Bei der historisch begründeten Aversion von Vertretern des Gesundheitswesens gegenüber dem QM und dessen Ursprüngen ist es verwunderlich, dass am Ende der 2000er-Jahre rund 17% aller Krankenhäuser eine Zertifizierung ihres internen Qualitätsmanagements nach DIN EN ISO 9000ff. vorwiesen. Also nach einer Norm, die von sich zwar behauptet, universell einsetzbar zu sein, aber vorrangig für militärische Güter, Kraftwerke, Luft- und Raumfahrt sowie die Elektroindustrie entwickelt und eingesetzt wurde und sich seit 2002 in direkter Konkurrenz mit dem speziell für Krankenhäuser entwickelten KTQ-Zertifikat (Kooperation für Transparenz und Qualität im Gesundheitswesen) befindet. Darüber hinaus ist die Zertifizierung und Rezertifizierung nach ISO 9000ff., Gleiches gilt für KTQ, mit hohen Kosten verbunden, wobei seitens des Gesetzgebers ausdrücklich kein zertifiziertes QM vorgeschrieben wurde.
Gleichzeitig wird die Effektivität eines nach ISO 9000ff. zertifizierten QM, also das Kernargument für die Implementation aus wirtschaftlicher Perspektive, aus organisationssoziologischer Sicht angezweifelt. Die Frage, die sich angesichts der vielen Kritikpunkte an der ISO 9000ff. zunächst aufdrängt, lautet: Wieso ließen Krankenhäuser in den 2000er-Jahren ihr internes Qualitätsmanagement nach der ISO 9000ff.-Normenreihe zertifizieren und wie kam es zu einer so raschen Verbreitung der Qualitätsnorm im Krankenhaussektor?
Inhaltsverzeichnis
1 EINLEITUNG
2 THEORETISCHER BEZUGSRAHMEN – SOZIOLOGISCHER NEO-INSTITUTIONALISMUS
2.1 Entstehung und Argumentation
2.1.1 Institution und Institutionalisierung
2.1.2 Technische und institutionelle Umwelten
2.1.3 Legitimität
2.1.4 Entkopplung
2.1.5 Rationalitätsmythen
2.1.6 Institutioneller Isomorphismus
2.1.6.1 Organisationale Felder
2.1.6.2 Institutioneller Isomorphismus
2.1.6.2.1 Isomorphismus durch Zwang
2.1.6.2.2 Isomorphismus durch Druck
2.1.6.2.3 Isomorphismus durch Nachahmung
2.2 Kritik
3 QUALITÄTSMANAGEMENT
3.1 Definition Qualität
3.2 Qualitätsmanagement und seine Geschichte
3.3 Die DIN EN ISO 9000ff. Normenreihe
3.3.1 Entstehungskontext
3.3.2 Zielsetzung und Inhalt
3.3.3 Aufbau
3.3.4 Zertifizierungsprozess
3.3.5 Verbreitung
3.3.6 Vorteile und Kritik
4 DAS KRANKENHAUSWESEN ALS TEIL DES DEUTSCHEN GESUNDHEITSWESENS
4.1 Das deutsche Gesundheitswesen
4.2 Das deutsche Krankenhauswesen
4.3 Gesetzliche Verpflichtung zum Aufbau eines internen Qualitätsmanagements
5 THEORIEGELEITETE ANALYSE
5.1 Die DIN EN ISO 9001 als Rationalitätsmythos
5.2 Verbreitung der DIN EN ISO 9001 im Krankenhaussektor durch institutionellen Isomorphismus
5.2.1 Der Krankenhaussektor als organisationales Feld
5.2.1.1 Institutioneller Isomorphismus durch Zwang
5.2.1.2 Institutioneller Isomorphismus durch Druck
5.2.1.3 Institutioneller Isomorphismus durch Nachahmung
6 FAZIT
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die rasche Verbreitung von DIN EN ISO 9001-Zertifikaten im deutschen Krankenhaussektor während der 2000er Jahre. Das zentrale Ziel ist es, diese Entwicklung nicht primär über Effizienzargumente, sondern mittels des soziologischen Neoinstitutionalismus und dessen Konzept des institutionellen Isomorphismus zu erklären, um die Wechselwirkung zwischen Organisationen und ihrer institutionellen Umwelt zu beleuchten.
- Soziologischer Neoinstitutionalismus als theoretisches Erklärungsmodell
- Entwicklung und Dynamik von Qualitätsmanagementsystemen im Krankenhauswesen
- Analyse der Verbreitung der DIN EN ISO 9000ff. Normenreihe
- Mechanismen des institutionellen Isomorphismus (Zwang, Druck, Nachahmung)
- Kritische Reflexion der "Rationalitätsmythen" von QM-Implementierungen
Auszug aus dem Buch
2.1.6 Institutioneller Isomorphismus
Für Institutionalisten findet Institutionalisierung in erster Linie auf Ebene der organisationalen Felder statt und ist damit ein interorganisationaler Prozess (vgl. Walgenbach 2000, S. 37). In ihrem Aufsatz „The Iron Cage Revisited: Institional Isomorphism And Collective Rationality in Organizational Fields“ gehen DiMaggio und Powell (1983) der Frage nach, weshalb sich Organisationen innerhalb des gleichen organisationalen Feldes bezüglich ihrer formalen Strukturen so ähneln. Ursächlich sehen sie hier einen strukturellen Anpassungsprozess an die Erwartungen der Umwelt, den sie, angelehnt an Hawley (1969), als „Isomorphie“ bezeichnen (vgl. Kühl 2002, S. 158).
