Macht- und Tatenlosigkeit in H. Melvilles "Bartleby, der Schreiber". Versuch einer Arendtschen Deutung


Hausarbeit (Hauptseminar), 2018
26 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Zentrale Begriffe der Vita Activa
2.1 Macht
2.2 Handeln
2.3 Pluralität
2.4 Freiheit

3. Herman Melvilles „Bartleby, der Schreiber“
3.1 Überlegungen zu einer Freiheit als leere Form
3.2 Bartlebys lähmende Tatenlosigkeit
3.3 Bartlebys fehlener Wille als Störungsquelle

4. Zusammenfassung

5. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

In der Vita Activa, ihrem philosophischen Hauptwerk, schreibt Hannah Arendt, „das Wesen dessen, wer einer ist—[könne]überhaupt erst entstehen und zu dauern beginnen, wenn das Leben geschwunden ist und nichts hinterlassen hat als eine Geschichte“[1]. Doch obwohl es auf den ersten Blick wenig eingängig erscheint, man könne die Identität und geistige Essenz eines Menschen erst dann wirklich erfassen, wenn er die Welt verlassen hat, scheint trotzdem ein wahrer Kern in dieser Aussage zu stecken, da sich durch die Kraft der Narration verborgene Hintergründe zu Tage fördern lassen. Natürlich ist es uns unmöglich, die persönliche Wirkkraft eines Menschen genau zu erfassen, wenn wir nicht direkt in Verbindung zu ihm treten können. Und natürlich wird das Bild, das wir uns von einer bestimmten Person gemacht haben, infolge der Unzulänglichkeiten unseres Gedächtnisses auch deutliche Verzerrungen erfahren, wenn wir diesen Menschen nicht mehr unmittelbar vor Augen haben. Aber dafür gewinnen wir auch die nötige Distanz, die es braucht, um die Identität des Menschen als Ganzes zu erfassen. Die entferntere Perspektive erlaubt uns, die Beweggründe des Einzelnen zu ergründen und sein individuelles Verhalten in den Kontext seiner Zeit zu setzen. Wir können die innere Logik hinter den Handlungen der betreffenden Person erkennen und sogar die Rahmenbedingungen aufzeigen, unter denen sie zustande kamen. Und vielleicht wird es uns auch erst durch ein wenig Abstand möglich, dem anderen das objektive Eigensein zuzugestehen, ohne eigene Empfindungen mit einfließen zu lassen.

Die Tatsache ist jedenfalls, dass wir Menschen schon seit unseren ersten Anfängen versucht haben, den Sinn hinter unseren eigenen Erfahrungen zu begreifen, indem wir sie in Worte fassten und sprachlich gestalteten. Dadurch, dass wir das diffuse und oft auch ein wenig amorph anmutende Leben artikulierten, wollten wir die chaotische Gesamtheit menschlicher Handlungen zumindest soweit entwirren, dass die Welt für das einzelne Individuum ausreichendüberschaubar wurde, um ein geregeltes Leben führen zu können. Und im Allgemeinen ist es uns auch sehr gut gelungen, die Irrungen und Wirrungen des menschlichen Daseins näher zu ergründen. Allerdings gibt es immer wieder Ereignisse, Geschichten und Begebenheiten, denen wir selbst mitäußerster Mühe keinen rechten Sinn abgewinnen können—entweder, weil die Wirklichkeit zu viele Perspektiven erfasst, um sie alle zu erfassen, oder weil wir einfach noch nicht die richtige Zugangsweise gefunden haben, die uns hinter die Fassaden blicken lässt.

