In dieser Seminararbeit möchte ich einen Beitrag zur Musikthematik leisten, da diese eine zentrale Rolle in der Erzählung spielt. Meine These, die es im Folgenden geht zu überprüfen, lautet: „Trotz der ablehnenden Haltung der Mäuse, in Musik etwas Höheres zu sehen, erzeugt Josefines Gesang in dem unruhigen, durch Existenzängsten gekennzeichneten Mäusevolk ein starkes Gefühl von Schutz und Geborgenheit.“
Ich werde dabei wie folgt vorgehen: Zunächst werden unter den Vorbetrachtungen der kulturhistorische und literarische Kontext skizziert sowie autobiografische Aspekte dargestellt, um entstehungsbedingte Faktoren zu nennen. Danach wird ausführlich auf die Bedeutung des musikalischen Gehalts eingegangen und im Anschluss Bezüge zum jüdischen Volk hergestellt. Schließlich werde ich aus allen Analyse- und Interpretationsergebnissen ein Fazit ziehen und Stellung zur Ausgangsthese nehmen.
Inhaltsverzeichnis
Einleitung
1. Vorbetrachtungen
1.1 Kulturhistorischer und literarischer Kontext
1.2 Autobiografische Aspekte
2. Zur Bedeutung des musikalischen Gehaltes der Erzählung
2.1 Josefine als Scheinkünstlerin
2.2 Die Unmusikalität des Mäusevolkes
3. Bezüge zum jüdischen Volk
Zielsetzung & Themen
Diese Arbeit untersucht die zentrale Rolle der Musik in Franz Kafkas Erzählung „Josefine, die Sängerin oder Das Volk der Mäuse“. Dabei wird der Frage nachgegangen, wie das Pfeifen der Künstlerin trotz der ablehnenden Haltung des Mäusevolkes eine existenzielle Schutzfunktion ausüben kann und inwiefern Kafkas eigene Biografie sowie zeitgenössische antisemitische Diskurse in die Gestaltung der Musikthematik einfließen.
- Analyse der künstlerischen Identität und Selbstwahrnehmung von Josefine
- Untersuchung der ambivalenten Beziehung zwischen Künstlerin und Mäusevolk
- Kulturhistorische Einordnung der literarischen Moderne um 1900
- Verbindung zwischen musikalischer Thematik und jüdischen Identitätskonzepten
- Interpretation biographischer Parallelen im Kontext von Kafkas Leben und Krankheit
Auszug aus dem Buch
2.1 Josefine als Scheinkünstlerin
Deutlich in der Erzählung zu erkennen ist, dass die Kunst Josefines vom übrigen Mäusevolk kritisch hinterfragt wird, denn in Wirklichkeit stellt ihr Gesang keine außerordentliche Begabung dar: „Ist es denn überhaupt Gesang? Ist es nicht vielleicht doch nur ein Pfeifen? Und Pfeifen allerdings kennen wir alle, es ist die eigentliche Kunstfertigkeit unseres Volkes, oder vielmehr gar keine Fertigkeit, sondern eine charakteristische Lebensäußerung. Alle pfeifen wir, aber freilich denkt niemand daran, das als Kunst auszugeben [...]“ Von Ulrich Plass als „Schwindlerin“ und Ritchie Robertson als „Möchte-gern-Künstlerin“ diffamiert, treibt Josefine ein nach ihrer Auffassung künstlerisches Schaffen und glaubt ihr Volk mit ihrem Pfeifen zu begeistern. Doch welche Absicht verfolgte Franz Kafka bei diesem Paradox? Eine Antwort auf diese Frage findet man womöglich schon in der Formulierung des Titels der Erzählung. Der Gesang, die Kunst, eröffnet hier ein Spannungsfeld zwischen dem Einzelnen mit seinem Anspruch auf eine Ausnahmestellung und der Gemeinschaft von Gleichen. Diese Ausnahmestellung wird von den anderen jedoch nicht akzeptiert. Zwar sticht Josefine in irgendeiner Weise durch ihr leises Pfeifen aus der Menge heraus und wird von den anderen Mäusen bewundert („Es gibt niemanden, der ihr Gesang nicht fortreißt [...]“), doch eine Sonderstellung wird strikt abgelehnt. Josefine solle wie jede andere Maus die gleiche Arbeit verrichten, schließlich handele es sich bei ihrem Pfeifen doch nur um eine normale Eigenschaft. Als Künstlerin zu bezeichnen, wäre also ein wenig übertrieben, nicht zuletzt aus dem Grund,
Zusammenfassung der Kapitel
Einleitung: Die Einleitung führt in die Erzählung „Josefine, die Sängerin oder Das Volk der Mäuse“ ein und formuliert die zentrale Forschungsfrage hinsichtlich der Bedeutung der Musik für die Gemeinschaft der Mäuse.
