Klärung pädagogischer Grundbegriffe. Wie definieren sich Begriffe wie Erziehung, Sozialisation und Bildung?


Seminararbeit, 2015
30 Seiten, Note: 1,7

Leseprobe

Gliederung der Reflexionen

1. Reflexion Pädagogische Grundbegriffe 1:
Erziehung und Sozialisation

2. Reflexion Pädagogische Grundbegriffe 1:
Bildung

3. Reflexion Pädagogische Grundbegriffe II:
Lernen - Lehren

4. Reflexion Pädagogische Grundbegriffe II:
Unterricht

5. Reflexion Richtungen und Traditionen der Erziehungswissenschaft I + II

6. Reflexion Methoden und Techniken erziehungswissenschaftlicher Forschung / der Bildungsforschung:
Quantitative & Qualitative Forschung

7. Reflexion Werteerziehung

8. Reflexion Medienerziehung

9. Reflexion Lebenslanges Lernen / Erziehung und Bildung im Lebenslauf

10. Reflexion Pädagogische Professionalität & Antinomien pädagogischen Handelns

11. Reflexion Abschlussreflexion

1. Reflexion Pädagogische Grundbegriffe I:

Erziehung und Sozialisation

Die längste Zeit in der Menschheitsgeschichte gab es keine Schule, dafür aber sehr wohl Sozialisation und Erziehung. Vom Ursprung her bedeutet Sozialisation, dass ein einzelner Mensch als Individuum mit einer Gesellschaft verbunden werden soll. Es ist der Prozess, in dem sich das Individuum aktiv in die Gesellschaft einfindet.[1]

Das Wort „sociare“ stammt aus dem Lateinischen und bedeutet „verbinden“. Der Einzelne soll Teil des Größeren werden, einerseits durch seine Persönlichkeitsentwicklung und andererseits durch intentionale Lehre und Erziehung.[2] Aus dieser Sicht kann Erziehung durchaus als ein Bestandteil des Sozialisationsprozesses gesehen werden. In jedem Fall ist für mich Erziehung bewusste oder unbewusste Einwirkung und Einflussnahme einerälteren Generation auf die jüngere Generation in ihren Handlungen, Absichten und auch Wirkungen. Eine derartige Einflussnahme kann auch durch Institutionen, soziale Gruppen, der Gesellschaft im Allgemeinen, der Natur oder der Welt an sich ausgehen. Zumeist ist Erziehung jedoch als deskriptiver Begriff gemeint im Sinne absichtlicher Einflussnahme des Älteren auf den Jüngeren und als formgebende Tatsache. Es ist laut Professor Keiner die planmäßige Tätigkeit, das Seelenleben von Heranwachsenden zu bilden. Was allerdings gute oder schlechte Erziehung ist, entscheidet die jeweilige normative Bewertung. Für mich ist Erziehung Sache des Einzelnen und der Gesellschaft, bei der es immer um die Formung von Individuen und Persönlichkeiten geht und zu jeder Zeit eine immer neu zu leistende Aufgabe darstellt.

Wann wird ein Mensch erzogen und wann wird er sozialisiert? Enden Erziehung und Sozialisation irgendwann oder nicht? Für mich endet Erziehung dann, wenn der Einzelne zu einer „mündigen Persönlichkeit“ erzogen wurde beziehungsweise zu einer herangereift ist. Hier wird deutlich, dass ich selbst der Anschauung bin, dass man einen Menschen zwar im Sinne einer Persönlichkeitsformung erziehen kann, aber immer auch eine Vielzahl anderer Faktoren mitspielen und Einfluss nehmen. Selten ist der Prozess, im Sinne der Sozialisation zu einem mündigen Menschen und Bürger erziehen zu wollen, von außen kontrollierbar und planbar. Sowohl Erziehung als auch Sozialisation sind metaphorische Begriffe und sehr vielschichtig in ihren Bedeutungen. Erziehungseinflüsse bedingen Sozialisationseinflüsse und umgekehrt.

Winfried Marotzki zeigt, dass der Erziehungsbegriff einer der wichtigsten Grundbegriffe in der Erziehungswissenschaft ist und dennoch immer mehr in Vergessenheit gerät.[3] Heutzutage ist der Begriff Erziehung fast aus dem Sprachgebrauch der Pädagogik innerhalb der Erziehungswissenschaften verschwunden. So schreibt Marotzki davon, dass Negativschlagzeilen allenfalls „das Fehlen von Erziehung“[4] beklagen. Dabei stellt sich für mich jedoch die Frage, ob die negativen Meinungen der Öffentlichkeit wirklich die Probleme fehlender oder „schlechter“ Erziehung betreffen oder ob es sich hierbei nicht vielmehr um Sozialisationsprobleme handelt?

