Literarische Prohibition im Hohen Mittelalter. Unter besonderer Berücksichtigung des Märes "Der Weinschwelg"


Hausarbeit, 2018
31 Seiten

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

A) Alkohol - eine anthropologische Grundkonstante des Mittelalters

B) Der Alkholdiskurs in der mittelhochdeutschen Literatur des 13. Jahrhunderts
I) Historisch-anthropologische Erkenntnisse
II) Symbol- und Zeichenwert des Weins
2.1 Höfischer Roman
2.2 Tischzuchten
2.3 Predigten
III) Aufruf zur máze - Analyse dreier ausgewählter Sangsprüche
IV) Schwankhafte Mären - Der Weinschwelg und sein Prätext
4.1 Gattungs- und überlieferungsgeschichtliche Spezifika
4.2 Prätext - Der unbelehrbare Zecher des Strickers
V) Der Weinschwelg - Zwischen Apologie und Subversion
5.1 DÔ huob er üfunde trane- Struktur und Aufbau
5.2 Er sprach - Dissoziation von Sprache und Rausch
5.3 Daz ich SÔ gar ein meister bin an trinken - Unmäze als Ideal
5.4 Wín mir ist dîn tugent kunt - Wein als Tugend- und Jugendquell
5.5 Beidiu ich unt der wín / müezen immer ensamt sín - Parodie der höfischen Literatur, der
Heldenepik und des Minneideals

C) Der Weinschwelg - der literarische Archetypus des Trinkers

D) Primär- und Sekundärliteraturverzeichnis
Primärliteratur
Sekündärliteratur : 2

A) Alkohol - eine anthropologische Grundkonstante des Mittelalters

״Es ist leider [...] ganz Deutschland mit Saufen geplagt. Wir predigen [...] und schrei­en darüber, es hilft aber leider nicht viel. Es ist ein alt böses Herkommen in deutschen Landen, wie der Römer Cornelius (Tacitus) schreibt, hat zugenommen und nimmt noch ZU, Da sollten Kaiser, Könige, Fürsten, Adel Zutun, dass ihm gesteuert würde. [1]

Mit diesen Worten beklagte Martin Luther im Jahre 1541 den überbordenden Alkoholgenuss seiner Landsleute. Der sittenstrenge Reformer sprach damit eine Problematik an, welche überwiegend als Phänomen der Neuzeit, statt des Mittelalters betrachtet wird. Es scheint ganz so, also ob erst mit dem Aufkommen höherprozentiger Spirituosen und eines umfassenden Tavemenwesens zu Beginn der frühen Neuzeit ein massenwirksamer Diskurs der Antitrinker­literatur entstanden sei.[2] Dabei bleibt auch in der Forschung meist außen vor, dass Alkohol­konsum - egal in welchem Maße - schon eine anthropologische Konstante des gesamten Mit­telalters darstellt, über alle Geschlechter-, Alters-, und Ständegrenzen hinweg wurde Alkohol im mittelalterlichen Westeuropa getrunken. Mit dem Rückgriff Luthers auf den römischen Geschichtsschreiber Tacitus, welcher besonders für seine Beschreibungen der Germanen be­kannt ist, wird deutlich, dass das ״Saufen“ eben keine frühneuzeitliche, sondern vielmehr eine bereits aus der Antike stammende und in der Folgezeit weiter betriebene Unsitte war.

So wie der Alkoholkonsum bereits in der Antike und in der frühen Neuzeit Eingang in den literarischen Diskurs fand, weist auch die mittelalterliche Literatur vielerlei Bezüge zum Trinkverhalten ihrer Zeitgenossen auf. Neben einer Vielzahl von Predigten[3] finden sich auch in der weltlichen Literatur diverse Gattungen, die einem übermäßigen Konsum alkoholischer Getränke vorzubeugen versuchen. Im Fokus der Literaten steht üblicherweise nicht der Ver­zehr von Alkohol als Genuss-, sondem der als Rauschmittel. Die Intention der Schreiber war es, vor derartigen Exzessen durch unterschiedlichste Strategien zu warnen. Mittelalterliche Alkoholika waren neben Bier und Met vor allem Wein. Der Fokus der vorliegenden Untersu­chung richtet sich auf den Reben- und nicht auf den Hopfensaft.

