Walther von der Vogelweide. Die Entwicklung einer "neuen" Minnekonzeption im Zusammenhang mit dem mittelalterlichen Frauenbild


Seminararbeit, 2018

19 Seiten


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Definition der Gattung „Minnesang“

3. Entwicklung der ebenen Minne
3.1. Walthers Definition der ‚minne‘
3.2. Neue Ansätze in der Minnelyrik

4. Die ebene Minne am Beispiel „Under der linden“

5. Ein neues Frauenbild
5.1. Die Frau in der ebenen Minne
5.2. Die Frauenstrophe

6. Fazit

7. Literaturverzeichnis

1.Einleitung

Walther von der Vogelweide, ein „Minnesänger und Spruchsänger“1 des Mittelalters, hat von 1170 bis 1230 gelebt2. Er beschäftigt sich mit zwei großen thematischen Schwerpunkten, dem „politische[n] und religiöse[n] Leben“3 auf der einen und der „Liebe“4 auf der anderen Seite. Er hat mutmaßlich als Minnesänger begonnen, weshalb einige Forscher vermuten, dass es sich bei dem Minnesang um seine bevorzugte Gattung handelt.5 Auf jeden Fall weißt er in der Minnelyrik ein umfassendes Oeuvre auf. Uns liegen „mindestens 78 Minnelieder“6 von ihm vor, die in „23 Handschriften überliefert“7 wurden. Sein Werk ist also äußert umfangreich und bietet daher vielfältiges Material, auf das ich mich in dieser Hausarbeit beziehen werden. Mein Erkenntnisinteresse liegt dabei darin, die Entwicklung der mittelalterlichen Auffassung bezüglich der ‚minne‘, also der Liebe, zu untersuchen.

Walthers Minnelieder reichen von der “hohen“ bis zur “ebenen“ Minne. Aus dieser Beobachtung habe ich die Hypothese abgeleitet, dass er nicht eindeutig einer dieser Formen zuzuordnen ist, sondern stattdessen repräsentativ für die Entwicklung einer neuen Minnekonzeption zu sein scheint. Um diese Annahme zu belegen, werde ich zunächst darlegen, wie sich der Minnesang als Gattung definieren lässt, um einen ersten Einblick in die Thematik zu gewährleisten. Anschließend werde ich von der allgemeinen Definition zu Walthers persönlicher Auffassung von ‚minne‘ übergehen und aufzeigen, dass sich dort bereits einige innovative Ansichten finden lassen. Im Folgenden werde ich das Lied „Under der linden“ als Beispiel für ein Lied der ebenen Minne analysieren. Ich werde dann im Weiteren auf das mittelalterliche Frauenbild eingehen und anschließend auch die Gattung der „Frauenstrophe“ untersuchen. Damit verbinde ich das Ziel, einen Zusammenhang zwischen einer veränderten Minneauffassung und einem erneuerten Frauenbild herzustellen, die für mich untrennbar miteinander verbunden sind und deren Veränderung auch auf die mittelalterliche Gesellschaft anzuwenden ist.

2. Definition der Gattung „Minnesang“

Bei dem Minnesang handelt es sich um eine literarische Form des Mittelalters, die für den „gesanglichen Vortrag“8 bestimmt ist. Historisch lässt sich diese Form der Lyrik in den Zeitraum vom „12. bis ins 15.“9 Jahrhundert einordnen. Die Lieder wurden, sofern sie schriftlich festgehalten wurden, nur in verbaler Form niedergeschrieben.10 Es lassen sich also keine Anhaltspunkte für die musikalische Umsetzung finden. Prägend für die textuelle Gestaltung ist die „Aufführungssituation“11, durch die der Sänger beeinflusst wird. Sowohl das Publikum, als auch die Dame, die der Sänger umwirbt, geben ihm „Rollenmöglichkeiten […] und den Resonanzraum“12 vor. Die gesellschaftliche Rolle, in der sich der Sänger befindet, sollte also immer in die Analyse einbezogen werden. Minnesänger waren „Angehörige der Adelsgesellschaft“13, sowie „Berufsdichter“14. Sie gehören zwar nicht zur einfachsten Gesellschaftsschicht, verfügen allerdings dennoch nicht über Wohlstand.

Die Minnelyrik lässt sich in verschiedene Untergattungen teilen, die vom „Werbelied“15 bis zum „Kreuzzugslied“16 reichen. Inhaltlich wird die „Geschlechterliebe“17 thematisiert. Wie diese Liebe sich manifestiert, kann in den unterschiedlichen Liedarten stark voneinander abweichen. Sie wird in den meisten Fällen zurückgewiesen, kann aber auch erwidert werden. Der Hof, der als Auftraggeber fungiert, zeichnet sich durch seine „Vielfältigkeit und die Freiheit im Umgang mit der Thematik“18 aus.