Ich erinnere mich daran, dass Immanuel Kant bereits gesagt hat, dass der Mensch ein Geschöpf ist, dass erzogen werden muss. Seiner Ansicht nach ist der Mensch ebenso „erziehungsbedürftig“ wie auch „erziehungsfähig“ und kann nur Mensch werden durch Erziehung. „Er ist nichts, als was die Erziehung aus ihm macht. Der Mensch ist das einzige Geschöpf, das erzogen werden muß."[5]

Es geht um eine Vervollkommnung des Menschen hin zum Guten. Hier wären wir allerdings wieder bei der vielfältigen Metaphorik des Begriffes Erziehung. Das Gute aus einem Menschen herausziehen und ihn hin zum Guten formen ist vermutlich allen Verständnissen weitestgehend gemeinsam. Dennoch gibt es zwei grundlegend verschiedene Herangehensweisen und Auffassungen, die auch Marotzki in seinem Text erwähnt. Die Kernfrage ist die, wer nun wen mit welchen Mitteln wie erzieht? Erziehung kann als handwerkliches Tun verstanden werden, bei dem aktiv und produktiv direkter Einfluss genommen wird. Oder aber der Erzieher versteht sich als Gärtner, der lediglich die Rahmenbedingungen schafft, damit sich die Anlagen des Kindes autonom optimal entfalten können.[6] Hier wären wir bei der heutigen Reformpädagogik angelangt, die seit dem „Zeitalter des Kindes“[7] Lernumgebungen schafft, in der sich die Kinder frei entwickeln und entfalten können. Egal welche Theorie man vertritt, bleibt in jedem Fall die Frage nach den Mitteln, die Erziehung einsetzt sowie die Frage nach dem warum von Erziehung im Allgemeinen. „Was will denn eigentlich dieältere Generation mit der jüngeren“[8] fragte sich schon Anfang des 19. Jahrhundert Friedrich Schleiermacher.

Vermutlich ist es doch in erster Linie absichtliches, intentionales Einwirken auf eine Person mit dem Versuch, Verhaltensweisen und Einstellungen nachhaltig zum Positiven zu verändern.[9] Letztendlich natürlich meiner Meinung nach immer auch mit der darin liegenden Intention, dass sich der Einzelne gut in die Gesellschaft integrieren und einfügen lässt. Für mich existiert eine Schnittstelle zwischen Erziehung und Sozialisation, die nicht voneinander zu trennen ist. Erziehung ist und bleibt eine Teilmenge von Sozialisation.

Wenn der Mensch mittels Erziehung Normen, Werte, Verhaltens- und Lebenseinstellungen vermittelt bekommt, dann immer auch deshalb, um sich im Gesamtgefüge seiner sozialen Umgebung als mündiger Mensch gut zurechtfinden zu können. Es ist das Einbinden in ein Größeres, vom „Ich“ zum „Wir“, was für mich Sozialisation bedeutet.

2. Reflexion Pädagogische Grundbegriffe I:

Bildung

Was ist Bildung im Gegensatz zu Erziehung und Sozialisation? Sowohl Erziehung als auch Sozialisation enden meiner Ansicht nach irgendwann, Bildung jedoch endet nie. Schon zur Zeit der Griechen entstand ein Bildungsverständnis im Unterschied zur Ausbildung, der es um Vermittlung von Wissen und Fertigkeiten ging. Platons Idee der „paideias“ meint Kindererziehung und Kinderbildung als gute Pädagogik. Der Bildungsbegriff der griechischen Antike bedeutet Streben nach Erkenntnis des Göttlichen und nach Vervollkommnung des Menschen zu einer mündigen Persönlichkeit hin. Erste Bildungsideale und Bildungskanones entstanden.[10]

