Orientalismus in der europäischen Kunstmusik. Die Wiege des Exotismus


Hausarbeit, 2016

23 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis
Vorwort
1
Geschichte zweier Welten
Der barbarische Osmane
3
Der weise Großwesir
5
Auf der Bühne
7
Exemplarisches Beispiel:
Wolfgang Amadeus Mozart:
Die Entführung aus dem Serail
11
Handlung
12
Orientalische Merkmale
13
Musikalische Stilistik
14
Orientalistische Charaktere
15
Nachwort
16
Anhang
17
W. A. Mozart: Die Entführung aus dem Serail Libretto
Bibliographie
Hörbeispiele

Vorwort
Der Orient ist ein uns allen bekannter geographischer Raum, der doch auf keiner Karte zu
finden ist. Bemerkenswert ist des weiteren, dass sich die Vorstellungen des Orients, seiner
dort lebenden Figuren, Kulturen und Sitten in ihrem Bild seit über 200 Jahren nicht
wirklich geändert hat
1
.
Das ist nicht nur bei den rein optischen Künsten der Fall, sondern im Besonderen in der
Musik. Klassische ,,orientalische" Stücke, die im 18. oder 19. Jahrhundert geschrieben
worden waren, werden, obwohl ihre Komponisten sich meist nur auf eine gewisse Stilistik
stützten und seltenst selber den Orient bereist hatten, heute noch als orientalisch erkannt.
Dieser jahrhundertealter Stilistik bedienen sich auch moderne Komponisten insbesondere
in Film- und Bühnenmusik um denselben Charakter zu erlangen
2
.
Die klassische Musiktheorie unterscheidet nicht mehr zwischen Orientvertonungen und/
oder auch Chinoserien (Chinesisch anmutende Musik) oder Zigeunerweisen.
Die zu Beginn durch ihr zeitliches Auftreten im musikalischen Europa differenzierten
Stilistiken wurden mehr und mehr miteinander verwoben. Durch die Besetzung des
Balkans durch das osmanische Reich im 16. Jahrhundert flossen persische Musikstilistiken
in die ungarische und Zigeunermusik ein, in Europa angekommen vermochte man
zwischen Balkanmusik, türkischer oder persischer nicht mehr zu unterscheiden und so
wurde die Zigeunertonleiter
3
nach Belieben auch ,,arabische" genannt und
dementsprechend eingesetzt
4
. Auch heute ist ein Unterschied gerade zwischen arabisch
orientalischer Musikadaption und Zigeunerweisen nicht mehr möglich
5
.
Der Begriff Orientalistik ist für Musikbeschreibung daher höchstens für Handlung oder
Kostümierung zu gebrauchen, ansonsten wurde die Adaption außereuropäischer
1
Vergl. Stoff und Kostümierung im Kapitel Auf der Bühne mit aktuellen Kinderfilmen (Aladdin, Elephant
Princess, Prince of Persia etc.)
2
Vergl. Hörbeispiel 1: Sadness Waltz aus Dorian Gray
3
Vergl. Hörbeispiel 2: Zigeuner-Dur/ Arabische Tonleiter
4
Betzwieser, Stegemann: Exotismus - MGG
5
Exkurs: Alan Menkens Vertonung der Zigeunergeschichte Der Glöckner von Notre Dame bemüht sich
szenisch das Klischee der Zigeuner zu bedienen, bedient sich aber komplett orientalischer musikalischer
Stilistiken
1

musikalischer Strömungen im 19. Jahrhundert unter dem Begriff Exotismus
zusammengefasst
6
. Dieser lässt sich jedoch differenzieren, bis zur Pariser Weltausstellung
1889 geschah die Komposition im alla-turca-Stil nur auf Berichte und Vorstellungen
gestützt. Die Adaption tatsächlicher außereuropäischer Musik war nicht gegeben.
Man könnte vielleicht so weit gehen zu behaupten, dass der Orient, eine Welt, die
scheinbar sowohl räumlich nicht festgelegt als auch zeitlos ist, allein in den Köpfen der
Europäern besteht. Jedoch muss auch diese Idee ihren Ursprung in einer realen Erfahrung
gehabt haben. Im Nachfolgenden will ich mich damit beschäftigen die Diskrepanz
zwischen dem Kontakt mit dem tatsächlichen Orient in Kreuzzügen und Belagerungen und
der damit verbundenen negativen Einstellung gegenüber seinen Bewohnern und der
romantischen Verklärung weiser Figuren und absolut positiven, erstrebenswerten
Handlungsräumen aufzuzeigen.
Darüber hinaus erscheint es mir sinnvoll stilistische Merkmale des orientalischen
Exotismus, und ihrer Wirkungsweise, sowie musikalische Tricks zum Erstellen eines
exotischen Rahmens und deren Rezeption vom Publikum am Beispiel der Oper Die
Entführung aus dem Serail von Wolfgang Amadeus Mozart zu erläutern.
6
Betzwieser, Stegemann: Exotismus - MGG
2

