Die vorliegende Hausarbeit macht es sich zum Ziel, Bartlebys Tatenlosigkeit mithilfe der Arendtschen Grundsätze zu durchleuchten, und dabei auch zu erklären, wie er einen solch maßgeblichen Einfluss auf seine Mitmenschen auswirken kann, obwohl er selbst nicht aktiv handelnd und sprechend tätig wird. Nach einer kurzen Übersicht über die zentralen Begriffe von Macht, Handeln, Pluralität und Freiheit in Hannah Arendts Vita activa folgt deshalb eine genauere Untersuchung der Auswirkungen von Bartlebys Passivität auf sein näheres Umfeld, die sich besonders auf die tiefe Willenlosigkeit konzentriert, die in seiner berühmten Formel „Ich möchte lieber nicht“ zum Vorschein tritt.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Zentrale Begriffe der Vita Activa
2.1 Macht
2.2 Handeln
2.3 Pluralität
2.4 Freiheit
3. Herman Melvilles „Bartleby, der Schreiber“
3.1 Überlegungen zu einer Freiheit als leere Form
3.2 Bartlebys lähmende Tatenlosigkeit
3.3 Bartlebys fehlener Wille als Störungsquelle
4. Zusammenfassung
5. Literaturverzeichnis
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die Tatenlosigkeit der Titelfigur in Herman Melvilles Erzählung „Bartleby, der Schreiber“ mithilfe der politischen Theorie von Hannah Arendt, um zu ergründen, wie Bartlebys Passivität trotz fehlender aktiver Teilhabe einen maßgeblichen Einfluss auf seine Umgebung ausüben kann.
- Analyse der Arendtschen Kernbegriffe Macht, Handeln, Pluralität und Freiheit.
- Untersuchung der psychologischen und sozialen Auswirkungen von Bartlebys Formel „Ich möchte lieber nicht“.
- Kritische Auseinandersetzung mit Bartlebys Passivität als Störungsquelle politischer Räume.
- Reflektion über die Spannung zwischen individueller Willenlosigkeit und kollektivem Handeln.
Auszug aus dem Buch
3.1 „Aber Sie schränken sich doch dauernd selber ein“: Überlegungen zu einer Freiheit als leere Form
Als Bartleby zum ersten Mal in der Geschichte seinen berühmten Satz „Ich möchte lieber nicht“ äußert, wirkt es beinahe wie ein Akt der Befreiung, mit dem er sich von all den Ansprüchen entledigt, die andere Menschen an ihn stellen. Auf wundersame Art und Weise gelingt es ihm mit diesen vier Wörtern, die nicht einmal eine klare Absage darstellen, sich von all den äußeren Zwängen loszulösen, die ihm von der Welt und dem Erzähler im Speziellen auferlegt wurden. Und so kann man in diesem einen Fall wohl tatsächlich von einem Initium im Sinne Arendts sprechen, das die bestehenden Mechanismen aufbricht und grundlegende Neuerungen im System bewirkt. Die routinierten Prozesse in der Kanzlei geraten ins Stocken. Die Funktionstüchtigkeit der Kanzlei beginnt zu wanken. Und der Erzähler ist von der plötzlichen Wendung der Ereignisse sogar so sehr bestürzt, dass seine Geisteskräfte für einen Moment wie „betäubt“ sind. Nachdem Bartleby zum ersten Mal seine Formel hervorgebracht hat, scheint es ihm und den Angestellten in der Tat sehr schwer zu fallen, mit den Änderungen im Bezugsgewebe zurechtzukommen, die durch diese Form der Gegenwehr zustande gekommen sind. Denn obgleich Bartleby alles, was er sagt, mit einer „totenstarren, höflichen Gleichmütigkeit“ hervorbringt, hat er mit seiner Formel dennoch eine neue Möglichkeit bzw. eine neue optio agendi eröffnet, welche die Vorlage für künftiges Handeln oder Nicht-Handeln bildet.
Ab diesem Zeitpunkt besteht zumindest theoretisch die Möglichkeit, individuelle Entscheidungen zu treffen, spontane Aktionen zu entwickeln und sich vor allem auch gegen die Verhaltensmuster zu behaupten, die als regelkonform gelten. Im engeren Sinne kann Bartleby deshalb durchaus als ein unbewusster Reformator angesehen werden, der durch seine eigenmächtigen Entschlüsse sicherstellt, dass dem Menschen ein gewisses Entscheidungsrecht erhalten bleibt “by virtue of which, regardless of necessity and compulsion, he can say 'Yes' or 'No,' agree or disagree with what is factually given, including his own self and his existence, and that this faculty may determine what he is going to do.”
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Diese Einleitung führt in die Rezeptionsgeschichte von Herman Melvilles Erzählung ein und legt dar, warum Hannah Arendts politische Theorie als neues Hilfsmittel für eine Analyse der Figur Bartleby dienen soll.
2. Zentrale Begriffe der Vita Activa: Dieses Kapitel erläutert die für die Analyse grundlegenden Arendtschen Konzepte von Macht, Handeln, Pluralität und Freiheit, die als theoretisches Fundament der Arbeit dienen.
