Darstellung der fraglichen Subjektspaltung in Franz Kafkas „Das Urteil“. Die Figur des Petersburger Freundes


Term Paper, 2016
15 Pages, Grade: 1

Excerpt

Inhalt

Einleitung

Inhaltliche Analyse
Einführung und Charakterisierung des Freundes in der Fremde
Bendemanns Verlobung und die Rolle des Freundes
Der Disput mit dem Vater
Der Freund als Spiegel Georg Bendemanns
Biographische Verknüpfung
„Das Urteil“ als Interpretationsgegenstand und Kafkas Eigeninterpretation
Otto Rank – „Der Doppelgänger“

Vergleich der Doppelgängertheorie Otto Ranks mit Franz Kafkas Urteil

Fazit

Einleitung

Dieser Hausarbeit liegt der als Novelle interpretierte Text „Das Urteil“ von Franz Kafka, welcher seiner eigenen Aussage nach in der Nacht vom 22. Auf den 23. September 1912 in einem einer Geburt ähnelnden Schaffensprozesses entstand[1], als Primärtext zu Grunde. Die Erzählung handelt von einem Disput zwischen dem Protagonisten Georg Bendemann und seinem alternden Vater. Bendemann korrespondiert in der Erzählung brieflich mit einem Freund der vor Jahren nach Petersburg verzogen ist und einen konträren Lebensweg in Einsamkeit wählte, im Gegensatz zu dem jungen Kaufmann der sich gerade frisch verlobt hat. Am Ende des Streitgesprächs zwischen Vater und Sohn, welcher die Existenz des Freundes in der Fremde und die bevorstehende Heirat Georg thematisiert, verurteilt der Vater den Sohn zum Tode durch Ertrinken woraufhin Georg fluchtartig das Elternhaus verlässt und sich über ein Brückengeländer schwingt.

Auf Grundlage dieser Erzählung verfolge ich die Arbeitshypothese, dass die Figur des Petersburger Freundes als Alter Ego des Protagonisten Georg Bendemanns wahrgenommen werden kann und somit Sinnbild der Subjektspaltung desselbigen ist. Zudem werde ich die Handlung der Novelle mit Franz Kafkas Biographie und brieflichen Eigenkommentaren zu der Erzählung verknüpfen um letztendlich „Das Urteil“, als ein Beispiel für erzählte Psychoanalyse mit der Doppelgängerthese Dr. Otto Ranks zu vergleichen, die er in der psychoanalytischen Studie „Der Doppelgänger“ darlegte.

Im einleitenden Teil der Arbeit findet eine inhaltliche Analyse am Text selbst als hermeneutische Prüfinstanz statt welche sich aus einer psychoanalytischen Perspektive auf die Rolle des Freundes innerhalb verschiedener, thematischer Aspekte und Figurenkonstellationen der Novelle konzentriert. Dabei wird ermittelt welche literarischen Indizien eine These, die Figur des Petersburger Freundes fungiere als Alter Ego Georg Bendemanns, stützen oder negieren. Anschließend wird herausgearbeitet inwieweit sich, anhand der biographischen Übereinstimmungen zwischen der literarischen Subjektspaltung der Hauptfigur der Novelle und der fraglichen Subjektspaltung des Autors eine sichtbare Verbindunglinie ziehen lässt und einige Aspekte Franz Kafkas Eigeninterpretation zu der Erzählung werden dargestellt.

Schließlich wird die Doppelgängertheorie Otto Ranks ausgeführt und nächstens überprüft ob sich die Erzählung Franz Kafkas in den Kanon der beispielhaft herangezogenen Erzählungen Otto Ranks bezüglich literarischer Doppelgänger und deren Rolle innerhalb der Erzählungen einfügen könnte.

Die Ergebnisse dieses Arbeitsschrittes werden abschließend im Fazit präsentiert und es wird deutlich gemacht ob sich die Arbeitshypothese nach eingehender Analyse und einem Vergleich bestätigen lässt und welche Aspekte sie negieren.

Die Forschungsliteratur welche „Das Urteil“ thematisiert nimmt sich üppig aus. Kaum ein anderes literarisches Werk konstruiert eine derartige Dialektik von Interpretationsprovokation und simultaner Interpretationsnegierung wie das von Franz Kafka. Im Fokus dieser diverser Interpretationen steht die Erzählung „Das Urteil“, da sie biographische Strukturen und zentral vorherrschende Themen Kafkas verknüpft.