Bei dem besungenen Subjekt handelt es sich vor allem zu Beginn der Minnelyrik um eine Frau, die „auf der Text-Ebene fast immer unbestimmt“19 bleibt. Ihr werden zwar Eigenschaften, wie beispielsweise „guot und schoene [und] tugende“20 zugeschrieben, ihre Erscheinung wird allerdings nicht weiter konkretisiert21 und auch die Identität der Frau bleibt immer anonym.

Die Begrifflichkeiten, die wir im Minnesang auffinden, sind aus den „sozialen Interaktionssystemen des Hochmittelalters“22 entlehnt. Die Dame wird zur Herrin des Minnesängers, der um ihre Anerkennung wirbt23. Dieses Werben ist durchaus vergleichbar mit dem Lehnswesen. Der Mann verpflichtet sich, der Frau, die ihm standesgemäß übergeordnet ist, zu dienen. Dabei wird eine Distanz geschaffen, durch die die „Unnahbarkeit“24 der Frau ein charakteristisches Merkmal der Minnedame wird.25

3. Entwicklung der ebenen Minne

Es ist grundsätzlich problematisch von einer ‚neuen‘ Minnekonzeption zu sprechen, da Walther, wie bereits angeführt, sowohl Lieder der hohen, als auch der ebenen Minne verfasst hat und es auf Grund der wenigen Anhaltspunkte nicht eindeutig möglich ist, die Lieder in eine zeitlich chronologische Abfolge zu bringen26. In der Forschung wird unter anderem die These aufgestellt, dass Walther je nach „Vortragssituation“27 in der Form seiner Minnelieder variiert, also auch in seiner späteren Karriere noch Lieder der hohen Minne verfasst28. Durch seine Anstellung am Hof ist es ihm nicht möglich lediglich Lieder zu verfassen, die mit seiner persönlichen Einstellung übereinstimmen. Ungeachtet dieser Problematik, ist es allerdings unwiderlegbar, dass Walther eine Auffassung von ‚minne‘ vertritt, die sich von anderen Minnesängern seiner Zeit abhebt. Die ebene Minne unterscheidet sich sowohl in thematischer Hinsicht, als auch in formaler Gestalt, in einigen Aspekten deutlich von der hohen Minne, die als „traditionell“29 bezeichnet wird. Es erscheint also durchaus legitim, von dem Begriff einer ‚neuen‘ Minneauffassung zu sprechen. Walther stellt nicht den Anfangspunkt einer neuen Minnekonzeption dar, sondern ist exemplarisch für die Entwicklung einer neuen Auffassung in der Minnelyrik.

3.1 Walthers Definition der ‚minne‘

In seinem Minnelied „saget mir ieman, waz ist minne“30 liefert Walther einen Einblick in seine Definition von ‚minne‘. Sein umfassendes Oeuvre bezüglich der Minnelyrik und seine wiederholte Auseinandersetzung damit, wie Minne zu definieren ist und wie das Bild der Frau damit in Beziehung steht, zeigt sein großes Interesse an dieser Thematik. Walther verfasst allerdings nicht nur Liebeslieder, die Begegnungen von zwei Liebenden thematisieren. In seinen Liedern lässt sich in vielen Fällen ein lehrreicher Charakter auffinden, in dem er den Rezipienten seine Auffassung begründet darlegt und auch auf seine Kritiker eingeht.

Walther personifiziert die Liebe als „frouwe minne“31. Er weist ihr das charakteristische Merkmal der Ambivalenz zu. Nach Walther kann eine Liebe, sowohl Glück, als auch Leid auslösen 32. Die Macht darüber hat in der hohen Minne die Dame. Sie kann Freude auslösen, oder sie in das Gegenteil verkehren33. Auch wenn die Liebe, diese zwei Gegenpole in sich vereint, argumentiert Walther, dass man eine Liebe, die weh tut nicht als „minne“34 bezeichnen sollte. Die echte ‚minne‘ soll lediglich „Beglückung“35 auslösen. Diese Forderung kann in der hohen Minne, die durch „Zweifel [und] Sehnsucht“36 geprägt ist, nicht erfüllt werden. Er liefert allerdings keine gültige Antwort auf die daraus resultierende Frage, wie eine Liebe, die nicht gut tut, zu bezeichnen ist.37.Wenn beide zu gleichen Teilen lieben, kann von Minne gesprochen werden38. Dabei steht vor allem der Aspekt der Gegenseitigkeit im Fokus. Walther distanziert sich also von der einseitigen Liebe seitens des Werbenden39, die wir im hohen Minnesang vorfinden. Die Minne ist stattdessen „zweier herzen wünne“40. Hält man an der Vorstellung des Lehnverhältnisses fest, weißt Walther somit auf die Verpflichtung der Dame als Lehnsherrin hin, ihren Vasallen, also den Sänger, zu bezahlen. Diese Bezahlung erfolgt nicht in Gütern, sondern in Zuneigung. Ist dieses nicht gegeben, wird Walther den Dienst auflösen41.