2.1 Macht: Macht wird hier als positive, dynamische Kraft zwischen Menschen definiert, die durch gemeinsames Handeln entsteht und zerfällt, wenn Kommunikation und Kooperation ausbleiben.
2.2 Handeln: Dieses Kapitel beleuchtet das Handeln als Mittel zur Identitätserzeugung und als wesentliche Bedingung menschlicher Existenz, die stets ein Risiko und einen Neuanfang darstellt.
2.3 Pluralität: Der Begriff der Pluralität wird als notwendige Voraussetzung für das zwischenmenschliche Zusammenleben beschrieben, das erst durch gegenseitige Anerkennung als Differente einen politischen Raum ermöglicht.
2.4 Freiheit: Freiheit wird im Arendtschen Sinne von einer negativen Abwesenheit von Zwängen hin zu einer positiven, gestalterischen Kraft im politischen Raum unterschieden.
3. Herman Melvilles „Bartleby, der Schreiber“: Der Hauptteil wendet die zuvor erarbeiteten Theorien auf Bartleby an und untersucht die Wirkung seiner Verweigerungshaltung.
3.1 Überlegungen zu einer Freiheit als leere Form: Hier wird untersucht, wie Bartlebys Formel „Ich möchte lieber nicht“ zwar einen befreienden Neuanfang markiert, jedoch ohne aktives Handeln in eine leere und restriktive Form mündet.
3.2 Bartlebys lähmende Tatenlosigkeit: Dieses Kapitel analysiert Bartlebys kopierende Tätigkeit als eine Form der Entpersonalisierung, die trotz des Scheins von Geschäftigkeit keine individuelle Identität im Sinne des Handelns hervorbringt.
3.3 Bartlebys fehlender Wille als Störungsquelle: Abschließend wird Bartlebys Passivität als eine Form der Störung analysiert, die den politischen Erscheinungsraum zwischen den Figuren auflöst und das gemeinschaftliche Handeln behindert.
4. Zusammenfassung: Die Zusammenfassung rekapituliert, dass Bartlebys Tatenlosigkeit weniger eine bewusste Revolte als eine reine Willenlosigkeit ist, die trotz ihrer zerstörerischen Wirkung auf die Gemeinschaft ein verborgenes, faszinierendes Handlungspotential in sich trägt.
5. Literaturverzeichnis: Hier werden alle in der Arbeit zitierten und herangezogenen Quellen sowie die verwendete Sekundärliteratur aufgelistet.
Schlüsselwörter
Herman Melville, Bartleby der Schreiber, Hannah Arendt, Vita Activa, Macht, Handeln, Pluralität, Freiheit, Willenlosigkeit, Passivität, politischer Raum, Initium, Sprache, Identität, Widerstand.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht die Figur des Bartleby aus Herman Melvilles Erzählung unter Anwendung der politischen Theorie von Hannah Arendt.
Welche zentralen Themenfelder werden behandelt?
Im Zentrum stehen die Begriffe Macht, Handeln, Freiheit und Pluralität sowie deren Rolle bei der Konstitution von Identität und politischem Miteinander.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsarbeit?
Das Ziel ist zu ergründen, warum Bartlebys Tatenlosigkeit eine so starke Wirkung auf seine Mitmenschen ausübt, obwohl er selbst kaum handelnd oder sprechend in die Welt eingreift.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine literaturwissenschaftliche Analyse, die den erzählenden Text mit den philosophischen Kategorien von Hannah Arendt in Verbindung setzt.
Was ist der Kerninhalt des Hauptteils?
Der Hauptteil analysiert die Wirkung von Bartlebys Formel „Ich möchte lieber nicht“ auf seine Arbeitsumgebung und beleuchtet die Zerstörung des politischen Erscheinungsraums.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Untersuchung?
Zentrale Begriffe sind Bartlebys Tatenlosigkeit, Willenlosigkeit, das Scheitern von Kommunikation und die Arendtsche Definition von Macht als zwischenmenschliche Dynamik.
Wie unterscheidet die Arbeit zwischen "negativer" und "positiver" Freiheit bei Bartleby?
Die Arbeit zeigt auf, dass Bartleby zwar eine negative Freiheit von äußeren Zwängen erreicht, aber diese nicht durch eine positive, handlungsfähige Freiheit ergänzt, wodurch er gefangen bleibt.
Warum wird Bartleby trotz seiner Passivität nicht als einfacher "willenloser Sonderling" eingeordnet?
Die Arbeit argumentiert, dass er als eine „Figur generischen Seins“ über ein ungenutztes Potenzial verfügt, das gerade durch seine rätselhafte Verweigerung eine starke, wenn auch störende Wirkung entfaltet.
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- Ann-Kathrin Latter (Autor), 2018, Macht- und Tatenlosigkeit in H. Melvilles "Bartleby, der Schreiber". Versuch einer Arendtschen Deutung, Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/428530