Ein solcher Text, der sich der Deutung immer wieder entzieht, ist Herman Melvilles „Bartleby, der Schreiber“. In der Vergangenheit wurde die Figur des Bartleby wahrscheinlich schon hunderte Male auf Herz und Nieren untersucht, um sich seine seltsame Tatenlosigkeit zu erklären. Man hat ihn zu einer Art zweiten Ödipus gemacht, seine Geschichte zu einer Fallstudie der Anorexie erklärt, und man ihn sogar zu einem symbolischen Freiheitskämpfer im Kampf gegen den Kapitalismus erhoben, weil man seine ruhige, aber entschiedene Widerstandskraft betonen wollte[2]. Doch auch in 165 Jahren Rezeptionsgeschichte scheint es noch niemandem gelungen zu sein, eine wirklich einleuchtende Erklärung für Bartlebys seltsames Verhalten zu finden. Und obgleich ich keineswegs den Anspruch erheben möchte, endlich eine vollkommen schlüssige Interpretation abgeben zu können, möchte ich doch zumindest eine frische Herangehensweise wagen, indem ich Hannah Arendts politische Theorie als Hilfsmittel für die Analyse des Textes heranziehe. Denn gerade ihre Thesen zu Macht, politischem Handeln und pluralem Gemeinsinn scheinen mir wichtige Denkanstöße und Erklärungsansätze zu liefern.

Die vorliegende Hausarbeit macht es sich zum Ziel, Bartlebys Tatenlosigkeit mithilfe der Arendtschen Grundsätze zu durchleuchten, und dabei auch zu erklären, wie er einen solch maßgeblichen Einfluss auf seine Mitmenschen auswirken kann, obwohl er selbst nicht aktiv handelnd und sprechend tätig wird. Nach einer kurzen Übersichtüber die zentralen Begriffe von Macht, Handeln, Pluralität und Freiheit in Hannah Arendts Vita activa folgt deshalb eine genauere Untersuchung der Auswirkungen von Bartlebys Passivität auf sein näheres Umfeld, die sich besonders auf die tiefe Willenlosigkeit konzentriert, die in seiner berühmten Formel „Ich möchte lieber nicht“ zum Vorschein tritt.

2. Zentrale Begriffe der Vita Activa

2.1 Macht

Die meisten Theorien von Macht konzentrieren sich auf die Fähigkeit eines Menschen, seinen eigenen Willen durchzusetzen. So versteht Max Weber Macht als die „Chance, innerhalb einer sozialen Beziehung den eigenen Willen auch gegen Widerstreben durchzusetzen, gleichviel worauf diese Chance beruht“[3]. Und auch Joseph Nye spricht in diesem Zusammenhang von der Fertigkeit eines Handelnden, weitere Akteure dahingehend zu beeinflussen, dass sie Ziele entwickeln, die ganz im Einklang mit den eigenen Bestrebungen stehen. Doch im Gegensatz zu herkömmlichen Definitionen, die Macht eher als eine Fähigkeit zur Beeinflussung anderer Menschen beschreiben, ist Hannah Arendts Macht als eine positive Kraft definiert, „weil sie Sein erschafft und Handlungsfähigkeit fördert, Vitalität, Lust und Fülle aktualisiert und zur Steigerung des (sozialen) Lebens beiträgt.“[4] Der zentrale Grundstein von Hannah Arendts Machtverständnis ist demnach die Möglichkeit zu konsequentem Handeln, die immer dann zwischen Menschen entsteht, wenn sie die Vielfalt ihrer Perspektiven anerkennen und sich dazu entschließen, diese Pluralität in gemeinsame Initiativen zu transferieren. Da Macht aber immer nur zwischen Menschen entstehen kann, ist sie auch von dem verhältnismäßigen Umgang der einzelnen Personen untereinander abhängig. Sie kann ihre Wirkung nur dann entfalten, wenn die Menschen offen füreinander sind und sich dazu bereiterklären, gemeinsam zu sprechen und zu handeln. Sind sie hingegen nicht bereit, ihre individuellen Präferenzen zu verhandeln oder ihre Solidarität durch kollektives Handeln zu verwirklichen, so stirbt das Machtpotential allmählich ab und der Erscheinungsraum verblasst zu einem bloßen theoretischen Konstrukt[5]. Denn Macht und Entscheidungsraum bedingen sich stets gegenseitig, indem die Macht als Impulsmedium zunächst den Erscheinungsraum erzeugt, sodass Menschen gemeinsam handelnd und sprechend in Aktion treten können[6]. Wird diese Möglichkeit dann genutzt, bildet sich in der Folge ein weit größeres Machtpotential, da das Bezugsgewebe zwischen den einzelnen Personen durch die neuen „Fäden“, Potenziale und Verbindungen entsprechend erweitert und gestärkt wird. Im gegenteiligen Fall jedoch, wenn sich kein „Konsens bildet, der Handelnde mit gemeinsamen Intentionen zusammenbringt“[7], geht die Möglichkeit, Öffentlichkeit zu stiften und gemeinsam zu handeln, zwangsläufig verloren. Die Handelnden können sich nicht mehr aufeinander beziehen. Jede Initiative wird schon im Keim erstickt. Und auch die Verwirklichung kollektiver bzw. geteilter Interessen wird zunehmend aussichtslos, weil die Kapazität zum nutzstiftenden Agieren immer dann schwindet, wenn das Gleichgewicht zwischen den Menschen so weit auseinander gerät, dass sie die Möglichkeit zum Handeln, die prinzipiell in jedem Zusammentreffen innewohnt, aufgrund von unüberbrückbaren Differenzen ungenutzt verstreichen lassen.

