Geschlecht und Fremdheit in der Medienberichterstattung über die „Flüchtlingskrise“

Die Darstellung geflüchteter Menschen in der Tagespresse


Masterarbeit, 2016
114 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Tabellen- und Abbildungsverzeichnis

1. Einleitung

2. Besondere Voraussetzungen der Arbeit

3. Theoretisches Fundament
3.1 Verortung und Anknüpfungspunkte der Arbeit
3.2 Konzeptualisierung von Fremdheit und Geschlecht
3.2.1 Fremdheit
3.2.2 Geschlecht

4. Forschungsdesign und methodisches Vorgehen
4.1 Verfahren der strukturierenden Inhaltsanalyse
4.1.1 Strukturierende Inhaltsanalyse
4.2 Auswahl- und Analyseeinheit
4.2.1 Untersuchungsgegenstand
4.2.2 Zeitraum und Diskursstrang der Untersuchung
4.3 Datenerhebung und Kategoriensystem
4.3.1 Datenerhebung
4.3.2 Kategoriensystem und Kodierprozess

5. Analyseergebnisse- und Auswertung
5.1 Ereignishintergrund und quantitative Besonderheiten
5.2 Wer spricht? Auf welcher Ebene wird berichtet?
5.3 Wie wird gewertet? Wie wird argumentiert?
5.4 Darstellung und Attribuierung geflüchteter Menschen
5.4.1 Bezeichnung der Geflüchteten: Die „Ankommenden“ und der „nicht abreißende Zustrom“.
5.4.2 Attribuierungen: „Abertausende Flüchtlinge“ und ihr Wille zur Integration
5.4.3 Strukturkategorien: „gebildete syrische Flüchtlinge“ als „Motor für die Wirtschaft“
5.4.4 Geschlechterthemen: Die „stille Frau“ und westliche Grundsätze

6. Fazit

Literaturverzeichnis

Anhang

I: Inhaltsanalytisches Vorgehen

II: Codebuch

III: Quantitative Auswertung der Berichterstattung

IV: Qualitative Auswertung: Benennungen geflüchteter Menschen

V: Liste der kodierten Artikel

Tabellen- und Abbildungsverzeichnis

Abb. 1 Verschiedene Formen der Beziehung von Gender und Migration

Tabelle 1 Formale und inhaltliche Analysedimensionen

Tabelle 2 Ebene der Berichterstattung

Tabelle 3 Valenz der Berichterstattung

Tabelle 4 Vorherrschende Argumentationsmuster

1. Einleitung

„Was wir über unsere Gesellschaft wissen, ja über die Welt, in der wir leben, wissen, wissenwir durch die Massenmedien“ (Luhmann 1996: 9) schrieb der Soziologe Niklas Luhmannund lässt damit die bedeutsame Rolle von Medien bei der Vermittlung und Gestaltungunserer sozialen Wirklichkeit sehr deutlich werden. Zugleich beschreibt diese Aussage die Relevanz der vorliegenden Untersuchung. Mediale Berichterstattungen beeinflussen unsereindividuelle Konstruktion von Wirklichkeit, indem sie uns Bilder und Geschichten liefern,die uns Deutungs- und Orientierungsmuster anbieten. Sie bilden die Welt nicht eins-zu-einsab, sondern haben Anteil an der Gestaltung dieser Welt. Sie prägen somit unser Wissen überund unser Verständnis von jenen Ereignissen in der Welt, die wir selbst nicht persönlicherfahren können.

Gerade bei der Erzeugung und Darstellung des Fremden spielt die Berichterstattung durch Massenmedien folglich eine bedeutsame Rolle. Denn Fremdheit entsteht nur selten dort, wo Menschen persönlich zusammentreffen. Begegnung allein führt im besten Falle schon zu etwas Gemeinsamen. Als „prototypischer Fall des Fremden“ (Scherr 1999: 50) wird in der Soziologie vornehmlich der*die Migrant*in beschrieben.

Hier setzt die vorliegende Arbeit an. Untersucht wird die mediale Darstellung bzw. Konstruktion der im Jahr 2015 nach Deutschland flüchtenden Menschen. Über die Hintergründe von Migrationsbewegungen und über die Situation der Geflüchteten an den Grenzen der Festung Europa wüssten wir - wie schon angedeutet - kaum etwas, würden die Medien nicht darüber berichten.

Größere Migrationsbewegungen stellen allerdings keine neuen Erscheinungen dar, wie Gespräche und Berichte des letzten Jahres teilweise suggerieren. Die Debatte über den Zuzug von Bürger*innen anderer Länder begleitet die Bundesrepublik bereits seit ihrer Entstehung mit unterschiedlicher Intensität und Ausgestaltung: Verhandelt wurde die Zuwanderung von Deutschen bzw. Deutschstämmigen aus dem Osten, die Migration von Arbeitskräften aus dem Ausland und der Zuzug ihrer Familien sowie das Ankommen von Geflüchteten und Asylsuchenden in Deutschland (vgl. Jung et. al. 2000: 11f.). Im letzten Jahr ist das Schreiben und Sprechen über geflüchtete asylsuchende Menschen wiederbesonders brisant geworden: Laut UN ist die Zahl der Menschen, die vor Konflikten,Kriegen und Verfolgung fliehen, global noch nie so hoch gewesen wie im Jahr 2015. Ende2015 waren 65,3 Millionen Menschen weltweit auf der Flucht. Ein Jahr zuvor waren es 59,5Millionen Menschen, vor zehn Jahren 37,5 Millionen Menschen (vgl. UNO 2016: n.a.).

Grund für die Ausweitung der Migrationsbewegungen ist vornehmlich der anhaltende Krieg in Syrien. Zudem sind innerhalb der letzten fünf Jahre mehr als 15 neue Konflikteentstanden. Neben Syrien sind hier unter anderem folgende Länder zu nennen: Irak,Südsudan, Zentralafrikanische Republik, Burundi, Jemen, Ukraine und Myanmar. Überdiesdauern seit Jahrzehnten bestehende Instabilitäten wie in Afghanistan oder Somalia weiterhinan (vgl. ebd.).

In Deutschland wurden im letzten Jahr knapp 477 000 Asylanträge (Erst- und Folgeanträge)gestellt. Im Jahr 2014 waren es im Vergleich knapp 203 000 Anträge (Bundesamt für Migration und Flüchtlinge [BAMF] 2016: 4). Bedacht werden muss jedoch beim Betrachtendieser nüchternen Fakten, dass sich 85 Prozent der geflüchteten Menschen im Jahr 2015 in Ländern befanden, die als wenig entwickelt gelten (vgl. UNO 2016: n.a.). Es kam somitlediglich eine Minderheit der Menschen in den Ländern der Europäischen Union an.

Das Anwachsen der Migrationsbewegungen führte dazu, dass sich Flucht und Zuwanderungzu den Hauptnachrichtenthemen im Laufe des Jahres 2015 entwickelten. Der Begriff dersogenannten Flüchtlingskrise, auf den im folgenden Kapitel noch genauer eingegangen wird,ist in aller Munde.

Die Untersuchung der medialen Darstellung der in Deutschland ankommenden Menschenist nicht nur relevant, weil diese Darstellung unsere Vorstellungen der Wirklichkeitbeeinflusst. Sie beeinflusst auch ganz unmittelbar die Situation und Zukunft der Geflüchteten. Nachgewiesen werden kann, dass gerade im Themenbereich der Zuwanderungdie Verknüpfung des Mediendiskurses mit dem Alltags- und Politikdiskurs besonderssignifikant erscheint (vgl. Van Dijk 1993: 80ff.). Die Berichterstattung wirkt sich also direktauf die Sprache des Politikdiskurses und somit auch auf relevante Entscheidungen aus. Auchder Migrationspädagoge Paul Mecheril stellt fest: „[…] Bilder und Vorstellungen über Migrant/innen bleiben nicht folgenlos, da sie Resultat und Voraussetzung politischer Verhältnisse sind“ (Mecheril 2010: 4). Überdies existieren Studien über den Einfluss vonmedialen und politischen Zuschreibungen auf die Identitätskonstruktion und das Selbstbildder geflüchteten Menschen (siehe Krause 2016). Ferner wurde ermittelt, dass die Einstellungder deutschen Bevölkerung zum Zusammenleben mit Migrant*innen stark durch dieöffentliche Debatte zur sogenannten Flüchtlingskrise beeinflusst wurde (vgl. Migazin 2016:n.a.).

Wird zudem die Tatsache hinzugezogen, dass im vergangenen Jahr das kriminelle Vorgehengegen Asylunterkünfte einen Höhepunkt erreicht und sich die Zahl im Vergleich zum Jahr 2014 verfünffacht hat (vgl. Meisner 2016: n.a.), wird deutlich, wie sensibel mit der Konstruktion von Wissen und Wirklichkeit im Zuge des Einwanderungsdiskurses umgegangen werden muss. Auch die zunehmende Medienkritik, vornehmlich die pauschalen Lügenpresse-Parolen, zeigt die Bedeutsamkeit, die den Medien auch im Alltagsdiskurs beigemessen wird - vor allem wenn nicht auf jene Weise berichtet wird, die erwartet wird - und lässt die Notwendigkeit einer wissenschaftlichen, strukturierten Betrachtung medialer Darstellungen deutlich werden. Mit der vorliegenden Untersuchung sollen gängige bzw. alltägliche (Sprach-)Bilder über Geflüchtete und die Konnotation dieser Bilder herausgekehrt und hinterfragt werden. Sofern es nötig bzw. auch möglich ist, soll abschließend auf denkbare Alternativen hingewiesen werden.

