Der Beitrag der Lebensweltorientierung für die soziale Arbeit mit Kinder-Flüchtlingen in Deutschland


Hausarbeit, 2016

20 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Lebenswelt von geflüchteten Kindern
2.1. Gewalt als Fluchtursache
2.2. Situation der Flucht
2.3. Traumatisiert auf Kulturdifferenzen in Deutschland treffen

3. Lebensweltorientierte Soziale Arbeit mit geflüchteten Kindern
3.1. Konzept der Lebensweltorientierung
3.2. Die Rolle der Lebensweltorientierung für Kinder- Flüchtlinge
3.3. Die Rolle der Lebensweltorientierung für SozialarbeiterInnen (in Bezug auf Kinder- Flüchtlinge)

4. Die Lebensweltorientierte Soziale Arbeit als unterstützendes Konzept in der Arbeit mit KinderFlüchtlingen

5. Literatur -und Quellenverzeichnis

1 Einleitung

Im Jahr 2014 mussten laut der United Nations Organization (UNO) 59,5 Mil- lionen Menschen weltweit gezwungenermaßen ihre Heimat verlassen und waren auf der Flucht. Im Jahr 2011 war es eine vergleichsweise geringe Anzahl von 42,5 Millionen Menschen (siehe UNO-Flüchtlingshilfe 2015). 2015 haben ca. 442 000 Menschen Asyl in Deutschland beantragt. Das ist nach den Angaben des Bundesamts für Migration und Flüchtlinge (BAMF) ein neuer Höchststand, seit 1953 erstmals Zählungen durchgeführt wurden. 2010 waren es beispielsweise nur 48 000 (siehe BAMF 2016). Dieser ra- sante Anstieg macht die Relevanz der Arbeit mit Geflüchteten, für Sozialar- beiterInnen deutlich, weil so viele Menschen nach Deutschland geflüchtet sind und auch weiterhin flüchten werden. Die Zahlen zeigen die Dringlichkeit für eine ausführliche Auseinandersetzung mit der Arbeit mit Geflüchteten. Meiner Meinung nach bietet sich hier eine Chance, sich kulturell und gesell- schaftlich weiterzuentwickeln und dazuzulernen, denn soziale Arbeit hilft zum Beispiel durch Beratung und Vermittlung und dabei können Sozialarbei- terInnen gleichzeitig selbst über Kultur lernen. Allerdings wird das Thema „Flüchtlinge“ nicht nur als Problem, sondern sogar als Bedrohung angesehen (vgl. Weiner 1993, zit. nach Nuscheler o.J., S. 127). Dieser Ansicht sollte soziale Arbeit entgegenwirken und die Möglichkeit wahrnehmen, verzweifel- ten Menschen effektiv und langfristig zu helfen. Die traumatisierenden Um- stände, in denen Kinder-Flüchtlinge sich oft befinden, machen eine beson- ders sensible und adäquate Hilfe notwendig. Sie muss sich also individuell an der Lebenswelt und an dem Alltag der Menschen orientieren.

Bereits 1960 hat Wierer auf die schwierige Situation und die Umstände von Flüchtlingen aufmerksam gemacht und schlechte Einflüsse, zum Beispiel durch Lagerunterkünfte, betont (vgl. Wierer 1960, S. 150-153). Die Lebens- weltorientierung achtet auf die Umwelt, den Alltag und die Einflüsse auf eine Person. Die Situation von Kinder-Flüchtlingen ist dabei besonders schwierig und labil, da sie häufig Opfer von Kriegshandlungen, Massakern, Verfolgung, Haft und Folter werden und dadurch Traumata auftreten können. Es treten Folgen auf, wie schwere psychische Verletzungen, Amputationen, Verbren- nungen, Taubheit usw. Als Kindersoldaten werden sie gezwungen, passiv und aktiv an Kämpfen und Hinrichtungen teilzunehmen (vgl. Ahmad/Rudolph o.J., S. 582). Unbegleitete, minderjährige Flüchtlinge sind von ihren Angehö- rigen getrennt und haben oft den Tod von Eltern, Verwandten oder Freun- dInnen miterlebt (vgl. Kauffmann o.J., S. 187-188). Aber wie kann mit Kin- dern in solchen Umständen umgegangen werden? Die Lebensweltorientie- rung bietet mit ihrer individuellen Sicht auf den Menschen einige Antworten. Was trägt also das Konzept der Lebensweltorientierung für die soziale Arbeit mit Flüchtlingen in Deutschland bei? Es soll herausgestellt werden, wie ge- nau diese den Problemen von Flüchtlingen begegnet. Hierbei werden meine Ausführungen oft auf den Untersuchungen von Hans Thiersch basieren. Der Begriff der Lebensweltorientierung ist von Thiersch geprägt und stellt heute ein anerkanntes und etabliertes Element von Diskursen der sozialen Arbeit dar (vgl. Schilling und Zeller 2010, zit. nach Kneidinger 2012, S. 23).