Daraus folgt logischerweise, dass die Macht weder ein Ding, das man besitzen, noch eine Essenz ist,über die man verfügen kann, sondern vielmehr eine unsichtbare Dynamik, die neue Initiativen und Handlungen inspirieren kann. Wird das in jeder menschlichen Begegnung vorhandene Machtpotential nicht genutzt, indem gehandelt und gesprochen wird, kann diese Dynamik nicht mehr zum Tragen kommen, obwohl der grundlegende Mechanismus nach wie vor in einer inaktivierten Form vorhanden bleibt. Und somit ist die Handlungsfähigkeit eines Kollektivs nach Hannah Arendt stets auch von einer funktionierenden Kommunikation abhängig.

In der Vita activa schreibt sie:

„Mit realisierter Macht haben wir es immer dann zu tun, wenn Worte und Taten untrennbar miteinander verflochten erscheinen, wo also Worte nicht leer und Taten nicht gewalttätig stumm sind, wo Worte nicht mißbraucht werden, um Absichten zu verschleiern, sondern gesprochen sind, um Wirklichkeiten zu enthüllen, und wo Taten nicht mißbraucht werden, um zu vergewaltigen und zu zerstören, sondern um neue Bezüge zu etablieren und zu festigen, und damit neue Realitäten zu schaffen.“[8]

Macht ist im Arendtschen Sinne also durchaus nicht beständig, sondern kann mittels „gewaltartiger“ Praktiken zerstört werden, welche die Ermöglichung gemeinsamen Handelns, Teilens und Kooperierens unterminieren. Sobald sich die Menschen nicht mehr trauen, aktiv imöffentlichen Raum in Erscheinung zu treten und sich dort auf bedeutungsvolle Art und Weise mit anderen zu verbinden, fällt das als fundamentum actionis remotum vorhandene Machtpotential in sich zusammen.

2.2 Handeln

Im Gegensatz zu dem, was im alltäglichen Sprachgebrauch als „Handeln“ bezeichnet wird, ist das Handeln bei Arendt ein gewisses Tun, das imöffentlichen Erscheinungsraum sichtbar wird und eine wahrnehmbare Veränderung im Bezugsgewebe hervorbringt. Als wahres Handeln können also nur solche Aktionen gelten, die in gewisser Weise mit alten Begebenheiten brechen und einen Neuanfang in der Welt setzen. Dementsprechend wiederholt Arendt immer wieder, dass die Fähigkeit spontanen Handelns für die gelebte Humanität einer Person von zentraler Bedeutung ist, weil sie nur dadurch ihre kreative Natur umsetzen kann. Arendt versteht die Geburt eines jeden Menschen nämlich als ein Initium, das heißt einen bedeutenden Neuanfang in der Welt, bei dem das bestehende Bezugsgewebe durch etwas einzigartiges, noch nie zuvor dagewesenes ergänzt wird. Und dieser erste Impuls des Schaffens und Gestaltens setzt sich jeweils bis ans Ende der Lebenszeit eines jeden Menschen fort, indem er die ihm gegebene Schaffenskraft nutzt und die Tatsache seines Geborenseins dadurch immer wieder realisiert. Handeln und Sprechen sind also natürliche Formen, die so stark im Phänomen des Menschseins verankert sind, dass Hannah Arendt sogar davon spricht, der Schöpfungsakt Gottes würde jedes Mal, wenn wir handeln oder sprechen, wiederholt und bestätigt[9].