Neben der Darstellung geflüchteter Menschen im medialen Diskurs über die sogenannte Flüchtlingskrise interessiert in der vorliegenden Arbeit auch, wie sich die Grenzziehungzwischen den Ankommenden, d.h. den prototypisch Fremden, und der autochthonen Gesellschaft, also der in diesem Falle in Deutschland geborenen Menschen, ausgestaltet.Gefragt wird, welche Kategorien und Merkmale zur Abgrenzung bemüht werden.Besonderes Augenmerk soll hier auf der Rolle von Geschlecht liegen. Diegeschlechterspezifische Perspektive auf die Darstellung von Geflüchteten wirdeingenommen, da im Sinne der Gender Studies davon ausgegangen wird, „dass allewesentlichen gesellschaftlichen Strukturen und sozialen Beziehungen ‚geschlechtlich‘geprägt sind […]“ (Bednarz-Braun/ Heß-Meining 2004: 68, Herv. i. O.). Somit gilt dies auch - wie noch in Kapitel 3.2 zu zeigen sein wird - für die Strukturen, Voraussetzungen, Folgenund Repräsentationen von Zuwanderung. Darüber hinaus stellt die Perspektive der Gender Studies noch immer ein Desiderat in der gegenwärtigen Migrationsforschung dar (vgl.Hausbacher et al. 2012: 8). Diesem soll mit der vorliegenden Arbeit entgegengewirktwerden.

Die Darstellung der Ankommenden in Deutschland wird anhand der Berichterstattungausgewählter Printmedien in zwei Zeitspannen inhaltsanalytisch untersucht.Nach einer ersten Klärung wichtiger Begrifflichkeiten und Voraussetzungen, die das Themader Arbeit mit sich bringt, wird in Kapitel 3 das theoretische Fundament der Medienanalysegelegt. Aus der gewählten sozialkonstruktivistischen Perspektive wird davon ausgegangen,dass Fremdheit und Geschlecht erst durch Zuschreibungen von einzelnen Personen undpolitischen, gesellschaftlichen oder auch medialen Institutionen sichtbar und bedeutsamwerden. Zudem wird in diesem Kapitel der vielfältige Zusammenhang zwischen Migration und Geschlecht verdeutlicht. Ferner wird auf Anknüpfungspunkte an bereits existierende Forschungen eingegangen.

Kapitel 4 beschreibt die genaue inhaltsanalytische Vorgehensweise und stellt die auf Basis der theoretischen Ausführungen abgeleiteten Analysekategorien vor. Das darauffolgende Kapitel präsentiert die aus der Untersuchung der Zeitungsartikel gewonnen Ergebnisse. In einem abschließenden Kapitel werden diese Ergebnisse vor dem Hintergrund der theoretischen Basis und der genannten Anknüpfungspunkte ausgewertet.

2. Besondere Voraussetzungen der Arbeit

Den Grundlagen und der Auswertung der Untersuchung sollen einige grundlegende(begriffliche) Überlegungen vorausgeschickt werden. Die vorliegende Arbeit beschäftigtsich mit dem Sprechen bzw. Schreiben über geflüchtete Menschen und der Zuschreibungvon Fremdheit und Geschlechtervorstellungen und geht somit letztlich zurück auf eine Gruppe von Menschen, die sich in einer Situation befinden, in der sie auf der Suche nach Schutz auf andere Menschen bzw. Institutionen angewiesen und somit besonders verletzbarsind. Auf Grund dessen wird es als notwendig erachtet, das eigene Schreiben bzw. die eigene Begriffswahl zu thematisieren.

Bereits im Titel der Arbeit sowie in der Einführung taucht der Begriff der Flüchtlingskriseauf, der seit Mitte des Jahres 2015 allgegenwärtig ist. Gemeint ist hier meist einevermeintliche Überlastung der Aufnahmefähigkeit bzw. Überforderung der europäischen Staaten aufgrund der anhaltenden und gestiegenen Wanderbewegungen (vgl. Schwiertz/Ratfisch 2015: 2). Es soll jedoch deutlich gemacht werden, dass die vorliegende Arbeit diesesogenannte Flüchtlingskrise vielmehr als eine Kette von Ereignissen versteht, die zeigt, dasssich Mobilität nicht in feste Bahnen lenken lässt und somit als „Krise der nationalstaatlichenund supranationalen Regulierung und Kontrolle von Migration in Europa“ zu bewerten ist(ebd.: 17). In diesem Sinne kann der „lange Sommer der Migration“ (Kasparek/ Speer 2015)auch als Errungenschaft von Migrationsbewegungen interpretiert werden, die auf diese Weise die supranationalen Institutionen zum Umdenken und Handeln verpflichten.

Über die Flüchtlingskrise hinaus wird selbstverständlich der Begriff des Flüchtlingswiederholt im Rahmen der Ergebnisauswertung dieser Arbeit auftauchen, so dass auf dengrundsätzlichen Umgang mit diesem näher eingegangen werden muss. Der Begriffbezeichnet einen (viel diskutierten) Rechtsstatus, eine soziale wie politische Gegebenheit und zudem eine Fremd- oder auch Selbstzuschreibung (vgl. Kleist 2015: 158f.).

Umgangssprachlich wird er meist verwendet, um Menschen, die aus Not in ein anderes Landfliehen, zu beschreiben. Juristisch ist der Begriff allerdings - nach der Genfer Flüchtlingskonvention von 1951 - enger gefasst: Als Flüchtling wird hier eine Persondefiniert, die […] aus der begründeten Furcht vor Verfolgung wegen ihrer Rasse, Religion, Nationalität,Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer politischen Überzeugungsich außerhalb des Landes befindet, dessen Staatsangehörigkeit sie besitzt, und den Schutz dieses Landes nicht in Anspruch nehmen kann oder wegen dieser Befürchtungen nicht in Anspruchnehmen will; oder die sich als staatenlose infolge solcher Ereignisse außerhalb des Landesbefindet, in welchem sie ihren gewöhnlichen Aufenthalt hatte, und nicht dorthin zurückkehrenkann oder wegen der erwähnten Befürchtungen nicht dorthin zurückkehren will (Art. 1 A Abs. 2der Genfer Flüchtlingskonvention).

Ein Flüchtling hat folglich das Recht auf Sicherheit in einem anderen Land.

Um eine Verwirrung zu vermeiden, ob innerhalb des Textes nun gerade von Flüchtlingen im Sinne des alltäglichen Gebrauchs des Begriffes oder von der juristischen Definition die Redeist, soll im Folgenden von Geflüchteten, geflüchteten Menschen oder schutzsuchenden Menschen gesprochen und diese Verwendungen näher bestimmt werden. Nach Stienen/Wolf (1991: 62) soll den Begriffen folgende Definition zugrunde liegen: Die Situation von Geflüchteten ist - „als kleinster gemeinsamer Nenner“ aller Geflüchteten - dadurchgekennzeichnet, dass sich Personen in einem neuen Kontext aufhalten, ohne eine ‚positive Motivation‘ gehabt zu haben, den früheren Lebensraum zu verlassen und keine Möglichkeit sehen, in diesen zurückzukehren, solange dessen sozioökonomischen und politischen Verhältnisse unter der Einwirkung der genannten Einflüsse stehen.

Diese Definition fasst den Begriff im Vergleich zur juristischen Bestimmung weiter, da die Tatsache der Flucht aus den unterschiedlichsten Gründen und das subjektive Verständnis der Menschen - nicht das behördliche - bezüglich der Notwendigkeit der Flucht im Vordergrund stehen. Darüber hinaus grenzt sich diese Definition vom alltäglichen Gebrauch ab, da sie keine wertende Komponente enthält.

Zwar ist anzumerken, dass der Begriff des Flüchtlings im Mainstream nicht explizit negativgebraucht wird (vgl. Kothen 2016: 24), dennoch wird in der vorliegenden Arbeit die Bezeichnung des*der Geflüchteten vorgezogen, die zum einen die Möglichkeit dergegenderten Verwendung bietet und zum zweiten durch die Ableitung vom Partizip Perfekt ein mögliches Ende der Flucht beinhaltet sowie im Vergleich zum Wort Flüchtling den Menschen einen aktiveren Part zuerkennt (vgl. ebd.).

Ferner wird als Alternative der Begriff Migrant*in verwendet, da Geflüchtete „per Definition und vom Ursachenverständnis der Vertreibung her immer auch Migrant Innen“ sind (Kleist 2015: 153). Bei dieser Begriffsverwendung sollen jedoch immer auch die prägenden Umstände von Flucht, die extreme Herausforderungen, spezifische Bedürfnisse und auch Abhängigkeiten mit sich bringen, mitgedacht werden.