Den Mittelpunkt der Analyse soll, abgesehen von Exkursen in die moralisch strikte Moraldi- daxe verschiedener Gattungen, eine weit weniger erforschte Gattung im Hinblick auf die An­titrinkerliteratur bilden. Die Schwank- und Märenliteratur erweist sich als ein bisher nur we- nig untersuchtes Forschungsfeld bezüglich des hochmittelalterlichen Alkoholdiskurses. Auf diese Weise kann gezeigt werden, welch rhetorischer Kunstgriffe und zeitgenössischer Dis­kurse sich die betreffenden Gattungen und Autoren bedienten, um den Zeitgenossen den Stöpsel auf die Flasche zu setzen. Die Textgrundlage der ausführlichen Analyse bildeten zwei Sprüche Walthers von der Vogelweide[4] und ein Sangspruch Reinmars von Zweier[5]. Als Ver­treter der schwankhaften Literatur wurde der ״Weinschwelg“, dessen Autor anonym ist und dessen Prätext ״Der unbelehrbare Zecher“ des Strickers, gewählt.

Neben philologischen Aspekten wird die Analyse jedoch auch von quellenkritischen Aspek­ten geleitet, um die anthropologische Essenz der Thematik aus den Texten heraus zu kristalli­sieren. Literarische Texte, welche eine vermeintliche Realität, wie etwa das mittelalterliche Alkoholkonsumverhalten, thematisieren, müssen immer quellenkritisch hinterfragt werden.[6] Das gewährt zum einen eine Trennschärfe zwischen literarischer Fiktion oder Überhöhung und textimmanenter Wirklichkeitsdarstellung, zum anderen können auf diese Weise womög- lieh Kenntnisse über anthropologische Fragestellungen gewonnen werden.[7]

In diesem Sinne muss also der philologischen Analyse zunächst eine historisch­anthropologische Darstellung voraus gehen.

B) Der Alkoholdiskurs in der mittelhochdeutschen Literatur des 13. Jahr­hunderts

I) Historisch-anthropologische Erkenntnisse

Während die Mediävistik für den Bereich der Alltagsgeschichte ein Fass an Untersuchungen zu ökonomischen, regionalen, sozialen Bedingungen des Alkoholkonsums und der Produktion selbigen Genussmittels bereit hält, fällt die Zahl der Studien zur literarischen Rezeption nur ein Schnapsglas aus.[8]

Im Folgenden sollen nun zunächst die relevanten alltagsgeschichtlichen Voraussetzungen für die Zeit des hohen und späten Mittelalters geklärt werden, um den entstehungsgeschichtlichen Hintergrund der zu untersuchenden Texte zu klären.

Die Geschichtsforschung ordnet sämtlichen zu dieser Zeit üblichen alkoholischen Getränken wie Wein, Bier und Met den Stellenwert eines Grundnahrungsmittels zu.[9] Ersterer wurde am meisten bevorzugt, weshalb sich der Fokus der Arbeit auf selbigen beschränkt.[10] Der Griff zu einer alkoholischen Getränkevariante lag das ganze Mittelalter hindurch bis in die frühe Neu­zeit insofern gesellschaftsübergreifend nahe, dass man einer Infektion durch das allerorts ver­unreinigte Wasser Vorbeugen wollte. Vornehmlich in den urbanen Gegenden war daher der alltägliche Konsum von alkoholischen Getränken unumgänglich. Das Trinken von Alkohol muss folglich zunächst als etwas Alltägliches und Selbstverständliches begriffen werden, als etwas, das aus rein pragmatischen Überlegungen erfolgte.[11] Wer tatsächlich keinen Alkohol trank, tat dies entweder aus Armut oder religiöser Askese heraus.[12] Um den alltäglichen Al­koholbedarf der Bevölkerung zu decken, waren enorme Mengen erforderlich. Die Produktion war demgemäß mehr auf Quantität denn auf Qualität ausgelegt, um zu gewährleisten, dass möglichst jeder Zugriff auf das Grundnahrungsmittel hatte. Einen Gegenpol zum Massenkon­sumgut bildeten die Ansprüche einer ständisch begrenzten, exklusiven Minderheit, welche besondere Qualitätsforderungen an den Rebensaft stellte.[13] Vor allem dem Wein, mehr als dem Bier und dem Met, kam so neben seiner nutritiven eine luxuriöse Genusskomponentezu[14].