Zu der Behandlung des Themas werden zuerst Gewalt als Fluchtursache (Kapitel 2.1) und dann die Situation der Flucht beschrieben (Kapitel 2.2). Fol- gend wird festgestellt, dass Flüchtlinge traumatisiert auf Kulturdifferenzen in Deutschland treffen (Kapitel 2.3). Als Reaktion auf diese Situation wird an- schließend das Konzept der Lebensweltorientierung geschildert (Kapitel 3.1) und sowohl deren Bedeutung für Flüchtlinge (Kapitel 3.2), als auch für Sozi- alarbeiterInnen geschildert (Kapitel 3.3). Abschließend kommt die Argumen- tation zu dem Fazit, dass die Lebensweltorientierte Soziale Arbeit als unter- stützendes Konzept in der Arbeit mit Kinder-Flüchtlingen fungiert (Kapitel 4).

2 Lebenswelt von geflüchteten Kindern

2.1 Gewalt als Fluchtursache

Um die Notlage von Flüchtlingen deutlich zu machen, werden im Folgenden Situationen und Umstände aus Kriegsgebieten geschildert. Unbegleitete minderjährige Flüchtlinge in Deutschland sind in der Regel im Krieg aufge- wachsen und dadurch traumatisiert (vgl. Rohr/Schnabel o.J., S. 351). Ein traumatisches Erlebnis wird durch ein Ereignis verursacht, welches bisherige Strukturen und Beziehungen negativ verändert, nicht oder nur schwer mit dem gewohnten Alltag vereinbar ist und dadurch zu sehr starken Verunsi- cherungen führt (vgl. Eckardt 2005, zit. nach Facklam 2010, S. 14). Solche Erlebnisse werden im Krieg auch von Kindern und Jugendlichen gemacht.

Ein Bericht über Ahmed, einem 17 jährigen Jungen aus Kurdistan, zeigt, dass Jugendliche schwer misshandelt und gefoltert werden:

„In der Umgebung seines Dorfes operierte häufiger die kurdische Guerilla1. Ahmed und seine Geschwister brachten den Einheiten des öfteren Nah- rungsmittel, welches von der Polizei bemerkt wurde. In der darauffolgenden Zeit wurde Ahmed verhaftet und von den Beamten gefoltert, unter anderem drückten diese Zigaretten auf seinen Unterarmen aus. Sie hängten Ahmed an den Armen auf und zündeten seine Synthetikhose an, woraufhin er Ver- brennungen an den Beinen erlitt“ (siehe Adden o.J., S. 481).

Dieses Beispiel lässt darauf schließen, dass solche Kriege nicht im Interesse der Bevölkerung geführt werden, sondern der Wunsch nach Frieden besteht. Die Polizei handelt hier nicht als Beschützer, sondern sadistisch und nach eigenem Ermessen. Die Sicherheit durch den Staat fällt somit weg. Hier ist die bemerkenswerte Handlung und Charakterstärke von Ahmed zu beachten, anderen Menschen trotz der Gefahr zu helfen. Die Menschlichkeit scheint hier einen besonderen Wert zu haben.