Darüber hinaus gilt es die besondere ethische Komponente zu betonen, die das Schreibenüber Themen, die Geflüchtete bzw. in einem weiteren Sinne marginalisierte Gruppenbetreffen, zur Folge hat. Mit dem Bemühen um „Klarheit und Verantwortungsgefühl“(Weber 1985: 608, zit. n. Kleist 2015: 163) sowie dem Ziel, die vorliegende Arbeit „nichtauf Machterhalt und Dominanz“ (Kleist 2015: 164) aufzubauen, wird versucht, dieserethischen Komponente zu entsprechen. Zudem findet sich der ethische Anspruch im Forschungsanliegen dieser Arbeit, dominante mediale Diskurskomponenten über Geflüchtete zu erkennen und diese vor dem Hintergrund möglicher substantieller Konsequenzen der Zuschreibungen, mit denen geflüchtete Menschen bedacht werden, zubewerten und Alternativen aufzuzeigen.

Im Zuge dessen muss jedoch erwähnt werden, dass die vorliegende Arbeit nicht umhinkommt, „selbst ein Akt der Produktion der Differenz“ zu sein, welcher „immer Gefahr läuft,diese Differenz entweder als räumlich absteckbare und/oder als ontologisierende Kategoriezu verdinglichen“ (Hark 2001: 368). D.h. die Untersuchung der Darstellung geflüchteter Menschen und der Grenzziehungen zwischen Eigenem und Fremdem durch ausgewählte(teils dichotom angelegte) Kategorien setzt notwendigerweise voraus, anzuerkennen, dasses diese Grenzziehungen und Kategorien gibt; dass sie zumindest als „kollektive Sinnstruktur“ (Stenger 1997: 163) und in den Äußerungen innerhalb der Diskurse existieren.Folglich führt die Arbeit diese zwangsläufig innerhalb des wissenschaftlichen Diskursesfort. Diese Problematik der Fortschreibung kategorialer Vorannahmen gilt auch für die Betrachtung der geschlechterspezifischen Darstellung: Diesbezüglich ist es unausbleiblichder Untersuchung die Existenz zweier Geschlechter zugrunde zu legen (siehe dazu auch 3.2.2). Für die vorliegende Arbeit lässt sich dieses Paradoxon nicht auflösen. Es soll jedoch sichtbar gemacht werden, dass ein Bewusstsein darüber besteht und folglich der Einsatz von Kategorien und die Vorannahme von Unterschieden stets reflektiert und nicht als unumstößlich begriffen werden.

3. Theoretisches Fundament

Die folgenden Ausführungen zielen darauf ab, das theoretische Fundament für die darananschließende methodische Herangehensweise an die Bearbeitung der Forschungsfragen zulegen: Dies erfolgt über die Verortung der vorliegenden Arbeit in das entsprechende Forschungsfeld sowie über die Darlegung relevanter Befunde bestehender Studien. Zudembildet die Annäherung an die Begriffe Fremdheit und Geschlecht die Grundlage desmethodischen Vorgehens.

3.1 Verortung und Anknüpfungspunkte der Arbeit

Die vorliegende Arbeit ist im Schnittfeld der Gender (Media) Studies und der soziologischen Migrationsforschung (siehe 3.2.1) angesiedelt.

Die Migrationsforschung beschäftigt sich mit Fragen zu verschiedenen Formen von Wanderbewegungen - so beispielsweise mit freiwilliger Migration aus Arbeits- oder Heiratsgründen, mit Armuts- bzw. betterment-Migration oder aber mit Zwangsmigration(Flucht aus politischen oder religiösen Gründen, Zwangsprostitution oder Vertreibung) (vgl.Lutz 2008: 566). Die zwei letztgenannten Migrationsformen - also jene Formen, die in Verbindung stehen mit dem Verlust von bzw. der Suche nach grundlegenden Rechten und Schutz, liegen mit Blick auf die Geflüchteten, die in großer Mehrheit aufgrund des Kriegesin Syrien im Zuge der aktuellen Wanderbewegungen in Europa ankommen, im Fokus dieser Arbeit.

Den Forschungen im Feld der Gender Studies liegt die elementare Annahme zugrunde, dass ein Begreifen der sozialen, kulturellen und politischen Strukturen der Welt „ohne ein Verständnis der Geschlechter und ihrer Positionierung in dieser Welt“ (Lünenborg/ Maier 2013: 13) nicht möglich ist. Diese Prämisse ist auch elementare Grundlage der vorliegenden Medienanalyse und wird unter 3.2.2 näher erläutert.

Die Migrationsforschung wird jedoch - insbesondere im deutschsprachigen Raum - bis weitin die 1990er Jahre vornehmlich unter androzentrischer Perspektive bzw. als gänzlichgeschlechtslos betrachtet (vgl. Westphal 2004: 1): Klassischer Gegenstand der Forschung istlange Zeit der nach neuen Möglichkeiten strebende Mann, dessen Frau oder Familie ihmspäter folgt bzw. der mit Geld in den Händen nach Hause zurückkehrt. Eigenständige Migration von Frauen bleibt zunächst unsichtbar (vgl. Tuider/ Trzeciak 2015: 361f. und Carling 2005: 4f.).

Seit Ende der 1970er Jahre finden sich jedoch in der Migrationsforschung zunehmend Arbeiten, die genderspezifisch motiviert sind. Helma Lutz (2008: 568) unterscheidet hierdrei Forschungsphasen, die die generelle theoretische Weiterentwicklung der Gender Studies widerspiegeln (siehe dazu: Lünenborg/ Maier 2013: 97ff.): In einer ersten Phasesteht die Sichtbarmachung der Frau in Migrationsbewegungen sowie das Aufzeigen von Besonderheiten weiblicher Migration im Fokus. In einer zweiten Phase, die alskontributorisch bezeichnet wird, werden explizit die Rolle der Frau im Migrationskontextsowie ihre spezifischen Migrationserfahrungen herausgestellt. Eine dritte Phase thematisiert„die Macht- und Herrschaftsdimensionen des Geschlechterverhältnisses, die für diespezifische Situation der Migration relevant sind“ (Lutz 2008: 568). Dabei wirdbeispielsweise die Konstruktion von Männlichkeit und Weiblichkeit sowie die Bedeutungvon privat und öffentlich aufgegriffen. Unter der Perspektive des Konstruktivismus wird seit Anfang der 1990er Jahre zudem „die Vergesellschaftung der Migrantin“ (ebd.) als Opfertypus thematisiert. Im Zuge dessen wird die Zuschreibung bipolarer Gegensätzekritisiert, die immigrierte Frauen den autochthonen Frauen, d.h. den im Lande selbstgeborenen Frauen, in ihrer sozialen Entwicklung unterordnen.

Hervorgehoben werden muss, dass die oben vorgenommene Unterscheidung der genannten Phasen nicht bedeutet, dass sich jegliche Arbeiten eindeutig einer dieser Phasen und der damit verbundenen Forschungsansätze zuordnen lassen. Oftmals existieren Verbindungen oder Ergänzungen. Die vorliegende Arbeit lässt sich in die dritte, konstruktivistische Phase einordnen (siehe dazu auch Kapitel 3.2.2).

Grundsätzlich lassen sich vier Formen der Beziehung zwischen Migration und Geschlecht feststellen. Das Schaubild von Jørgen Carling (2005) lässt dies deutlich werden:

Abb. 1: Verschiedene Formen der Beziehung von Gender und Migration

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: Carling 2005: 5.

Zunächst kann konstatiert werden, dass Geschlechterbeziehungen die Größe, Richtung und Zusammensetzung von Migrationsbewegungen wie auch die Erfahrungen einzelner Migrant*innen beeinflussen (Pfeil 1). Zu Themen, die diesem Zusammenhang zuzuordnensind - wie beispielsweise die auf Geschlechterverhältnissen basierende Entscheidung zumigrieren bzw. zu flüchten sowie die Unterschiede von weiblichen und männlichen Migrationserfahrungen -, existiert mittlerweile eine beachtliche Anzahl an Literatur (siehe Fe Migra 1994, Anderson 2006, Apitzsch/ Schmidbaur 2010 und Bereswill et al. 2012).