Der Wein schuf somit eine Differenzierung auf zwei Ebenen. Einerseits gliederte der Wein sich in unterschiedliche Güteklassen, die sich aus Geschmack und Herkunft ableiteten und andererseits war er Ausdruck für die soziale Stellung seiner Konsumenten.[15] Es muss aller­dings berücksichtigt werden, dass Wein im Mittelalter sich in seiner Beschaffenheit grundle­gend vom heutigen Konsumgut unterschied. Der hohe Bedarf und die begrenzten technischen Möglichkeiten beeinflussten den Kelterungsprozess, wodurch das Endprodukt wenig Zeit zur Reife hatte und dementsprechend oftmals sehr sauer war.[16] Daher wurde der Wein häufig ge­süßt, stark gewürzt und verwässert. Süßen und Würzen sind aber nicht als Degustationsschrit­te, sondern als Voraussetzung dafür zu sehen, den Wein überhaupt erst trinkbar zu machen.[17] Die Verwässerung und der nur sehr kurze Gärprozess waren zudem die Ursache dafür, dass der Wein wesentlich weniger Alkohol enthielt, als heutzutage üblich. Der Umstand geringe­ren Alkoholgehaltes und der alltägliche Gebrauch ließen die berauschende Wirkung des Ge- trankės in der Bevölkerung wohl weit weniger stark zu Tage treten, so dass von einer ״Do- mestizierung des Alkohols“[18] gesprochen werden könnte.

Neben diesen alltäglichen, domestizierten Formen des Konsums und der sakralen oder medi­zinischen Funktion des Weins war im Mittelalter auch das verbreitet verbreitet, was heute unter Alkoholmissbrauch und Sucht verstanden wird. Das Mittelhochdeutsche umschreibt den maßlosen, lediglich auf Berauschung gerichteten Verzehr von Alkoholika, als trun kenheti oder trimksuht. Nachforschungen bezüglich dieses anthropologischen Lasters führen unwei­gerlich zu einer Beschäftigung mit dem zeitgenössischen literarischen Diskurs, denn Ge­schichtsquellen vermögen kaum Aussagen darüber zu liefern. So soll zunächst geklärt wer­den, welchen Zeichenwert und welche Symbolik dem Wein in der mittelalterlichen Literatur zukam und welche Gattungen grundlegend am Diskurs beteiligt waren.

II Symbol- und Zeichenwert des Weins

Neben dem Sangspruch und der Märendichtung muss unweigerlich ein Blick auf weitere Gat­tungen der Zeit geworfen werden, welche den Genuss von Alkohol zu reglementieren such- ten.[19] [20] Dabei bedienten sich die Autoren je nach Gattung unterschiedlicher Argumentations­muster und Legitimationsansprüche. Das hohe Maß an Intertextualität, welches der ״Wein­schwelg“ aufweist, macht es nötig, zunächst einen Blick auf die entscheidenden Gattungen des zeitgenössischen Diskurses zu werfen.