Die Betroffenen versuchen eine Ursache für den Krieg zu finden und auf- grund der starken Identifizierung mit der eigenen Volksgruppe, wird der Krieg als ein persönlicher Angriff gegen sie selbst verstanden. Dies kann zu Min- derwertigkeits- und Hilflosigkeitsgefühlen führen, welche das schnelle und richtige Handeln in einer solchen Situation erschweren können. Hier werden auch die Heimatlosigkeit und die damit verbundene Verzweiflung von den Palästinensern deutlich. Diese Menschen können also nicht in ihre zugehö- rige Nation fliehen, da sie keine haben. Der Ort wo sie bis jetzt geduldet wurden und der einem Zuhause für sie am nahesten kommt, muss dann, ohne sicheres Ziel, verlassen werden. Dies ist die einzige Lösung um das Risiko, getötet zu werden, zu verringern. Hierbei wird von den Eltern das Leben der Kinder weit höher geachtet als das Eigene und hat oberste Priorität (vgl. Pfeiffer 2011, S. 67).

Ein weiteres Beispiel für eine verfolgte Gruppe sind die Jesiden im Irak. Menschen berichten dort von Enthauptungen und Massenerschießungen. Die IS-Kämpfer sagen offen, dass sie die Jesiden ausrotten wollen (vgl. Güsten o.J.). Sie werden also systematisch verfolgt und getötet und sind gleichzeitig absolut wehrlos. Demnach haben sie überall dort keine Sicher- heit, wo IS-Kämpfer präsent sind. Den einzigen - jedoch gefährlichen - Ausweg bietet also die Flucht. Die Umstände und Bedingungen in einem Kriegsgebiet zeigen die Notwendigkeit auf, aus diesen zu fliehen. Kinder sind hierbei abhängiger von Unterstützung als Erwachsene und befinden sich in einer extremen unsicheren Situation (vgl. Facklam 2010, S. 15). In Kriegs- gebieten ist die Wahrscheinlichkeit zu sterben zwar nicht an allen Orten gleich hoch, allerdings ist die Sicherheit zu überleben nirgends garantiert, weshalb die Flucht aus dem Krisengebiet heraus, eine logische Option dar- stellt.

2.2 Situation der Flucht

Die Informationen über Flucht in den öffentlichen Medien sind gefiltert und zurechtgeschnitten. Die eigentliche Flucht passiere ungesehen, zum Bei- spiel in Wäldern oder städtischen Slums (vgl. Nuscheler o.J., S. 128). Auch meine folgenden Ausführungen können nicht auf alle Fluchtsituationen ver- allgemeinert werden.

Alle Flüchtlinge durchleben eine Flucht, bevor sie an ihrem Ziel ankommen. Da die meisten nicht über die finanziellen Mittel verfügen, sich eine komfor- table Reise leisten zu können, gestaltet sich die Flucht oft schwer und ist mit Leid und Unsicherheit verbunden. Außerdem gibt es weitere Faktoren, welche die Reise erschweren. Hilfsorganisationen spenden Lebensmittel usw. an Flüchtlingslager, jedoch können diese von Soldaten erpresst oder überfallen werden (vgl. Nuscheler o.J., S. 127). Hierzu kommt, dass die Men- schen durch ihren illegalen Status (ohne Aufenthaltsgenehmigung) in dem Land keine Rechte haben (vgl. Nuscheler o.J., S. 128) Dennoch haben Familienmitglieder, welche durch die Flucht von ihrer Familie getrennt wur- den, die Möglichkeit sich hier wiederzufinden. Besonders für Kinder ist die Flucht schwierig, da sie aus ihrem gewohnten Umfeld herausgerissen wer- den, sich in einer gefährlichen und unsicheren Situation befinden und oft Ge- walt und Tod miterleben (vgl. Kauffmann o.J., S. 187).