Die zweite Beziehung, die im Schaubild gezeigt wird, beschreibt den Einfluss von Migrationauf die Verhältnisse zwischen den Geschlechtern (vgl. Carling 2005: 6). So gehen einige Studien der Frage nach, ob sich der Status von Frauen - beispielsweise im Sinne von Autonomiezuwachs - durch die Migration verbessert hat (siehe Vasquez 1992).Zudem werden die sozialen Konsequenzen von Migration durch Geschlechterbeziehungenbeeinflusst (Pfeil 3). Als Beispiel können hier die vielen auf das Konzept des Mannes als Hauptverdiener ausgelegten Immigrationsgesetze gelten, die immigrierten Frauenvornehmlich in den 1960er und 1970er Jahren das Recht zu arbeiten nicht gewährten.Untersucht wird also, welche geschlechterspezifischen Nach- bzw. auch Vorteile Migrationmit sich bringen kann (vgl. Carling 2005: 7f.; siehe Kofman 1999 und Sunjic 2012).Als umfassende aktuelle Publikation, die alle drei genannten Bereiche mit dem Schwerpunktauf weiblicher Migration behandelt, kann hier die Arbeit von Jane Freedman, Gendering the International Asylum and Refugee Debate (2016), hervorgehoben werden.Der vierte und letzte Pfeil legt den Effekt von Geschlechterverhältnissen auf die Repräsentation von Migration dar. Geschlechterverhältnisse haben Einfluss auf die Art und Weise, wie Migration durch Wissenschaft, Politik, die Migrant*innen selbst sowie durch Medien dargestellt wird (vgl. Carlins 2005: 9). Dies gilt jedoch auch umgekehrt:Wissenschaftliche, politische und mediale Diskurse haben ebenso Auswirkungen auf die Konstruktion von Geschlechterverhältnissen im Migrationskontext. Genau hier setzt dievorliegende Arbeit an: Berücksichtigt werden soll bei der Medienanalyse zur Darstellungvon Geflüchteten, welche Rolle Geschlechterverhältnisse hierbei spielen: Wie bereitsangedeutet werden Migration und Flucht lange Zeit nicht nur von Forschungs-, sondern auchdurch Medien- und Politiker*innenbeiträge als ausschließlich männlich dargestellt - bis zueiner Phase des Familiennachzuges, bei der Migrantinnen auf die Figur der mit- odernachkommenden Partnerinnen reduziert werden (vgl. Hahn 2000: 78ff). Aktuelle Forschungsbeiträge zeigen, dass diese Darstellungen nicht der Vergangenheit zuzuordnen sind, sondern das Migrantinnen in öffentlichen und medialen Betrachtungen noch heutezumeist „als passive Objekte, als in patriarchalen Verhältnissen Gefangene oder als ‚Opfer‘von Menschenhandel und nicht als aktive Subjekte“ (Tuider/ Trzeciak 2015: 362)beschrieben werden. Im Vergleich zu den drei erst genannten Relationen zwischen Migration und Geschlecht sind die Forschungsarbeiten zum Einfluss der Geschlechterverhältnisse auf Migration und umgekehrt allerdings spärlicher gesät. Zudembeschränken sich viele der Studien in diesem Untersuchungsfeld auf die Darstellung von Migrantinnen in Medientexten (siehe Huth-Hildebrandt 2002, Huth-Hildebrandt 2002a,Farrokhzad 2006, Jäger/ Jäger 2007, Lünenborg et al. 2011 und Hausbacher et al. 2012). Dievorliegende Arbeit erhebt jedoch den Anspruch, nicht nur die Rolle des weiblichen Geschlechts, sondern darüber hinaus auch die Bedeutsamkeit von Geschlechterbeziehungen, -themen und -vorstellungen sowie die Rolle von Männlichkeit bei der Untersuchung des Diskurses über Geflüchtete zu berücksichtigen.

In Bezug auf Aktualität und auf eine geschlechtersensible Herangehensweise ist unter denexistierenden und für diese Arbeit relevanten Forschungsbeiträgen die Analyse der medialen Darstellung von Geflüchteten von Ricarda Drüeke und Katharina Fritsche hervorzuheben.Ihre Untersuchung Geflüchtete in den Medien - Medien für Geflüchtete (2015) behandelt -wie auch die vorliegende Analyse - die aktuellen Migrationsbewegungen, nimmt sichallerdings die Berichterstattung österreichischer Printmedien vor. Die Befunde dieser Untersuchung sollen im Folgenden überblicksartig zusammengefasst werden, um im Rahmen der eigenen Analyseauswertung in Kapitel 5 daran anknüpfen zu können (vgl. im Folgenden Drüeke/ Fritsche 2015: 13ff.):

- Die Presseberichterstattung legt den Fokus auf allein reisende Männer. Damit einher gehtdie Darstellung einer Bedrohung der österreichischen Gesellschaft durch diese Männer.
- Es wird der an die geflüchteten Männer gerichtete Vorwurf laut, ihre Familien in denunsicheren Herkunftsländern zurückgelassen zu haben. Diese Anklage schließt an„heteronormative Konzeptionen von Gesellschaft sowie an eine unterstellte‚Beschützeraufgabe‘ von Männern in Bezug auf Frauen“ (Drüeke/ Fritsche 2015: 14) an.
- Zudem wird die österreichische Gesellschaft als emanzipiert und gleichberechtigtbeschrieben. Den Geflüchteten hingegen werden patriarchale, rückständige Merkmalezugeschrieben.
- Es werden sogenannte Werteschulungen vorgeschlagen, um den Geflüchteten die Gleichstellung der Geschlechter näher zu bringen.
- Abschließend kehren die Autorinnen heraus, dass die Betonung geschlechterspezifischer Wertevorstellungen vornehmlich bei konservativen Akteur*innen auftaucht.

Darüber hinaus ist zu erwähnen, dass einige Forschungsbeiträge existieren, die die mediale Darstellung bzw. das Framing von Einwanderung in Deutschland unter unterschiedlichen Gesichtspunkten - wie beispielsweise im Hinblick auf einen Ländervergleich (Schönwälder2001, Bonfadelli/ Moser 2007 und Aydin 2009) oder unter dem Gesichtspunkt der Fremdenfeindlichkeit (Zentrum für Türkeistudien 1995, Jäger 1996) - untersuchen, dabeiallerdings die geschlechtliche Prägung von Migration kaum beachten. Zwei dieser Studiensollen jedoch in diese Arbeit eingehen, da sie über einen großen Zeitraum wichtige Befundezur Darstellung von Geflüchteten in der Tagespresse sowie zum argumentativen Umgangvon Medien mit Einwanderung liefern. Die beiden Arbeiten, Zur historischen Kontinuitätvon Argumentationsmustern im Migrationsdiskurs von Martin Wengeler (2006) sowie Ausländer und Migranten im Spiegel der Presse von Matthias Jung et al. (2000) ermöglichenes, die eigenen Analyseergebnisse in den Verlauf des deutschen Mediendiskurses innerhalbder letzten Jahrzehnte einzuordnen.

Mit der diskursgeschichtlichen Untersuchungsmethode der Argumentationsanalyse weist Wengeler in einer vergleichenden Untersuchung überregionaler Tageszeitungen für die Jahre 1960-65, 1970-75, 1980-85 sowie 1990-2002 nach, dass „argumentativ-diskursive[…]Kontinuitäten im Reden über Zuwanderung“ bestehen (Wengeler 2006: 24). Zudem kehrt erheraus, dass zu keinem Zeitpunkt - wie einige wissenschaftliche Beiträge nahelegen - eineinseitiger Diskurs über die Aufnahme von Migrant*innen in Deutschland stattgefunden hat:Es finden sich stets sowohl Kontra- als auch Pro-Argumente im historischen Verlauf der Debatten.

Folgende dominante Argumentationsmuster treten kontinuierlich auf: das Argument deswirtschaftlichen Nutzens, der Gefahrentopos1, der Belastungstopos, das Argument derhumanitären Verpflichtung, das Argument der notwendigen Anpassung Geflüchteter füreine funktionierende Integration sowie der Realitätstopos (vgl. ebd.: 18f.).Dem Argument, dass ein Teil der Geflüchteten und Zugewanderten sich nicht integrierenwolle, dieser Wille zur Anpassung jedoch zur Regelung der Zuwanderung nötig sei, kommtvornehmlich im Zuge der Debatte um ein Zuwanderungsgesetz (2002) erstmals größere Bedeutung zu und tritt seither immer wieder auf. Verlangt wird eine Anpassung an westlich- demokratische Werte (vgl. ebd.: 17).

Die Argumentation, Migrant*innen aufgrund ihres ökonomischen Nutzens und dempositiven Einfluss auf die demographische Entwicklung willkommen zu heißen, beherrschtbereits die Diskussion um Zuwanderung in den 1960er und 1970er Jahren. Mit dem Beschluss der Rückkehrförderung im Jahr 1982 nimmt die Bedeutung dieses Argumentationsmusters ab. Erst mit der Einführung der Greencard im Jahr 2000 erhält der Topos vom wirtschaftlichen Nutzen wieder Einzug in den Migrationsdiskurs (vgl. ebd.:18f.).

Diesem Pro-Argument steht ein zentrales Argumentationsmuster entgegen, das seit den 1970er Jahren immer wieder genutzt wird: Gegen die Aufnahme von Migrant*innen und Geflüchteten wird angeführt, dass die Belastungsgrenze des Landes, die „Grenzen des Machbaren“ (SZ 24.12.15a), erreicht sei. Nach Wengeler kann der Belastungstopos als ein prägnantes Beispiel für die sprachliche Konstruktion von Wirklichkeit - meist anhand stereotyper Formulierungen - herangezogen werden: Ob nun die Zahl der in Deutschland lebenden Ausländer*innen wie in den 1970er Jahren bei vier Millionen oder ob sie wie aktuell, im Jahr 2015, bei mehr als neun Millionen liegt (vgl. Statistisches Bundesamt n.d.): immer war die Belastbarkeitsgrenze der Aufnahme nach Meinung einiger politischer oder medialer Akteur*innen schon erreicht (vgl. ebd.: 19).

Während der Belastungstopos vornehmlich von der Beschreibung einer aktuellen Situationauf eine zu vermeidende Entwicklung, also die der künftigen Zuwanderung, geschlossenwird, schließt der Gefahrentopos „von einer zukünftigen Folge auf die zu vermeidende Ursache - beispielsweise eine einwanderungsfreundliche Gesetzgebung“ (ebd.: 19f.). Dieses Ausmalen von möglichen Gefahren besteht seit den 1960er Jahren. Während anfänglichnoch als Gefahren der Zuwanderung mögliche Slum-Bildungen, eine Ghettoisierung odersoziale Spannungen heraufbeschworen werden, nimmt im Laufe der Zeit die Betonung der Gefahr einer weiteren Massenzuwanderung an Bedeutung zu. Seit dem 11. September 2001hat der Gefahrentopos zudem eine weitere Dimension erhalten: Flexible und lockere Zuwanderungsregelungen würden die Gefahr terroristischer Aktionen in Deutschlandbefördern. Einher geht damit der Einzug sicherheitspolitischer Forderungen in den Migrationsdiskurs (vgl. ebd.).