Geschichte zweier Welten
Der barbarische Osmane
,,Doch bin ich recht von Herzen froh,
dass man mich lässt von hinnen scheiden.
Man sehe nur das Tier dort an
ob man so'was ertragen kann."
(Mozart: Die Entführung aus dem Serail, Finale)
Die Geschichten vom beziehungsweise aus dem Orient haben ihre Wurzeln im 9.
Jahrhundert, als die arabische Kultur in Südspanien Einzug erhielt
7
. Die tatsächliche
Rezeption der Exoten in Kultur und Medien, die durch Quellen überliefert sind, beginnt
erst mit der Zeit der Kreuzzüge
8
.
Einer der ersten populären Geschichten ist die Ballade über die Schlacht von Nikopolis
von Peter von Rez, der mit dem christlichen Heer auf den Sultan Bajezit gestoßen war. Rez
blieb zurück und verlor sich in der weitläufigen Walachei. Als er zurückkehrte schilderte er
seine Irrfahrt voller Grauen und schuf damit einen nicht unerheblichen Beitrag zum Bild,
das man sich über die Osmanen machte
9
. Eine der großen Intentionen der Kreuzritter war
das heilige Land von den Heiden zu befreien. Zu diesem Zweck wurden die ,,Heiden", was
in diesem Fall die Türken waren, barbarisch, ungebildet und ohne Gespür für die Heiligkeit
Jerusalems, vor allem aber grausam und hasserfüllt gegenüber den ehrbaren und
glorreichen Christen gezeichnet. 1095 hielt Papst Urban II eine feurige Rede zum
Aufbruch nach Jerusalem, wo es galt, das ruchlose Volk der Türken zu bekämpfen. In
seinem Aufruf beschreibt er ,,das Volk im Perserreich, ein fremdes Volk, ein ganz
gottfernes Volk, eine Brut von ziellosen Gemüt und ohne Vertrauen auf Gott (...). Sie
beflecken die Altäre mit ihren Abscheulichkeiten." (1095, Benediktiner Robert aus Reims,
Augenzeuge des Aufrufs, übersetzt von Karl-Friedrich Krieger
10
) Dieses starke
propagandistische Bild prägte das Orientbild nachhaltiger als viele, zum Teil auch
beeindruckend positiven, Reiseberichte, der heimkehrenden Ritter.
7
Betzwieser, Stegemann: Exotismus - MGG
8
Buchmann: Türkenlieder zu den Türkenkriegen und besonders zur zweiten Wiener Türkenbelagerung
9
Buchmann: Türkenlieder zu den Türkenkriegen und besonders zur zweiten Wiener Türkenbelagerung
10 Kai Brodersen (Hrsg.): Grosse Reden von der Antike bis Heute
3

