Obwohl auch heute noch rund 80% der jungen Menschen in Umfragen angeben, dass sie traditionell eine Familie gründen, heiraten und Kinder kriegen wollen, so kann man ganz allgemein sagen, dass die Scheidungsrate seit den 60er Jahren kontinuierlich ansteigt. Im Jahr 2008 beispielsweise wurden insgesamt 191.948 Ehen geschieden – dazu ist noch die vermutlich nicht geringe Anzahl derer zu rechnen, die ohne Trauschein zusammengelebt haben. Die durchschnittliche Ehedauer bis zur Scheidung betrug 2008 14,1 Jahre und es waren 150.187 minderjährige Kinder von einer Scheidung der Eltern betroffen (plus ca. 100.000 Trennungskinder unverheirateter Eltern).1 Jedes 4. Kind erlebt also im Verlauf seiner Kindheit, dass seine Eltern sich scheiden lassen und insgesamt sind es 3,7 Millionen Kinder, die nur mit einem Elternteil zusammenleben – 86 % hiervon wohnen bei der Mutter.
Die Gründe dafür, dass die Scheidungsrate seit den 60er Jahren doch deutlich wächst, sind vielfältig. Eine wichtige Rolle spielen hier sicherlich die zunehmende Liberalisierung, Pluralisierung und Individualisierung der Gesellschaft – die Akzeptanz für unterschiedliche Lebensstile und auch die Toleranz dieser hat zugenommen. Dagegen ist die Religiosität im Durchschnitt doch deutlich gesunken – und damit endete so manche Ehe, die nicht mehr intakt war, aber in früheren Zeiten ‚bis dass der Tod euch scheidet‘ aufrechterhalten worden wäre, doch vor dem Scheidungsrichter.
Inhaltsverzeichnis
1. Fakten rund um die Scheidung
2. Phasen einer Scheidung
2.1 Die Vor(ent)scheidungsphase / Ambivalenzphase
2.2 Die Scheidungsphase
2.3 Die Nachscheidungsphase
3. Wie sagen wir es unseren Kindern?
4. Wie verstehen Kinder Liebe, Ehe, Trennung?
5. Verständnis von sozialen Strukturen, Raum und Zeit
6. Vermissen
7. Folgen einer Trennung
7.1 Kurzfristige Folgen
7.2 Langfristige Folgen
8. Weshalb ist eine Scheidung für Jugendliche so belastend?
9. Getrennt leben, gemeinsam erziehen?
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die psychologischen und sozialen Auswirkungen von Trennung und Scheidung auf Kinder und Jugendliche. Ziel ist es, den Prozess der Scheidung in verschiedene Phasen zu gliedern und aufzuzeigen, wie Eltern ihre Kinder in dieser belastenden Situation bestmöglich unterstützen und familiäre Stabilität fördern können.
- Phasenmodell der Scheidung (Vor-, Scheidungs- und Nachscheidungsphase)
- Kindliche Wahrnehmung von Liebe, Ehe und Trennung
- Entwicklung von Verständnis für soziale Strukturen, Raum und Zeit bei Kindern
- Kurz- und langfristige Folgen einer elterlichen Trennung
- Ansätze für eine gelingende gemeinsame Erziehung nach der Trennung
Auszug aus dem Buch
2. Phasen einer Scheidung
Um die Zeit einer Scheidung, die von Veränderungen, Umbruch und oft auch Chaos geprägt ist, möglichst strukturiert erfassen zu können, bietet sich eine Einteilung der Scheidungszeit in mehrere Phasen an. Je nach Literatur (vor allem Hetherington, Kelly, 2003) findet man hier verschiedene Aufteilungen, doch scheint es am sinnvollsten, eine Dreiteilung vorzunehmen in die Zeit vor der Scheidung, die Zeit der Scheidung und die Zeit nach der Scheidung.
2.1 Die Vor(ent)scheidungsphase / Ambivalenzphase
Der Anfang dieser Phase ist häufig nur retrospektiv bestimmbar, denn oft kann ein befragtes Ex Paar gar nicht mehr sagen, wann die Probleme, die zu Unsicherheiten bezüglich der Beziehung und schließlich zur Scheidung geführt haben, eigentlich begonnen haben. Die Überlegung, sich zu trennen, ist oft eher ein Prozess, in dessen Verlauf die Gedanken an ein Leben ohne den anderen immer konkreter werden. Die Ambivalenzphase endet schließlich mit der Trennung. In ihr findet die ‚emotionale Scheidung‘ eines – oder selten beider – Partner statt.