Laut Dieter Lenzen umfasst der Begriff Bildung verschiedene Dimensionen. Die erste Dimension „Bildung als individueller Bestand“[11] bezeichnet Bildung als materielle Bildung, als das Wissenüber bestimmte Dinge, das sich jemand angeeignet hat.[12] Bildung als Wissensaneignung ist vermutlich das allgemeinste Verständnis, das Menschenüber den Bildungsbegriff haben. Bezeichnend ist meiner Ansicht nach, dass bereits im Bayerischen Bildungs- und Erziehungsplan für Kinder im Elementarbereich festgelegt ist, dass Bildung das Anreichern von Wissen ist.[13] Gemeint ist hier ein Allgemeinwissen hinsichtlich bestimmter Basiskompetenzen, die ein Kind bei Vollendung des Kindergartenalters haben soll. Für mich ist genau das aber auch schon formale Bildung, wie es die zweite Dimension „Bildung als individuelles Vermögen“[14] fordert. Gebildet ist der, der bestimmte Fähigkeiten und Kompetenzen erworben hat.[15] Doch welche Fähigkeiten und Kompetenzen sind gemeint? Wie das Beispiel im Elementarschulbereich zeigt, sind sie je Alter völlig unterschiedlich. Also kann auch ein Kleinkind schon als gebildet gelten, wenn es Kompetenzen seiner Altersstufe gemäßerreicht hat. Formale Bildung meint eigentlich, das derjenige gebildet ist, der das Lernen gelernt hat. Denn dann kann er auch mit Hilfe methodischer Bildung sein Wissen auf neue Bereicheübertragen und Transferleistungen erbringen. Das erinnert mich an Wolfgang Klafki und seinem kategorialen

Bildungsbegriff.[16] Für Klafki ist der Mensch dann gebildet, wenn sich materiale und formale Bildung miteinander verbinden. Jemand muss wissen, wie etwas funktioniert und er muss wissen, wie das Wissen ankommt. Für Klafki geht es nicht nur um Faktenwissen und Wissensvermittlung. Für ihn ist es genauso wichtig, dass der Mensch in der Reifung seiner eigenen Persönlichkeit gestärkt wird und wachsen kann.[17]

Das Individuelle ist ein wichtiger gleichwertiger Bestandteil seines Bildungsbegriff, wie es auch in der dritten Dimension „Bildung als individueller Prozess“[18] der Fall ist. Was Klafki als Reifung der Persönlichkeit bezeichnet, ist hier laut Lenzen Entwicklung und Entfaltung einer Subjekthaftigkeit und Ich-Identität des Einzelnen.[19] Hier muss ich wieder an den Erzieher als Gärtner denken, der davon ausgeht, dass der Mensch alles in sich trägt, das durch passende Rahmenbedingungen nur noch wie eine Blume aufgehen muss. Die Anlagen zur Entfaltung seiner Individualität seien schon gegeben und müssten sich lediglich noch entwickeln.[20] Die Rahmenbedingungen erschafft das Außen, die Familie, die Kindergärten, die Schulen und Universitäten oder auch der Staat an sich. Die vierte Dimension sieht „Bildung als Aktivität bildender Institutionen“[21]. Für mich stellt sich hier die Frage, ob Institutionen wie Schulen oder Universitäten tatsächlich in der Lage sind, Bildung zu betreiben. Es ist doch in erster Linie Ausbildung, die dort stattfindet, und nicht Bildung. Bezieht man sich jedoch auf die erste Dimension, die Bildung als individuellen Bestand auffasst, dann wird durch die dort stattfindende Wissensvermittlung dann doch zu gebildeten Menschen ausgebildet. Aus dieser Sicht kann man sagen, dass an den Schulen und Universitäten dann doch „gebildet“ wird. In der letzten Dimension „Bildung als Höherbildung der Menschheit“[22] geht es um Kultivierung, um ein Weiterdenken und Reflektieren, sowohl eigener Taten als auch Taten anderer.[23] Demnach müsste doch eine politische Führungskraft, die als gebildet gilt, diese letzte Dimension nach Lenzen erreicht haben. D.h., eine politische Führungskraft müsste wissen, was moralisch und ethisch richtig ist. Die Ziele müssten „für die Gesellschaft“ und nicht „gegen die Gesellschaft“ ausgerichtet sein. Aber die politischen Führungskräfte einiger Länder nehmen Bürgern das Recht auf Meinungsfreiheit oder sogar das Wahlrecht weg und sind „unfreie Staaten“. Die

Dimension „Bildung als Höherbildung der Menschheit“[24] wirft für mich einige Fragen auf. Würde diese letzte Dimension tatsächlich erreicht werden, würde es nicht so viele „fragile Staatlichkeiten“ geben, wie es die Politikwissenschaft ausdrückt. Gemeint ist die Existenz so vieler unfreier Staaten, in denen es Freiheit wie in Deutschland gar nicht gibt.