Auch der Humanitätstopos, der „Grundwerte, Menschenrechte, […] eine gebotenehumanitäre Behandlung [oder] die Idee der Menschenrechte“ (ebd.: 22f.) heranzieht, um für die Aufnahme von Geflüchteten zu sprechen, besteht bereits seit den 1970er Jahren und nimmt seit den 1980er Jahren durch die Repräsentation von kirchlichen Initiativen und Wohlfahrtsverbänden, die sich für den freundlichen Empfang von geflüchteten bzw. migrierenden Menschen einsetzen, an quantitativer Bedeutung zu.

Das letztgenannte Argumentationsmuster, der Realitätstopos, betont, dass „es nun einmal Realität, ein Faktum sei, dass ein bestimmter Prozess stattgefunden habe, auf den man nun mit angemessenen Maßnahmen reagieren müsse“ (ebd. 23). Dieses Argument ist in den 1980er Jahren die wichtigste, Zuwanderung befürwortende Debattengrundlage und gewinnt im Zuge der 1990er Jahre an quantitativer Tragweite (vgl. ebd.: 23).

Die genannten Argumentationsmuster werden in die Untersuchungsmethode eingebunden,so dass es möglich sein wird, die Argumentationsweisen im aktuellen Migrationsdiskursherauszukehren (siehe Kapitel 4.3.2). Zudem besteht auf diese Weise die Möglichkeit, eine Tendenz der Darstellung Geflüchteter in der untersuchten Berichterstattung zu erkennen:Werden diese gar als Gefahr, als Belastung beschrieben oder wird im positiven Sinneargumentiert?

Bei der zweiten umfassenden Arbeit, Ausländer und Migranten im Spiegel der Presse, deren Befunde nun näher vorgestellt und bei der Auswertung der eigenen Analyseergebnisseberücksichtigt werden sollen, handelt es sich um eine Untersuchung zur sprachlichen Gestaltung der öffentlichen Diskussion in Deutschland über den Zuzug neuer Bevölkerungsgruppen. Anhand der Analyse unterschiedlicher Presseerzeugnisse seit 1945(bis ins Jahr 2000) werden typische Äußerungen zu Migrant*innen in einemdiskurstheoretischen Wörterbuch gesammelt, um somit ein Bild des bundesdeutschen Diskurses über Zuwanderung liefern zu können (vgl. Niehr et. al. 2000: 9f.). Nachstehendwerden die für die vorliegende Arbeit bedeutsamen Erkenntnisse zum bundesdeutschen Diskurs über Geflüchtete und Asylsuchende - in Abgrenzung zum deutschen Diskurs überdie Zuwanderung Deutscher bzw. Deutschstämmiger aus dem Osten und über die Zuwanderung von Arbeitskräften aus (Nicht-) EU-Ländern - aus den Kapiteln Flüchtlingeund Asylsuchende sowie Fremde oder Mitbürger? erläutert.

Niehr et. al. (2000: 28) arbeiten heraus, dass der Begriff des Flüchtlings zumindest bis in die Mitte der 1960er Jahre negativ konnotiert und mitunter gar als Schimpfwort verwendet wird.Zur Sichtbarmachung einer positiven Verwendung des Wortes wird seinerzeit aufverschiedene Zusätze zurückgegriffen, um die Umstände der Flucht zu betonen. Beispielesind die Begriffe Bürgerkriegsflüchtlinge, boat-people oder politische Flüchtlinge (vgl. ebd.). Bezüglich der Debatte über Menschen, die in Deutschland Asyl beantragen, steht vornehmlich das Verhältnis der Geflüchteten zu Deutschland im Fokus der Beschreibung -nicht aber die Fluchtursache. Zudem ist der Diskurs um Asylsuchende gekennzeichnet durch einerseits eine Verrechtlichung der Terminologie, die sich in Begriffen wie politische Flüchtlinge, (wirklich/tatsächlich) politisch Verfolgte, Illegale, politisch verfolgte Asylbewerber zeigt […], wie auch eine Moralisierung, die die Motive der Asylsuchenden infrage stellt. Zu nennen sind hier diffamierende Vokabeln wie Scheinasylanten, Wirtschaftsflüchtlinge, Asylbetrüger, -touristen etc. […] (ebd., Herv. i. O.).

Darüber hinaus existiert die weniger abwertende Bezeichnung des Armutsflüchtlings, dieden Fluchtgrund betont, nicht aber wirtschaftliches Nutznießertum unterstellt (vgl. ebd.:28f.).

Des Weiteren wird in der Untersuchung erkennbar, dass die Verwendung der Begriffe Asylant*in und Asylbewerber*in beide sowohl negativ als auch positiv konnotiert sein können. Allerdings wird deutlich, dass die Komposita mit Asyl bzw. Asylant*in, die vornehmlich seit den 1970er Jahren sichtbar werden, fast ausschließlich negativ bestimmt sind: Als Beispiele können hier die Bezeichnungen Asylbetrüger*in, Asylantenproblem oder Asyltourist*in dienen (vgl. ebd.: 28).

Werden Komposita mit dem Wort Flüchtling betrachtet, wird eine Abschwächung der negativen Konnotation bis hin zur neutralen Verwendung erkennbar: Berufsflüchtlinge, Flüchtlingsproblem, -stand, -kredite oder -land (vgl. ebd.: 29).

Ferner heben Niehr et. al. hervor, dass eine Beschreibung von Migrant*innengruppen auchdurch die direkte Gegenüberstellung zur Mehrheitsbevölkerung erfolgen kann - vor allemwenn es sich um eine größere Migrationsbewegung handelt: Verwendet werden in diesen Fällen die Begriffe Ausländer*in oder Fremde*r im Zusammenhang mit den Gegenbegriffen Inländer*in oder Deutsche*r (vgl. ebd.: 73). Neutrale Gegenbegriffe wie Ein- bzw.Zuwanderer vs. Einheimische*r sind im Untersuchungszeitraum der Studie eher selten.Allerdings wird das „Bildungswort Immigrant“ (ebd.) Ende der 1990er Jahre häufiger im Sinne der positiven Betonung des dauerhaften Verbleibs der Migrant*innengruppe in Deutschland verwandt.

Seit der zweiten Hälfte der 1970er Jahre entstehen zudem - dem mehr und mehr im Sinneder Ausgrenzung gebrauchten Begriffs des*der Ausländers*in gegenüberstehend -verschiedene alternative Bezeichnungen, die das Gemeinsame betonen und sprachlichintegrierend wirken sollen: Beispiele hierfür sind Mitbürger*in, Neubürger*in, Mensch (vgl.ebd.: 75).

Mit Hilfe des in Kapitel 4.3.2 für die Medienanalyse entwickelten Kategorienrasters wird es möglich sein, die auf diese Weise gewonnenen Analyseergebnisse mit den diskurslinguistischen Befunden von Niehr et al. zu vergleichen.

Die vorliegende Arbeit soll somit die Erkenntnisse der bereits existierenden Arbeiten zur medialen Darstellung von Zuwanderung nutzen und mit der Untersuchung der zentralen Forschungsfrage nach der Darstellung geflüchteter Menschen im aktuellen Zuwanderungsdiskurs sowie nach der Rolle von Geschlecht in diesem Diskurs einen Beitrag zu einer geschlechtersensiblen Migrations- und Medienforschung leisten.

3.2 Konzeptualisierung von Fremdheit und Geschlecht

Nachdem die zu berücksichtigenden Befunde bestehender Forschungsarbeiten aufgeführt wurden, hat das folgende Kapitel zum Ziel, das theoretische Rüstzeug zu entwickeln, welches für die Bearbeitung des Forschungsanliegens benötigt wird.

3.2.1 Fremdheit

Die Untersuchung der Darstellung geflüchteter Menschen in der Presseberichterstattung soll mit Hilfe des soziologischen Blicks auf Migrant*innen als „prototypischer Fall des Fremden“ (Scherr 1999: 50) erfolgen.

Die soziologischen Arbeiten zum Fremdheitsbegriff werden zwar von der Sozial- und Politischen Philosophie relativ umfassend übernommen, jedoch in der Migrationssoziologiebisher selten aufgegriffen. Dabei kann die klassische Soziologie des Fremden eine fruchtbaretheoretische Grundlage für die Analyse von Konstruktionen bzw. Konstellationen vonmigrationsbedingten Eigen-Fremd-Verhältnissen liefern, wie Reuter/ Warrach (2015: 169f.)deutlich machen: Bedeutsamkeit gewinnt die soziologische Perspektive auf Migration ausdem Umstand, dass sie die soziale Konstruktion von Fremdheit herauskehrt. Da wie in der Einleitung bereits angedeutet und wie in Kapitel 4.2.1 noch näher ausgeführt wird, nichtdavon auszugehen ist, dass Medien - also somit auch das dieser Arbeit zugrunde liegende Untersuchungsmaterial - die Realität eins-zu-eins abbilden, sondern unsere soziale‚Wirklichkeit‘ mitgestalten und somit konstruieren (vgl. Lünenborg/ Maier 2013: 41), ist dersoziologische, sozialkonstruktivistische Blick auf Fremdheit als soziale Zuschreibungelementar und soll hier näher erläutert werden.