Einhergehend mit der Tatsache, dass ein Mensch sich und das Faktum seines Geborenseins durch das Handeln immer wieder neu realisiert, ist es allerdings auch mit einem Risiko verbunden. Zum einen muss sich der Handelnde nämlich zu Hingabe und Engagement für andere Menschen entschließen, indem er sich mit dem Hinaustreten in denöffentlichen Raum dazu bereiterklärt, „in diesem Miteinander auch künftig zu existieren“[10]. Und zum anderen gibt das Handeln stets Auskunftüber das Wer einer Person, sodass der Einzelne mitunter sogar Dinge preisgibt, denen er sich selbst gar nicht bewusst ist. Doch obgleich das Handeln eineüberaus risikoreiche Angelegenheit ist, bildet es nach Arendt einen geradezu unerlässlichen Bestandteil des Menschseins. Denn das Handeln einer Person zeigt nicht nur „aktiv die personale Einzigartigkeit ihres Wesens“[11], sondern konstatiert im weiteren Sinne erst ihre Humanität. So schreibt Arendt in ihrer Laudatio für Karl Jaspers, dass wahre Humanitas nur von einem Menschen erreicht werden kann, „who has thrown his life and his person into the ‘venture into the public realm’; in the course of which he risks revealing something which is not ‘subjective’ and which for that very reason he can neither recognize nor control”[12]. Doch trotz der Schwierigkeiten und Unsicherheiten, die Hannah Arendt augenscheinlich mit dem Handeln verbindet, macht sie in der Vita Activa deutlich, dass es keine Möglichkeit gibt, das freie In-Erscheinung-treten zu umgehen oder sich vor eventuellen Konsequenzen zu schützen. Denn „im Sinne von Initiative—ein initium setzen—steckt ein Element von Handeln in allen menschlichen Tätigkeiten“ und tatsächlich kann kein Mensch „des Sprechens und des Handelns ganz und gar entraten“[13], weil es stets unmittelbar aus der Erfordernis entsteht, sich selbst und seine individuellen Sichtweisen auszudrücken. „Sprechend und handelnd unterscheiden Menschen sich aktiv voneinander, anstatt lediglich verschieden zu sein; sie sind die Modi, in denen sich das Menschsein selbst offenbart.“[14] Und da sich unsere Individualität und Identität direkt aus der Aktionskraft speisen, die von unserem Inneren ins Äußere hinaus wirkt, bildet das Handeln einenüberaus wichtigen Teil des menschlichen Naturells. Das Bedürfnis eines jeden Menschen, sprechend und handelnd in Erscheinung zu treten, erwächst direkt aus der Begebenheit unserer Pluralität, weil sie es aufgrund unserer Individualität erst erforderlich macht, miteinander zu kommunizieren, gleichzeitig aber auch die nötigen Gemeinsamkeiten und Geistesverwandtschaften bietet, die für eine erfolgreiche Verständigung wesentlich sind.