2.1 Höfischer Roman und Heldenepik

Zunächst sei auf die Gattung des höfischen Romans verwiesen. Der Rebensaft stellt ein stän­disch konno tiertes Luxusgut, eine adäquate Ergänzung zur Vielfalt der erlesenen Speisen bei Hofe, dar.[20] Der höfische Roman benennt nahezu ausschließlich den Wein als Getränk des Adels, was erneut die elitäre, luxuriöse Komponente des Getränkes unterstreicht.[21] Das Nibe­lungenlied als Vertreter der Heldenepik hingegen verweist explizit auf den Met als Alternati­ve zum Wein.[22] Im Rennewart Ulrichs von Türheim wird die soziale Differenzierung anhand der Getränkeauswahl äußerst eindeutig dargestellt. An der Tafel werden ״Win“, ״syropel“, ״clareť und ״meť konsumiert allerdings kein ״pier“, welches als nicht standesgemäßes, völ­kisches Getränk erachtet wurde.[23] Dasselbe Bild zeichnet der Iweinroman, wo es heißt: : ״wînes ein becher vol / der gît, daz sì iu geseit, / mère rede und manheit / dan vierzec unde viere / mit wazzer oder biered[24] Ganz ähnlich wird im Parzival geurteilt: wan da trinket nie­men bier, / si hånt wins und spise vir[25]. Wein war demnach neben seinem Stellenwert als Mas­senkonsumgut ein durchaus ständisches Statussymbol.

Neben speziellen Weinlagen und Regionen[26] wird vor allem der Würzwein[27] in seinem Ge­schmack gelobt und gepriesen. Die unterschiedlichen Getränke der Tafel tragen eine, ihnen fest zugeordnete, symbolisch zu deutende Geschmacksrichtung. Während das Bier als bitter gilt, ist das vorrangigste Gütekriterium des Weins die Süße.[28] Die mittelalterliche Ge­schmackssemiotik zeichnet sich durch eine wohlgemeinte Schlichtheit aus, geht es darum, das Bouquet eines Weins einzuordnen. Kulinarische Hyperbolik und Detailverliebtheit sind den mittelalterlichen Autoren gänzlich fremd, die Kriterien lauten süß, sauer oder bitter.[29] Zu­sammenfassend lässt sich für den Weindiskurs in der höfischen Literatur der Grundsatz fest­halten, dass die Quantität der dargebotenen Speisen und Getränke die Qualität völlig ver- drängt.[30]

Diesem Übermaß und der Fülle steht das höfische Ideal des Maßhahens, der máze, entgegen. Die Verpaarung von Völlerei (lat. gula) und Trunksucht reihen sich in die Abfolge der sieben Todsünden ein. Das höfische Festmahl versteht sich als kultureller Code - als Maßhahen im Überfluss. Triebbefriedigung und Regulierung bilden die beiden Extreme, in deren Mitte sich der Idealzustand einpendeh. Trunkenheit wäre ein Kontradikt zu sämtlichen Idealen der höfi- sehen Tugenden, welche stets der máze verschrieben sind.[31]

2.2 Tischzuchten

Die Tischzucht ist eine Gattung, welche höfeschez Verhalten, nach den beiden Maximen zuht und máze, idealisiert.[32] Dabei dürfen die durch derlei Texte zum Ausdruck gebrachten Nor­men, Ideale und Werte keinesfalls als Abbilder einer Realweh gelesen werden, sondern als rein lehrhafte Didaxe. Die stilistische Überformung und die gattungsspezifischen rhetorischen Strategien machen es schwer, anthropologische Rückschlüsse über das Benehmen zu Tische zu extrahieren. Tischzuchten arbeiten häufig mit Komik, Parodie, Hyperbolik, Typisierung und Kontrast, um normativ auf das Verhalten der Rezipienten zu wirken. Vor allem das Exemplum ex negativo kommt als Argumentationsfigur besonders häufig zur Anwendung. In Kombination mit Komik und Ironie wird die Tischzucht für den Rezipienten gewissermaßen zur leichten Kost. Zum einen bietet die I Invollkommenheit des Protagonisten eine Identifika­tionsmöglichkeit, zum anderen schaffen Komik und Parodie eine gewisse Distanz zu potenti­ellem persönlichem Fehlverhahen.[33] Insofern bilden die Tischzuchten eine Parallele und doch auch ein Kontradikt zur höfischen Didaktik. Zwar übernehmen sie die Ideale des Adels und proklamieren diese, jedoch schlagen sie dafür eine unkonventionelle Erzählstruktur ein, in­dem sie ex negativo erziehen, statt vorbildhaft.