Die klassischen Ansätze der Fremdheitssoziologie2 bringen eine Vielfalt an Fremdheitsdefinitionen mit sich. Maßgeblich sind hier die Arbeiten von Georg Simmel (1908), Alfred Schütz (1944) und Robert E. Park (1928), innerhalb derer die Situation des*der Migrant*in stets als „typische Konstellation für die Entstehung von Fremdheit“ (Stenger 1997: 197) auftaucht.

Es geht nach Simmel und so auch in der vorliegenden Arbeit nicht um den Wandernde[n], der heute kommt und morgen geht, sondern […] [um jenen], der heute kommtund morgen bleibt - sozusagen der potentiell Wandernde, der, obgleich er nicht weitergezogenist, die Gelöstheit des Kommens und Gehens nicht ganz überwunden hat (Simmel 1908: 509).

Die unterschiedlichen Ansätze eint jedoch, dass Fremdheit stets in Form von In-Group/ Out Group-Prozessen charakterisiert wird: Es geht immer um die Situation eines*einer Außenseiters*Außenseiterin, der*die sich einer relativ stabilen, homogenen Gemeinschaft annähert. Zudem liegt das Erkenntnisinteresse von Simmel, Schütz und Park in der Frage, wie Zuschreibungen von Fremdheit „zu einem kompakten sozialen Objekt verdichtet werden“ (Reuter 2011: 154). Des Weiteren nehmen sie Abstand von eine essentialistischen Perspektive auf Fremdheit. Horst Stenger (1997: 159), der zu den postklassischen Fremdheitssoziologen3 zu zählen ist und auf die genannten klassischen Arbeiten aufbaut, fasst dies trefflich zusammen und stellt heraus, dass Fremdheit keine natürliche Eigenschaft ist, sondern sozial konstruiert und ständig neu ausgehandelt wird:

Fremdheit [ist] keine ‚Eigenschaft‘[…], also keine Qualität, die einem ‚fremden Objekt‘ zu eigenist. Die Attribution von ‚Fremdheit‘ zeigt demnach vielmehr an, dass der Zuschreibende in einersehr spezifischen Beziehung zu jenem Objekt steht, das er ‚fremd‘ nennt. Insofern weist‚Fremdheit‘ stets auf die Form einer Beziehung, die der Zuschreibende gegenüber dem Objektder Zuschreibung hat.

Diese Erkenntnis, dass „Fremdheit als Zuschreibungsleistung eines Individuums oder einer Gruppe“ (Stenger 1997: 160) hergestellt wird, ist im Hinblick auf die mediale Gestaltungs-und Strukturierungsmacht unserer Welt grundlegend für die vorliegende Arbeit. Diese Zuschreibungsleistung von Fremdheit enthält zwei Elemente: „Zum einen die Feststellungeines Unterschiedes und zum anderen eine Bewertung dieses Unterschiedes“ (ebd.). Somitkommen nicht Gemeinsamkeiten zur Sprache, sondern Differenzen werden zur Ausgangsbasis der Beziehungsdefinition, d.h. der Fremdheitszuweisung, festgesetzt (vgl. Nieswand/ Vogel 2000: 169). Dabei ist bereits die Festanstellung von Gemeinsamkeiten oder Gegensätzlichkeiten sowie die Kommunikation der selbigen das Ergebnis einer Entscheidung (im Sinne einer Auswahl, die auch anders hätte ausfallen können).Fremdheitszuschreibungen zu untersuchen, heißt demzufolge (im vorliegenden Fallesprachliche) Anzeichen einer Innen/Außen-Unterscheidung ausfindig zu machen. Was dem Außen zugerechnet wird, ist somit potentiell fremd. Das Kriterium des Außen, also die Nichtzugehörigkeit, allein reicht allerdings nicht aus, um Fremdheitszuschreibungen zubestimmen. Das Außen selbst muss dabei eine bestimmte Relevanz erhalten: Dies kann der Aspekt der Nähe sein, den Simmel hervorhebt („die Distanz innerhalb des Verhältnissesbedeutet, dass der Nahe fern ist, das Fremdsein aber, dass der Ferne nah ist“ [Simmel 1908:509f.]), und somit die - wie es bei Park heißt - Konfrontation mit dem*der Anderen oderaber auch das Erfahren einer Irritation von Erwartungen, beispielsweise der Eindruck, dassdie eigene Weltdeutung als gefährdet scheint (vgl. Stenger 1997: 160f.). Wenn diese Relevanz fehlt, dann verweist die Nichtzugehörigkeit lediglich auf eine Beziehung der Andersheit, nicht der Fremdheit. Im Falle der vorliegenden Untersuchung - der geflohenen,nun in Europa ankommenden Menschen - ist diese Relevanz somit gegeben.Die vorangegangene Perspektive auf Fremdheit macht deutlich, dass es nicht die Aufgabesozialwissenschaftlicher Analyse sein kann, ausgehend von dem Postulat, dass Migranten Fremde sind, empirisch zu erforschen, in welcher Hinsicht diese sich von uns unterscheiden. Vielmehr ist die Wahrnehmung von Migranten als Fremde, ihre Bedingungen, Formen und Folgen, selbst als eine soziale Praxis zu untersuchen(Scherr 1999: 53).

Untersuchungsgegenstand sind demzufolge also „nicht die Migranten als Fremde, sondern gesellschaftliche Konstruktionen von Fremdheit“ (ebd.).

Da die vorliegende Arbeit das Ziel hat, die Beschreibung und Konstruktion vonankommenden Migrant*innen, in diesem Falle von geflüchteten Menschen, in der medialen Berichterstattung zu untersuchen und somit die Kommunikation über Fremde im Fokus der Arbeit steht, wird eine weiterführende theoretische Fundierung nötig, die die (sprachlichen)Mittel der Kommunikation näher betrachtet. Zur empirischen Analyse wird der Ansatz von Jörg Bergmann (2001) herangezogen, der sich mit der Konstruktion von außergesellschaftlichem Fremdem in kommunikativen Verfahren befasst.

Außergesellschaftlich meint hier, dass der*die als fremd Konstruierte von außen - nicht aus dem Inneren der Mehrheitsgesellschaft (innergesellschaftliche Fremdheit) - kommt und (noch) nicht zu der betrachteten Gesellschaft gehört.

Bergmann zeigt folgende Strukturmerkmale auf, die charakteristisch für den Prozess der Fremdheitszuschreibung sind (vgl. im Folgenden Bergmann 2001: 41f.):

(1) die Nicht-Beachtung von Gemeinsamkeiten zu Gunsten von Differenzen;
(2) die Reduktion auf einzelne Merkmale sowie die Übertreibung dieser Merkmale: Die betroffene Person wird lediglich unter einem einzigen Gesichtspunkt beurteilt (z.B. Hautfarbe, Sprache, Essgewohnheiten, Religion, etc.). „Das fremdheitskonstituierende Merkmal wird auf diese Weise zum Wesensmerkmal überhöht, hinter das andere Differenzierungen weitgehend zurücktreten“ (Bergmann 2001: 41);
(3) der permanente Vergleich mit dem eigenen Weltbild und den eigenen Eigenschaften;
(4) die Tendenz zur Entindividualisierung und Stereotypisierung: Der Fremde wird nicht als Individuum, sondern als einer bestimmten, schematisch und vereinfacht beschriebenen Gruppe zugehörig dargestellt.

Die genannten Formen der Darstellung dienen in vielen Fällen dazu, „dem Fremden eine moralisch zweifelhafte Qualität zuzuschreiben, ihn in seiner moralischen Identität herabzustufen“ (ebd.: 42). Als ein Grund für diese Moralisierung der Fremdheitsrelation kann die bereits aufgeführte (vermeintliche) Wahrnehmung des*der Zuschreibenden bezüglich seiner*ihrer eigenen Weltdeutung gelten, die er*sie durch die Konfrontation mit dem*der Fremden gefährdet sieht.

Die Ausführungen unterstreichen, dass die Darstellung bzw. Konstruktion der Geflüchteten, also der als fremd Wahrgenommenen, durch die genannten sprachlichen Merkmale eine asymmetrisches Verhältnis bzw. ein Dominanz- und Machtgefälle hervorrufen kann. Dieser Aspekt soll im Sinne des Konzepts des Othering, das den machtvollen Prozess der Abgrenzung zwischen Eigenem und Fremdem in den Fokus rückt und nach der Legitimierung wie Aufrechterhaltung von Machtverhältnissen im Zuge dieser Grenzziehungen fragt, bedacht werden. Somit wird auch bewusst in den Blick genommen, ob sich bei der Darstellung geflüchteter Menschen die Hervorbringung hierarchischer Strukturen erkennen lässt (vgl. Riegel 2016: 51f.)