Wie frei das Handeln an sich allerdings sein kann, bleibt unklar, weil sich Arendt einerseits auf die Schrankenlosigkeit des Handelns beruft, indem sie erklärt, es habe eine „eigentümliche[ ]Fähigkeit, Beziehungen zu stiften, und damit aus der ihm inhärenten Tendenz, vorgegebene Schranken zu sprengen und Grenzen zuüberschreiten“[15], andererseits aber auch betont, dass der Erfolg der Handlung immer auch von der Mitwirkung der anderen beteiligten Personen abhängig ist. So erklärt Katrin Meyer, im Arendtschen Verständnis beruhe „jede scheinbar souveräne Handlungsmacht von Einzelnen […] letztlich auf der Ermächtigung durch die Vielen“[16], obgleich das Handeln an sich als eine „frei gestaltbare Interaktion zwischen Menschen ohne dingliche Vermittlung“[17] zu verstehen ist. Doch vielleicht lässt sich diese paradox anmutende Mischung aus individueller Freiheit und kollektiver Interdependenz dadurch auflösen, dass man den Willen des Einzelnen in gegenseitiger Abhängigkeit mit der Gestaltungskraft der Vielen versteht, wie wir in der darauffolgenden Untersuchung von Herman Melvilles „Bartleby, der Schreiber“ sehen werden. Zunächst gilt es allerdings noch zwei zentrale Begriffe bei Hannah Arendt zu erklären, die oben bereits kurz angesprochen worden sind: Pluralität und Freiheit.

2.3 Pluralität

Mit dem Begriff der Pluralität beschreibt Hannah Arendt den Umstand, dass sich alle Menschen individuell unterscheiden und doch auf eine bestimmte Art und Weise gleich sind, sodass es uns möglich ist, zusammen zu leben und sogar auch im Verbund zu handeln. Als soziale Wesen, die mit der Geburt unwiderruflich in ein gemeinsames Bezugsgewebe einziehen, gehört es deshalb auch zu den essentiellen menschlichen Bedürfnissen, in Kontakt miteinander zu treten bzw. gemeinsam am Dasein teilzuhaben. Ein Leben, das hingegen keine Berührungspunkte mit anderen Menschen kennt, kann nach Hannah Arendt kein wirkliches Leben mehr genannt werden, sondern verkommt zunehmend zu einer bloßen Existenz, die nichts humanes mehr in sich trägt und gewissermaßen „tot für die Welt“ [18] ist.

Im Prinzip ist Pluralität also nicht bloßeine essentielle Gegebenheit, sondern vielmehr ein Akt des sich Zeigens und Unterscheidens, der von den Menschen einen gewissen Gemeinsinn fordert, weil sie ihre individuellen Anlagen nur auf diese Weise gewinnbringend miteinander verknüpfen können. Aus diesen menschlichen Gemeinsamkeiten und Unterschieden kann unter optimalen Bedingungen ein unendliches Potential für kollektive Initiativen und Handlungen entstehen, doch ist dafür eine ungestörte Kommunikation zwingend erforderlich, da kooperative wie auch singuläre Aktionen nur dann ein entsprechendes Gewicht erlangen können, wenn Worte und Taten nochübereinstimmen[19]. Dies bedeutet wiederum im Hinblick auf Hannah Arendts Theorie des Politischen dass auch Macht allein inter homines existieren kann, wenn sich die Menschen wechselseitig aufeinander beziehen und kooperative Handlungsformen schaffen. Dabei reicht es allerdings ausdrücklich nicht, bloßmiteinander zu reden oder gemeinsam Dinge herzustellen, denn „[d]amit eine gemeinsame Macht ihr normatives Potential voll ausschöpfen kann, muss sich die Gemeinsamkeit auch auf die Möglichkeit beziehen, gemeinsam Neues zu erschaffen und anfänglich-initiativ zu wirken“[20]. Der Arendtsche Begriff der Natalität ist also gleich im doppelten Sinne mit dem der Pluralität verbunden: zum einen bildet die Geburtlichkeit eines jeden Menschen die Grundlage für ein Miteinander, das in einem solchen Maße von Gleichheit und Ebenbürtigkeit geprägt ist, dass gemeinsame Anfänge entstehen können. Und zum anderen kann die einzigartige Identität eines Menschen, die ihn von Geburt aus zu einem besonderen Teil der pluralen Gesellschaft macht, nur durchöffentliches Handeln und Sprechen[21] im Verständnis des Initiums bestätigt und erhalten werden. „Das Faktum der Pluralität ist demnach keine Gegebenheit, sondern das, was zwischen Menschen entsteht, die sich wechselseitig als Differente aufeinander beziehen und als Gleiche anerkennen. Diese Praxis ist fragil und vergänglich, wie Arendt betont. Sehr leicht kann die Spannung zwischen Differenz und Identität, die ein von Anfang an gemeinsames Handeln konstituiert, in eine Richtung aufgelöst und vereindeutigt werden.“[22] Ein sinnstiftendes und bereicherndes Agieren kann also weder in einem monologischen Umfeld differenter Einzelwesen noch in einem Milieu der Uniformität stattfinden. Steigt die Vielfalt der individuellen Perspektiven so stark an, dass sich zwischen den einzelnen Vorstellungen und Meinungen kein gemeinsamer Nenner mehr finden lässt, kann es ebenso wenig ein initium novum geben wie in einer vollkommen konformen Gemeinschaft, die keinen Raum für Originalität und transformativer Offenheit lässt[23]. Ergito ist auch die Freiheit eineüberaus wichtige Grundbedingung menschlichen Handelns, die den positiven Willen zu kollektivem Schaffen beschließt.