Ganz im Sinne der höfischen Maßhaltung warnen auch die Tischzuchten vor übermäßigem Alkoholgenuss. Die Formulierungen und Legitimationen selbiger Verbote bleiben abstrakt, wenig praktikabel und somit letztlich wenig überzeugend.[34] Abschließend sei darauf verwie­sen, dass sowohl die höfische Didaxe wie auch die Tischzuchten einen sozialethischen Legi­timationsanspruch verfolgen. Die Sozialethik speist ihren Normen- und Wertehorizont aus den höfischen Idealen. Sie urteilt nach den Verdikten Ehre und Schande.[35]

2.3 Predigten

Der eingangs der Arbeit zitierte Martin Luther steht mit seiner Klage gegen das Saufen in einer langen Reihe der Predigttradition gegen das Laster der Trunkenheit. Da die weltliche Gesetzgebung bis ins 14. Jahrhundert - mit einigen kleinen Ausnahmen - kaum gegen Trun­kenheit und damit in Verbindung stehende Schand- oder Straftaten vorging, sahen sich die Prediger in die Pflicht genommen, das Laster zu bekämpfen.[36] Als Musterbeispiel gilt die hochmittelalterliche Kirchenrechtssammlung Reginos von Prüm[37] und in seiner Nachfolge auch das Werk Gratians, Ivos von Chartres und Burchards von Worms, welches ausdrücklich dem Laster der Trunkenheit Einhalt zu gebieten suchte. Die christliche Argumentationsstruk­tur wird in Abgrenzung zur Sozialethik als Moraltheologie bezeichnet, deren Urteil entweder auf Tugend oder Sünde beziehungsweise Laster ausfallen kann.[38] Die kirchliche Rechtspre­chung findet bereits viel früher zu einer Differenzierung und Nuancierung des Rechtsbruches im Falle von Trunkenheit als die weltliche. Gratian wertet einmalige Völlerei und Trunken­heit als leichte Sünde, erst ein regelmäßiger Rausch gilt ihm als schwere Sünde.[39] Berthold von Regensburg hingegen ordnet die Völlerei in den Rang der sieben Todsünden ein.[40] Es bleibt zu beachten, dass alle Prediger einen Weingenuss in Maßen keinesfalls verurteilten, widerspräche dieser doch dem sakralen Charakter des inkorporierten Blutes Christi beim

Abendmahl. Die sakrale Komponente des Weins darf auch im Hinblick auf die weltliche Lite­ratur niemals außer Acht gelassen werden.[41] Ähnlich der höfischen Didaxe proklamiert die Moraltheologie ein rechtes Maß bei Speis und Trank einzuhalten, gänzlich anders erfolgt nur die Legitimation durch christliche Werte statt durch höfische.

Resümierend konnte gezeigt werden, dass Alkohol in der theologischen und weltlichen Lite­ratur des deutschen Mittelalters einen breit gefächerten didaktisch-normativen Diskurs entwi- ekelte. Der Wein selbst nimmt dabei innerhalb der Alkoholika eine besondere Stellung ein. Das Faszinosum dieses Getränkes liegt im mysteriösesten Aspekt seiner selbst verborgen, in der berauschenden Wirkung. Die Ambiguosität des Rausches ist eine Gratwanderung zwi- sehen Verlockung und Absturz. Wein und Rausch stellen somit Grundkonstanten ״menschli- chen Seins“[42] dar.

III) Aufruf zur máze - Analyse dreier ausgewählter Sangsprflche

Neben den zuvor nur überblickshaft dargestellten literarischen Strömungen soll die Gattung Sangspruch anhand dreier ausgewählter Sprüche näher untersucht werden. Dafür wurden über das Repertorium der Sangsprüche und Meisterlieder drei Texte ermittelt, welche sich gegen das Laster der Trunksucht richten und vor der Trunkenheit warnen.