Allerdings ist auch zu erwähnen, dass die Konstruktion des*der Fremden nicht zwangsläufig auf Moralisierung bzw. Degradierung festgelegt ist. Die Wahrnehmung einer Person als Fremde*r kann auch als Faszinosum, „als Aufbruch aus belastenden Gewohnheiten und Routinen“, „als Bereicherung und Anregung, als spannend und aufregend, als abenteuerlich und faszinierend“ beschrieben werden (Hahn 1997: 144). Auch diese Dimension gilt es in der Analyse zu berücksichtigen.

Die möglichen Ausgestaltungen der (Fremdheits-)Zuschreibungen sind für schutzsuchende Menschen von immenser Bedeutung und wirken sich auf diese direkt aus: Für die Betroffenen ist die Konnotation und der Inhalt ihrer Kategorisierung eine lebenswichtige Thematik (vgl. Hemmerling 2003: 10): Die Anerkennung als Asylbewerber*in bzw.Flüchtling im Sinne der juristischen Bezeichnung geschieht in grundsätzlich bürokratischen Prozessen, die „eine soziale Ein-, Ab- und Ausgrenzung nach sich ziehen“ und zudem „hochpolitisiert [sind], denn sie hängen mit politischen Rhetoriken und stereotypisierten Charakterzuschreibungen zusammen […] (Krause 2016a: n.a.). Da die politische Rhetorikauch immer (wechselseitig) mit dem medialen Diskurs in Beziehung zu setzen ist (siehe dazu 4.2.1), hat die Wahl und Prägung von Begrifflichkeiten innerhalb der Medienberichterstattung auch Auswirkungen auf die Ausgestaltung politischer Sprache. Darüber hinaus haben Fremdheitszuschreibungen stets direkten Einfluss auf das Wohlbefinden und das Selbstbild einer Person (Krause 2016a: n.a.).

Die vorangegangenen Betrachtungen zeigen auf, dass es darum gehen wird, im Zuge der Analyse die von der Presseberichterstattung verwendeten Unterscheidungen, Kategorien und Zuschreibungen bezüglich der geflüchteten Menschen, mit denen auch im Alltag operiert wird, sowie sich wiederholende Konstruktionen mit den Mitteln der sozialwissenschaftlichen Forschung herauszustellen und deutlich zu machen, dass der entsprechende Diskurs „nur für uns - in einem spezifischen soziokulturellen Kontext - gültig […]“ (Scherr 1999: 53) ist und es durchaus Alternativen dazu gibt.

3.2.2 Geschlecht

Da der Medienanalyse, wie bereits deutlich wurde, ein geschlechtersensibler Ansatzzugrunde liegt, ist im Vorfeld der Untersuchung zu klären, was unter Geschlecht verstandenwird.

Forschungsansätze, die sich mit Geschlechtsverhältnissen in den Medien - in der Produktion, in den Texten und in der Rezeption - beschäftigen, entwickeln sich in zunehmendem Maße in den 1980er Jahren. Anfänglich liegt die Angemessenheit der medialen Darstellung von Frauen im Verhältnis zur jeweiligen gesellschaftlichen Realität und der diesbezüglich möglichen Ungleichbehandlung der Frau im Fokus der Studien. Es wird also von einer „vorgängig sozialen Realität“ (Lünenborg/ Maier 2013: 99) ausgegangen und verlangt, dass diese soziale Realität und ihre ‚wahren‘ Geschlechterbeziehungen entsprechend medial abgebildet werden sollten.

Dieser Fokus hat sich allerdings mit Fortentwicklungen der Geschlechterforschung geweitet und ausdifferenziert: Im Anschluss an die angelsächsischen Beiträge stellt inzwischen die Auffassung, dass Geschlecht sozial konstruiert ist, in großen Teilen der Gender (Media) Studies „eine Art Minimalkonsens dar“ (Meissner 2008: 2). Im Sinne des sozialkonstruktivistischen Ansatzes, der hier - wie im vorangegangen Kapitel schon deutlichwurde - verfolgt wird, bedeutet dies, dass Geschlecht nicht „als etwas Ursprüngliches oderden sozialen Verhältnissen Vorgängiges, sondern als etwas kulturell Hervorgebrachtes“(ebd.: 8) zu betrachten ist. An dieser kulturellen und sozialen Hervorbringung sind auchmediale Erzeugnisse beteiligt, so dass diese keine ‚wahren‘ Geschlechterverhältnissewiedergeben können, sondern selbst am Prozess der sozialen Konstruktion dieser mitwirken.Wird Geschlecht als Strukturkategorie begriffen, die durch soziale Interaktion, durchhistorische, gesellschaftliche und kulturelle Diskurse und Kontexte produziert undbeeinflusst wird - und nicht als etwas, was Menschen einfach besitzen -, gilt es auch dierelationale Prägung von Geschlecht zu bedenken, die die Veränderungen von genannten Diskursen mit sich bringen: Sobald sich soziale und kulturelle Normen und Strukturenverändern, wirkt sich dies auch auf die Herstellung und Ausgestaltung von Geschlecht(erverhältnissen) aus, weil diese sich somit neu ausdifferenzieren undausgestalten können. Folglich stellt Geschlecht keine starre Größe dar, sondern hat einenprozessualen Charakter, der die Unabgeschlossenheit und Veränderbarkeit betont (vgl.Bednarz-Braun/ Heß-Meining 2004: 41).

Dabei gestaltet sich die Strukturkategorie Geschlecht fast ausschließlich „dualistisch-binär,oppositional und hierarchisch“ (Engels/ Chojnacki 2007: 5) aus. Das heißt sie bestehtzumeist aus einem weiblichen und einem männlichen Pol. Nuancen werden nicht zugelassen(vgl. ebd.).

Mit der Annäherung an Geschlecht als „sozial hervorgebrachte Strukturkategorie“ geht die Erkenntnis einher, „dass alle wesentlichen gesellschaftlichen Strukturen und sozialen Beziehungen ‚geschlechtlich‘ geprägt sind […]“ (Bednarz-Braun/ Heß-Meining 2004: 68,Herv. i. O.). Für die vorliegende Arbeit bedeutet dies, im Sinne dersozialkonstruktivistischen Perspektive danach zu fragen, wie sich die mediale Konstruktionvon Geschlecht im Zuge der Berichterstattung über Geflüchtete ausgestaltet und in welchem Verhältnis hier die Positionierung der Geschlechter erfolgt. In Anknüpfung an die von Jörg Bergmann ermittelten Strukturmerkmale soll im Rahmen der Medienanalyse herausgekehrtwerden, welche Rolle die Kategorie Geschlecht bei der Grenzziehung zwischen der Mehrheitsgesellschaft und den als fremd wahrgenommenen, ankommenden Geflüchteten spielt.

Über die Betrachtung der Strukturkategorie Geschlecht hinaus soll im Sinne des Intersektionalitätskonzeptes auch danach gefragt werden, welche Merkmale und Kategorienneben der Strukturkategorie Geschlecht eine Rolle bei der medialen Berichterstattung über Geflüchtete spielen. Das Konzept der Intersektionalität zeigt die Wechselwirkung und das Zusammenwirken mehrerer Ungleichheiten generierender Strukturkategorien auf. In den Sozialwissenschaften sind hier verschiedene „Machtdimensionen“ gemeint (Rommelspacher 2009: 81), die die Gesellschaft strukturieren: Neben Geschlecht können sich diese beispielsweise auf gesellschaftliche Klassen, auf den Bildungsstand, auf Religionen, auf Körperlichkeiten oder auf sogenannte natio-ethnokulturelle Zugehörigkeiten beziehen (vgl. Rommelspacher 2009: 81f., Riegel 2016: 57).4 Berücksichtigung finden diese möglichen weiteren grenzziehenden Strukturkategorien in den methodischen Grundlagen der Untersuchung durch eine teils induktive Vorgehensweise und den Einbezug dadurch gewonnener relevanter Kategorien (siehe Kapitel 4.3.2).

Unter Betrachtung der ausgeführten theoretischen Grundlagen soll das übergeordnete Forschungsinteresse nun in vier Teilfragen konkretisiert werden, um somit die Bearbeitung des Untersuchungsanliegens zu erleichtern:

Wie werden geflüchtete Menschen im medialen Diskurs über die sogenannte Flüchtlingskrise dargestellt? Welche Rolle spielen geschlechterspezifische Zuschreibungen im genannten Diskurs?

Welche argumentativen Muster und welche wiederkehrenden (integrativen bzw. exklusiven) sprachlichen Benennungen bzw. Wertungen werden sichtbar?

Wie manifestiert sich (sprachlich) die Grenzziehung zwischen dem Eigenen/ der autochthonen Gesellschaft und dem Fremden/ den Ankommenden?

Welche Rolle spielen geschlechterspezifische Konnotationen bei dieser Grenzziehung? Welche weiteren Kategorien spielen eine Rolle bei der Abgrenzung zwischen Eigenem und Fremdem? Im anschließenden Kapitel wird dargelegt, wie die genannten Fragen methodisch bearbeitet werden und wie das entwickelte sozialkonstruktivistische Fundament in die Untersuchungsmethode einfließt.

4. Forschungsdesign und methodisches Vorgehen

4.1 Verfahren der strukturierenden Inhaltsanalyse

4.1.1 Strukturierende Inhaltsanalyse

Die in den vorangegangenen Kapiteln ausdifferenzierten Forschungsfragen werden durch eine standardisierte qualitative Inhaltsanalyse verschiedener Qualitäts- und Boulevardzeitungen beantwortet.

