In dieser Arbeit wird der Sündenbegriff bei Luther in seiner Schrift Große Genesisvorlesung Kapitel 1-3 im Überblick dargestellt. Da Luthers Schrift keine dogmatische Abhandlung des Themas, sondern exegetischer Natur ist, besteht die Herausforderung, die für ein systematisches Verständnis der Sündenlehre entscheidenden loci herauszuarbeiten. Auf zeitgeschichtliche Implikationen des Werkes Luthers wird aus Platzgründen verzichtet. Den hermeneutischen Vorrausetzungen seines Werkes wird hingegen aufgrund ihrer hohen Bedeutung für ein rezeptives Textverständnis und auch wegen der weitreichenden biblisch-theologischen Reichweite ein einführendes Kapitel gewidmet.
In einem Ertragskapitel werden zum einen die Ergebnisse dieser Arbeit zusammengefasst, zum anderen erfolgt in Ansätzen eine kritische Würdigung im Hinblick auf die Formulierung eines aktuellen evangelischen Sündenverständnisses. Den Abschluss dieser Arbeit bildet ein hermeneutischer Ausblick, der exemplarisch einige Ergebnisse aufgreift und sie vorbereitend praktisch-theologisch reflektiert.
Inhaltsverzeichnis
0. Einleitung
0.1. Gegenstand und Ziel der Untersuchung
1. Luther
1.1. Stand der Forschung zum Sündenfall (Gen 1-3) in der Großen Genesisvorlesung
2. Die Schöpfung vor dem Fall
2.1. Methode und Hermeneutik in der großen Genesis-Vorlesung
2.1.1. Ablehnung der Allegorese zugunsten des historischen Textverständnisses
2.1.2. Die eingeschränkte postlapsarische Erkenntnis
2.1.3. Die christologisch-eschatologische Dimension
2.2. Der Mensch: coram Deo in fiduciam
2.2.1. Grundlegendes zum Ebenbildsbegriff
2.2.2. Imago dei als vita aeterna, securita aeterna et omnia bona
2.2.3. Imago Dei und das mandatum dei über die nichtmenschliche Kreatur zu herrschen
2.2.4. Der Mensch und das mandatum Dei nicht von der Frucht des Baumes der Erkenntnis des Guten und Bösen zu essen
2.2.5. Der Mensch im status medius mit doppelter Natur
2.2.6. Der Mensch und die iustitia originalis und peccatum originale
2.2.7. Die Erschaffung der Frau zur Gemeinschaft und Erhaltung des Geschlechtes
3. Der Sündenfall: Zerstörung der relatio durch unglauben
3.1. 1. Gesprächsgang (Gen 3, 1-3): Unglaube gegenüber Gottes Wort als die Quelle aller Sünden
3.2. Zweiter Gesprächsgang (Gen 3,4-5): Leugnung des Wortes Gottes
3.3. Der Sündenfall: die neue sapientia Dei des Menschen und der daraus erwachsene tätliche Ungehorsam
4. Die Schöpfung nach dem Fall: Folgen des unglaubens
4.1. Die zerbrochene Beziehung des Menschen coram Deo
4.1.1. Nacktheit als Ausdruck von Scham und Schande des Menschen und von der Schändung der Kinderzeugung
4.1.2. Furcht und Flucht vor Gottes Strafe als Ausdruck der Tätigkeit des Gewissens (Gen 3,8)
4.1.3. Das Gewissen als Ankläger der Schuld des Menschen (Gen 3,9-13)
4.2. Die gestörte Beziehung des Menschen zum Mitmenschen
4.2.1. Die Bedeutung der Sexualität nach dem Fall
4.2.2. Der Mord Kains: Die Gewaltdimension der Sünde
4.2.3. Die gestörte Beziehung des Menschen zum Mitmenschen in Bezug auf die res: abusus
4.3. Leben des Menschen zwischen Fluch und Verheißung (Gen 3,14-19)
4.3.1. Hoffnung des Lebens: das Protoevangelium (Gen 3,14-15)
4.3.2. Die Strafe der Frau: Leben mit Geburtsschmerz in Hoffnung auf das ewige Leben (Gen 3,16)
4.3.3. Die gestörte Beziehung des Mannes zum Acker: Verfluchung, bleibender Segen und die Hoffnung der Rückkehr zur Erde (Gen 3,17-19)
5. Vergleich und kritische Würdigung
6. Hermeneutischer Ausblick
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht das Sündenverständnis in Martin Luthers "Großer Genesisvorlesung" (Kapitel 1-3). Ziel ist es, Luthers exegetische Ausführungen systematisch zu erschließen und als grundlegendes Sündenverständnis darzustellen, wobei insbesondere die Relation zwischen Gott und Mensch im Zentrum steht.