3.2 Neue Ansätze in der Minnelyrik

Der Minnesang umfasst zwei Aspekte. Wir finden sowohl Minnelieder, deren Inhalt der tatsächliche „Minne-Dienst“42, also das Werben um die Dame, ist, als auch Lieder, in denen der Sänger theoretisch über die ‚minne‘ reflektiert.43

Walther setzt sich in seinen Werken theoretisch mit der Minnekonzeption auseinander. Er kritisiert hierbei allerdings nicht maßgeblich die allgemeine Auffassung von ‚minne‘, sondern bezieht sich vor allem auf den Vorgang des Werbens44. Aus diesem Grund lässt sich diese Auseinandersetzung auch oftmals im Rahmen des „„herkömmlichen“ Werbungslied“45 finden, was eine Gegenüberstellung vereinfacht und einen direkten Vergleich ermöglicht. Walthers “neue“ Art des Minnesangs lässt sich also unter anderem, aber nicht ausschließlich, in dieser Untergattung finden46.

Das Innovative an seiner Konzeption der Minnelyrik ist seine Dominanz gegenüber der Minnedame47. Besonders deutlich wird dies in seinem Lied „Lange swigen des hat ich gedaht“48. Walther setzt sich dort mit dem Abhängigkeitsverhältnis zwischen Minnedame und Werbendem auseinander. Man könnte dieses Werk auch als Warnung verstehen, denn er weist darauf hin, dass das „lop“49 der Frau vergeht, sobald der Sänger sein Werben einstellt. In dem gegenseitigen Abhängigkeitsverhältnis ist sie ihm also untergeordnet. Er geht sogar so weit, zu behaupten, dass mit dem Kündigen des Lehnverhältnisses, die Dame „tot“50 ist und ihr Ansehen endgültig verschwunden ist. In weiteren Liedern formuliert er außerdem den neuen Gedanken, dass der Minnesänger sich von seiner Dame abwenden kann, falls sie sich ihm nicht als würdig erweist. Er nimmt dem Werben die Selbstverständlichkeit und zwingt die Frau dazu, den Sänger angemessen zu behandeln.51 Walther demonstriert auf diese Weise seine Allmacht über die Frau und distanziert sich somit von dem traditionellen Handlungsmuster der vollkommenen Anbetung.

Die Liebe wird also zum wiederholten Male an Bedingungen geknüpft. In seinem Lied „Mir ist min rede nû enmitten zwei geslagen“52

[...]


1 Mertens 1995, S.77

2 vgl. Lamping 2009, S.525

3 Ehrismann 2008, S.15f.

4 Ebd., S.16

5 vgl. Schweikle 1988, S.25

6,7 Nagasawa 2009, S.125

8,9 Lamping 2009, S.519

10 vgl. Ebd., S.519

11 Mertens 1995, S.78

12 Ebd., S.82

13,14 Lamping 2009, S.520

15,16 Ebd., S.519

17 Mertens 1995, S.76

18,19 Ebd., S.82

20 Lamping 2009, S.520

21 vgl. Ebd., S.520

22 Ebd., S.519

23 vgl. Eberhart 2015, S.19

24 Ebd., S.12

25 vgl. Ebd., S.12f

26 vgl. Wenske 1994, S.61

27 Schweikle 1988, S.27

28 vgl. Ebd., S.27

29 Ebd., S.27

30

31 Schweikle 1988, S.539

32 vgl. Lachmann 13,33

33 vgl. Lachmann 109,17

34 Lachmann 69,1

35 Stanovska 2015, S.148

36 Schweikle 1988, S. 542

37 vgl. Lachmann 69,22

38 vgl. Lachmann 69,8

39 vgl. Stanovska 2015, S.148

40 Lachmann 69,8

41 vgl. Lachmann 69,1

42,43 Sander-Schauber 1978, S.4

44 vgl. Wenske 1994, S.61

45 Ebd., S.62

46 vgl. Ebd., S.62

47 vgl. Bennewitz 2012, S.30

48,49,50 Lachmann 72, 31

51 vgl. Lachmann 53,17

52 Lachmann 61,32

Ende der Leseprobe aus 19 Seiten

Details

Titel
Walther von der Vogelweide. Die Entwicklung einer "neuen" Minnekonzeption im Zusammenhang mit dem mittelalterlichen Frauenbild
Hochschule
Universität Bielefeld
Autor
Jahr
2018
Seiten
19
Katalognummer
V428762
ISBN (eBook)
9783668725898
ISBN (Buch)
9783668725904
Dateigröße
460 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
walther, vogelweide, entwicklung, minnekonzeption, zusammenhang, frauenbild
Arbeit zitieren
Kim Eileen Beckmannn (Autor), 2018, Walther von der Vogelweide. Die Entwicklung einer "neuen" Minnekonzeption im Zusammenhang mit dem mittelalterlichen Frauenbild, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/428762

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