DiMaggio und Powell (1983, S. 149) unterscheiden, angelehnt an Meyer (1979) und Fennell (1980), zwei Arten von Isomorphismus: Kompetitiven und Institutionellen Isomorphismus. Kompetitiver Isomorphismus eignet sich dazu Angleichungsprozesse der formalen Strukturen von Organisationen in perfekten Wettbewerbssituationen zu erklären. Da dieser jedoch nur für Organisationen in komplett freien und offenen Märkten, die losgelöst von ihrer institutionellen Umwelt agieren, hinreichende Erklärungen liefert, halten DiMaggio und Powell den institutionellen Isomorphismus für aufschlussreicher.
Zusammenfassung der Kapitel
1 EINLEITUNG: Diese Einleitung führt in die Problematik der verpflichtenden Einführung von Qualitätsmanagement in deutschen Krankenhäusern ein und wirft die Forschungsfrage nach der raschen Verbreitung der ISO 9000ff. Normenreihe auf.
2 THEORETISCHER BEZUGSRAHMEN – SOZIOLOGISCHER NEO-INSTITUTIONALISMUS: Das Kapitel erläutert die Grundannahmen des soziologischen Neoinstitutionalismus, insbesondere die Konzepte der Institution, Legitimität, Entkopplung, Rationalitätsmythen und den institutionellen Isomorphismus.
3 QUALITÄTSMANAGEMENT: Hier werden Definitionen von Qualität sowie die historische Entwicklung des Qualitätsmanagements und die spezifische Entstehung sowie Verbreitung der DIN EN ISO 9000ff. Normenreihe detailliert beschrieben.
4 DAS KRANKENHAUSWESEN ALS TEIL DES DEUTSCHEN GESUNDHEITSWESENS: Dieses Kapitel gibt einen Überblick über das deutsche Gesundheitssystem, das Krankenhauswesen als Teilsystem und die gesetzlichen Rahmenbedingungen für das Qualitätsmanagement in Krankenhäusern.
5 THEORIEGELEITETE ANALYSE: Im Hauptteil wird die ISO 9001 als Rationalitätsmythos eingeordnet und die Verbreitung der Norm im Krankenhaussektor durch die Mechanismen des institutionellen Isomorphismus analysiert.
6 FAZIT: Das Fazit fasst die Ergebnisse zusammen, die verdeutlichen, dass soziologische Erklärungsansätze die Verbreitung der ISO-Normen im Krankenhaussektor besser plausibilisieren können als rein wirtschaftswissenschaftliche Effizienzargumente.
Schlüsselwörter
Neoinstitutionalismus, Qualitätsmanagement, Krankenhaussektor, DIN EN ISO 9001, Institutioneller Isomorphismus, Rationalitätsmythen, Legitimität, Krankenhausmanager, Zertifizierung, Organisationsstrukturen, Professionalisierung, Gesundheitssystem, Prozessorientierung, soziale Regeln, Organisationsfeld.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Bachelorarbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht, warum sich Qualitätsmanagementsysteme, speziell die DIN EN ISO 9001, trotz Kritik an deren Effizienz und hoher Kosten so rasch in deutschen Krankenhäusern verbreitet haben.
Was sind die zentralen Themenfelder der Arbeit?
Die zentralen Themen sind der soziologische Neoinstitutionalismus, das Qualitätsmanagement, die institutionellen Rahmenbedingungen des deutschen Krankenhauswesens und die theoretische Analyse von Verbreitungsprozessen.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Ziel ist es, die weite Verbreitung der DIN-Qualitätsnorm im Krankenhaussektor der 2000er Jahre aus der Perspektive des soziologischen Neoinstitutionalismus zu erklären.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit basiert auf einer Literatur- und Dokumentenanalyse, bei der soziologische Theorieansätze (Neoinstitutionalismus) auf empirische Daten und Entwicklungen im Krankenhaussektor angewendet werden.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine theoretische Fundierung, eine Darstellung der Entwicklung des Qualitätsmanagements, die Analyse des deutschen Gesundheits- und Krankenhauswesens sowie die konkrete theoriegeleitete Analyse der Isomorphismus-Mechanismen.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Neoinstitutionalismus, DIN EN ISO 9001, Krankenhaussektor, Institutioneller Isomorphismus, Rationalitätsmythen und Professionalisierung.
Wie unterscheidet sich der neoinstitutionalistische Ansatz von ökonomischen Theorien im Kontext dieser Arbeit?
Während ökonomische Theorien auf Zweckrationalität und Effizienzmaximierung fokussieren, erklärt der Neoinstitutionalismus die Strukturierung von Organisationen über das Streben nach Legitimität und Konformität gegenüber der institutionellen Umwelt.
Warum wird die DIN EN ISO 9001 in dieser Arbeit als "Rationalitätsmythos" bezeichnet?
Die Norm wird als Mythos bezeichnet, weil sie von der Umwelt als "richtiges" Mittel zur Erfolgssteigerung wahrgenommen wird, obwohl ihre tatsächliche Effizienz im Krankenhaussektor wissenschaftlich kaum belegbar ist.
Welche Rolle spielt der "Krankenhausmanager" bei der Verbreitung der QM-Normen?
Der Krankenhausmanager fungiert als Akteur, der durch eine betriebswirtschaftliche Ausbildung und Berufserfahrung neue Denkweisen in die Klinik trägt und so die Einführung betriebswirtschaftlich geprägter QM-Systeme forciert.
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- Anonym (Author), 2018, Die Verbreitung von DIN EN ISO 9001-Zertifikaten im deutschen Krankenhaussektor in den 2000er-Jahren aus Sicht des soziologischen Neoinstitutionalismus, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/427519