- Die hermeneutischen Voraussetzungen von Luthers Genesis-Auslegung.
- Die Bestimmung des Menschen im Urstand (imago Dei).
- Die Dynamik des Sündenfalls als Bruch der Gottesbeziehung (relatio).
- Die Folgen des Sündenfalls für die Mitwelt und das menschliche Handeln.
- Die heilsgeschichtliche Perspektive und das Protoevangelium.
Auszug aus dem Buch
2.2.4. Der Mensch und das mandatum Dei nicht von der Frucht des Baumes der Erkenntnis des Guten und Bösen zu essen
Ein wichtigeres mandatum Gottes liegt jedoch in der Interpretation des Baumes der Erkenntnis mit dem an ihn geknüpften Gebot nicht von seiner Frucht zu essen. Der Baum der Erkenntnis des Guten und des Bösen hat seinen Namen daher, dass er einen so schrecklichen Fall verursacht hat, ja dass er zu einer unseligen und erbärmlichen Geschichte geraten ist.39 Der Baum war nach Luther in dem Sinne gut, dass Adam an ihm seinen Gehorsam gegenüber Gott beweisen sollte. Erst in Folge der Sünde wurde er zu einem Baum der Verdammnis.40
Seine Funktion war weniger die des Verbotes mit der Intention das Leben von Adam und Eva zu schmälern, sondern diejenige, die Beziehung des Menschen zu Gott zu regeln, damit diese nicht aus der Art schlagen, sondern von Gottes Wort als seine Kreatur erhalten bleiben:
„Non quod natura huius arboris fuerit occidere, sed quod per verbum Dei sic pronuntiam erat, quod verbum omnibus creaturis tribuit suam efficaciam, et conservat etiam omnes creaturas, ne degenerent, sed ut certae serventur species in infinita propagatione.“ 41
Damit ist die Aufgabe des Gebotes „in seiner befehlenden anweisenden und begrenzenden Funktion letztlich lebensfördernd.“42 Adam wurde, so Luther, von Gott nichts weiter auferlegt, als Gott zu loben, ihm zu danken und sich in ihm zu freuen, indem er Gott gehorchen sollte nicht von dem verbotenen Baum der Erkenntnis des Guten und des Bösen zu essen.43 An ihm sollte Adam mit einem externus cultus et opus Gottesdienst und Gehorsam beweisen und üben.44 Auch im Zusammenhang der Sabbatruhe, die Gott am siebenten Tage für die Menschen einsetzte, sagt Luther, dass es des Menschen Beruf und Stand wäre Gott zu erkennen und ihn zu preisen vornehmlich am Sabbath.45
Zusammenfassung der Kapitel
0. Einleitung: Einführung in das Thema der Sündenlehre bei Luther anhand der Großen Genesisvorlesung unter Verzicht auf zeitgeschichtliche Aspekte.
1. Luther: Überblick über den aktuellen Forschungsstand zum Sündenfall in Luthers Spätwerk.
2. Die Schöpfung vor dem Fall: Analyse von Luthers Hermeneutik und der Bestimmung des Menschen im Urstand.
3. Der Sündenfall: Zerstörung der relatio durch unglauben: Untersuchung der Versuchung durch die Schlange und den Sündenfall als Bruch der Gottesbeziehung.