Mehrere Dutzend Abhandlungen die aus dem Blickwinkel verschiedenster methodologischer Fokusse auf das Werk gerichtet sind, haben sich nicht von der niedergeschriebenen Unerklärbarkeit aus der Sicht des Autors einschüchtern lassen. So schrieb Kafka selbst am 2. Juli 1913 an seine Verlobte Felice Bauer: „Findest du im Urteil irgendeinen Sinn, [...] Ich finde ihn nicht und kann auch nichts darin erklären“[2]

Sowie während des Sichtens der Forschungsliteratur auffällt, dass in der großen Masse an Interpretationen die der psychoanalytischen das kleinste Feld für sich beanspruchen, gestaltet es sich umso interessanter die Novelle aus diesem Blickwinkel heraus zu betrachten.

Inhaltliche Analyse

Einführung und Charakterisierung des Freundes in der Fremde

Direkt im ersten Absatz wird der „sich im Ausland befindende[n] Jugendfreund“ (Vgl. Primärtext S. 7) in die Erzählung eingeführt. Georg verschließt einen Brief an den namentlich nie genannten Bekannten, zu dem er eine ausschließlich schriftlich basierte Freundschaft unterhält. Es wird beschrieben wie jener förmlich aus der Heimatstadt geflüchtet war, nachdem er das Gefühl hatte dort nicht weiter zu kommen und schließlich ein inzwischen nicht sehr erfolgreiches Geschäft in Petersburg, Russland betrieb. „So arbeitete er sich in der Fremde nutzlos ab [...]“ (S. 7) Dies spricht für einen wirtschaftlichen Misserfolg des Freundes.

Sein Äußeres wird mit einem „fremdartige[n] Vollbart“ und einer „gelben Gesichtsfarbe“ (S. 7) beschrieben welches auf „eine sich entwickelnde Krankheit hinzudeuten schien.“ (S. 7) Er pflege weder Kontakt zu der Kolonie seiner Landsleute noch zu Einheimischen und „richtete sich so für ein endgültiges Junggesellentum ein.“ (S. 7) Anhand dieser Beschreibung kann eine gesellschaftliche Isolation des Freundes assoziiert werden.

Bendemann stellt fest, der Freund habe „sich offenbar verrannt“, er sei dafür zu bedauern und man könne ihm allerdings offensichtlich nicht helfen und müsse ihn seinem Scheitern überlassen. Ein Zurückkommen in die Heimat hätte nur zu Folge, dass er beschämt würde und als „altes Kind“ den erfolgreichen, zu Hause gebliebenen Freunden zu folgen hätte und sich dadurch noch mehr entfremden würde. „ - er sagte ja selbst, daß er die Verhältnisse in der Heimat nicht mehr verstünde – „ (S. 8) So entschließt sich Bendemann ihm in seinen Briefen nur über Unwichtiges Mitteilung zu machen, auch weil er sich über die gefühllose Reaktion des Freundes den Tod der Mutter Bendemanns betreffend empört hatte. Georg stellt sich durch diese Überlegungen in eine bemitleidende und gleichzeitig übergeordnete Position und macht dem Freund dessen Gefühlskälte und Sturheit zum Vorwurf.

Bendemann reflektiert daraufhin, dass er wiederum seitdem (Fortgang des Freundes?) alles mit größter Entschlossenheit angepackt hatte, sich ein bemerkenswerter wirtschaftlicher Erfolg als Nachfolger im Geschäft seines Vaters einstellte und verwirft den Vorschlag des Freundes ihm nach Russland nachzufolgen.

Bendemanns Verlobung und die Rolle des Freundes

Bendemann beschließt also dem Freund ausschließlich „über bedeutungslose Vorfälle zu schreiben“ (S. 9) und berichtet ihm dreimalig über „die Verlobung eines gleichgültigen Menschen mit einem ebenso gleichgültigen Mädchen“ (S.10), für welche „Merkwürdigkeit“ sich der Freund zu Georgs Überraschung zu interessieren beginnt.