Die Gattung des Sangspruchs ist deswegen von so großer Bedeutung, vertreten ihre Autoren doch einen hohen moraldidaktischen Anspruch. Der starke Hang zur Normativität zeigt sich in den Texten durch ein eng gestecktes Bewertungsraster zwischen Gut und Böse, Laster und Tugend, Ehre und Schande.[43] Das offenbart den ausgeprägt lehrhaften Duktus der Dichter, deren Ziel es im Hinblick auf Laster wie die Trunksucht war, erzieherisch auf das Publikum einzuwirken. Der hohe Grad an Aktualität, der in den Sprüchen verhandelten Themen zeigt, dass der Hang zum Alkohol ein durchaus gesellschaftsprägendes Phänomen des hohen und späten Mittelalters war.[44] Dabei muss stets berücksichtigt werden, dass der Adressatenkreis der Sangspruchdichter eine ständische Elite war, die aufgrund ihrer finanziellen Möglichkei­ten und ihres Lebensstils, einem exzessiven Trinkverhalten durchaus nahe stand.

[...]


[1] Zitiert nach: Kupfer, Alexander: Göttliche Gifte. Kleine Kulturgeschichte des Rausches seit dem Garten Eden. Berlin 2002, s. 51.

[2] Vgl. ebd. s. 50f.

[3] Vgl. dazu: Kaiser, Reinhold: Trunkenheit und Gewalt im Mittelalter. Köln 2002, s. 197f.

[4] Schweikkle, Günther: Walther von der Vogelweide: Werke. Bd. 1: Spmchlyrik. Stuttgart 2009’. Fortan zitiert als: Waltv L 29,25 rmd Waltv L 29,35.

[5] Roethe, Gustav (Hrsg.) Die Gedichte Reinmars von Zweier. Leipzig 1887. Fortan zitiert als: ReiZw ROE. 114.

[6] Vgl. dazu: Schtippert, Helga: Spätmittelalterliche Didaktik als Quelle ftir adeliges Alltagsleben. In: Adelige Sachkultur des Spätmittelalters, Wien 1982, s. 215-259, hier: s. 215f.

[7] Jaritz, Gerhard: Zwischen Augenblick rmd Ewigkeit. Einführung in die Alltagsgeschichte des Mittelalters. Wien, Köln 1989, s. 18f.

[8] Helmut Flachenecker verweist jedoch darauf, dass das Hauptaugenmerk der Konsum- und Alltagsgeschichts­forschung auch auf dem späten Mittelalter und dem Beginn der frühen Neuzeit ruht. Grund dafür ist die we­sentlich breitere Quellenlage. Vgl. Flachenecker, Helmut: Weinkonsum und Weinhandel in Franken. In: Wüst, Wolfgang (Hrsg.): Regionale Konsumgeschichte. Vom Mittelalter bis zur Moderne. Stegaurach 2015, s. 3-21, hier: s. 5.

[9] Vgl. Flachenecker 2015, s. 6.

[10] Bier war in der antiken Tradition heidnisch konnotiert. Ihm fehlte die sakrale Konnotation des Weins als ״Blut Christi‘׳‘. Erst zu Beginn der Frühen Neuzeit erlebte das Brauwesen eine Renaissance. Met hingegen verlor im hohen Mittelalter zunehmend an Bedeutung und wurde in weinarmen Gegend beispielsweise durch Most er­setzt. Siehe dazu: Spode, Hasso: Alkohol und Zivilisation. Berlin 1991, s. 44.

Ebenso: Lienert, Elisabeth: Literarische Trunkenheit. Trinklieder imd Trinkszenen in mittelalterlicher und früh­neuzeitlicher deutscher Literatur. In: Jäger, Hans Wolf; Böning Holger u.a. (Hrsg.): Genußmittel und Literatur. Bremen 2011, s. 59-79״ hier: s. 59f.

[11] In Weinregionen gelten Maßangaben von 1,3 bis 2 Liter pro Person imd Tag als gesichert. Vgl. Lienert 2011, s. 60.

[13] Zur exakten Differenzierung von Güteklassen und Weinregionen siehe: Schumann, Fritz: Rebsorten imd Weinarten im mittelalterlichen Deutschland. In: Schrenk, Christhard; Weckbach, Hubert (Hrsg.): Weinwirt­schaft im Mittelalter. Zur Verbreitimg, Regionalisierung imd wirtschaftlichen Nutzung einer Sonderkultur aus der Römerzeit. Heilbronn 1997, s. 221-256.