Die qualitative Analyse hat nicht das Ziel, Ergebnisse zu generalisieren, vielmehr ist sie an einzelnen Fällen orientiert und dient dazu, Sachverhalte in ihrer kontextuellen Einbettung zu erfassen und zu verstehen. Sie fragt nach dem Wie der medialen Darstellung, so dass eine Bearbeitung der oben genannten Fragen nach der medialen Auseinandersetzung mit geflüchteten Menschen sowie der Rolle von Geschlecht in diesem Diskurs mit Hilfe des gewählten qualitativen Ansatzes sehr gut möglich ist.

Das methodische Vorgehen der Arbeit orientiert sich vornehmlich an der Herangehensweisevon Werner Früh (2011) und Patrick Rössler (2010). Die von Früh (2011: 27)vorgeschlagene Definition der Inhaltsanalyse als „eine empirische Methode zursystematischen, intersubjektiv nachvollziehbaren Beschreibung inhaltlicher und formaler Merkmale von Mitteilungen, […]“ zeigt erkennbar die Vorteile der Methodik für dievorliegende Arbeit auf: Die standardisierte, strukturierende Inhaltsanalyse stellt die Mitteldafür bereit, die formale und inhaltliche Komplexität des Untersuchungsmaterials anhandbestimmter, dem Forschungsvorhaben entsprechender Auswahlkriterien zu reduzieren undauszuwerten. Zudem ist es auf diese Weise möglich, „von Merkmalen eines manifesten Texts auf Merkmale eines nicht-manifesten Kontextes“ (Merten 1995: 15) zu schließen, sodass auch mittelbare Aussagen erfasst werden können.

Darüber hinaus erhebt die vorliegende Analyse den Anspruch der intersubjektiven Nachvollziehbarkeit. Das regelgeleitete, methodisch kontrollierte Vorgehen dersystematischen Inhaltsanalyse - genauer: der Analyse des Materials nach definierten, in einem Codebuch festgehaltenen Kriterien - wird dieser Anforderung gerecht und ist die große Stärke der Untersuchungstechnik (vgl. Rössler 2008: 24). Die einzelnen methodischen Schritte, die die Inhaltsanalyse nach Früh (2007) und Rössler (2010) umfasst, sind im Schaubild in Anhang I aufgeführt.

Es soll jedoch nicht nur danach gefragt werden, wie bestimmte (geschlechtsgebundene) Fremdheitszuschreibungen in der Berichterstattung über Geflüchtete dargestellt werden, sondern auch welche Aussagen in welchen Kontexten getroffen bzw. welche nicht getroffen werden (können). Hier fließen Elemente der Diskursforschung in die Analyse ein: Unter Diskurs wird hier „die Gesamtheit aller Äußerungen, die sich auf dasselbe Thema beziehen“ (Jung et al. 2000: 10) verstanden:

Wer ein beliebiges Thema aufgreift, schließt damit, auch ohne sich dessen bewusst zu sein, an bereits vorher Gesagtes an, mischt es neu zusammen, nuanciert existierende Meinungen oder wiederholt einfach das zuvor Gehörte und Geschriebene. Insofern sind in jeder Äußerung auch die anderen Sprecher und ihre Worte zum selben Thema präsent (ebd.).

Im Sinne der an Foucault angelehnten Darstellung von Siegfried Jäger (2006: 84), die den Diskursbegriff als „Fluss von Wissen bzw. Wissensvorräten durch die Zeit“ beschreibt, wirddavon ausgegangen, dass die mediale Wiederholung von Diskursen zur Entstehungöffentlicher Wissensbestände beiträgt. Dabei bilden Diskurse die ‚Welt‘ nicht einfach ab,„sondern konstituieren Realität in spezifischer Weise“ (Keller 2007: 67). Für die vorliegende Arbeit bedeutet dies, dass die aus den Zeitungsartikeln herausgearbeiteten Aussagen mitbesonderem Fokus auf die hierbei gewählte wortbezogene Darstellungsweise auch im Hinblick auf gemeinsame, stabilisierende Strukturmuster untersucht werden. Aus dieser Forschungsperspektive ist also zentral, dass bewusst nicht Einzelzitate von Politiker*innenoder Wissenschaftler*innen im Vordergrund stehen, sondern wiederkehrende Versprachlichungen und somit „medial zirkulierende Wissensvorräte“ (Lünenborg/ Maier2013: 151), die hier sichtbar gemacht werden sollen.

Interessant ist zudem jedoch auch, welche Sprecher*innen besonderen Einfluss auf den Diskurs über geflüchtete Menschen erhalten, da die Definition von Sprachregelungen unddie Prägung von Begriffen auch immer mit der Gewinnung von Macht über gesellschaftlichebzw. politische Verhältnisse in Verbindung steht (vgl. Hark 2001: 358). Darüber hinausinteressiert, welche einzelnen Aspekte in einem Diskurs prominent erscheinen bzw. welchein den Hintergrund treten.

4.2 Auswahl- und Analyseeinheit

Da bei der Analyse von Massenmedien stets eine Auswahl aus der Fülle der verfügbaren Texte zu treffen ist, gilt es, im folgenden Kapitel das der Untersuchung zugrundeliegende Material zu beschreiben und darzulegen, nach welchen Kriterien dieses ausgewählt wird.

4.2.1 Untersuchungsgegenstand

Die Entscheidung, den Diskurs über Geflüchtete anhand der medialen Berichterstattung zuuntersuchen, ist in der bedeutungsvollen Rolle der Medien begründet, die diese im Hinblickauf unsere individuelle Konstruktion der Welt spielen: Im Sinne dessozialkonstruktivistischen Ansatzes wird - wie bereits in Kapitel 3.2 angedeutet - davonausgegangen, dass Medien die soziale ‚Wirklichkeit‘ vermitteln und mitgestalten und aufdiese Weise Einfluss auf unser Verständnis von den Geschehnissen in der Welt nehmen (vgl.Lünenborg/ Maier 2013: 41). Zudem übermitteln sie uns eine Vorstellung davon, welche Sachverhalte und Personen von besonderer Relevanz sind. Darüber hinaus gilt die Annahme,dass Medien politische Begebenheiten und Menschen nicht ein-zu-eins abbilden können,sondern eine eigene Medienrealität konstruieren. Die medialen Darstellungen vongeflüchteten Menschen und die Grenzziehung zwischen Eigenem und Fremdem bilden ausdieser Sicht somit keine bestimmte vorgängige Wirklichkeit ab, sondern beteiligen sichvielmehr daran, „das zu formen und zu strukturieren, was wir als >die Wirklichkeit<verstehen“ (ebd.) - konkret, was wir als fremd oder eigen ansehen. Dass die Medien nebendieser Funktion natürlich auch vornehmlich zur Informationsvermittlung, Aufklärung und Bildung beitragen soll hier außer Frage stehen.

Diese bedeutsame Rolle der Medien bei der „Vermittlung und Gestaltung der sozialen Wirklichkeit“ (ebd.: 149) wird mit Bezug auf die öffentliche Wahrnehmung von Geflüchteten besonders sichtbar: Über die Hintergründe von Migrationsbewegungen undüber die Situation der Geflüchteten an den europäischen Grenzen wüsste der Einzelne kaumetwas, würden die Medien nicht darüber berichten (vgl. Zentrum für Türkeistudien 1995:26). Da bei der aktuellen sogenannten Flüchtlingskrise schutzsuchende Menschen im Mittelpunkt stehen (sollten), ist die Verantwortung der Berichterstattenden besonders hoch.Darüber hinaus spricht die Verstrickung des Mediendiskurses mit dem Politik- und dem Alltagsdiskurs für die Analyse der medialen Berichterstattung. Gerade im Themenbereichder Einwanderung erscheint diese als besonders signifikant, wie Teun A. van Dijk (1993:

[...]


1 Zur Verwendung des Toposbegriffs bei Wengeler siehe Wengeler 1997.

2 Als klassische Soziologie der Fremdheit können die Arbeiten in den Jahren zwischen 1900 und 1944 gelten.

3 Ferner sind hier Bauman (1991), Waldenfels (1997), Nassehi (1995), Stichweh (1997) und Scherr (1999) zunennen.

4 Zum Konzept der Intersektionalität sowie zu den diesbezüglichen unterschiedlichen Debatten siehe Rommelspacher 2009.

Ende der Leseprobe aus 114 Seiten

Details

Titel
Geschlecht und Fremdheit in der Medienberichterstattung über die „Flüchtlingskrise“
Untertitel
Die Darstellung geflüchteter Menschen in der Tagespresse
Hochschule
Freie Universität Berlin
Note
1,0
Autor
Jahr
2016
Seiten
114
Katalognummer
V428808
ISBN (eBook)
9783668750135
ISBN (Buch)
9783668750142
Dateigröße
908 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Geflüchtete, Medienanalyse, Zeitungsanalyse, Framing, strukturierende Inhaltsanalyse, Flüchtlingskrise, Gender Studies, Fremdheitssoziologie, Konstruktion von Geschlecht, Sozialkonstruktivismus
Arbeit zitieren
Anne-Sophie Schmidt (Autor), 2016, Geschlecht und Fremdheit in der Medienberichterstattung über die „Flüchtlingskrise“, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/428808

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