Durch das dreimalige Erwähnen einer fremden Verlobung könnte ein Mechanismus der Wiederkehr des Verdrängten in Ersatzhandlungen wirken und die Mitteilung seiner eigenen Verlobung als Zugeständnis an die Verlobte interpretiert werden, vor der Bendemann offensichtlich zurückscheut.[3]

Bendemann berichtet seiner eigenen Verlobten, Frieda Brandenfeld von dem „besonderen Korrespondenzverhältnis“ (S. 10) woraufhin sie den Wunsch äußert den Freund kennen zu lernen, ja sogar meint ein Recht darauf zu haben. Ein Recht darauf ihn selbst, Georg, vollständig kennen zu lernen. Georg wiederum sagt ihr, der Freund in der Fremde würde sich „gezwungen und geschädigt“ (S. 10) fühlen, es würde ihn neidvoll und unzufrieden stimmen. Der Freund wolle allein sein „Allein – weißt du, was das ist?“ (S. 10) fragt er sie. Frieda Brandenfeld ist gekränkt und wirft Bendemann vor, er hätte sich gar nicht verloben dürfen wenn er solche Freunde sein eigen nennt. Diese Aussage ruft die Assoziation einer bevorstehenden Entscheidung Georgs zwischen der Braut und dem Freund hervor. Georg deutet daraufhin an, die Beiden würden sich durch eine Heirat gar Schuld dem Freunde gegenüber aufbürden „»Ja, das ist unser beider Schuld;«“ (S.10) Frieda fühlt sich offensichtlich dem Freunde als bedeutungstragendes Element in Georgs Leben vorenthalten und der Freund erscheint als Störfaktor, der zwischen Bendemann und seiner Zukünftigen steht.

So teilt Georg die Verlobung schließlich brieflich mit und verspricht dem Freund in seiner Verlobten eine Vertraute zu finden „was für einen Junggesellen nicht ganz ohne Bedeutung ist.“ (S. 11) und hält ihn dazu an „einmal alle Hindernisse über den Haufen zu werfen“ (S. 11) und zu Besuch zu kommen. Dieser Schritt könnte als Versuch Bendemanns interpretiert werden beide oppositionellen Seiten zu vereinigen.

Der Disput mit dem Vater

Den Brief bei sich tragend geht Bendemann in das Zimmer seines Vaters und berichtet ihm über sein Vorhaben dem Freunde die Verlobung mitzuteilen obwohl, wie er dem Vater sagt, dies zuerst nicht vorgehabt hatte „Aus Rücksichtnahme, aus keinem anderen Grunde sonst.“ (S. 13) Der Vater stellt daraufhin die Existenz des Petersburger Freundes seines Sohnes in Frage, woraufhin Georg einer direkten Antwort ausweicht und der Vater den Freund negiert. „»Du hast keinen Freund in Petersburg.«“ Georg versucht die Erinnerung seines Vaters aufzufrischen und wirft ein, der Vater hätte ihn nicht besonders gern gehabt. „ ...mein Freund hat seine Eigentümlichkeiten.“ (S. 15)

Die Kontroverse von Vater und Sohn beginnt mit einem eigentlich fürsorglichen Akt Bendemanns indem er seinen Vater zu Bett trägt und zudeckt. Der jedoch decuvriert den Akt des Zudeckens metaphorisch als einen Versuch Georgs etwas zu ver decken, sich der Freundschaft des Freundes und dem Einfluss des Vaters durch eine vollzogene Heirat zu entziehen und somit Emanzipation von Beiden zu erreichen.

„»Du wolltest mich zudecken, das weiß ich, mein Früchtchen, aber zugedeckt bin ich noch nicht. [...] Wohl kenne ich deinen Freund. Er wäre ein Sohn nach meinem Herzen. Darum hast du ihn auch betrogen die ganzen Jahre lang. [...] Aber den Vater muß glücklicherweise niemand lehren den Sohn zu durchschauen.

[...]


[1] Kafka Handbuch. Leben – Werk – Wirkung. Hrsg. von Bettina Jagow und Oliver Jahraus. Stuttgart 2008 S. 15

[2] Briefe an Felice und andere Korrespondenz aus der Verlobungszeit. Hrsg. von Erich Heller und Jürgen Born. Frankfurt am Main 1976 S. 394

[3] Kaus, Rainer J.: Literaturpsychologie und Literarische Hermeneutik. Sigmund Freud und Franz Kafka. Frankfurt am Main 2004 S. 237 f.

Excerpt out of 15 pages

Details

Title
Darstellung der fraglichen Subjektspaltung in Franz Kafkas „Das Urteil“. Die Figur des Petersburger Freundes
College
Humboldt-University of Berlin
Grade
1
Author
Year
2016
Pages
15
Catalog Number
V427709
ISBN (eBook)
9783668796737
ISBN (Book)
9783668796744
Language
German
Tags
Kafka, Petersburger Freund Subjektspaltung Alter Ego
Quote paper
Mirjam Bäcker (Author), 2016, Darstellung der fraglichen Subjektspaltung in Franz Kafkas „Das Urteil“. Die Figur des Petersburger Freundes, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/427709

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