Diese Phase kann für beteiligte Kinder belastender sein als die eigentliche Scheidung, leiden sie doch gerade in dieser Zeit sehr unter der großen innere Konfliktspannung, dem Stress in ihrem Zuhause und den gegenseitigen Kränkungen sowie der Verbitterung der Eltern. Dies bringt Kinder häufig auch in einen Loyalitätskonflikt, wenn sie den Eindruck haben, sich zwischen Vater und Mutter entscheiden zu müssen. Auch die Gefahr der Allianzbildung mit einem Elternteil ist vorhanden, was das Verhältnis zum anderen Elternteil natürlich belastet. Gerade, wenn die Kinder schon älter sind, befragen Eltern sie gerne zu einem aktuellen Streitthema und suggerieren ihnen möglicherweise, sie müssten Position beziehen, was sehr belastend sein kann.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Fakten rund um die Scheidung: Dieses Kapitel liefert statistische Daten zur Entwicklung der Scheidungszahlen und beleuchtet gesellschaftliche sowie ökonomische Gründe für den Anstieg der Scheidungsraten.
2. Phasen einer Scheidung: Hier wird ein Modell zur Strukturierung der Scheidungszeit in Vor-, Haupt- und Nachscheidungsphase vorgestellt, um die Dynamik des Prozesses besser greifbar zu machen.
3. Wie sagen wir es unseren Kindern?: Das Kapitel gibt praktische Hinweise für Eltern, wie die Nachricht der Trennung kindgerecht kommuniziert werden kann, um Verunsicherungen zu minimieren.
4. Wie verstehen Kinder Liebe, Ehe, Trennung?: Diese Sektion erläutert die fundamentalen Unterschiede zwischen der kindlichen und der erwachsenen Perspektive auf zwischenmenschliche Bindungen.
5. Verständnis von sozialen Strukturen, Raum und Zeit: Hier wird dargelegt, wie sich die kognitiven Fähigkeiten von Kindern altersabhängig entwickeln und welche Bedeutung dies für das Verständnis der Trennungssituation hat.
6. Vermissen: Dieses Kapitel widmet sich dem kindlichen Bedürfnis nach Bindung und erklärt, warum der Verlust eines Elternteils für Kinder eine zentrale Herausforderung darstellt.
7. Folgen einer Trennung: Die Auswirkungen der elterlichen Trennung werden hinsichtlich kurzfristiger Belastungen und langfristiger Entwicklungsrisiken analysiert.
8. Weshalb ist eine Scheidung für Jugendliche so belastend?: Der Fokus liegt hier auf den spezifischen Herausforderungen während der Pubertät, in der sich die Eltern-Kind-Beziehung und die Identitätsfindung im Wandel befinden.
9. Getrennt leben, gemeinsam erziehen?: Das abschließende Kapitel diskutiert die Möglichkeiten und Voraussetzungen für eine fortbestehende elterliche Kooperation nach der Scheidung.
Schlüsselwörter
Scheidung, Trennung, Scheidungskinder, Familiendynamik, Erziehungsberatung, Loyalitätskonflikt, Kindesentwicklung, Bindungsverhalten, Scheidungsfolgen, Eltern-Kind-Beziehung, Familienberatung, Trennungsphase, emotionale Scheidung, Koerziehung.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit?
Die Arbeit befasst sich mit der Situation von Kindern und Jugendlichen, deren Eltern sich trennen oder scheiden lassen, und betrachtet dabei psychologische, kognitive und soziale Aspekte.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentrale Themen sind die psychischen Belastungen für Kinder, die Bedeutung kindgerechter Kommunikation, die altersabhängige Wahrnehmung von Veränderungen sowie Empfehlungen für eine konstruktive elterliche Erziehung.
Welches Ziel verfolgt die Ausarbeitung?
Das primäre Ziel ist es, Eltern und Berater für die Bedürfnisse von Kindern in Scheidungssituationen zu sensibilisieren und Wege aufzuzeigen, wie familiäre Krisen bewältigt werden können.
Welche wissenschaftliche Methode kommt zum Einsatz?
Die Arbeit basiert auf einer fundierten Literaturanalyse bestehender psychologischer Studien und familienwissenschaftlicher Konzepte.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert die Phasen einer Scheidung, die kognitiven Voraussetzungen von Kindern, die Auswirkungen von Bindungsverlusten sowie die kurz- und langfristigen Folgen der Scheidung für betroffene Kinder.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit?
Die wichtigsten Begriffe sind Scheidung, Trennung, Loyalitätskonflikt, Bindung, emotionale Stabilität und Erziehungsberatung.
Warum erleben Jugendliche Scheidungen oft besonders belastend?
Jugendliche befinden sich in einer Phase der Ablösung von den Eltern und Identitätsfindung, in der die elterliche Trennung die gewohnte Sicherheit sowie das Idealbild der Eltern stark erschüttert.
Kann eine getrennte Erziehung nach der Scheidung funktionieren?
Ja, eine gemeinsame Erziehung ist möglich, wenn eine vertrauensvolle Beziehung zwischen Kind und Elternteil besteht und die Eltern trotz der Trennung in der Lage sind, ihre erzieherische Verantwortung wahrzunehmen.
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- Sonja Filip (Author), 2010, Eine Untersuchung über die Auswirkungen von Trennung und Scheidung auf betroffene Kinder, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/427478