4. Die Schöpfung nach dem Fall: Folgen des unglaubens: Darstellung der Auswirkungen des Sündenfalls auf die Beziehung zu Gott, den Mitmenschen und die Schöpfung.
5. Vergleich und kritische Würdigung: Zusammenfassende Einordnung der Ergebnisse und kritische Reflexion des lutherischen Ansatzes.
6. Hermeneutischer Ausblick: Homiletische Reflexion ausgewählter Aspekte der Sündenproblematik für die heutige Zeit.
Schlüsselwörter
Martin Luther, Große Genesisvorlesung, Sündenlehre, Imago Dei, Relatio, Unglaube, Erbsünde, Paradies, Sündenfall, Gottesbeziehung, Schöpfung, Mandatum Dei, Heilsgeschichte, Rechtfertigung, Anthropologie.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit bietet eine systematische Darstellung des Sündenbegriffs bei Martin Luther, basierend auf seiner "Großen Genesisvorlesung" (Kapitel 1-3).
Was sind die zentralen Themenfelder der Analyse?
Im Zentrum stehen die hermeneutischen Grundannahmen Luthers, das Verständnis des Menschen im Urstand (imago Dei), der Sündenfall als Zerstörung der Gottesbeziehung sowie die daraus resultierenden Folgen für die menschliche Existenz und die Schöpfung.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, aus den exegetischen Texten Luthers die wesentlichen Loci einer systematischen Sündenlehre zu extrahieren und deren Bedeutung für das menschliche Gottesverhältnis zu explizieren.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es wird eine historisch-theologische Analyse durchgeführt, die Luthers Genesisvorlesung kontextualisiert und methodisch an einer rezeptiven Hermeneutik orientiert, die den biblischen Text als entscheidende Autorität begreift.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Analyse der Schöpfung vor dem Fall, den Sündenfall als Akt des Unglaubens und die weitreichenden negativen Konsequenzen dieses Falls für die Identität des Menschen und sein Verhältnis zum Mitmenschen.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit?
Zentrale Begriffe sind neben Sündenfall und Erbsünde vor allem "relatio" (Beziehung), "imago Dei" (Ebenbildlichkeit), "unglauben" und das "mandatum Dei".
Warum betont Luther die "relatio" so stark?
Für Luther ist das Wesen des Menschen nicht isoliert als Eigenschaft zu verstehen, sondern konstituiert sich in der lebendigen Beziehung (relatio) zu Gott. Der Sündenfall wird daher als Zerstörung dieser Beziehung begriffen.
Welche Rolle spielt das "Protoevangelium" bei Luther?
Luther interpretiert Gen 3,15 als Protoevangelium, welches bereits inmitten des Gerichts die Hoffnung auf die Wiederherstellung durch Christus anlegt, was die christologisch-eschatologische Ausrichtung seiner Vorlesung unterstreicht.
Wie bewertet die Arbeit Luthers Sicht auf die Frau?
Die Arbeit arbeitet heraus, dass Luther die Erschaffung der Frau zur Gemeinschaft betont und ihr im Rahmen seiner Theologie trotz postlapsarischer Unterordnung eine spezifische Dignität im heilsgeschichtlichen Kontext zuschreibt.
Was bedeutet "abusus" im Kontext der Gaben Gottes?
Abusus bezeichnet den Missbrauch der von Gott anvertrauten Güter, wenn der Mensch diese nicht in Nächstenliebe weitergibt, sondern sich gierig an sie klammert, womit er seine gestörte Beziehung zu Gott offenbart.
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- Daniel Steffen Schwarz (Autor), 2007, Das Sündenverständnis Martin Luthers in der Großen Genesis-Vorlesung (Gen 1-3), Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/428201