrafung von Defekteuren. Ihnen kann in den Spielen nach ihrer Defektion die hohe kooperative Auszahlung entzogen werden (Schüßler 1990: 19). Wenn Individuen also eine genügend große Chance haben sich wieder zu treffen und somit Interesse für ihre zukünftige Interaktion haben, kann sich Kooperation in drei Schritten entwickeln. Zuerst ist nach Axelrod (1995: 18) wichtig: ״daß Kooperation selbst in einer Welt unbedingter Defektion in Gang gesetzt werden kann. Die Entwicklung kann nicht ablaufen, wenn sie lediglich von einzelnen, verstreuten Individuen versucht wird, die keine Chance haben, miteinander zu interagieren. Kooperation kann jedoch von kleinen Gruppen solcher Individuen ausgehen, die ihre Kooperation auf Gegenseitigkeit stützen und die wenigstens einen kleinen Anteil ihrer Interaktionen miteinander haben“. Des Weiteren kann eine auf Reziprozität gegründete Strategie in einer Welt Erfolg haben, in der viele verschiedene Arten von Strategien ausprobiert werden. Schließlich kann sich einmal auf der Basis von Gegenseitigkeit etablierte Kooperation selbst gegen das Eindringen weniger kooperativer Strategien schützen. Die Zahnräder der sozialen Evolution sind demnach mit einer Sperre ausgestattet (Axelrod 1995: 19). Axelrod denkt an Klumpenbildung innerhalb der Population und Kinship Selektion als mögliche Mechanismen, um die initiale Stabilität der Nicht-Kooperation zu überwinden. In der Realität mögen diese Mechanismen, die von der Populationsstruktur abhängig sind, oft dafür entscheidend sein, ob sich soziales Verhalten herausbilden kann (Brown 1990: 85).

Solange nun eine Interaktion nicht iteriert wird, gestaltet sich Kooperation ziemlich schwierig. Aus diesem Grund ist es wichtig für die Förderung der Kooperation eine Basis zu schaffen, dass Individuen sich erneut treffen, sich wiedererkennen und sich erinnern können, wie der Andere sich früher verhalten hat. Die andauernde Interaktion ermöglicht die Stabilität gegenseitiger Kooperation (Axelrod 1995: 113). Folglich lässt sich behaupten, dass Kooperation zwischen Menschen durch eine Vielzahl von Techniken gefördert werden kann, unter ihnen die Vergrößerung der Bedeutung der Zukunft, die Änderung der Auszahlungen und die Unterweisung in Sachen Reziprozität. Die Förderung guter Ergebnisse ist nicht nur eine Angelegenheit der Belehrung der Spieler darüber, dass sie mehr durch beiderseitige Kooperation erreichen können als durch wechselseitige Defektion. Es ist vielmehr auch eine Frage der Interaktionsmerkmale, so dass auf lange Sicht hin eine stabile Evolution von Kooperation stattfinden kann (Axelrod 1995: 126). Wichtig hierbei ist, dass wenn das Gefangenendilemma unendlich oft oder unbestimmt oft wiederholt wird, erscheint es sinnvoll, zu kooperieren. Kooperation ist also dann sinnvoll, wenn sich mit einer hinreichend hohen Wahrscheinlichkeit an die jeweils aktuelle Spielrunde eine weitere Runde anschließt (Riechmann 2002: 11 Of). Kooperation kann also in einer Welt unbedingter Defektion entstehen. Die Entwicklung kann allerdings nicht stattfinden, wenn sie nur von verstreuten Individuen vorangetrieben wird, die keine Chance haben, miteinanderzu interagieren. Jedoch kann Kooperation aus kleinen Gruppen diskriminierender Individuen entstehen, solange diese Individuen zumindest einen kleinen Anteil ihrer Interaktionen miteinander unterhalten. Des Weiteren gilt dann, wenn freundliche Strategien, die niemals zuerst defektieren, von fast jedem angenommen werden, dass es sich diese Individuen erlauben können, jedem anderen gegenüber großzügig zu sein. Indem sie untereinander so gute Ergebnisse erzielen, kann eine Population freundlicher Strategien sich selbst gegen Gruppen von Benutzern anderer Strategien schützen, wie auch gegen einzelne Personen. So dass aber eine freundliche Strategie im kollektiven Sinne stabil bleiben kann, muss sie provozierbar sein. Demnach kann wechselseitige Kooperation in einer Welt von Egoisten ohne zentrale Kontrollinstanz entstehen, wenn sie mit einer Gruppe von Individuen beginnt, die sich auf Gegenseitigkeit stützen können (Axelrod 1995: 61 f).