Ein anderer wichtiger psychologischer Grund für das negative Bild des Orients, waren die
tatsächlichen Kontakte mit dessen Vertretern. Aus den Türkenkriegen und Belagerungen
der Kaiserstadt Wien im 16. und 17. Jahrhundert blieben zwar viele Inspirationen für die
Kunst, die Janitscharenheere brachten Instrumente, Musikstile und farbenprächtige
Kleidung, doch durch den andauernden Kriegszustand überschattet, lassen sich aus dieser
Zeit nur Spottlieder oder hasserfüllte Lyrik finden
11
. Einzelne Niederlagen europäischer
Heere wurden durch abenteuerliche Mächte der Osmanen erklärt, unter ihnen seien Magier,
die mit Schlangen, Söldnern und allerlei exotischen Giften arbeiten würden
12
.
Seit 1535 hatte das französische Königshaus ein mehr oder minder reges diplomatisches
Bündnis mit Konstantinopel, das zur Folge hatte, dass der Austausch der Kulturen in Paris
am Hofe stattfand
13
. Ende des 16. Jahrhunderts tauchten in Frankreich erste
,,Türkendramen" auf, der Orient wurde karikiert und satirisch verspottet. Doch man
versuchte bereits die, durch diplomatische Geschenke erlernte, Kleider- wie auch
musikalische Kultur nachzuahmen
14
. Der große Durchbruch dieser Mode gelang William
Shakespeare mit Othello und The Winter's Tale Anfang des 17. Jahrhunderts
15
.
11 Gradewitz: Musik zwischen Orient und Okzident
12 Buchmann: Türkenlieder zu den Türkenkriegen und besonders zur zweiten Wiener Türkenbelagerung
13 Betzwieser: Orientalismus und ,,Türkenoper" in der französsichen Musik des Ancient Regime
14 Locke:Musical Exoticism ­ Images and Reflections
15 Clayton, Zon: Music and Orientalism in the Britsh Empire, 1780s - 1940s
4

Der weise Großwesir
,,An jedem Ort zu jeder Zeit werd' ich dich
groß und edel nennen.
Wer soviel Huld vergessen kann, den seh' man mit Verachtung an."
(Mozart: Die Entführung aus dem Serail, Finale)
In Frankreich bestanden bis ins 16. Jahrhundert hinein politische Beziehungen mit dem
Osmanischen Reich, das eine ernst zu nehmende Großmacht war
16
. Damit war Frankreich
ein Vorreiter im Hinblick auf die Bereicherung durch die andere Kultur und behielt diesen
Vorsprung bei, indem es nicht einmal 100 Jahre später begann ernsthaftes
wissenschaftliches Interesse am Orient zu zeigen. Es hatte bereits zuvor Forschungsreisen
in diese Bereiche gegeben, doch nun begann man sich auch durch Sprachforschungen und
einem Wissenschaftsbegriff der Orientalistik diesem Thema zu nähern
17
.
Das betont objektive Auge der wissenschaftlichen Forschungsreisenden versuchte den
Orient ohne die Erfahrungen mit dessen kriegerischer Seite wahrzunehmen und zeichnete
ein neues, positiveres, interessantes Bild
18
.
Eine weitere neue Strömung der positiven Wahrnehmung erfolgte aus Italien. Die beiden
Städte Venedig und Neapel standen in engen Handelsbeziehungen mit dem Orient. Schiffe,
beladen mit Kostbarkeiten wie Kaffee, Seide und Gewürze lagen in ihren Häfen und
bescherten den Städten nicht nur kulturelle Inspirationen, sondern auch Vielfalt und
Reichtum
19
. Der orientalische Einfluss schlug sich deutlich sichtbar nieder in der
Architektur und äußeren Wahrnehmung der Städte, so erinnern zum Beispiel die
historische Altstadt Neapels oder die Basilica di San Marco in Venedig durch
Kuppeldächer und Mosaikkunst deutlich an die persische Architektur.
16 Betzwieser: Exotismus und ,,Türkenoper" in der französischen Musik des Ancient Regime
17 Koebner, Pickerodt (Hrsg.): Die andere Welt ­ Studien zum Exotismus
18 Revers: Das Fremde und das Vertraute
19 Gradewitz: Musik zwischen Orient und Okzident
5
Ende der Leseprobe aus 23 Seiten

Details

Titel
Orientalismus in der europäischen Kunstmusik. Die Wiege des Exotismus
Hochschule
Technische Universität Dresden  (Institut für Geschichte)
Veranstaltung
Projektion des Fremden - Deutscher Orientalismus im 18. bis 20. Jahrhundert
Note
1,7
Autor
Jahr
2016
Seiten
23
Katalognummer
V428457
ISBN (eBook)
9783668744189
ISBN (Buch)
9783668744196
Dateigröße
597 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Türkenoper, Orientalismus, Exotismus, Musikgeschichte, Entführung aus dem Serail, Mozart, Oper
Arbeit zitieren
Cecilia Lerg (Autor), 2016, Orientalismus in der europäischen Kunstmusik. Die Wiege des Exotismus, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/428457

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