[14] Des Weiteren lässt sich v.a. für das Trinken von Wein im Mittelalter eine medizinisch-diätetische Funktion feststellen. Dem Konsum von Wein wurde eine heilsame, belebende Wirkung zugeschrieben. Vgl. Schreiber, Georg: Deutsche Weingeschichte. Der Wein in Volksleben, Kult und Wirtschaft. Köln 1980, s. 459. Siehe auch: Lienert 2011, s. 64f. imd Kupfer 2002, s. 51.

[15] Vgl. Flachenecker 2015, s. 19f. hier v.a. Anm. 93

[16] Vgl. Витке; Joachim: Höfische Kultur: Literatur imd Gesellschaft im hohen Mittelalter. München 2005, s. 244

[17] Vgl. Schulz, Anne: Essen und Trinken im Mittelalter (1000-1300). Literarische, kunsthistorische und archäo­logische Quellen. Berlin, Boston 2011, s. 106. Spode 1991, s. 48.

[19] Katharina Simon-Muscheid verweist auf die Bedeutung normativ-reglementierender Texte im Hinblick auf den Trunkenheitsdiskurs. Auf diese Weise sei es möglich, Einblick in geschlechter- und gesellschaftsspezifi- sehe Wertvorstellungen zu erhalten. Vgl. Simon-Muscheid, Katharina: Der Umgang mit Alkohol: Männliche Soziabilität und weibliche Tugend. In: Jaritz, Gerhard (Hrsg.): Kontraste im Alltag des Mittelalters. Wien 2000, s. 35-61, hier: s. 35f.

[20] Vgl. Lienert 2011, s. 61.

[21] Vgl. Schulz 2011, s. 103.

[22] Vgl. Nibelungenlied 250, 3. Zitiert nach der Ausgabe von: Schulze, Ursula (Hrsg.): Das Nibelungenlied nach der Handschrift B. Stuttgart 2011.

[23] Vgl. Rennewart V. 32230ff. Zitiert nach der Ausgabe von: Hübner, Alfred (Hrsg.): Ulrich von Ttirheim: Rennewart. Berlin 19642.

[24] Vgl. Iwein V. 818-822. Nach der Ausgabe von: Krohn, Rüdiger (Hrsg.): Hartmann von Aue: Iwein. Stuttgart 2012.

[25] Vgl. Parzival 201, 6f. Nach der Ausgabe von: Knecht, Peter (Hrsg.): Wolfram von Eschenbach: Parzival. Stil- dienausgabe. Berlin, New York 1998.

[26] Vgl. bspw. Parzival 138, 8-10. Auch Importweine sind Wolfram bekannt, so der aus Zypern stammende kip­per und der griechische vinepopel. Vgl. ebd. 448, 4.

[27] Das Würzen des Weins war durchaus auch bei Hofe gebräuchlich. Vgl. bspw. Willehalm 326, 20-30. Auch Weinmischgetränke wie der möraz (Vgl. Parzival 423, 17; Willehalm 274, 27), der claret (Vgl. Willehalm 177,4; 274, 27) oder der lütertranc (Vgl. Parzival 423, 17) finden sich in der höfischen Literatur. Der Willehalm wird zitiert nach der Ausgabe von: Schröder, Werner (Hrsg.): Wolfram von Eschenbach: Willehalm. Berlin, New York 20033.

[28] Vgl. Schulz 2011, s. 111.

[29] vgl. Lienert 2011, s. 59.

[30] Vgl. Schulz 2011, s. 111.

[31] Vgl. Lienert 2011, s. 68.

[32] Vgl. Spode 1991, s. 40. Ebenso wie in der höfischen Literatur findet sich auch in den Tischzuchten eine sozia­le Konnotiemng des Weins. So heißt es im Seifried Helbling: freu, tragt in die liūte win! / lát wazzer trinken diu swîn. Vgl. Seemüller, Joseph (Hrsg.): Seifried Helbling. Hildesheim u.a. 1987,1, 345f.