4. Literaturverzeichnis

Axelrod, Robert 1995: Die Evolution der Kooperation. München: Oldenbourg.

Brown, Joel s. /Sanderson, Michael J. /Michod, Richard E., 1990: Die Evolution sozialen Verhaltens durch Reziprozität, s. 83-103 in: Mueller, Ulrich (Hg.): Evolution und Spieltheorie. München: Oldenbourg.

Hillmann, Karl-Heinz, 1994: Wörterbuch der Soziologie. Stuttgart: Kröner.

Käthe, Gottfried, 1961: Die Spieltheorie. Ein neuer Zweig der Angewandten Mathematik. Berlin: Springer.

Riechmann, Thomas, 2002: Spieltheorie. München: Vähien.

Rieck, Christian, 1993: Spieltheorie. Einführung für Wirtschaft-und Sozialwissenschaftler. Wiesbaden: Gabler.

Sieg, Gernot, 2005: Spieltheorie. München: Oldenbourg.

Schüßler, Rudolf, 1990: Kooperation unter Egoisten: vier Dilemmata. München: Oldenbourg.

Wiese, Harald, 2002: Entscheidungs- und Spieltheorie. Berlin: Springer.

Zusammenfassung

Das Grundproblem der Kooperation beim Gefangenendilemma besteht darin, dass Defektion für jede Person individuell am vorteilhaftesten ist, während andererseits jeder durch wechselseitige Kooperation bessergestellt wäre (Axelrod 1995: 8). Jedoch bereits die häufigere Wiederholung des gleichen Spiels zwischen den Partnern führt dazu, kooperatives Verhalten zu induzieren. Diese Möglichkeit existiert, weil unkooperatives Verhalten nicht nur zur versuchten Ausbeutung des Partners eingesetzt werden kann, sondern auch zur Bestrafung von Defekteuren (Schüßler 1990: 19). Es lässt sich folglich nachweisen, dass sich bei unbekannt häufiger Wiederholung des Gefangenendilemma-Spiels im Laufe der Zeit die Kooperationslösung, also die Situation gemeinsamen Kooperierens herausbilden kann (Riechmann 2002: 36). Die Ergebnisse eines Computerturniers zeigen, dass auch unter geeigneten Bedingungen tatsächlich Kooperation in einer Welt von Egoisten ohne zentralen Herrschaftsstab entstehen kann. Die Evolution der Kooperation erfordert hierbei, dass die Individuen eine hinreichend große Chance haben, sich wieder zu treffen, damit sie ein ausreichendes Interesse für ihre zukünftige Interaktion besitzen (Axelrod 1995: 18). Demnach ist es möglich, dass wechselseitige Kooperation in einer Welt von Egoisten ohne zentrale Kontrollinstanz entstehen kann, wenn sie mit einer Gruppe von Individuen beginnt, die sich auf Gegenseitigkeit stützen können (Axelrod 1995: 61 f).

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Details

Titel
Die Entwicklung von Kooperation im Spieltheoretischen Ansatz
Untertitel
Eine Betrachtung am Beispiel des Gefangenendilemmas
Hochschule
Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg
Note
2,3
Autor
Jahr
2008
Seiten
17
Katalognummer
V427278
ISBN (eBook)
9783668716254
ISBN (Buch)
9783668716261
Dateigröße
534 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
entwicklung, kooperation, spieltheoretischen, ansatz, eine, betrachtung, beispiel, gefangenendilemmas
Arbeit zitieren
Katja Müller (Autor), 2008, Die Entwicklung von Kooperation im Spieltheoretischen Ansatz, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/427278

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