[...]


[1] Hannah Arendt: Vita Activa. Oder vom tätigen Leben. 13. Auf. München 2009. Hier: S. 242.

[2] Kevin Attell: Language and Labor, Silence and Stasis: Bartleby among the Philosophers. In: ders.: A Political Companion to Herman Melville. Hg. v. Jason Frank. S. 194-228. Hier: S. 195.

[3] Max Weber: Wirtschaft und Gesellschaft. Grundrißder verstehenden Soziologie. 1. Halbband, Tübingen 1921/1980. Hier: S. 28.

[4] Katrin Meyer: Macht und Gewalt im Widerstreit: Politisches Denken nach Hannah Arendt. Basel 2016. Hier: S. 11.

[5] João J. Vila-Chã: The Plurality of Action: Hannah Arendt and the Human Condition. In: : Revista Portuguesa de Filosofia 50.1/3 (1994), S. 477-484. Hier: S. 481

[6] Hannah Arendt: Vita Activa. Oder vom tätigen Leben. 13. Auf. München 2009. Hier: S. 259.

[7] Katrin Meyer: Macht und Gewalt, S. 18.

[8] Hannah Arendt: Vita Activa, S. 252.

[9] Hannah Arendt: Vita activa, S. 217.

[10] Hannah Arendt: Vita Activa, S. 220.

[11] Hannah Arendt: Vita Activa, S. 219.

[12] Hannah Arendt: Karl Jaspers: A Laudatio. In: ders.: Men in Dark Times. Hg.v. Hannah Arendt. New York 1968. S. 70-82. Hier: S. 73-74.

[13] Hannah Arendt: Vita Activa, S. 18.

[14] Ebda, S. 214.

[15] Hannah Arendt: Vita Activa, S. 238.

[16] Katrin Meyer: Macht und Gewalt im Widerstreit, S. 36.

[17] Ebda, S. 31.

[18] João J. Vila-Chã: The Plurality of Action: Hannah Arendt and the Human Condition, S. 478.

[19] Penta, Leo J: Hannah Arendt: On Power. In: The Journal of Speculative Philosophy, New Series 10.3 (1996), S. 210-229. Hier: S. 211.

[20] Katrin Meyer: Macht und Gewalt, S. 18.

[21] Bösch, Michael: Pluralität und Identität bei Hannah Arendt. In: Zeitschrift für philosophische Forschung 53.4 (1999), S. 569-588. Hier: S. 572.

[22] Katrin Meyer: Macht und Gewalt, S.59.

[23] Ebda, S. 44.

Ende der Leseprobe aus 26 Seiten

Details

Titel
Macht- und Tatenlosigkeit in H. Melvilles "Bartleby, der Schreiber". Versuch einer Arendtschen Deutung
Hochschule
Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main
Note
1,3
Autor
Jahr
2018
Seiten
26
Katalognummer
V428530
ISBN (eBook)
9783668730328
ISBN (Buch)
9783668730335
Dateigröße
620 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Bartleby, Hannah Arendt, Vita Activa
Arbeit zitieren
Ann-Kathrin Latter (Autor), 2018, Macht- und Tatenlosigkeit in H. Melvilles "Bartleby, der Schreiber". Versuch einer Arendtschen Deutung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/428530

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