[33] Vgl. Schulz 2011, s. 112; 122-124. Helga Schüppert verweist auf die stark topischen Beschreibungsmuster von Situationen und Figuren-Verhalten, -Aussehen bzw. -Charakter als Charakteristik der Gattung.

[34] Vgl. Spode 1991, s. 41.

[35] Vgl. De Boor, Helmut: Die deutsche Literatur im späten Mittelalter. Erster Teil 1250-1350. Band III/1. Miin- Chen 19975, s. 376.

[36] Die Lex Salica als einer der umfassendsten Rechtstexte verweist lediglich im Kontext kollektiven Trinkens auf den Tatbestand des Totschlags. (Art. 43) An keiner anderen Stelle findet sich eine Regelung gegen übermäßi­gen Alkoholverzehr. Ebenso wenig kommen die Landfriedens-, Gottes- oder Städteordnungen des hohen Mit­telalters auf die Problematik zu sprechen. Der Sachsenspiegel Eikes von Repgow nennt keinerlei Tatbestand, der Schwabenspiegel verweist auf einen ähnlichen Tatbestand wie die Lex Salica. Vgl. Kaiser, Reinhold: Trun­kenheit und Gewalt im Mittelalter. Köln 2002, s. 194-196.

Eine erste strafrechtliche Verfolgung von Trunkenheit lässt sich erst für das ausgehende Mittelalter mit Auf­kommender erste Policeyordnungennachweisen. Vgl. Schreiber 1980, s. 377.

[37] Regino stellt im ersten Buch seiner zweigeteilten Sammlung ״Libri duo de synodalibus causis et disciplinis 60016813811018“ das Laster des Trinkens den christlichen Werten entgegen: ״Nihil sic contrarium est от- ni/homini (Regino) christiano, quomodo crapula“. Vgl. Wasserschieben, Friedrich Wilhelm (Hrsg.): Regionis abbatis Pmmiensis libro duo De synodalibus causis et disciplinis ecclesiasticis: De synodalibius causis et disciplinis ecclesiasticis. Graz 1964, hier cap. 141 (S. 85f.)

[38] Vgl. De Boor 1997, s. 376.

[39] Gratian urteilt trinksüchtig ist, wer: ״vinolentus [...] non semel sed frequenter vino rep Ictus“. Zitiert nach: Kaiser 2002, s. 201.

[40] Berthold führt dies wie folgt aus: ״Unmäze des mundes an ezzen und an trinken daz heizet fräzheit in der schrift und ist der siben tütsünde ciniu“. Zitiert nach: Lienert 2011, s. 66.

[41] Vgl. Spode 1991, s. 45. Der Weinstock und die Reben verweisen bereits in der Bibel auf die Realpräsenz des Blutes Christi beim Abendmahl (Vgl. Joh. 15, 1-8) Siehe dazu auch: Lienert 2011, s. 61.

[42] Lienert 2011, s. 61.

[44] Vgl. dazu die Vielzahl an Sangsprüchen, die das RSM zur Thematik verlistet. Siehe dazu die Stichworte: Weintrinken, Wein, Weingenuss, Trinken, Trunkenheit, Zutrinken, Trinker, Rausch, Betrunkene. Siehe: Brunner, Horst; Merzbacher, Johannes: Repertorium der Sangsprüche und Meisterlieder des 12. bis 18. Jahrhunderts. Bd. 15 Register zum Katalog der Texte - Stichwörter. Tübingen 2002.

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Details

Titel
Literarische Prohibition im Hohen Mittelalter. Unter besonderer Berücksichtigung des Märes "Der Weinschwelg"
Autor
Jahr
2018
Seiten
31
Katalognummer
V428942
ISBN (eBook)
9783668727809
ISBN (Buch)
9783668727816
Dateigröße
551 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
literarische, prohibition, hohen, mittelalter, unter, berücksichtigung, märes, weinschwelg
Arbeit zitieren
Cornelius Eder (Autor), 2018, Literarische Prohibition im Hohen Mittelalter. Unter besonderer Berücksichtigung des Märes "Der Weinschwelg", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/428942

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