„Als er von der Schule nach Hause kam, hörte er schon von weitem Schüsse und Schreie. Er lief auf sein Dorf zu, sah seinen Vater aus dem Haus rennen und unter einem Kugelhagel blutüberströmt zusammenbrechen. Seine Mut- ter wurde bereits in der Haustür niedergeschossen. Seine Geschwister konnte er nicht entdecken. Starr vor Entsetzen rührte A. sich nicht von der Stelle. Von irgendetwas getroffen brach er schließlich bewusstlos zusam- men. […] Die nächsten Monate wünschte A. sich oft, er wäre auch erschossen worden. Er hatte dem Rebellenführer Sklavendienste zu leisten, und wenn dieser einmal nicht da war, wurde er von vielen der Rebellensoldaten vergewaltigt.“ (siehe Kurzendörfer o.J., S. 576-577).

Dies ist für manche Kinder der absolut traumatisierende und überfordernde Anfang ihrer Flucht. Dieser und andere Berichte zeigen, wie die Menschen aus ihrem Alltag entwurzelt werden. Wenn nun Kinder durch ein traumatisie- rendes Erlebnis Bezugspersonen und Familie verlieren, ist der Stressfaktor viel höher, denn sie können keinen Schutz, keine Sicherheit und keine emo- tionale Unterstützung mehr durch sie erfahren. Es treten in dieser Zeit auch oft physische Mangelerscheinungen auf, jedoch seien nach Nuscheler die psychischen Langzeitschäden durch den abrupten Wechsel ihrer bisherigen Lebenswelt schwerwiegender, insbesondere wenn die Kinder Gewalt miter- lebt haben (vgl. o.J., S. 127). Diese und weitere Faktoren spielen zusammen und können somit eine große Unsicherheit und dadurch ein Trauma verur- sachen. Meiner Meinung nach ist es nicht verwunderlich, wenn Kinder- Flüchtlinge durch ihre Erfahrungen derart traumatisiert sind, dass sie weder selbstständig klar denken noch handeln können. Manche von ihnen haben Albträume, Aggressionen, sind mit 10 Jahren wieder Bettnässer oder ziehen sich vollkommen in sich selbst zurück (vgl. El-Gawhary o.J.).

Beschreibungen zufolge werden bei der Flucht nach Europa über das Mittel- meer sogenannte „Schleuser“ bezahlt, welche die Überfahrt organisieren. Diese rennen zusammen mit den Flüchtlingen in einer nächtlichen Aktion zu den Booten und treiben sie dabei mit Stockschlägen und Beschimpfungen an, um möglichst schnell und unentdeckt dorthin zu gelangen (vgl. Bauer 2014, S. 7-8). Dass dieser Weg überhaupt in Betracht gezogen wird, weist auf die Ausweglosigkeit vieler Flüchtlinge hin, weil jedes Jahr 1500 Men- schen auf der Flucht über das Meer nach Italien und Griechenland ertrinken. Die Dunkelziffer liegt wahrscheinlich weitaus höher (vgl. Bauer 2014, S. 9). Es wird deutlich, dass es viele, extrem verschiedene, Fluchtgeschehen und Situationen - bezogen auf Dauer und Konditionen - gibt und sich Ausmaß und Folgen hierbei nicht pauschalisieren lassen.

[...]


1 Widerständische Kriegsbewegung gegen die Regierung

Ende der Leseprobe aus 20 Seiten

Details

Titel
Der Beitrag der Lebensweltorientierung für die soziale Arbeit mit Kinder-Flüchtlingen in Deutschland
Hochschule
Fachhochschule Bielefeld
Note
2,0
Autor
Jahr
2016
Seiten
20
Katalognummer
V428156
ISBN (eBook)
9783668718005
ISBN (Buch)
9783668718012
Dateigröße
665 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
beitrag, lebensweltorientierung, arbeit, kinder-flüchtlingen, deutschland
Arbeit zitieren
André Wiebe (Autor:in), 2016, Der Beitrag der Lebensweltorientierung für die soziale Arbeit mit Kinder-Flüchtlingen in Deutschland, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/428156

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