1. Vorbetrachtungen: Dieses Kapitel verortet Kafka im Kontext der literarischen Moderne und beleuchtet prägende biographische Aspekte sowie die Entstehungsgeschichte des Werkes.
2. Zur Bedeutung des musikalischen Gehaltes der Erzählung: Hier wird analysiert, wie Josefine als Künstlerin innerhalb ihrer Gesellschaft wahrgenommen wird und in welchem Spannungsfeld das als „unmusikalisch“ geltende Mäusevolk zur Musik steht.
3. Bezüge zum jüdischen Volk: Dieser Abschnitt untersucht intertextuelle Bezüge und antisemitische Diskurse des frühen 20. Jahrhunderts, die sich in Kafkas Darstellung der jüdischen Identität und Diaspora spiegeln.
Schlüsselwörter
Franz Kafka, Josefine die Sängerin, Mäusevolk, Kunstverständnis, Musik, Moderne, Antisemitismus, jüdische Identität, Literaturanalyse, Existenzangst, Gemeinschaft, Künstlertum, Diaspora, Symbolik, Literaturgeschichte
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit?
Die Arbeit analysiert die Erzählung „Josefine, die Sängerin oder Das Volk der Mäuse“ von Franz Kafka mit einem besonderen Fokus auf die Bedeutung der Musik als Ausdrucksform und soziales Bindeglied innerhalb der Erzählung.
Welche zentralen Themenfelder werden bearbeitet?
Die Hauptthemen umfassen die Rolle des Künstlers in der Gesellschaft, die Einordnung in die literarische Moderne, die autobiographischen Hintergründe Franz Kafkas sowie die Interpretation der Erzählung vor dem Hintergrund der jüdischen Identitätsdebatte.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Ziel ist es zu belegen, dass Josefine trotz der kritischen Distanz des Volkes zu ihrer Kunst eine existenzielle Funktion ausübt, indem sie dem Mäusevolk kurzzeitige Momente des Friedens und der Geborgenheit in einer von Existenzängsten geprägten Welt schenkt.
Welche wissenschaftliche Methode kommt zum Einsatz?
Die Arbeit nutzt eine literaturwissenschaftliche Analyse, die den Text kritisch interpretiert und dabei zeitgenössische Quellen sowie Forschungsliteratur zur Einordnung heranzieht.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Untersuchung von Kafkas biographischen Einflüssen, die musikalische Ambivalenz der Hauptfigur und die Aufarbeitung von Bezügen zum Judentum im Text.
Welche Begriffe charakterisieren die Arbeit am besten?
Die wichtigsten Schlüsselwörter sind Franz Kafka, Künstlertum, Musik, jüdische Identität, Moderne und Existenzangst.
Warum wird Josefine oft als „Schwindlerin“ bezeichnet?
Da ihr „Gesang“ lediglich ein bei Mäusen alltägliches Pfeifen ist, wird ihre Selbstbezeichnung als Künstlerin von anderen Mäusen als Anmaßung oder Täuschung interpretiert, da sie sich damit von der täglichen Arbeitspflicht zu befreien versucht.
Welche Rolle spielt der antisemitische Diskurs in Kafkas Erzählung?
Die Arbeit zeigt auf, dass Kafka bei der Darstellung des angeblich „unmusikalischen“ Mäusevolkes auf zeitgenössische antisemitische Klischees zurückgreift, diese jedoch in ironischer Weise verarbeitet, um die Identitätsproblematik als jüdischer Bürger zu reflektieren.
- Citation du texte
- Nadja Wolf (Auteur), 2017, Franz Kafkas "Josefine, die Sängerin oder Das Volk der Mäuse". Musik als Befreiung aus dem täglichen Kampf ums Überleben?, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/428425