In Anbetracht dieser Tatsache ist es für mich fragwürdig, inwiefern diese fünfte und letzte Dimensionüberhaupt erreicht werden kann. Und falls ja, wer kann sie erreichen? Vielleicht ist es auch gar nicht möglich, weil es einfach zu viele Faktoren gibt, die dem Menschen aufdem Weg zu „Bildung als Höherbildung der Menschheit“[25] behindern können.

[...]


[1] Vorlesung „Geschichte der Pädagogik“ Prof. Keiner Uni Erlangen WS13/14

[2] ebd.

[3] vgl. Marotzki, Winfried (2004): Erziehung, In: Heinz Hermann Krüger; Cathleen Grunert (Hrsg.), Wörterbuch Erziehungswissenschaft, S. 147-153

[4] ebd. S. 147

[5] http://privat.swol.de/ChristianMorstadt/texte/kant/kant04.htm zuletzt besucht am 24.06.2014

[6] vgl. Marotzki, Winfried (2004): Erziehung, In: Heinz Hermann Krüger; Cathleen Grunert (Hrsg.), Wörterbuch Erziehungswissenschaft, S. 147-153

[7] https://www.tu-braunschweig.de/Medien-DB/.../vortrag-lodz-2.doc zuletzt besucht am 24.06.2014

[8] http://www.db-thueringen.de/servlets/DerivateServlet/Derivate-1218 zuletzt besucht am 24.06.2014

[9] http://www.db-thueringen.de/servlets/DerivateServlet/Derivate-1218 zuletzt besucht am 24.06.2014

[10] Vorlesung „Geschichte der Pädagogik“ Prof. Keiner Uni Erlangen WS13/14

[11] Lenzen, Dieter (1999), Bildung, In: ders., Orientierung Erziehungswissenschaft. Was sie kann, was sie will, Reinbeck:, S. 177

[12] vgl. Lenzen, Dieter (1999), Bildung, In: ders., Orientierung Erziehungswissenschaft. Was sie kann, was sie will, Reinbeck:, S. 177-185

[13] http://www.ifp.bayern.de/imperia/md/content/stmas/ifp/bildungsplan.pd zuletzt besucht am 13.06.2014

[14] Lenzen, Dieter (1999), Bildung, In: ders., Orientierung Erziehungswissenschaft. Was sie kann, was sie will, Reinbeck:, S. 178

[15] ebd. S.177-185

[16] http://www.uni-potsdam.de/eteachingwiki/index.../Bildungstheoretische_Didakik zuletzt besucht am 15.06.2014

[17] Vorlesung „Institutionalisierte Lehr-/Lernprozesse analysieren und gestalten“ Prof. Schröck Uni Erlangen WS13/14

[18] Lenzen, Dieter (1999), Bildung, In: ders., Orientierung Erziehungswissenschaft. Was sie kann, was sie will, Reinbeck:, S. 179

[19] ebd. S. 177-185

[20] Vorlesung „Geschichte der Pädagogik“ Prof. Keiner Uni Erlangen WS13/14

[21] Lenzen, Dieter (1999), Bildung, In: ders., Orientierung Erziehungswissenschaft. Was sie kann, was sie will, Reinbeck:, S. 180

[22] ebd.

[23] vgl. ebd. S. 177-185

[24] Lenzen, Dieter (1999), Bildung, In: ders., Orientierung Erziehungswissenschaft. Was sie kann, was sie will, Reinbeck:, S. 180

[25] ebd.

Ende der Leseprobe aus 30 Seiten

Details

Titel
Klärung pädagogischer Grundbegriffe. Wie definieren sich Begriffe wie Erziehung, Sozialisation und Bildung?
Hochschule
Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg
Note
1,7
Autor
Jahr
2015
Seiten
30
Katalognummer
V427590
ISBN (eBook)
9783668733701
ISBN (Buch)
9783668733718
Dateigröße
499 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
klärung, grundbegriffe, begriffe, erziehung, sozialisation, bildung
Arbeit zitieren
Kerstin Reule (Autor), 2015, Klärung pädagogischer Grundbegriffe. Wie definieren sich Begriffe wie Erziehung, Sozialisation und Bildung?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/427590

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